Palliativmedizin 2010; 11(4): 160
DOI: 10.1055/s-0030-1263015
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Buchbesprechung – Die Erkrankung des Raumes

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Publication History

Publication Date:
20 July 2010 (online)

 

Die Erkrankung des Raumes, Tanja C. Vollmer und Gemma Koppen 2010, 221 Seiten, 26 €, Herbert Utz Verlag, München, ISBN 978-3-8316-0922-2

"Leid ist eine Raumgestalterin mit Berufsverbot. Raumanthropodysmorphie das Stichwort der Neuzeit."

So lautet der Beginn eines Klappentextes der verstörte Neugierde auf ein Buch mit dem Titel "Die Erkrankung des Raumes" weckt. Geschrieben haben es die Psychobiologin Tanja Vollmer, Verfasserin des wunderbaren Handbuches zur Bibliotherapie "Himmel, Arsch und Wolkenbruch" und die Architektin Gemma Koppen. Auf 221 Seiten gehen die Autorinnen der Frage nach, was Narben, Krusten und Doppelmembranen mit Architektur, und der Ruf nach Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit unserer gebauten Umwelt mit Psychologie zu tun haben. Dazu untersuchen sie "eine der wichtigsten und zugleich unberührtesten Beziehungen unserer Zeit: "die zu unseren Räumen im Fall des Verlustes unserer körperlichen Gesundheit". Das Buch gliedert sich in 4 Kapitel, von denen 3 inhaltlich ineinander verwoben sind. Es verfolgt die menschliche Raumwahrnehmung in Naturwissenschaften, Psychologie, Kunst, Philosophie und Architektur. Die Abbildung Des Raumes Oder Über Seine Wirklichkeit bildet den Anfang. Darin werden insbesondere wahrnehmungsphysiologische Erkenntnisse substanziell vermittelt. Die Abbildung Des Körpers Oder Über Seine Räumlichkeit stellt u.a. Körperschemata aus Sicht der Architektur, der Neurologie, Kunst, Philosophie und Psychoanalyse dar, wie "das Haus als Verlängerung der Seele" im Sinne C.G. Jungs. Das 3. Kapitel schließlich ist mit Die Abbildung Der Erkrankung Oder Über Die Leiblichkeit Des Raumes überschrieben. Hier findet sich als inhaltlicher Kumulationspunkt das anfängliche Zitat vom Klappentext und ein Plädoyer dafür, "nicht Räume für Kranke zu schaffen, sondern Krankheit Raum zu geben", mit dem Ziel, Dysmorphie als Anomalie abzuschaffen, um sie als "dritten Pol architektonischen Entwerfens zu gewinnen". Den Abschluss des Buches bilden geführte Dialoge zwischen Kunsttherapiestudenten und krebskranken Frauen über das Erleben von Körper, Raum und Wohnraum, illustriert mit Werken der Studierenden. So ungewöhnlich in unserem gedanklichen Alltag der Begriff "Raumanthropodysmorphie" anmuten mag, so ungewöhnlich ist das ganze Buch. Wer sich, ob stringent lesend, oder nur darin blätternd, darauf einlässt, bekommt Einblick in eine äußerst gedankliche, literarische und bildnerische Vielfalt und damit einen Überblick über ein bisher kaum bekanntes Wissensgebiet. Ob sich daraus Erkenntnisse ableiten lassen, die dem zukünftigen Bau von Krankenhäusern, Palliativstationen und Hospizen zu Gute kommen, mögen Architekten entscheiden. Dem palliativmedizinisch interessierten Leser - aber auch dem kulturgeschichtlich, kunst- und literaturwissenschaftlich Interessierten, verhilft das Werk allemal zu Durchblick. Nicht zuletzt durch 130 Literaturstellen, die zum Weiterlesen animieren. Erschwert wird die Lektüre durch die kleine Schriftgröße. Aber vielleicht ist das auch eine subtile Art von gewollter "Schrift"anthropodysmorphie.

Manfred Gaspar, St. Peter-Ording