Klin Monbl Augenheilkd 2010; 227(6): 510-511
DOI: 10.1055/s-0029-1245416
Offene Korrespondenz

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Nachruf für Robert Machemer (1933 – 2009)

Obituary for Robert Machemer (1933 – 2009)C. H. Meyer, G. K. Lang
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Publication Date:
17 June 2010 (online)

Professor Dr. med., Dr. h. c. Robert Machemer, Professor für Augenheilkunde und Emeritus am Eye Center der Duke University ([Abb. 1]), ist am 23.12.2009 im engsten Kreis seiner Familie in Durham, NC verstorben.

Abb. 1 Professor Dr. med., Dr. h. c. Robert Machemer.

Robert Machemer wurde am 16.3.1933 in Münster als ältester von 3 Söhnen von Ema und Dr. med. et phil. Helmut Machemer geboren. Sein Vater war Assistent der Univ.-Augenklinik Münster und entwickelte zusammen mit seinem Lehrer unter Aurel von Szily die Elektrolyse zur Behandlung der Netzhautablösung [1]; ein Verfahren, welches bis in die 1960er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zur Behandlung der Ablatio eingesetzt wurde. Nach dem frühen Tod seines Vaters 1942 in der Ukraine musste seine junge Mutter die 3 kleinen Jungen während des Krieges ohne nennenswertes Einkommen versorgen. Nach seinem Abitur arbeitete er für 6 Monate in einer Stahlmühle und konnte danach sein Medizinstudium in Freiburg beginnen. Robert war zeit seines Lebens immer sehr stolz auf die wissenschaftlichen Arbeiten seines Vaters und studierte von 1953 – 1959 Medizin an den Fakultäten in Münster, Wien und Freiburg, wo er auch das Staatsexamen mit Auszeichnung ablegte.

Nach seiner Medizinalassistentenzeit in allgemeiner Pathologie heiratete er seine Kommilitonin und erste große Liebe Christel Haller. Roberts Entschluss, ebenfalls Augenarzt zu werden, war sicherlich auch vom Beruf seines Vaters beeinflusst, der viele Ideen zur Retinologie hatte und entwickeln wollte. Robert Machemer begann 1962 seine Facharztausbildung für Augenheilkunde an der Universität Göttingen bei Professor Wilhelm Hallermann, einem jungen Lehrstuhlinhaber mit akademischem Interesse an Augenpathologie [2]. Hier fand er seine große Berufung, arbeitete viele Stunden lang und veröffentlichte zu verschiedenen Themen seine ersten wissenschaftlichen Arbeiten [3] [4]. Ihm fehlte aber eine suffiziente wissenschaftliche Ausbildung, sodass er 1966 mithilfe eines NATO-Fellowships zusammen mit seiner Ehefrau und ihrer 3 Jahre alten Tochter Ruth nach Miami/Florida an das Bascom Palmer Eye Center ging. Die Klinik war damals unter der Führung von Prof. Ed Norton, der rasch das besondere Potenzial von Robert Machemer entdeckte. Zunächst arbeitete Robert Machemer in einem geteilten Labor [5]. Innerhalb eines Jahres überzeugte er jedoch Prof. Norton von der Notwendigkeit weiterer Räumlichkeiten. Als Ed Norton ihm eine Fakultätsposition nach nur einem Jahr anbot, war Robert überglücklich.

Zu dieser Zeit entfernte Dr. David Kasner in Miami erstmals prolabierten Glaskörper mittels einer sogenannten „Open sky”-Technik. Robert Machemer erkannte die wissenschaftliche Bedeutung dieser Prozedur und begann, an besseren Möglichkeiten der Glaskörperentfernung zu arbeiten. Bei den langen Autofahrten vom Bascom Palmer Eye Center nach Hause auf Key Biscyne kamen er und sein befreundeter Kollege Dr. Helmut Büttner auf die Idee, dass eine Bohrerspitze zur Glaskörperentfernung dienen könnte. Zu Hause angekommen, nahm Robert Machemer ein Ei und öffnete die Oberseite durch ein Loch. Danach steckte er die Spitze seines Bohrgeräts in eine zylindrische Röhre und konnte durch Betätigen des Bohrers das Eiweiß kontrolliert aspirieren. In seiner Freizeit beschäftigte sich Robert Machemer als begeisterter Modellbauer viel mit ferngesteuerten Flugzeugen. So verwundert es nicht, dass das erste experimentelle Vitrektom zur Aspiration von Glaskörpern von einem elektrischen Motor aus einem Modellflugzeug stammte. Der Motor war in eine 20 ml Plastikspritze montiert und trieb eine gewundene Bohrspitze in einer stumpfen Nadelspitze an.

Im April 1970 war der Prototyp zuverlässig genug, um diesen erstmals bei einem Patienten mit einer Glaskörperblutung zu verwenden. Postoperativ verbesserte sich der Visus auf sensationelle 0,4. Robert Machemer etablierte nun ein umfangreiches Labor, in dem zahlreiche vitreoretinale Mikroinstrumente, Vitrektome, Mikropinzetten, fiberoptische Beleuchtungsquellen, elektrische Scheren, Fremdkörperzangen, Irisretraktoren, eine Ölpumpe und diverse Beleuchtungsinstrumente entwickelt wurden [6]. Mit dieser Vielzahl von Instrumenten sowie der Entwicklung von Operationstechniken wurde es erstmals möglich, den Glaskörper, intraokulare Fremdkörper, Linsenfragmente oder proliferatives Narbegewebe aus dem Auge kontrolliert zu entfernen. Obgleich seine Technik weltweit ein etabliertes Verfahren darstellt, hat die Pars-plana-Vitrektomie auch heute ihre spezielle Faszination und Herausforderung an jeden vitreoretinalen Chirurgen behalten [7].

Unterrichten und Erklären von komplexen Zusammenhängen waren Roberts besondere Passion und seine Studenten, Assistenten und Fellows liebten es, ihm bei seinen anschaulichen und plastischen Vorträge zu folgen. Die glücklichen Fellows, die mit ihm arbeiteten durften, wurden permanent durch sein überragendes Wissen, großartige Beobachtungsgabe und spezielles Talent in der Untersuchung und Behandlung von Patienten trainiert. Ein wöchentliches Highlight waren seine „Grand Rounds”, in denen die einzelnen operativen Schritte von umfangeichen Prozeduren bei komplizierten Netzhauterkrankungen detailiert erläutert und mit vielen persönlichen Noten zu einem unvergesslichen Erlebnis wurden [8] [9] [10]. Prof. Machemers persönliches Ziel war es, seine Schüler zu befähigen später, als gut ausgebildete Fachärzte zum Wohl ihrer Patienten zu handeln. Aus diesem Grund war für ihn stets das wichtigste Auswahlkriterium bei neuen Kandidaten nicht eine exzellente Note, sondern integeres Verhalten.

1978 wurde er als Chairman des Eye Centers an der renommierten Duke University in Durham North Carolina mit der Aufgabe betraut, die Abteilung von einer klinischen in eine erstklassige Forschungsabteilung zu transformieren, dies war die richtige Herausforderung für Robert! Er liebte es, gleichermaßen Chirurgie, Forschung, Entwicklung von Instrumenten und Lehre zu vereinen. Während seiner Zeit als Chairman des Eye Centers erzielte er internationales Renommee insbesondere im Bereich der vitreoretinalen Chirurgie. Prof. Machemer arbeitete konsequent an seinem Ziel das Eye Center als eine der besten Augenkliniken Amerikas zu etablieren. Er führte die Abteilung durch mehrere Wachstumsphasen, an deren Ende der Bau eines neuen 3-stöckigen Gebäudes stand, in dem alle klinischen und experimentellen Abteilungen unter einem Dach vereint waren. Das Eye Center gewann schnell an internationaler Reputation und zog viele Patienten und Kollegen aus der ganzen Welt an. Als er die Leitung des Eye Centers 1991 aufgab, hatte er sein Ziel erreicht: 4 Fakultätsmitglieder der Augenklinik waren unter den besten Ärzten Amerikas und die Augenklinik wurde unter den Top Ten der besten amerikanischen Kliniken gelistet [11]. Obwohl Prof. Machemer seinen Lehrstuhl 1991 niederlegte, arbeitete er klinisch und wissenschaftlich noch bis 1998 am Eye Center.

Viele seiner bahnbrechenden Entwicklungen, grundlegenden Ideen und bedeutenden Klassifikationen begleiten uns heute noch täglich in unserem klinischen Alltag. Im Jahr 1992 entwickelte er die Makulatranslokation als neue Behandlung der feuchten exsudativen altersbedingten Makuladegeneration, bei der durch Verlagerung der noch funktionsfähigen fovealen Photorezeptoren auf gesünderes Pigmentepithel ein weiterer Verfall der Netzhaut vermieden werden sollte. Im August 1992 operierte er seine ersten Patienten: Nach einer chirurgischen 360-Retinektomie wurde die Retina um den Sehnerven gedreht und unter Silikonöl wieder angelegt [12]. Auch die Nutzung des Glaskörperraums als Reservoir für Medikamente wurde von ihm vor mehr als 15 Jahre bei der intravitrealen Injektion von Triamcinolon als Erstes erkannt, was sein vielfältiges visionäres Denken belegt [13] [14] [15].

Robert Machemer hatte immer eine enge Bindung zur deutschen Ophthalmologie, was seine regelmäßigen Referate auf deutschen Tagungen sowie zahlreiche Beiträge in deutschen Fachzeitschriften belegen. Ebenso waren viele deutsche Ophthalmologen beim ihm in Miami oder in Durham, um neue vitreoretinale Operationstechniken zu lernen. Es ist kein Wunder, dass dieser begabte, visionäre und brillante Ophthalmologe als Präsident und Mitglied in zahlreichen Berufsgesellschaften und Ausschüssen vertreten war. Prof. Machemer hat bedeutende Beiträge zum Verständnis und zur Behandlung von vitreoretinalen Erkrankungen veröffentlicht und elementare Innovationen in unser klinisches Leben eingeführt. Seine vielen Errungenschaften haben ihm höchste Anerkennung erbracht und man kann seinen Einfluss auf unsere heutige Augenheilkunde durch seine wichtigen Entwicklungen auf dem Gebiet der vitreoretinalen Chirurgie nicht hoch genug schätzen [16] [17] [18] [19].

Seit seinem Ruhestand im Jahr 1998 nahm sich Robert mehr Zeit für seine Familie, Freunde und auch andere Interessen wie klassische Musik, Lesen historischer Biografien, Konstruieren von ferngesteuerten Segelschiffen und Flugzeugen oder Erforschen seines Familienstammbaums. Er wurde Chefredakteur des mehrsprachigen Internetatlas für Augenheilkunde. Als neue Hobbys brachten ihm mentales Training sowie die Konstruktion und der Bau einer Präzisionspendeluhr zusammen mit seinem Freund Ron viel Freude und Vergnügen. Mutig hatte er in seinen späteren Jahren 3 schwere Krankheiten wie Guillain-Barre-Syndrom, Parkinsonsche Krankheit und Krebs angenommen. Mit dem Tod von Robert Machemer verliert die ophthalmologische Welt einen vorbildlichen Lehrer, visionären Forscher und große Persönlichkeit.

Interessenkonflikt: Nein

Literatur

Prof. Dr. Carsten H. Meyer

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