Zusammenfassung
Zwei Gruppen paranoid-halluzinatorischer Schizophrener, die am Manhattan State Hospital
New York und an der Universitäts-Nervenklinik Erlangen mit dem Neuroleptikum Butaperazin
behandelt wurden und die sich in ihrer Symptomatik und ihrem Krankheitsverlauf nicht
unterschieden, zeigten hinsichtlich ihrer extrapyramidal-motorischen Reaktivität signifikante
Differenzen, welche die Manifestationsrate dyskinetischer und hypokinetisch-hypertoner
Reaktionen sowie die bis zum Auftreten dieser Begleitwirkungen tolerierten Dosen betrafen.
Bezüglich der therapeutischen Reaktivität ergaben sich dagegen keine Unterschiede
zwischen beiden Gruppen.
Die quantitative Auswertung der in regelmäßigem Turnus aufgenommenen Elektroenzephalogramme
mit der Frequenzintegrationsprofilanalyse, deren Methodik ausführlich dargestellt
ist, ergab, daß auch im Verhalten der Alpha-Aktivität während der Medikation statistisch
signifikante Gruppenunterschiede nachweisbar sind. Diese Differenzen im hirnelektrischen
Verhalten lassen sich als Ausdruck einer unterschiedlichen Resistenz gegenüber dem
vigilanzmindernden Effekt des Neuroleptikums interpretieren, wobei die Patientengruppe
in New York mit ihrer höheren extrapyramidal-motorischen Toleranz auch die geringere
Vigilanzbeeinträchtigung zeigt. Auch bezüglich der untersuchten EEG-Variablen ließ
sich kein Anhalt dafür gewinnen, daß diese Unterschiede der hirnelektrischen Reaktivität
auf einer heterogenen Zusammensetzung beider Gruppen beruhen.
Die Ergebnisse dieser Studie, die einen Beitrag zur differentiellen Pharmakopsychiatrie
darstellen, zeigen, daß es krankheitsunspezifische, von der therapeutischen Wirksamkeit
unabhängige Unterschiede der extrapyramidal-motorischen und hirnelektrischen Reaktivität
auf Neuroleptika gibt, die sich nicht durch Geschlechts- oder Altersunterschiede erklären
lassen, sondern mit bisher noch unbekannten Faktoren in Zusammenhang stehen. Abschließend
werden kurz einige Hypothesen über die möglichen Ursachen solcher populationsabhängiger
Unterschiede der medikamentösen Reaktivität erörtert.
Summary
Two groups of female patients with paranoid schizophrenia, treated with Butaperazine
at Manhattan State Hospital, New York, and at the Universitäts-Nervenklinik Erlangen,
showed significant differences in their extrapyramidal reactivity. These differences
which cannot be explained in terms of symptomatology, duration, and time course of
illness, refer to the frequency of dyskinetic and hypokinetic-hypertonic side effects
as well as to the dosage level at which these appeared. On the other hand, no differences
in therapeutic reactivity could be observed.
The quantitative analysis of EEG data – the method of which is described – did not
reveal any differences in the Alpha activity of the two groups before medication,
but highly significant differences during the medication period. They can be interpreted
as an expression of a different resistance towards the sedative and inhibitory action
of the neuroleptic drug: the EEG changes indicating a decrease in vigilance were more
pronounced in the Erlangen group which also showed the higher rate of extrapyramidal
motor side effects.
The results of this study, planned as a contribution to differential pharmacopsychiatry,
demonstrate that non-specific differences do exist in extrapyramidal and EEG responses
to neuroleptic drugs, which are independent from therapeutic reactivity and cannot
be explained by differences in sex and age. There is some evidence, however, that
these non-specific differences are related to population-dependent metabolic, psychophysiological
or socio-biological factors, the nature of which is not yet known.