ZFA (Stuttgart) 2008; 84(9): 363
DOI: 10.1055/s-0028-1085433
Editorial

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Zukunftsperspektiven

E. Baum
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Publication Date:
16 September 2008 (online)

Der demografische Wandel einerseits und die zunehmenden Möglichkeiten der Medizin verbunden mit einer überproportionalen Erwartungshaltung in der Gesellschaft erzwingen erhebliche strukturelle Eingriffe in unser Gesundheitssystem. Welchen Stellenwert wird darin die Allgemeinmedizin in den nächsten Jahrzehnten einnehmen?

Auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin- DEGAM, der in diesen Tagen beginnt, werden diese Fragen thematisiert. Vielleicht können Sie noch kurzfristig mit einer Tageskarte dazu stoßen – Sie werden aufgeschlossene Kollegen und Kollegeninnen, aber keine Industriestände antreffen. Wir sind zu Gast im Klinikum Benjamin Franklin in Berlin und werden dann jährlich den Kongressort wechseln. Einerseits zeigen internationale Forschungsergebnisse und Erfahrungen, dass nur durch eine starke und kompetente primärärztliche Versorgungsebene eine gute medizinische Versorgung praktisch aller Bevölkerungsschichten mit einem optimalen Kosten-Nutzen-Verhältnis erreichbar ist, andererseits stellen wir fest, dass in spezialistischen Leitlinien und der universitären Medizin unser Fach in Deutschland völlig unzureichend berücksichtigt wird. Um hier besser wahrgenommen zu werden, brauchen wir wesentlich mehr Aktivisten aus unserem Fach als bisher. Das Engagement in Forschung, Qualitätssicherung, Berufspolitik oder Aus-, Fort- und Weiterbildung ist übrigens eine gute Prophylaxe gegen Burn-out oder innere Emigration.

Die Sektionsberichte und weiteren Beiträge in diesem Heft zeigen, dass wir durchaus Erfolge zu verzeichnen haben, insbesondere auf den Gebieten der Forschung, der Leitlinienentwicklung und unserer Präsenz an den Universitäten. Dort sieht man unser hohes Engagement in der Lehre, sodass uns zunehmend neue Projekte und Unterrichts- sowie Prüfungsformen anvertraut werden. Das geschieht nun auch an Orten, die der Allgemeinmedizin bisher ein Aschenputtel-Dasein zugewiesen haben, wie der Artikel aus dem Saarland zeigt.

Die Leser dieser Zeitschrift hinterfragen immer wieder kritisch diagnostische und therapeutische Maßnahmen, die zunehmend durchgeführt werden. Hier liefern die Artikel über Antioxidantien bzw. implantierbare Defibrillatoren und verwandte Geräte wichtige Hintergrundinformationen, die man in unseren „kostenlosen” Medien kaum findet.

In Ergänzung zu der Darstellung aus Fokusgruppeninterviews zum Checkup 35, die im Juli-Heft erschienen ist, finden Sie hier noch eine persönliche Betrachtung zu diesem Thema, die aus einer Diskussion in unserem Listserver entstanden ist. Dieser Listserver ist ein internetbasiertes Diskussionsforum, das durch Prof. Donner-Banzhoff für die DEGAM eingerichtet wurde und sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Über listserv@listserv.dfn.de kann man sich hier an- oder auch wieder abmelden. Weitere Informationen dazu stehen unter www.degam.de/alt/cme/index_cm.htm. Jeder Teilnehmer kann hier jedes Thema, das ihm auf den Nägeln brennt, ansprechen und bekommt dabei meist sehr hilfreiche Antworten, die aber auch für die Vielzahl der eher passiven „Mitleser” interessant sind.

Der CME-Artikel basiert auf der jetzt freigegebenen DEGAM- Leitlinie zur Demenz. Deren Fertigstellung war eine wahre Herkulesarbeit in einem politisch hoch brisanten Feld. Natürlich werden die dort getroffenen Aussagen keine 100%-ige Zustimmung finden. Doch trotz zunächst unüberwindbar erscheinender unterschiedlicher Einschätzungen der Gesamtsituation und der vorhandenen Evidenz gab es zuletzt einen breiten Konsens im Arbeitskreis Leitlinien, im Praxistest und im DEGAM-Vorstand.

Das Durchlesen der Langfassungen der Leitlinien ist für einen gestressten Hausarzt oder Wissenschaftler auf den ersten Blick eine Zumutung. Beim näheren Hinsehen werden Sie darin aber eine solche Fülle von interessanten Details und hilfreichen Hinweisen finden, dass es sich sicher lohnt, diese Leitlinie im kompletten Set zu erwerben und dann auch successive durchzulesen, die beigefügten Umsetzungshilfen einzusetzen und immer mal wieder in dem einen oder anderen Kapitel nachzuschlagen. Bezugsquelle der kompletten Sets aber auch gekürzte Versionen finden Sie ebenfalls auf der DEGAM-website.

Wer etwas für die Zukunft unseres Faches aber auch ein vernünftiges Gesundheitssystem tun möchte, der sollte sich heute engagieren, damit unsere Stimme überall gehört und unsere Leistung geschätzt wird. In diesem Heft, unter www.degam.de und auf unserem Kongress finden Sie dazu viele Anregungen.

Ihre Erika Baum

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. E. Baum

Abteilung für Allgemeinmedizin

Präventive und Rehabilitative Medizin

Universität Marburg

Robert-Koch-Straße 5

35033 Marburg

Email: Baum064092007@t-online.de

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