Physikalische Medizin, Rehabilitationsmedizin, Kurortmedizin 2023; 33(04): 201-208
DOI: 10.1055/a-2116-8465
Übersicht

Welche Versorgungserwartungen haben Rehabilitand*innen mit Migrationshintergrund im Verlauf der medizinischen Rehabilitation? – Eine qualitative Befragung

Which Health Care Expectations do Migrants Have in the Course of Medical Rehabilitation? A Qualitative Study

Autor*innen

  • Yüce Yilmaz-Aslan

    1   Lehrstuhl für Versorgungsforschung, Department für Humanmedizin, Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke
    2   Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld, Bielefeld, Germany
  • Tuğba Aksakal

    1   Lehrstuhl für Versorgungsforschung, Department für Humanmedizin, Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke
  • Jana Langbrandtner

    3   Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Universität zu Lübeck, Lübeck, Germany
  • Ruth Deck

    3   Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Universität zu Lübeck, Lübeck, Germany
  • Oliver Razum

    2   Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld, Bielefeld, Germany
  • Patrick Brzoska

    1   Lehrstuhl für Versorgungsforschung, Department für Humanmedizin, Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke

Funding Information Deutsche Rentenversicherung Bund/Verein zur Förderung der Rehabilitationsforschung in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein (vffr) — 0421/40–64–50–44

Zusammenfassung

Hintergrund Menschen mit Migrationshintergrund sind im Vergleich zu Menschen ohne Migrationshintergrund mit ihrer Versorgung durchschnittlich unzufriedener und weisen ungünstigere Rehabilitationsergebnisse auf. Gründe hierfür werden u. a. in einer mangelnden interkulturellen Öffnung von Rehabilitationseinrichtungen vermutet. Auch unerfüllte Versorgungserwartungen hinsichtlich der Gestaltung von Rehabilitationsangeboten können dazu führen, dass rehabilitative Angebote erst spät und mit großen Vorbehalten in Anspruch genommen werden, und auch der Rehabilitationsprozess selbst beeinträchtigt wird. Über die Erwartungen, die Menschen mit Migrationshintergrund an die Versorgung haben und darüber, wie sie sich im Verlauf der Rehabilitation verändern, ist bisher nur wenig bekannt. Ziel der vorliegenden Studie ist es, Versorgungserwartungen exemplarisch bei Menschen mit türkischem Migrationshintergrund im Rehabilitationsverlauf zu untersuchen.

Methodik Die Untersuchung basiert auf leitfadengestützten Einzelinterviews mit 32 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund zu drei unterschiedlichen Phasen des Rehabilitationsprozesses, die in fünf Rehabilitationseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein durchgeführt wurden. Die Auswertung der Daten erfolgte mittels inhaltlich-strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse.

Ergebnisse Die Versorgungserwartungen von Rehabilitand*innen mit Migrationshintergrund sind individuell sehr unterschiedlich. Viele Befragte erhofften sich von der Rehabilitation vor allem eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation, Schmerzlinderung und Erholung. Darüber hinaus äußerten sie den Wunsch nach einer individuellen Behandlung und einer intensiven ärztlichen Betreuung während der Rehabilitation. Die zu Beginn der Rehabilitation formulierten Versorgungserwartungen verändern sich teilweise im Verlauf der Rehabilitation, werden den befragten Rehabilitand*innen zufolge aber nicht oder nur teilweise erfüllt. Gründe für die Nichterfüllung liegen u. a. in einer unzureichenden ärztlichen Betreuung während der Rehabilitation.

Schlussfolgerung Aus den Befragungen werden sehr vielfältige Erwartungen von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund an die Rehabilitation deutlich, was sich durch die Heterogenität dieser Bevölkerungsgruppe erklärt. Die Ergebnisse weisen auf Potenziale und Ansatzpunkte zur Weiterentwicklung der rehabilitativen Versorgung in einer vielfältigen Gesellschaft hin. Diversitätssensible Instrumente, die der Vielfalt aller Rehabilitand*innen Rechnung tragen können, können hierbei einen wertvollen Beitrag leisten.

Abstract

Background Compared to the majority population, migrants who utilize rehabilitation are on average less satisfied with their care and show less favourable treatment outcomes. Amongst others, this is related to the poor cultural sensitivity of health care facilities. Moreover, unfulfilled health care expectations regarding the design of rehabilitation services can result in migrants utilizing rehabilitative services with reservations and only for advanced stages of their diseases and can also affect the rehabilitation process. Little is known about the expectations migrants have towards health care and about how these expectations change in the course of rehabilitation. The aim of the present study was to examine health care expectations of Turkish migrants across the rehabilitation process.

Method The study is based on in-depth interviews with 32 Turkish migrants in three different phases of the rehabilitation process. Interviews were conducted in five rehabilitation facilities in North Rhine-Westphalia and Schleswig-Holstein in Germany. Qualitative content analysis was used as the method of analysis.

Results The health care expectations of migrant patients vary greatly from person to person. Interviewees expected the rehabilitation to improve their health situation, to reduce pain and assist recovery. In addition, patients requested individual treatment and intensive medical care during rehabilitation. Patients change their expectations towards health care during the rehabilitation process. However, they considered their expectations to be not or only partially fulfilled, which they attributed, amongst others, to inadequate medical care during rehabilitation.

Conclusion The study reveals diverse expectations of migrants with regard to rehabilitation which can be explained by the heterogeneity of this population group. The results of this study reveal potentials and starting points for the further development of rehabilitative care in a diverse society, for which diversity-sensitive instruments can make a valuable contribution.



Publikationsverlauf

Eingereicht: 02. April 2022

Angenommen: 21. Juni 2023

Artikel online veröffentlicht:
24. Juli 2023

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