Suchttherapie 2020; 21(04): 180-188
DOI: 10.1055/a-1180-5057
Schwerpunktthema

Ethische Aspekte internet- und mobilgestützter Interventionen (IMIs) bei Suchtstörungen

Ethical Aspects of Internet- and Mobile-Based Interventions (IMIs) for Substance Abuse Disorders
Giovanni Rubeis
1  Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Heidelberg
,
Nadia Primc
1  Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Heidelberg
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Zusammenfassung

Ziel der Studie Internet- und mobilgestützte Interventionen (IMIs) werden häufig bei Suchtstörungen eingesetzt. Für die Wirksamkeit von IMIs liegt eine umfangreiche Evidenz vor. Hinsichtlich der spezifischen ethischen Aspekte, die sich aus dem Einsatz von IMIs bei Suchtstörungen ergeben, fehlt es bislang an Forschung. Mit unserem Beitrag leisten wir die erste eingehende ethische Analyse von IMIs in der Suchttherapie. Dabei orientieren wir uns an normativen Aspekten, die spezifisch für die Behandlung von Suchtstörungen sind. Dazu gehören die besondere Stigmatisierung von Suchtkranken, die Zuschreibung von Schuld und Eigenverantwortung, die mangelnde Akzeptanz des Krankheitskonzepts Sucht sowie die daraus resultierende Ablehnung und Abwertung von Betroffenen.

Methode Als methodisches Instrument verwenden wir den 3 ACES-Ansatz von Thornicroft und Tansella. Dieses Instrument erlaubt eine umfassende ethische Analyse des Einsatzes von IMIs im konkreten Einzelfall sowie der Implementierung von IMIs im Versorgungssystem.

Ergebnisse Unsere Analyse zeigt, dass IMIs in der Suchttherapie das Potential haben, ein Empowerment von PatientInnen zu leisten, die Stigmatisierung zu umgehen und einen niedrigschwelligen Zugang zu Versorgungsleistungen zu ermöglichen. Kritisch zu sehen sind Aspekte der Passung von Anwendungen auf die Bedürfnisse einzelner Patientengruppen und individueller PatientInnen, der therapeutischen Verantwortung, des Datenschutzes, der Datensicherheit und Privatheit sowie der Vernetzung unterschiedlicher Anbieter von Versorgungsleistungen.

Schlussfolgerung Eine weitere Implementierung von IMIs in der Suchttherapie ist nur dann wünschenswert, wenn verbindliche Qualitätsstandards geschaffen und die patientenzentrierte Anwendung unter Berücksichtigung individueller Patientencharakteristika sichergestellt wird.

Abstract

Purpose Internet- and mobile-based interventions (IMIs) are widely used for substance abuse disorders. There is extensive evidence for the efficiency of IMIs. However, there is a lack of research concerning the specific ethical aspects of using IMIs for substance abuse disorders. To the best of our knowledge, our paper is the first detailed ethical analysis of IMIs in addiction treatment. Our analysis is based on normative aspects specific for the treatment of substance abuse disorders, especially stigmatization of patients, the blaming of patients and assumptions of guilt as well as self-responsibility, the lack of acceptance of the concept of addiction as illness and the resulting deprectiation of patients as well as their discrimination.

Methods Our methodological instrument is the 3 ACEs-approach by Thornicroft and Tansella. This instrument facilitates a detailed ethical analysis of using IMIs in individual cases as well as implementing IMIs in the mental health sector.

Results Our analysis shows that IMIs may empower patient autonomy, avoid stigmatization, and facilitate a low-threshold access to mental health services. Critical aspects are the fit of IMIs for specific patient groups and individual patients regarding their needs, the therapeutic responsibilities of service providers, data security, safety, and privacy, and the possibilities of connecting different service providers.

Conclusions A further implementation of IMIs in addiction treatment is preferable only when binding quality standards are created and the patient-oriented application based on individual patient characteristics is secured.



Publication History

Publication Date:
27 July 2020 (online)

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