Zeitschrift für Palliativmedizin 2020; 21(05): 223-224
DOI: 10.1055/a-1148-3297
Editorial

Erfahrungen zu Auswirkungen der SARS-CoV-2-Pandemie auf die Palliativ- und Hospizversorgung teilen

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Prof. Dr. Claudia Bausewein
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Prof. Dr. Steffen Simon
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Prof. Dr. Lukas Radbruch

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die SARS-CoV-2-Pandemie hält uns immer noch in Bann, auch wenn sich eine neue Normalität entwickelt hat. Die Auswirkungen auf die Palliativ- und Hospizversorgung waren gravierend. Ambulante Teams und Palliativdienste mussten die Patientenkontakte deutlich reduzieren oder sogar einstellen, Besucherregelungen führten zu schmerzhaften Restriktionen der gemeinsamen Zeit von Patient*innen und Angehörigen, Palliativstationen wurde vereinzelt geschlossen – dies sind nur einige wenige Beispiele.

Aber es hat sich auch viel entwickelt: Die DGP war eine der ersten Fachgesellschaften, die gemeinsam mit den Pneumologen Handlungsempfehlungen zur Palliativversorgung von COVID-19-Patient*innen veröffentlicht hat [1]. Es gibt weitere DGP-Stellungnahmen zur psychosozialen Versorgung in Pandemie-Zeiten und zur Tätigkeit von Palliativdiensten [2] [3]. Darüber hinaus war die DGP an der Erstellung von Handlungsempfehlungen für SAPV-Teams, zur ambulanten Patienten-zentrierten Vorausplanung für den Notfall und zur Zuteilung intensivmedizinischer Ressourcen in der Pandemiesituation beteiligt (www.dgpalliativmedizin.de/neuigkeiten/empfehlungen-der-dgp.html). Durch diese Aktivitäten wurde deutlich gemacht, dass die Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen mit und ohne COVID-19 eine wichtige Aufgabe in der Pandemiezeit ist, die – bei aller Diskussion um Intensivbetten und Beatmungskapazitäten – nicht nur Beachtung finden muss, sondern auch entsprechende Maßnahmen braucht. Auch international gab es unter Beteiligung von DGP-Mitgliedern Empfehlungen zur Palliativversorgung und Symptomkontrolle von Patient*innen mit COVID-19 [4].

Bis jetzt haben wir in Deutschland die Auswirkungen der Pandemie relativ gut bewältigen können, zumindest im Vergleich mit anderen Ländern. Vor allem in den Entwicklungsländern ist zu befürchten, dass die Pandemie die ohnehin knappen Ressourcen im Gesundheitswesen überwältigen wird und Schutzmaßnahmen wie Distanzierung und Isolierung in der Bevölkerung kaum umgesetzt werden können. Die jüngsten Entwicklungen in Brasilien oder Indien zeigen den bevorstehenden Tsunami an Leid in diesen Ländern [5]. Trotz des gut aufgestellten Gesundheitswesens und der allgemeinen Bereitschaft in der Gesellschaft zur Einhaltung von Schutzmaßnahmen ist aber auch in Deutschland die Gefahr noch lange nicht überstanden, und weiterhin besteht das Risiko einer zweiten Welle in den nächsten Monaten.

Umso erfreulicher ist es, dass jetzt im Rahmen des Nationalen Forschungsnetzwerks Universitätsmedizin das Projekt „Nationale Strategie für Palliativversorgung in Pandemiezeiten (PallPan)“ als eines der ersten Projekte gefördert wird. Zwölf universitäre palliativmedizinische Einrichtungen (Aachen, Bonn, Düsseldorf, Erlangen, Freiburg, Göttingen, Hannover, Jena, Köln, München, Rostock, Würzburg) werden – koordiniert durch die LMU München und die Uni Köln – Handlungsempfehlungen für die allgemeine und spezialisierte, ambulante und stationäre Palliativversorgung für verschiedene Pandemieszenarien entwickeln. Hier geht es nicht nur um Patient*innen mit entsprechenden Infektionen, sondern um alle schwerkranken und sterbenden Patient*innen und ihre Angehörigen. Zunächst soll in sechs Arbeitspaketen die aktuelle SARS-CoV-2-Pandemie aufgearbeitet werden (Erfahrungen von Patient*innen und Angehörigen, Allgemeine ambulante Palliativversorgung, Spezialisierte ambulante Palliativversorgung, Allgemeine stationäre Palliativversorgung, Spezialisierte stationäre Palliativversorgung, Pandemiepläne und Krisenstäbe). Ein weiteres Arbeitspaket wird nationale und internationale Literatur und Handlungsempfehlungen zur Palliativversorgung in Pandemien auswerten. Die Ergebnisse dieser Arbeitspakete werden laufend in die Entwicklung von Handlungsempfehlungen einfließen, die am Schluss breit konsentiert werden. Schließlich wird ein Arbeitspaket Informationsmaterialen, Best-Practice-Beispiele und laufende Forschungsprojekte zur SARS-CoV-2-Pandemie sammeln. Die letztgenannten Materialen sollen für eine große Online-Plattform des Nationalen Forschungsnetzwerks zur Verfügung gestellt und damit mit den Handlungsempfehlungen breit zugänglich gemacht werden. Gesamtziel des Projekts ist es, eine „pandemic preparedness“ für zukünftige SARS-CoV-2-Wellen oder auch andere Pandemieszenarien zu schaffen. Der vorgegebene Zeitplan ist ehrgeizig, da die Strategie Ende März 2021 vorliegen muss.

Wenn Sie in den nächsten Wochen und Monaten Ihre Erfahrungen mit der Corona-Pandemie teilen wollen oder Ideen und Beispiele für eine verbesserte Palliativversorgung der Patient*innen und ihren Angehörigen haben, nehmen Sie an den verschiedenen Umfragen und Interviews teil, die im Rahmen des PallPan-Projekts durchgeführt werden! Über den Newsletter der DGP werden Sie entsprechende Informationen erhalten. Auch beim DGP-Kongress in Wiesbaden ist eine eigene Plenarsitzung „Palliativversorgung in der Pandemie“ geplant, in der über die nationale und internationale Situation berichtet wird und ein Ausblick für eine verbesserte Versorgung bei einer möglichen zweiten Welle erfolgt.

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Prof. Dr. Claudia Bausewein, Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin, LMU Klinikum München

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Prof. Dr. Steffen Simon, Zentrum für Palliativmedizin, Uniklinikum Köln

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Prof. Dr. Lukas Radbruch, Klinik für Palliativmedizin, Uniklinikum Bonn



Publication History

Article published online:
13 August 2020

© Georg Thieme Verlag KG
Stuttgart · New York