Pneumologie
DOI: 10.1055/a-1138-1931
Historisches Kaleidoskop
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Mit der Krankheit leben – Karl Jaspers im Porträt

Living with Chronic Disease. A Portrait of Karl Jaspers
F. J. F. Herth
1  Thoraxklinik Universitätsklinikum Heidelberg, Abteilung Innere Medizin – Pneumologie, Heidelberg
,
B. Weidmann
2  Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Heidelberg
› Author Affiliations
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Publication History

Publication Date:
07 April 2020 (online)

Der Arzt und Philosoph Karl Jaspers (1883 – 1969) ([Abb. 1]) war 86, als er starb. Er erreichte ein Alter, mit dem er selbst am wenigsten gerechnet hatte. Seit seiner Kindheit an Bronchiektasen leidend, ging er, nachdem die Krankheit diagnostiziert worden war, von einer weit geringeren Lebenserwartung aus [1]. Lange glaubte er, lediglich 30, höchstens 40 Jahre alt zu werden. Dass er mit der Zeit die Krankheit in den Griff bekam, änderte an seiner skeptischen Grundhaltung wenig. Trotz allmählicher Stabilisierung bestanden die krankheitsbedingten Einschränkungen unvermindert fort. Treppensteigen, längeres Stehen, selbst einfache Fußwege führten zu Kurzatmigkeit und Erschöpfung. Sprechen bei Wind oder Aufenthalt an zugigen Orten waren gefährlich. Größere Reisen, aber auch die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben mussten sorgfältig geplant werden. Darüber hinaus wurde Jaspers durch die äußeren Umstände, etwa die in der Folge zweier Weltkriege auftretenden Versorgungsengpässe, immer wieder an die grundsätzliche Gefährdung seines Daseins erinnert. Auch psychische Belastungen gingen nicht spurlos an ihm vorüber. Als Gertrud Jaspers (1879 – 1974), seine jüdische Frau, am Ende der NS-Herrschaft zunehmend von einer Deportation bedroht war und mehrmals versteckt werden musste [2], verschlechterte sich sein Gesundheitszustand erheblich.

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Abb. 1 Karl Jaspers auf Norderney, 1930 (Foto: Deutsches Literaturarchiv Marbach).

Vor diesem Hintergrund ist umso beachtlicher, was Jaspers in seinem langen Leben geleistet hat. Obwohl er täglich nur wenige Stunden konzentriert arbeiten konnte, schuf er ein umfangreiches medizinisches und philosophisches Werk. Seine Publikationstätigkeit erstreckte sich über 6 Jahrzehnte, von der Dissertation Heimweh und Verbrechen (1909) [3] bis zu dem Interviewband Provokationen (1969) [4], und umfasst, Neubearbeitungen, Wiederauflagen und Übersetzungen mit eingerechnet, mehrere Tausend Titel [5]. Obwohl die Allgemeine Psychopathologie [6], mit der er sich 1913 an der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg für Psychologie habilitiert hatte, seinen Abschied von der Medizin bedeutete, vertiefte er sich von Sommer 1941 bis Sommer 1942 noch einmal in die seit damals zu diesem Themenkomplex erschienene wissenschaftliche Literatur, um das Werk für eine 4. Auflage auf den neuesten Stand der Forschung zu bringen. Als es 1946 erscheinen konnte, war es fast dreimal so umfangreich wie die Erstausgabe.

Kraftakte wie dieser wurden möglich, weil Jaspers 1937 wegen seiner Ehe mit einer Jüdin in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden war. Von allen Lehrverpflichtungen entbunden, hatte er Zeit zu schreiben. Neben der Neubearbeitung der Allgemeinen Psychopathologie entstanden in diesen Jahren noch 2 weitere stattliche Werke: Von der Wahrheit, der erste, über 1000 Seiten umfassende Band einer Philosophischen Logik [7], sowie Grundsätze des Philosophierens, eine gut 550 Seiten umfassende Schrift, die Jaspers allerdings nicht veröffentlichte und die erst Jahrzehnte später aus dem Nachlass publiziert worden ist [8]. Durch den verordneten Rückzug ins Private verbesserte sich zunächst auch sein Gesundheitszustand; nicht mehr zur studentischen Jugend sprechen zu können, schmerzte ihn zwar, brachte ihm aber auch körperliche Schonung. Es spricht für Jaspers, dass er diese lange ungefährdete, zuletzt glücklich überstandene Auszeit nicht einfach als gegeben nahm, sondern daraus eine Aufgabe für die Zukunft ableitete. Nach der Befreiung von der NS-Diktatur setzte er sich mit ganzer Kraft für die Neugründung der Universität Heidelberg sowie die Aufarbeitung der unmittelbaren deutschen Vergangenheit ein. Aus seiner Vorlesung „Die geistige Situation in Deutschland“ ging die Schrift Die Schuldfrage [9] hervor. Als er 1948 einen Ruf nach Basel annahm und Deutschland verließ, bedeutete das nur einen vorübergehenden Rückzug aus der Öffentlichkeit. Seit 1958, als er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt [10], äußerte er sich vermehrt und mit zunehmender Leidenschaft zu Fragen der deutschen Politik [11] [12]. Als politischer Schriftsteller und öffentlicher, in Rundfunk und Fernsehen präsenter Intellektueller sprach er unbequeme Tatsachen aus und nahm dafür in Kauf, jahrelang mit persönlichen Anfeindungen überhäuft zu werden [13]. Dieses Engagement des letzten Lebensjahrzehnts war der Krankheit regelrecht abgerungen.

So sehr ein hohes Lebensalter menschlichem Wollen und Planen entzogen ist, zumal bei chronischer Krankheit, so wichtig sind doch bestimmte Faktoren, die es begünstigen. In dieser Hinsicht war Jaspers reich gesegnet. Er hatte das Glück, in eine wohlhabende großbürgerliche Familie geboren zu werden, die ihn bis zu seiner Verbeamtung 1920 und darüber hinaus mit einer jährlichen Leibrente finanziell unterstützte. Außerdem war es ihm vergönnt, an den richtigen Arzt zu geraten. Über familiäre Kontakte lernte er 1901 Albert Fraenkel [14] kennen, eine Begegnung, die für sein Leben entscheidend wurde. Fraenkel war es, der die Krankheit diagnostizierte und die notwendigen Schritte zur Behandlung einleitete [1]. Schließlich fand Jaspers in Gertrud Mayer [15] eine Frau, die ihn zeitlebens umsorgte, ihn bei der Arbeit unterstützte, indem sie seine Manuskripte abtippte, und, wenn es sein musste, ihn vor Besuchern abschirmte. Alle diese günstigen Faktoren wären jedoch wirkungslos verpufft, hätte Jaspers nicht ein Leben lang strenge Selbstdisziplin geübt. Bevor wir seinen Umgang mit der Krankheit genauer in den Blick nehmen, sei das Krankheitsbild Bronchiektasen differenzialdiagnostisch präzisiert.