Tierarztl Prax Ausg G Grosstiere Nutztiere 2020; 48(01): 35-44
DOI: 10.1055/a-1067-3980
Übersichtsartikel

Vorkommen und Bedeutung von Leukozyten im Kolostrum

Occurrence and importance of colostral leukocytes
Lukas Demattio
Klinik für Geburtshilfe, Gynäkologie und Andrologie der Groß- und Kleintiere, Justus-Liebig-Universität Gießen
,
Axel Wehrend
Klinik für Geburtshilfe, Gynäkologie und Andrologie der Groß- und Kleintiere, Justus-Liebig-Universität Gießen
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Zusammenfassung

Leukozyten konnten bereits bei vielen Tierarten als physiologischer Bestandteil des Kolostrums identifiziert werden und kommen in speziesspezifischer Menge und unterschiedlichen Anteilen der verschiedenen Leukozyten-Subpopulationen vor. Während früher vermutet wurde, dass Leukozyten nur akzidentell aus dem Blut ins Kolostrum gelangen oder Anzeichen einer Mastitis sind, weiß man heute, dass sie über verschiedene Mechanismen aktiv in die Milch einwandern. Die Arbeit gibt anhand einer Literaturübersicht einen Überblick über die Bedeutung kolostraler Leukozyten. Analog zum Übergang maternaler Immunglobuline geht auch mit maternalen Leukozyten mütterliche Immunität auf den Neonaten über. Die über das Kolostrum aufgenommenen Leukozyten werden enteral resorbiert, verteilen sich im Organismus des Neugeborenen und reichern sich in verschiedenen Organen an, ohne dabei ihre immunologischen Eigenschaften zu verlieren. Dabei werden nur Leukozyten des eigenen Muttertieres aufgenommen. Die übertragenen Zellen des maternalen Immunsystems ergänzen das Immunsystem des Neugeborenen. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass sie nicht nur selbst eine immunologische Wirkung entfalten, sondern auch regulierend auf das Immunsystem des Neonaten wirken. Insbesondere der Übergang von T-Helferzellen und anderen regulativen Zelltypen des maternalen Immunsystems ermöglicht eine Reifung und Prägung des Immunsystems des Neonaten. Verfahren zur Behandlung von Kolostrum wie Mischen, Einfrieren, Erhitzen und Ansäuern sollten unter diesen Gesichtspunkten neu bewertet werden.

Abstract

Leukocytes have been identified as a physiological component of colostrum in numerous animal species. In each of the examined species, they have been shown to occur in a typical amount exhibiting slight differences in the composition of leukocyte subpopulations. According to previous opinions, colostral leukocytes merely accidentally transfer from blood to milk or represent a sign of mastitis. In contrast to this, it is now considered to be current knowledge that special mechanisms exist enabling these leukocytes to actively transfer into colostrum. The presented review provides an overview of the recent literature and demonstrates the significance of colostral leucocytes. In analogy to the passage of maternal immunoglobulins, colostral leukocytes migration also leads to a transition of immunity. The cells are enterally absorbed and distributed throughout the neonatal organism. Colostral leukocytes are found to accumulate in certain tissues and organs without losing their immunologic function. Merely the leucocytes of the own mother are absorbed and these cells complement the newborns’ immune system. As several studies have demonstrated, this is not solely due to the cells’ mere immunological function but also a consequence of a regulatory effect on the neonatal immune system. Especially T-helper and further regulatory cell types transferred via colostrum may help the newborn in optimizing and maturing their immunological situation. Colostral treatment methods such as mixing, freezing, heating and acidifying modifications warrant re-evaluation taking the above aspects under consideration.



Publikationsverlauf

Eingereicht: 03. Mai 2019

27. September 2019

Publikationsdatum:
14. Februar 2020 (online)

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