physioscience 2019; 15(04): 181-183
DOI: 10.1055/a-0977-1980
gelesen und kommentiert
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Rückkehr zum Level-I-Sport nach ACL-Rekonstruktion: Zusammenhang zwischen Arthrose und Kniefunktion im Follow-up nach 15 Jahren[*]

Return to Pivoting Sport after ACL Reconstruction: Association with Osteoarthritis and Knee Function at the 15-year Follow-up
Further Information

Publication History

Publication Date:
03 December 2019 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund

Verletzungen des Lig. cruciatum anterius (anterior cruciate ligament, ACL) treten häufig bei sogenannten Level-I-Sportarten (Handball, Fußball und Basketball) mit schnellen Start-Stopp-Bewegungen auf, die durch Rotationsimpulse eine erhöhte Belastung für das Kniegelenk bedeuten [1]. Die Prävalenz von Kniearthrose im mittleren Alter nach ACL-Rekonstruktion ist hoch: die Zahlen schwanken zwischen 16 und 78 % [2]. Die zugrundeliegende Pathogenese ist nicht eindeutig geklärt, als beitragende Faktoren werden intraartikuläre Schädigungen des Knorpels, der Menisken und des subchondralen Knochens sowie Entzündungsreaktionen angenommen [3] [4]. Der einzige gut dokumentierte Risikofaktor ist eine zeitgleich zur ACL-Rekonstruktion oder später erlittene mediale Meniskusverletzung [5].

Ein Zusammenhang zwischen Kniearthrose und der Rückkehr zum Level-I-Sport nach ACL-Rekonstruktion ist unklar. Aktuelle Reviews und Metaanalysen weisen eine geringe Studienqualität und widersprüchliche Aussagen auf [6] [7] [8].

Zu den Aufgaben von Physiotherapeuten gehört es unter anderem, evidenzgestützte Empfehlungen hinsichtlich der Rückkehr zum Sport, der Art und des Zeitpunkts nach ACL-Rekonstruktion zu geben. Nicht selten wird Patienten aufgrund eines potenziell erhöhten Kniearthroserisikos von einer Rückkehr zum Level-I-Sport abgeraten, obwohl dies klinische Guidelines nicht vorsehen [9].


#

Ziel

Das Hauptziel der Studie war, einen Zusammenhang zwischen der Rückkehr zum Level-I-Sport nach ACL-Rekonstruktion und Kniearthrose nach 15 Jahren zu untersuchen.

Als Sekundärziel galt die Beurteilung eines Zusammenhangs zwischen Rückkehr zum Level-I-Sport und selbstberichteten Kniebeschwerden/-funktion sowie Lebensqualität ebenfalls nach 15 Jahren.

Die Studienautoren stellten die Hypothese auf, dass bei Rückkehrern zum Level-I-Sport nach 15 Jahren häufiger eine Kniearthrose auftritt als bei Nicht-Rückkehrern.


#

Methode

Sekundäranalyse (retrospektiv), unter Verwendung von Daten aus 4 prospektiven Studien mit 258 Teilnehmern nach ACL-Rekonstruktion 15 Jahre zuvor (2 RCT [10] [11] und 2 Kohortenstudien [12] [13]).

Einschlusskriterien

  • Männer und Frauen zwischen 15 und 50 Jahren mit arthroskopisch verifiziertem ACL-Riss, isoliert oder in Kombination mit anderen Verletzungen;

  • Durchlaufen eines strukturierten, individualisierten Rehabilitationsprogramms.


#

Ausschlusskriterien

  • Weniger als 1 Jahr vor der Operation erlittene andere schwere Verletzungen der unteren Extremitäten;

  • Hintere Kreuzbandverletzungen;

  • Kontralaterale ACL-Risse.


#

Exposition

Die Informationen über die Rückkehr zum Level-I-Sport wurden durch Befragung gesammelt:

  • Frage 1: Ist eine Rückkehr zum Level-I-Sport erfolgt?

  • Frage 2–5: Rückkehr zu welcher Sportart? Wie viele Monate nach der ACL-Rekonstruktion? Auf welches Niveau? Rückkehr für wie lange?

  • Die restlichen Fragen untersuchten, warum die Teilnehmer gar nicht zum Level-I-Sport oder nicht wieder auf das Pre-injury-Niveau zurückkehrten.


#

Studienablauf

Primäres Outcome: Kniearthrose

  • Bilaterale Röntgenuntersuchung des Kniegelenks in einer standardisierten Stehposition vom gleichen Forschungsteam (Physiotherapeuten und Orthopäden) am Oslo University Hospital nach 6 Monaten, 1, 2 und 15 Jahren post-operativ;

  • Beurteilung aller Röntgenaufnahmen nach dem Kellgren-and-Lawrence-Klassifizierungssystem (KL; 0–4);

  • Radiografische Kniearthrose Grad 2 (Osteophyten, Gelenkspaltenverengung) oder höher sowie symptomatische Kniearthrose mit fast täglichen Knieschmerzen im letzten Monat wurden als KL ≥ 2 definiert.

Sekundäres Outcome: selbstberichtete Kniefunktion

  • Bewertung der selbstberichteten Kniefunktion anhand des Knee Injury and Osteoarthritis Outcome Score (KOOS; 5 Subskalen: Schmerz, andere Symptome, Funktion/Aktivitäten im täglichen Leben [ADL], Funktion im Sport und in der Freizeit [Sport/Rec] sowie kniebezogene Lebensqualität [QoL]);

  • Erfassung zusätzlicher Knieverletzungen, die zum Zeitpunkt des ACL-Risses oder im Laufe der 15 Jahre auftraten sowie ACL-Transplantatrisse


#

Statistische Analyse

  • Verwendung von Regressionsmodellen unter Einbeziehung diverser Kovariablen (z. B. Alter, BMI);

  • Analyse der Korrelationen zwischen symptomatischer und radiografischer Kniearthrose und Rückkehr zum Level-I-Sport mit dem logistischen Regressionsmodell;

Lineare Regression für alle 5 KOOS-Subskalen und die Rückkehr zum Level-I-Sport.


#
#

Ergebnisse

Studienteilnehmer

Von 258 Teilnehmern nahmen 210 (81 %) am 15-jährigen Follow-up teil.


#

Charakterisitika der Studienteilnehmer und Rückkehr zum Level-I-Sport

  • 71 % (n = 149) kehrten nach der ACL-Rekonstruktion zum Sport zurück.

  • 52 % (n = 109) kehrten in einen Level-I-Sport zurück, nur 51 % von ihnen auf ihr Pre-injury-Niveau.

  • 10,5 (4–120) Monate im Median bis zur Rückkehr zum Wettkampfspiel.

  • 42 (0,5–144) Monate bis zum Erlangen des gleichen Niveaus wie vor der ACL-Rekonstruktion.

  • 59 % der Nicht-Rückkehrer gaben als Grund Symptome ihres operierten Knies an.

  • Die Chance nach isoliertem ACL-Riss zum Level-I-Sport zurückzukehren, war 1,7-mal höher als nach kombinierter Verletzung.

  • Die Rückkehrer zum Level-I-Sport waren jünger, hatten nach 6 Monaten eine bessere selbstberichtete Kniefunktion und die Zeiträume bis zur Operation waren kürzer.


#

Primäres Outcome

  • Bei 31 (15 %) der 210 Studienteilnehmer wurde im 15-jährigen Follow-up eine symptomatische, bei 62 (30 %) eine radiologische Kniearthrose festgestellt.

  • 6 (5,5 %) der Rückkehrer zum Level-I-Sport (n = 109) hatten eine symptomatische, 20 (18,5 %) eine radiologische Kniearthrose.

  • 25 (25 %) der Nicht-Rückkehrer (n = 101) hatten eine symptomatische, 42 (42 %) eine radiologische Kniearthrose.

  • Das Risiko einer symptomatischen Kniearthrose war bei den Rückkehrern zum Level-I-Sport (n = 109) 4-mal geringer als bei den Nicht-Rückkehrern (n = 101), das Risiko einer radiologischen Kniearthrose war 2,5-mal geringer.

  • Personen mit kombinierter ACL-Verletzung hatten ein 13,4-mal höheres Risiko einer symptomatischen und eine 7,5-mal höheres Risiko einer radiologischen Kniearthrose als Personen mit isolierten ACL-Verletzungen.

  • Pro Lebensjahr erhöhte sich das Risiko einer radiologischen Kniearthrose um das 1,1-Fache.


#

Sekundäres Outcome

  • Rückkehrer zum Level-I-Sport erzielten signifikant bessere KOOS-Werte für ADL.

  • Der Mittelwert der KOOS-Werte für ADL war bei den Rückkehrern durchschnittlich um 3,4 Punkte höher als bei den Nicht-Rückkehrern.

  • Keine statistisch signifikanten Zusammenhänge zwischen der Rückkehr zum Level-I-Sport und den anderen KOOS-Subskalen.


#
#

Schlussfolgerungen

Die Hypothese der Autoren hat sich nicht bestätigt.

Die Rückkehrer zum Level-I-Sport hatten ein geringeres Risiko sowohl für eine symptomatisch als auch radiologische Kniearthrose und zeigten eine bessere selbstberichtete Kniefunktion im ADL-Bereich nach 15 Jahren.


#

* Diesen Artikel verfassten die Autorinnen im Rahmen einer Lehrveranstaltung von Prof. Dr. N. Ballenberger im Bachelor-Studiengang Physiotherapie an der Hochschule Osnabrück (Evidenzbasierte PT – Journal Club).