physioscience 2018; 14(03): 143-144
DOI: 10.1055/a-0658-0589
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© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Individuelle Übungen für die Behandlung von Rückenschmerzen

Individualized Exercise Interventions for Spinal Pain
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Publication History

Publication Date:
11 September 2018 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund

Die Behandlung von Rückenschmerzen ist komplex und viele Interventionen zeigen eine zeitlich begrenzte Wirksamkeit. Für die begrenzte Wirkung aktueller Übungsprogramme wird die innerhalb der Population von Patienten mit Rückenschmerzen bestehende Heterogenität als Ursache vermutet. Bei der Untersuchung und Behandlung von Personen mit Rückenschmerzen ist ein biopsychosozialer Ansatz unerlässlich. Die Gewichtung biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren variiert von Person zu Person, und der Behandlungsansatz ist unterschiedlich zu wählen.


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Ziel

Vor dem Hintergrund einer biopsychosozialen Gewichtung stellen sich die Fragen: (1) Welche Rolle biologische Faktoren, insbesondere Defizite in der neuromuskulären Funktion, bei der Entwicklung und das Fortbestehen von Rückenschmerzen haben und (2) welchen Effekt Übungsprogramme bei Patienten mit Rückenschmerzen haben.


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Methode

Zur Beantwortung der Fragestellungen wurde als Methode eine narrative Übersichtsarbeit gewählt.


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Ergebnisse

Im Hinblick auf neuromuskuläre Anpassungen ist bei Personen mit unteren Rückenschmerzen eine verzögerte Aktivierung der tiefen Rückenmuskeln zu beobachten [1]. Gleichzeitig verstärkt sich die Aktivierung der schrägen Bauchmuskeln und einzelner Muskeln des M. erector spinae [2]. Vergleichbare Ergebnisse sind bei Personen mit Nackenschmerzen zu beobachten, bei denen die Aktivierung der tiefen zervikalen Beugemuskeln geringer als bei schmerzfreien Personen ausfällt [3]. Ergebnisse weiterer Untersuchungen bei Patienten mit Rückenschmerzen zeigten zudem Unterschiede in Bezug auf Haltung und Bewegung. Bei Untergruppen von Patienten mit Rückenschmerzen wurden gebeugte oder gestreckte Sitzhaltungen mit entsprechenden Unterschieden in der Muskelaktivierung festgestellt [4].

Studien zum Einfluss induzierter Schmerzreize auf sensomotorische Anpassungen kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen [5] [6]. Eine Studie, die eine Oberflächenelektromyografie (EMG) anwendete, um die Verteilung der Muskelaktivität des oberen M. trapezius vor und während experimentell induzierter Schmerzen zu erfassen, zeigte eine stärkere Reduktion der Muskelaktivität in der kranialen als in der kaudalen Region des Muskels [5]. Die Anpassungen waren konsistent, unabhängig von der Lokalisation oder Intensität des induzierten Schmerzreizes. Das Ergebnis impliziert, dass Nozizeption unabhängig von der Schmerzlokalisation eine stereotypische motorische Reaktion induziert. Ähnliche Beobachtungen fanden sich für die mediale und laterale Wadenmuskulatur [6]. Andere Untersuchungen zeigten hingegen, dass es neben beständigen Anpassungen auch unterschiedliche motorische Reaktionen auf Schmerzen in Abhängigkeit von den motorischen Eigenschaften und der durchgeführten Aufgabe gibt [7].

Den Effekt von Übungsprogrammen betreffend stellten randomisierte kontrollierten Studien und systematische Übersichtsarbeiten fest, dass Übungen allgemein bei der Behandlung von chronischen Rücken- und Nackenschmerzen wirksam sind [8]. Laut einer Metaanalyse von 43 Studien führten Übungen auf einer Schmerzskala von 0 – 100 Punkten zu einer Schmerzreduktion um 3,4 Punkte (95 %-Konfidenzintervall [KI] = 2; 4,7). Wurde zudem eine Intervention in Betracht gezogen, die (1) individuell gestaltete Übungsprogramme beinhaltete; (2) beaufsichtigte Hausübungen mit Therapeuten-Follow-up bot; (3) Gruppenübungsprogramme umfasste oder (4) hochdosierte oder hochintensive Trainingsprogramme durchführte, verbesserten sich die Schmerzwerte um 18,1 Punkte (95 %-KI = 11,1 – 25,0; [8]).


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Schlussfolgerungen

Auf Basis der vorliegenden Literatur ist anzunehmen, dass standardisierte Trainingsprogramme durch die Variabilität von Schmerzmechanismen und sensomotorischen Anpassungen bei Personen mit Nacken- oder Rückenschmerzen wahrscheinlich zu einem individuellen symptomatischen Nutzen führen.


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