Sprache Stimme Gehör 2018; 42(03): 140
DOI: 10.1055/a-0625-5698
Interview
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Sherlock Holmes oder Columbo?

Interview mit Vera Wanetschka
Further Information

Publication History

Publication Date:
05 September 2018 (online)

Zur Person
Zoom Image

Vera Wanetschka absolvierte ihre Ausbildung zur Logopädin in Oldenburg und arbeitete einige Jahre in einem gestalttherapeutisch orientierten Behandlungsteam für Patienten mit Sprach- und Stimmstörungen in Osnabrück. Sie studierte Logopädie in Emden und Erwachsenenbildung in Kaiserslautern. Als Zusatzausbildungen und immer in Bezug setzend zur Logopädie besuchte sie Weiterbildungen im Bereich Personenzentrierte Gesprächsführung, Gestalttherapie und Systemische Beratung. Seit vielen Jahren leitet sie die Schule für Logopädie in Bremen.

Sie haben ein Buch mit dem Titel „Sherlock Holmes und Columbo in der logopädischen Therapie“ verfasst. Was haben der Ermittler aus einer US-Fernsehserie der 1980er-Jahre und der Detektiv aus den Kriminalromanen Conan Doyles mit Sprachtherapie zu tun?

Die detektivische Herangehensweise an die Lösung von Fällen der genannten Akteure bildet praktisch die hypothesengelenkte Arbeitsweise der Sprachtherapeutinnen und -therapeuten ab. Bei der Entwicklung eines Therapieansatzes bedienen sie sich beim Einstieg eher der Arbeitsweise von Sherlock Holmes, der – deduktiv zu verstehen – den Akzent auf das Sammeln präziser beobachtbarer Daten lenkt, um so schnell wie möglich brauchbare Zusammenhänge herzustellen. Im Sinne evidenzbasierter Praxis werden hier sowohl die Erfahrungen der Therapeuten, die Befindlichkeit der Patienten als auch bewiesene Fakten wie z. B. valide Vorgehensweisen herangezogen. Der für den Therapieeinstieg notwendige Vorgang ist die „Fähigkeit zu schlussfolgerndem Denken“ [1]. Diese noch begrenzten Informationen werden kognitiv wie ein Puzzle zusammengesetzt, um einen vorläufigen Therapieansatz zu formulieren und das „Meer“ an Daten zu kanalisieren.
Im Prozess der nun folgenden Therapie kommen die Qualitäten von Columbo mehr zum Tragen. Seine – auch als induktiv zu betrachtende – Arbeitsweise stützt sich zunächst auf „ungerichtete Bewusstheit“ [1]. Diese Herangehensweise lässt Raum für das beiläufige Auftauchen von Informationen. Die Therapeutinnen und Therapeuten beobachten dabei Hinweise, die sie dann zusammenfügen und für die Patienten in Beziehung setzen. Sie bieten damit den Patienten eine Reflexion an, die weniger schlussfolgernd auftritt und mehr als Wahrnehmungsangebot Impulse gibt. Mit diesen Impulsen können die Patienten eigenständig weiteragieren. Verkürzt ausgedrückt werden die Therapeutinnen und Therapeuten sowohl mit dem Bild von Holmes als klare AnalytikerInnen gezeichnet als auch mit dem Bild von Columbo vorgestellt, die sich Unsicherheit erlauben und auf das Auftreten von Informationen im gegenwärtigen Kontakt vertrauen.

Wie setzen Sie diese Typologie in der praktischen Ausbildung von LogopädInnen konkret ein?

Der praktische Teil des Aufbaus von Clinical-Reasoning-Kompetenzen beinhaltet therapierelevante themenzentrierte Methodik und Selbsterfahrung. Die Studierenden werden in Supervisionskleingruppen und in fakultativen Einzelsupervisionen im Aufbau differenzierter Wahrnehmung und dem Entwickeln darauffolgender Hypothesen und Therapieentscheidungen geschult.
In den themenzentrierten Selbsterfahrungsseminaren werden Methoden der Gesprächsführung, Gruppenleitung, Krisenbewältigung und die Arbeit mit dem Widerstand aufgegriffen. Hier spielen die Bilder von Holmes und Columbo wieder eine Rolle: Der Typus „Holmes“ ist derjenige, der Fakten weitergibt, Rahmen steckt, Grenzen setzt und die eher rationale Sachebene betont. Der Typus „Columbo“ ist derjenige, der zuhört, wiederholt, sich selbst eher als unkundig darstellt und die Patienten als die Kundigen unterstützt.
Die Lernenden üben in Triaden methodische Elemente (z. B. Gesprächsführung) einzusetzen und zu reflektieren. Dabei werden kleine Szenen analysiert. Ziel dabei ist es, die interne (Erfahrung der Therapeuten), die externe (forschungsbezogene) und die soziale (Wünsche und Ziele der Patienten) Evidenz aufzugreifen und in die Reflexion zu bringen. Die detektivischen Kompetenzen von Holmes und Columbo bieten dabei die Metapher, um kenntlich werden zu lassen, dass sich die Reflexion sowohl auf beweisbares Material als auch auf die sozialen Umstände, Motive, Gewohnheiten, Erinnerungen, Wahrnehmungsmöglichkeiten und -lücken der Beteiligten beziehen kann.
Die Modelle „Holmes“ und „Columbo“ eignen sich sehr gut für die praktische Ausbildung.

Das Interview führte Prof. Dr. phil. Ulla Beushausen, HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen.

Literatur

[1] Nevis, E.C. (1998) Organisationsberatung, ein gestalttherapeutischer Ansatz. Köln: Edition Humanistische Psychologie