Klin Monbl Augenheilkd 2013; 230(9): 939-941
DOI: 10.1055/s-0033-1350660
Offene Korrespondenz
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Zum 75. Jahrestag des Approbationsentzugs und der „Reichspogromnacht“ – jüdische Augenärzte im Nationalsozialismus

On the 75th Anniversary of the Withdrawal of the Medical License and the “Reichspogromnacht” – Jewish Ophthalmologists during National Socialism
J. M. Rohrbach
1   Department für Augenheilkunde, Forschungsbereich Geschichte der Augenheilkunde/Ophthalmopathologisches , Labor, Eberhard-Karls-Universität Tübingen
,
C. Thies
2   Berlin-Kreuzberg, Leibniz-Gymnasium, Berlin
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Publication Date:
28 August 2013 (online)

Mit der „4. Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ vom 25. Juli 1938 erlosch die ärztliche Approbation der jüdischen Ärztinnen und Ärzte zwangsweise zum 30. September 1938. Am 9. November kam es – maßgeblich gesteuert vom Propagandaministerium von Josef Goebbels (1897–1945) – reichsweit zu massiven Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung („Reichspogromnacht“). Beide Ereignisse waren entscheidende Katalysatoren für die Emigration jüdischer Medizinerinnen und Mediziner. Die meisten jüdischen Fachgenossen emigrierten bis 1941 [1], [2]. Wer nicht auswandern wollte oder konnte, beging, wie Sigmund Neuburger oder Fritz Cohn ([Tab. 1]), Suizid, kam ins KZ, wurde in den Osten deportiert und nicht selten in einem der Vernichtungslager ermordet. Einzelne jüdische Kolleginnen und Kollegen überlebten in Deutschland im Untergrund.

Tab. 1 Ergänzung der „Gedenkliste jüdische Augenärzte im Nationalsozialismus“. Aufgeführt sind nur Personen, deren Schicksal bisher unbekannt war.

Name, Vorname

Datum der Geburt

letzter Wohnort

Schicksal

1 Quelle: www.ancestry.com, zum Teil Passagierlisten der Schiffe und Todesanzeigen in der Zeitschrift „Aufbau“, New York (Bereitstellung der Daten durch C. T.)
2 Siegfried Barczinski wurde 1947 britischer Staatsbürger. In der Anzeige über seine Einbürgerung (The London Gazette, 19. September 1947) sind sein Wohnort mit „London“ und sein Beruf mit „Optician“ angegeben. Wahrscheinlich praktizierte Barczinski in England also als Optiker und nicht mehr als Augenarzt, was die Ablegung des englischen Staatsexamens erfordert hätte.
3 Paul Carsten war Honorarprofessor für Augenheilkunde an der Berliner Universität. Er emigrierte 1936 nach Großbritannien. 1940 reiste er per Schiff von Liverpool in die USA. Paul Carsten gab 1931 im seinerzeit noch in Berlin (heute in Basel) beheimateten Karger-Verlag das Buch „Literarisches aus der Medizin – Medizinisches aus der Literatur“ heraus ([Abb. 1]). Paul Carstens Sohn Ernst (1907–1984) war Jurist, der 1932 das Buch „Geschichte der Staatsanwaltschaft in Deutschland bis zur Gegenwart“ veröffentlichte. In Fortsetzung des Buches von Ernst Carsten gab Herr Dr. Erardo C. Rautenberg, Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg, dem an dieser Stelle für die Hinweise herzlich gedankt sei, 2012 die bis heute fortgeschriebene „Geschichte der Staatsanwaltschaft“ heraus. Insofern führte letztendlich diese Buch-Neuerscheinung auf die Spur von Paul Carsten.
4 Fritz Cohn diente im Ersten Weltkrieg als Stabsarzt. Am 10. 11. 1938 – nach der „Reichspogromnacht“ – wurde er in „Schutzhaft“ genommen und in das KZ Buchenwald überführt (Häftlingsnummer 30.406), wo er nur wenig später Selbstmord beging. Quelle: Datenbank der Juden in Thüringen 1933–1945
5 Quelle: Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933–1945). Die Information wurde bei der früheren Internetrecherche nicht gefunden bzw. war noch nicht zugänglich.
6 Quelle: Liste der Opfer des KZ Sachsenhausen
7 Alfred Perlmann wurde 1947 britischer Staatsbürger. Die Einbürgerung wurde in „The London Gazette“ vom 21. November 1947 angezeigt, wobei als Wohnort „London“ und als Beruf „Ophthalmic Surgeon“ angegeben wurde. Perlmann starb am 3. Januar 1958 in London.
8 Fritz Schiff wurde 1946 als Frederick Donald Schiff US-Staatsbürger. Seit 2005 wird am Leibniz-Gymnasium in Berlin-Kreuzberg (bis 1938 Friedrichs-Realgymnasium) das Schicksal ehemaliger Schüler recherchiert. Zu diesen gehörte auch der 1915 geborene Ernst Schiff. Nachforschungen von Schülern und Lehrern über diesen führten zu Fritz Schiff, dem Vater.

Barczinski, Siegfried1,2

16. 11. 1887

Köln

nach Großbritannien emigriert

Carsten, Paul3

9. 8. 1875

Berlin

1936 nach England emigriert, im Oktober 1940 in die USA eingewandert. Am 17. 8. 1956 in New York gestorben

Cohn, Fritz4

8. 8. 1881

Mühlhausen/Thür.

am 29. 11. 1938 Suizid im KZ Buchenwald

Heller, Willy1

9. 7. 1900

Nürnberg

1939 mit Ehefrau Käthe über die Dominikanische Republik in die USA emigriert. Im Januar 1969 in Queens/New York als William Heller gestorben

Koschland, Simon1

11. 9. 1879

München

In die USA emigriert. Am 7. 10. 1960 in San Francisco als Simon Koshland gestorben

Kurzezunge, Dagobert1

5. 2. 1885

Frankfurt/Main

Im April 1937 mit Ehefrau Melanie von Hamburg in die USA emigriert. Am 8. April 1942 in New York als David Kurzezunge gestorben

Loose, Franz1

3. 8. 1899

Karlsruhe

Im April 1940 mit Ehefrau Lise und Tochter Eva in die USA emigriert. Im März 1965 gestorben

Masur, Martin1

14. 3. 1876

Gleiwitz/Schlesien

Mit Ehefrau Adele im Juni 1941 in die USA emigriert. Am 30. 9. 1941 in Los Angeles gestorben

Neuburger, Sigmund5

10. 9. 1867

Nürnberg

am 28. April 1936 Suizid in Nürnberg

Paradies, Theodor6

17. 1. 1884

Berlin

am 27. 6. 1938 im KZ Sachsenhausen gestorben

Perlmann, Alfred1,7

28. 10. 1880

Iserlohn/Westf.

nach Großbritannien emigriert

Rackwitz, Georg1

16. 12. 1903

Oppeln/Schlesien

Im August 1940 in die USA emigriert. Im April 1973 als George Rackwitz gestorben

Schiff, Fritz1,8

12. 2. 1878

Berlin

1940 in die USA emigriert. Am 14. 9. 1963 in den USA gestorben

Schild, Max1

Nürnberg

Mit Ehefrau Ida im November 1938 von Bremen in die USA emigriert. Am 26. 4. 1950 in Chicago gestorben

Stern, Ernst1

1868

Kassel

1938 von Hamburg in die USA emigriert. Dort am 31. 12. 1943 gestorben ([Abb. 4])

Stiel, Andreas1

1870

Köln

1935 gestorben

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Abb. 1 „Literarisches aus der Medizin – Medizinisches aus der Literatur“ von Paul Carsten, 1931. Auf Seite 47 verweist Carsten auf die Novellen „Brigitta“ von Berthold Auerbach (1880) und „Das Schwalbennest“ von Felix Philippi (1919), in denen Albrecht von Graefe (1828–1870), wenngleich ohne dass dessen Namen fällt, ein literarisches Denkmal gesetzt wurde. Nur durch diese Hinweise von Paul Carsten war es möglich, die beiden Romane für die Graefe-Biografie in der Ende 2013 erscheinenden Edition des Graefe-Donders-Briefwechsels zu berücksichtigen.
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Abb. 2 Annonce Max Herzogs über die Praxiseröffnung in einer Berliner Zeitung, Ende 1931/Anfang 1932. Die Anzeige war dem Antrag auf Wiedergutmachung beigefügt. © Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Entschädigungsbehörde I SB 12, Berlin, Reg.-Nr. 260 303 und 265 102. Auffinden der Quelle durch Angehörige des Leibniz-Gymnasiums Berlin-Kreuzberg.
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Abb. 3 Lebenslauf Max Herzogs vom 12. Februar 1953, der für das Wiedergutmachungsverfahren in Deutschland formuliert wurde. © Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Entschädigungsbehörde I SB 12, Berlin, Reg.-Nr. 260 303 und 265 102. Auffinden der Quelle durch Angehörige des Leibniz-Gymnasiums Berlin-Kreuzberg.
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Abb. 4 Todesanzeige für Ernst Stern in der (jüdischen) Zeitschrift „Aufbau“, New York, 17. Januar 1944. Der Text in Deutsch und die Angabe „früher Kassel“ deuten an, dass eine Verbundenheit mit Deutschland auch in den USA bestehen blieb.

Auch das Schicksal von Max Herzog hat exemplarischen Charakter. Von ihm war bereits bekannt gewesen, dass er frühzeitig in die USA emigrierte (siehe Tab. 3 in [1]), wobei die Emigration aufgrund persönlicher Angaben Herzogs nunmehr auf Ende 1933 zu datieren ist. Max Herzog hatte wie Ernst Schiff ([Tab. 1]) das Friedrichs-Realgymnasium in Berlin-Kreuzberg besucht. Seine Ausbildung zum Augenarzt hatte er 1926–1931 bei Oskar Fehr (1871–1959) am Virchow-Krankenhaus in Berlin und bei Carl Wessely (1874–1953) in der Universitäts-Augenklinik München erhalten ([Abb. 2] und [3]). Sowohl Fehr (Entlassung am 1. Januar 1934) als auch Wessely (Verlust des Lehrstuhls zum 31. Dezember 1935, ungewöhnlicherweise aber „auf Anordnung des Führers“ kein Entzug der Approbation zum 30. September 1938) waren jüdischer Herkunft. Man kann dieses als Indiz dafür werten, dass jüdische Kollegen auch schon in Zeiten der Weimarer Republik jüdische Chefs bevorzugten. Ende 1931/Anfang 1932 eröffnete Max Herzog eine Praxis in Berlin-Niederschöneweide ([Abb. 2]). Den Grund für seine Emigration schilderte er später kurz und knapp mit „1933 wurde mir aus rassischen Gründen die Kassenpraxis entzogen“ ([Abb. 3]). In der Tat begannen die Repressalien gegen jüdische Mediziner bereits 1933 [1]. In den USA praktizierte Max Herzog als niedergelassener Augenarzt zunächst in Chicago, später in Rock Island/Illinois. 1942–1946 stellte er sich der US-amerikanischen Armee zur Verfügung. Max Herzog hatte 2 Töchter. Er starb am 23. November 1983. Zu Fritz Wachtel (siehe Tab. 3 in [1]) kann ergänzt werden, dass er gemeinsam mit seiner Ehefrau Berta am 15. Januar 1938 in die USA emigrierte und am 5. April 1944 in Chicago starb (Quelle: www.ancestry.com). Trotz der schrecklichen Erlebnisse im „Dritten Reich“ scheint bei den meisten Emigranten eine Verbundenheit mit Deutschland auch im Ausland weiter bestanden zu haben ([Abb. 4]).

Vor allem durch die Aufmerksamkeit von Mitbürgern und insbesondere das Forschungsprojekt am Leibniz-Gymnasium Berlin zur Aufklärung des Schicksals ehemaliger jüdischer Schüler, das zur Erschließung der Quelle „Ancestry“ führte, konnte jetzt das Schicksal von weiteren 16 jüdischen Kollegen aus der Zeit des Nationalsozialismus aufgeklärt werden ([Tab. 1]). Die „Statistik“, die sich aufgrund der früheren Zusammenstellungen ergeben hat [1], [2], bleibt im Wesentlichen unberührt ([Tab. 2], Tab. 5 in [1]). Der Anteil der jüdischen Fachgenossen mit ungeklärtem Schicksal reduziert sich auf nunmehr 12 %, was einen vergleichsweise sehr niedrigen Wert darstellt. Nur noch 23 Schicksale (von 188) bleiben offen. Hinweise werden weiterhin dankend entgegen genommen.

Tab. 2 Schicksal der jüdischen Augenärzte im Nationalsozialismus. Stand nach der 2. Aktualisierung, Juni 2013. Berücksichtigt wurden nur Kolleginnen und Kollegen mit bekanntem Schicksal (n = 165/100 %).

n

%

1 Fritz Cohns Schicksal wurde unter „Suizid“ gewertet. Cohn beging den Suizid allerdings im November 1938 im KZ Buchenwald, sodass er auch zu den KZ-Opfern gezählt werden könnte.
2 Hinter dem einen oder anderen „natürlichen Tod“ könnte sich ein Selbstmord verborgen haben.

Emigration

106

64

nachweislich in einem KZ oder Gefängnis ums Leben gekommen

24

15

deportiert, vermutlich ums Leben gekommen

2

1

Suizid1

4

2

In Deutschland bis 1945 wahrscheinlich eines natürlichen Todes gestorben2

18

11

In Deutschland oder besetztem Ausland überlebt

11

7

Jede einzelne jüdische Kollegin und jeder einzelne jüdische Kollege aus der Zeit des Nationalsozialismus hat es verdient, dass man sich ihrer/seiner erinnert. Dieses vor allem am 75. Jahrestag von Approbationsentzug und Reichspogromnacht.