Einleitung
Einleitung
In der Bundesrepublik Deutschland leben ca. 5000 HIV-infizierte Drogenkonsumenten
[1]. Da 70 bis 80 % aller Drogenkonsumenten eine chronische HCV-Infektion aufweisen,
muss man in der BRD mit ungefähr 3500 bis 4000 HIV/HCV-koinfizierten Drogenabhängigen
rechnen. Wegen der HIV-Infektion befinden sich die meisten in ärztlicher Behandlung.
Die HIV-Infektion - als vermeintlich gefährlichere Erkrankung - verdeckt oft den Blick
auf die HCV-Infektion bei diesen Patienten. Die HCV-Infektion wird unterdiagnostiziert.
Häufig erfahren die Patienten erst nach einer Vorstellung in einem spezialisierten
Zentrum die Diagnose. In der Breite des Versorgungssystems wird die besondere Gefahr
der doppelten Infektion verkannt. Deshalb ist auch das Angebot einer speziellen Therapie
so gering [2].
Entsprechend den Ergebnissen großer Kohortenstudien [3]
[4]
[5] ist die Sterberate bei HIV/HCV-Koinfizierten gegenüber HIV-Monoinfizierten deutlich
erhöht. Die schnellere Progression zur Leberzirrhose führt bei Doppelinfizierten zu
einer erhöhten Sterberate an Leberversagen und hepatozellulären Karzinomen. Entgegen
dem noch vorherrschenden Trend müssten sich also diese Patienten vordringlich einer
Therapie ihrer chronischen HCV-Infektion unterziehen.
Bei Betrachtung der Todesursachen der HIV/HCV-Koinfizierten in den beiden historischen
Zeiträumen vor und nach 1996 fällt vor allem auf, dass als Folge der verlängerten
Überlebenszeit durch die antiretrovirale Therapie seit 1996 die chronische HCV-Infektion
inzwischen in unserem Zentrum die häufigste Todesursache bei Drogenkonsumenten geworden
ist. In der EuroSIDA-Kohorte (4034 HIV-Infizierte, 33,5 % HCV-koinfiziert) zeigte
sich für die Koinfizierten eine um 50 % gesteigerte Sterberate gegenüber den HIV-Monoinfizierten
innerhalb von 2,5 Jahren Beobachtungszeit [6] (s. Tab. [1]).
Tab. 1 Todesursachen bei HIV/HCV-Koinfizierten (n = 240) im Praxiszentrum Kaiserdamm
|
1990 - 1994 |
1995 - 1999 |
2000 - 2004 |
|
(n = 41) |
(n = 44) |
(n = 30) |
AIDS |
86 % (n = 35) |
32 % (n = 14) |
10 % (n = 3) |
Komplikation der Hepatitis C |
5 % (n = 2) |
34 % (n = 15) |
70 % (n = 21) |
Injektionskomplikation |
2 % (n = 1) |
9 % (n = 4) |
7 % (n = 2) |
Intoxikation |
5 % (n = 2) |
11 % (n = 5) |
3 % (n = 1) |
Suizid/Mord |
2 % (n = 1) |
9 % (n = 4) |
0 % |
andere Ursachen |
0 % (n = 0) |
5 %(n = 2) |
10 % (n = 3) |
Bei den Todesursachen von Drogenabhängigen im Praxiszentrum Kaiserdamm über drei konsekutive
Fünfjahreszeiträume fällt auf, dass die Anzahl der an AIDS Verstorbenen von 86 auf
10 % absinkt. Im gleichen Zeitraum nimmt die Zahl der an Komplikationen der Hepatitis
C Gestorbenen kontinuierlich von 5 auf 70 % zu.
Methodik
Methodik
Behandlungssetting
Das Praxiszentrum Kaiserdamm ist eine Gemeinschaftspraxis mit mehreren niedergelassenen
Ärzten und Ärzten in Facharztausbildung (Innere und Allgemeinmedizin). Medizinisch
konzentriert sich die Arbeit auf drei Schwerpunkte:
-
Behandlung der HIV-Infektion;
-
Behandlung von Virushepatitiden;
-
Suchtmedizin mit Schwerpunkt Heroinabhängigkeit.
Für die psychosoziale Betreuung der Drogenabhängigen sind drei Drogenberater zuständig,
die in den Räumen des Praxiszentrums Sprechstunden anbieten. Die psychiatrische Diagnostik
und Therapie werden durch einen Psychiater aus der psychiatrischen Poliklinik der
Charité mit Sprechstunde im Praxiszentrum durchgeführt.
Eine wöchentliche Besprechung zwischen den Ärzten, dem suchtmedizinischen Praxispersonal
und den Drogenberaterinnen über aktuelle Behandlungsprobleme sichert die Kontinuität
eines suchtmedizinischen Milieus und verhindert das Agieren und Ausweichen der Patienten.
Damit wird die Koordination von psychosozialen und medizinischen Anforderungen gesichert.
Probleme der Gegenübertragung werden in Balint-Gruppen kontrolliert. Die Durchführung
der Therapie und das Monitoring des Verlaufs werden überwacht.
Diagnostik
Die Basisdiagnostik der Drogenabhängigen wird standardisiert und gestuft durchgeführt
(vgl. Tab. [2] und [3]). Nach einem Screening auf drogentypische Erkrankungen erfolgt eine Therapieplanung
unter Einbeziehung der sozialen, somatischen und psychiatrischen Syndrome.
Tab. 2 Basisdiagnostik Laborparameter
Leukozyten, Erythrozyten, Thrombozyten, Hämoglobin, Hämatokrit, Differenzialblutbild,
GOT, GPT, GGT, Kreatinin |
Anti-HIV, wenn positiv: HIV-RNA, Lymphozytensubpopulation |
Anti-HCV, wenn positiv: HCV-RNA quantitativ, HCV-Genotyp |
HbsAG, wenn positiv: HBV-DNS quantitativ, HbeAg, Anti-HDV |
Anti-HAV |
TPHA, VDRL, wenn positiv: FTA-IgM |
Tab. 3 Sonstige Untersuchungen vor der Interferontherapie
Ausschluss Hämochromatose |
Serumeisen, Eisensättigung |
Leberfunktion |
Albumin, Quick, CHE, AFP |
PegIFN/RBV-Parameter |
Diff. BB, Bilirubin (direkt/indirekt), HS |
Autoimmunerkrankungen |
TAK, ANA, AMA, ASMA, LKM |
Schilddrüsenfunktion |
TSH, T3, T4 |
kardiale Risiken |
EKG |
Orientierung Oberbauchorgane |
Oberbauchsonographie |
histologisches Staging |
Leberblindpunktion (in ausgesuchten Fällen) |
Da allen Doppelinfizierten eine Therapie ihrer HCV-Infektion angeraten wurde, führten
wir hier die Leberpunktion nur dann durch, wenn die vordringliche Therapie der HCV-Infektion
wegen anderer Gründe verschoben werden sollte. Lag schon ein Fibrosegrad F2 oder F3
nach METAVIR vor, wurde auf den raschen Therapiebeginn gedrängt.
Die Punktionen wurden ambulant im Praxiszentrum durchgeführt. Dadurch wurde die Punktion
deutlich häufiger akzeptiert als zu Zeiten, wo sie mit einer Krankenhauseinweisung
verbunden war. Alle Punktionszylinder wurden von einem Pathologen beurteilt. Die Klassifikation
geschah in allen Fällen nach der METAVIR-Einteilung.
Kontraindikationen
Sofern im Einzelfall besondere Risiken durch die Therapie entstanden wären oder eine
Unterbrechung der Therapie gedroht hätte, wurde der Therapiebeginn zunächst zurückgestellt
(s. Tab. [4]).
Tab. 4 Zurückstellung der Therapie
compliancestörende Begleitbedingungen |
Störung einer schon begonnenen beruflichen Rehabilitation |
weniger als 12 Monate Abstinenz |
erheblicher Nebenkonsum von Alkohol |
offene Strafverfahren, drohender Bewährungswiderruf, Haftbefehle |
Suizidalität, akute Psychosen, aggressive dissoziale Persönlichkeitsstörungen |
Aufgrund des gesteigerten Risikopotenzials der Doppelinfektion haben wir die Indikation
zur HCV-Therapie sehr viel weiter gestellt als sonst nach den Richtlinien üblich.
So wurden z. B. depressive Patienten und Patienten mit psychotischen Episoden in der
Anamnese ebenfalls behandelt, nachdem vor Therapiebeginn im psychiatrischen Konsil
eine antidepressive oder antipsychotische Behandlung initiiert wurde und eine ausreichende
Compliance für diese Therapie gesichert war.
Untersuchungsergebnisse
Untersuchungsergebnisse
Geschlecht, Alter, Komorbidität, Komedikation
51 % der Patienten waren weiblich. Der weit überwiegende Teil der Patienten gehörte
den Geburtsjahrgängen 1950 bis 1970 an. Das Durchschnittsalter bei Therapiebeginn
lag bei 36 Jahren.
Nur 17 % der Patienten waren frei von zusätzlichen psychiatrischen Erkrankungen. 43
% der Patienten wiesen Störungen mit höherem Strukturniveau (Phobien, Depression)
auf. 40 % der Patienten hatten Störungen von niedrigem Strukturniveau (Borderline,
narzisstische oder kombinierte Persönlichkeitsstörung) (vgl. Tab. [5] und [6]). In dieser letzten Gruppe traten alle schweren psychiatrischen Komplikationen während
der Interferontherapie auf.
Tab. 5 Körperliche Begleiterkrankungen (n = 70, Mehrfachnennungen)
Leberzirrhose (F4 n. METAVIR) |
7 |
eingeschränkte Nierenfunktion |
6 |
chron.-rez. Osteomyelitis |
3 |
alkoholtoxische Kardiomyopathie |
2 |
Herzklappenersatz/Bypass-OP |
2 |
Tab. 6 Psychiatrische Begleiterkrankungen (n = 70, Mehrfachnennungen)
keine psychiatrische Komorbidität |
12 |
Angststörung |
13 |
neurotische Depression/depressive Persönlichkeit |
17 |
narzisstische Persönlichkeitsstörung |
12 |
Borderline-Struktur |
9 |
kombinierte Persönlichkeitsstörung |
7 |
81 % der Patienten hatten bei Beginn der HCV-Behandlung eine Begleitmedikation mit
einer bis zu sechs zusätzlichen Substanzen (Tab. [7]). Vor allem die Potenzierung der myelosuppressiven Effekte der NRTI durch das Interferon
und die Interaktion von Ribavirin mit den NRTI bedurften besonderer Aufmerksamkeit.
Tab. 7 Begleitmedikation bei Beginn der Therapie (n = 70, Mehrfachnennungen)
Methadon/LAAM/Buprenorphin |
54 |
antiretrovirale Therapie (HAART) |
53 |
Neuroleptika |
21 |
Antidepressiva |
26 |
Virologische und immunologische Parameter
Die untersuchte Gruppe war zu 61 % mit den Genotypen 1 und 4 infiziert, bei 39 % fanden
sich die Genotypen 2 und 3 (Tab. [8]).
Tab. 8 Verteilung der HCV-Genotypen (n = 70)
Genotyp |
Anzahl/Prozent |
Genotyp 1, 4 |
43 (61 %) |
Genotyp 2, 3 |
27 (39 %) |
Entsprechend den Auswahlkriterien zur Interferontherapie bei den Doppelinfizierten
lagen die virologischen und immunologischen Parameter in einem günstigen Bereich.
78 % der Doppelinfizierten hatten eine HI-Viruslast unter 10 000 Kopien/ml, bei 81
% lag die Anzahl der CD4-Lymphozyten über 300, d. h., sie besaßen ein gut funktionierendes
Immunsystem (vgl. Tab. [9]).
Tab. 9 HIV-Viruslast, CD4-Lymphozyten (n = 70)
HIV-PCR cop/ml |
Anzahl |
CD4-Zellzahl pro μl |
Anzahl |
< 50 |
35 |
180 - 300 |
13 |
bis 1 000 |
9 |
301 - 500 |
29 |
bis 10 000 |
15 |
501 - 700 |
13 |
> 10 000 |
11 |
> 700 |
15 |
Insgesamt 53 (76 %) Patienten hatten bei Beginn der Interferontherapie eine antiretrovirale
Behandlung. Bei 16 Patienten musste die HAART zeitweilig oder ganz abgesetzt werden,
um die Interferontherapie fortzusetzen (Tab. [10]). Meist waren multiple Nebenwirkungen oder hämatologische Komplikationen dafür verantwortlich.
Tab. 10 HAART bei Beginn der Interferontherapie (n = 53)
Regimetyp |
Anzahl |
3 NRTI |
11 |
2 NRTI + 1 NNRTI |
23 |
2 NRTI + 1 - 2 PI |
15 |
2 PI |
4 |
Therapieregimes und Management der hämatologischen Nebenwirkungen
Die Patienten wurden etwa zu gleichen Teilen mit pegyliertem Interferon-α- 2 a (180
mcg 1 × wöchentlich s. c.) oder pegyliertem Interferon-α- 2 b (gewichtsadaptiert 1,5
mcg/kg KG 1 × wöchentlich s. c.) behandelt. Die Ribavirindosis war gewichtsadaptiert
mit 10,6 mg/kg KG täglich oral. Patienten mit Genotyp 2 und 3 wurden insgesamt 24
Wochen lang behandelt, Patienten mit Genotyp 1 und 4 wurden 48 Wochen lang behandelt.
Um die Anzahl der Therapieabbrüche aus hämatologischen Gründen gering zu halten, haben
wir die hämatologischen Komplikationen behandelt, wenn die Dosisreduktion der beiden
Medikamente nicht ausreichte, um die Komplikationen zu beheben: Transfusion von Erythrozytenkonzentraten
oder Gabe von Erythropoetin bei zu starkem Hb-Abfall, Kortison-Stoß-Therapie bei Thrombozytopenien
unter 10 000 und die Gabe von granulozytenstimulierenden Faktoren (r-GCSF) bei Neutropenie
unter 500 Granulozyten (Tab. [11]).
Tab. 11 Begleittherapie und Therapiemodifikationen bei hämatologischen Komplikationen
Thrombozytopenie |
Reduzierung der Interferondosis (bei HIV/HCV-Koinfizierten evtl. Kortison, falls reduziertes
IFN unwirksam) |
Neutropenie |
Reduzierung der IFN-Dosis, G-CSF |
Erythropenie |
Reduzierung der IFN-Dosis, Erythropoetin |
Hb unter 10 |
Therapie ohne Ribavirin, evtl. Erythrozytenkonzentrat |
Ansprechen auf die Therapie
Bei insgesamt 70 abgeschlossenen Therapiezyklen lag eine sechsmonatige Nachbeobachtungszeit
vor. Es ergab sich eine dauerhafte Ansprechrate von 33 %, 16 % haben die Therapie
abgebrochen und 51 % zeigten kein dauerhaftes Ansprechen (Tab. [12]).
Tab. 12 Ansprechraten (n = 70)
n |
dauerhaftes Ansprechen |
Abbruch der Therapie |
Nonresponder |
70 |
23 (33 %) |
11 (16 %) |
36 (51 %) |
Betrachtet man die abgeschlossene Therapie mit halbjähriger Nachbeobachtung, so ergibt
sich für die Genotypen 1 und 4 eine Rate dauerhaften Ansprechens von 30 % (13 von
43). Für die Genotypen 2 und 3 ist die Ansprechrate mit 37 % (10 von 27) etwas höher
(Tab. [13]).
Tab. 13 Ansprechrate und Genotyp (n = 70)
Genotyp |
n |
dauerhaftes Ansprechen |
Abbruch der Therapie |
Nonresponder |
1, 4 |
43 |
13 (30 %) |
5 (12 %) |
25 (58 %) |
2, 3 |
27 |
10 (37 %) |
6 (22 %) |
11 (41 %) |
Abbruchgründe und besondere Komplikationen
Bei insgesamt 11 (16 %) Patienten wurde die Therapie abgebrochen. 11 % der Behandelten
brachen aus Compliancegründen die Therapie ab. Zwei Patienten starben während der
Therapie. Ursächlich war in einem Fall ein Status epilepticus oder eine Laktatazidose
unter drei NRTI in Kombination mit RBV, im anderen Fall war es eine Intoxikation mit
Heroin. Bei einem Patienten musste die Therapie wegen intolerablem Heroinkonsum abgebrochen
werden. In zwei weiteren Fällen zwangen psychiatrische Nebenwirkungen (Delir, Suizidversuch)
zum Therapieabbruch (Tab. [14]).
Tab. 14 Abbruchgründe
Abbruchgrund |
Häufigkeit (%) |
fehlende Toleranz gegenüber Nebenwirkungen |
6 (11 %) |
Tod während der Therapie |
2 (2,8 %) |
Heroinrückfall |
1 (1,4 %) |
Delir |
1 (1,4 %) |
Suizidalität |
1 (1,4 %) |
Es trat eine Reihe besonderer Komplikationen auf, die in anderen Patientenkollektiven
nicht oder nicht in dieser Häufigkeit zu beobachten sind (Tab. [15]). Um gegen die Abgeschlagenheit während der Therapie anzukämpfen, begannen immerhin
33 % der Patienten mit einem Beigebrauch von Kokain und/oder Heroin. Während dies
bei Substituierten weniger folgenreich ist, bedeutet der Rückfall von Abstinenten
meist auch den Abbruch der Therapie. 27 % der Patienten entwickelten während der Therapie
neue psychiatrische Störungen. Bei einem Patienten mit einer anorektischen Episode
vor der Heroinabhängigkeit entwickelte sich während der Therapie ein so starker Gewichtsverlust
(von 52 kg auf 38 kg), dass wir die Therapie nur durch gleichzeitige parenterale Ernährung
über Port fortführen konnten.
Tab. 15 Besondere Komplikationen (Mehrfachnennungen)
Komplikation |
Häufigkeit |
erhöhter Nebenkonsum von Kokain/Heroin |
23 |
behandlungsbedürftige Depression |
7 |
paranoid-halluzinatorische/delirante Episoden |
5 |
behandlungsbedürftiges Angstsyndrom |
4 |
dissoziative Syndrome |
3 |
Portimplantation zur parenteralen Ernährung |
1 |
Diskussion
Diskussion
Bei der 11. Retrovirus-Konferenz in San Francisco wurden 2004 drei Studien vorgestellt,
die das therapeutische Ansprechen der HCV-Therapie bei HIV/HCV-Koinfizierten zeigten:
ACTG-A5071, die RIBAVIC-Studie und die APRICOT-Studie [11]
[12]
[13]: Alle drei Studien zeichnen sich durch einen überdurchschnittlich hohen Anteil von
Drogenkonsumenten aus, sodass sie auch einen Hinweis auf das Verhalten von Drogenkonsumenten
in der HCV-Therapie geben. Unsere eigenen Behandlungsdaten zeigen, dass die in den
Studien erhobenen Daten sich auch in der alltäglichen Regelversorgung wiederholen
lassen (Tab. [16]).
Tab. 16 Vergleich mit Therapiestudien bei Doppelinfizierten
|
ACTG-A5051 |
RIBAVIC |
APRICOT |
Kaiserdamm |
Anzahl |
66 |
205 |
289 |
70 |
IVDU |
80 % |
81 % |
62 % |
100 % |
Genotyp 1, 4 |
71 % |
59 % |
67 % |
61 % |
Therapiedauer |
48 Wo. |
48 Wo. |
48 Wo. |
24 - 48 Wo. |
PegIFN |
2 a |
2 b |
2 a |
2 a, 2 b |
RBV-Dosis (mg/Tag) |
800 |
800 |
800 |
800 - 1 200 |
dauerhaftes Ansprechen |
27 % |
27 % |
40 % |
33 % |
Abbruch |
12 % |
38 % |
12 % |
16 % |
Die Ansprechraten liegen bei Doppelinfizierten deutlich niedriger als bei HCV-Monoinfizierten.
Die Abbruchraten liegen erstaunlich niedrig. Die außerordentliche hohe Zahl der Abbrecher
in der RIBAVIC-Studie hat zwei Gründe: In Frankreich wurde deutlich häufiger mit DDI
antiretroviral behandelt, was vermehrte Abbrüche durch Interaktionen mit Ribavirin
zur Folge hatte. Außerdem waren in der RIBAVIC-Studie deutlich mehr Patienten mit
fortgeschrittener Leberschädigung, was ebenfalls zu einer erhöhten Abbruchrate beitrug.
Setting
Die dargestellte Gruppe wurde in einer suchttherapeutisch orientierten Praxis mit
infektiologischem Schwerpunkt behandelt. Die Patienten wurden ausführlich über die
besonderen Gefahren der unbehandelten HCV-Infektion aufgeklärt. Dieser Prozess zog
sich in Einzelfällen über mehrere Jahre hin. Prinzipiell wurde jedem Doppelinfizierten
die Therapie angeraten.
Nicht einbezogen wurden Patienten mit Suizidalität, akuten Psychosen und schweren
dissozialen Persönlichkeitsstörungen, ebenso Patienten ohne ausreichende Termindisziplin,
Patienten bei denen aus unterschiedlichen Gründen eine Unterbrechung der Therapie
zu befürchten war, und Patienten, deren berufliche Rehabilitation durch die Therapie
gefährdet worden wäre. Vor Beginn der Interferon-Therapie bestand bei der überwiegenden
Zahl der Patienten eine lang dauernde stabile Therapiebeziehung zwischen Patient und
Arzt. Dies bedeutet eine positive Auswahl bezüglich der Wahrscheinlichkeit, dass eine
ausreichende Compliance vorhanden war.
Besondere Begleitbedingungen der Therapie
In Bezug auf somatische und psychiatrische Komorbidität als auch in Bezug auf die
Begleitmedikation musste bei der behandelten Gruppe von einer höheren Komplikationsrate
ausgegangen werden als bei einem normalen Kollektiv. Nur 17 % der Patienten waren
abgesehen von ihrer Drogenabhängigkeit frei von psychiatrischen Erkrankungen. 40 %
hatten psychiatrische Begleiterkrankungen mit ausgeprägten Ich-Struktur-Defekten.
81 % hatten bei Beginn der HCV-Therapie eine Begleitmedikation mit einer bis zu sechs
Substanzen, die zum Teil komplexe Interaktionen mit Interferonen und Ribavirin aufwiesen
oder aber die hämatologischen Nebenwirkungen der HCV-Therapie verstärkten. Um die
Therapie nicht abzubrechen, mussten deshalb häufig zusätzlich Medikamente verabreicht
werden, die ebenfalls eine Fülle von Nebenwirkungen und Interaktionen mit der bestehenden
Medikation entwickelten. Bei 14 Patienten trat während der Therapie ein so starker
Hb-Abfall auf, dass über die Reduktion des Ribavirins hinaus vorübergehend Erythrozytenkonzentrate
transfundiert werden mussten, um die Therapie fortsetzen zu können.
Compliance
Alle 70 Patienten haben mit der PegIFN/RBV-Therapie begonnen. Insgesamt 16 % der Patienten
haben die Therapie abgebrochen. Damit ist die Abbruchrate vergleichbar mit der Abbruchrate
in der ACTG-Studie und der APRICOT-Studie. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die
Abbruchraten bei Kollektiven mit hohem Anteil an Drogenkonsumenten nicht höher liegen
als die der Zulassungsstudien mit Patienten aus der Normalbevölkerung.
Nebenwirkungen
Psychiatrische Begleiterkrankungen finden sich bei mehrfach infizierten Drogenabhängigen
deutlich häufiger [14] als bei einer Zufallsauswahl von Drogenkonsumenten [15]. Je schwerer die psychiatrische Komorbidität, desto chaotischer sind die Konsumgewohnheiten
und damit das Risiko für Infektionskrankheiten. Entsprechend dieser Regel dominierten
in unserem Kollektiv Patienten mit ausgeprägten Ich-Struktur-Defekten.
Da die Interferone als Nebenwirkung eine unspezifische Auflockerung der Ich-Funktionen
verursachen können, beobachteten wir vor allem in der Gruppe der Patienten mit „Lower-Level”-Strukturniveau
eine Häufung von psychiatrischen Symptomen. Es handelte sich dabei um Irritationen
der Selbstwahrnehmung, des Identitätsgefühls und der Koordinationsfunktionen des Ichs
gegenüber der Innen- und der Außenwelt. Klinisch imponierten diese Störungen als Derealisation,
Depersonalisation, Amnesien, delirante Syndrome und paranoide Umdeutung alltäglicher
Interaktionen. Allerdings waren die meisten Patienten aus der Zeit ihres meist politoxikomanen
Drogenkonsums vertraut mit solchen Veränderungen des Erlebens und zeigten sich dadurch
weit weniger beunruhigt als Menschen ohne solche Vorerfahrungen.
Die auftretenden Depressionen waren gut mit Substanzen aus der Gruppe der SSRI zu
beherrschen. In einem Fall musste allerdings die Therapie wegen akuter Suizidalität
abgebrochen werden.
Zusammenfassung
Zusammenfassung
In einer suchttherapeutisch orientierten Praxis mit infektiologischem Schwerpunkt
wurden 70 pegIFN/RBV-Therapiezyklen bei HIV/HCV-koinfizierten Drogenabhängigen durchgeführt.
Ausgeschlossen waren Patienten mit fehlender Compliance, Patienten, die in suchtmedizinischer
Hinsicht gefährdet worden wären, und Patienten mit sehr schlechten immunologischen
Werten (CD4-Zellzahl unter 200).
Die behandelte Gruppe war gekennzeichnet durch eine überdurchschnittliche somatische
und psychiatrische Komorbidität und eine überdurchschnittliche Komedikation bei Beginn
der HCV-Therapie.
Insgesamt 70 abgeschlossene Therapiezyklen mit halbjähriger Nachbeobachtungszeit wurden
ausgewertet. Das Durchschnittsalter lag bei 36 Jahren. 51 % waren weiblich. 39 % waren
mit HC-Viren der Genotypen 2 und 3 infiziert. 33 % zeigten ein dauerhaftes Ansprechen.
Bei 16 % wurde die Therapie vorzeitig abgebrochen. 51 % waren primäre Nonresponder
oder zeigten einen Rückfall nach Beendigung der Therapie. Das dauerhafte Ansprechen
lag bei den HCV-Genotypen 2 und 3 etwas höher als bei den Genotypen 1 und 4 (37 %
vs. 30 %).
Die Compliance war angesichts der somatischen und psychiatrischen Komorbidität und
der hohen Belastung mit weiteren Medikamenten besser, als zu erwarten war. Nur 6 (11
%) Patienten brachen die Therapie wegen mangelhafter Compliance vorzeitig ab. Die
übrigen Therapieabbrüche erfolgten in Absprache mit dem behandelnden Arzt wegen nicht
beherrschbarer Nebenwirkungen. Zwei Patienten starben während der Therapie durch Suizid
und Intoxikation - ein Hinweis darauf, dass trotz strenger Auswahl in dieser hochrisikobehafteten
Patientengruppe nicht alle Risiken vorhersehbar sind.
Als Begleiteffekte der Therapie traten häufig paranoid-halluzinatorische und dissoziative
Syndrome auf. Oft war nicht klar, ob es sich allein um Nebenwirkungen des Interferons
gehandelt hat oder ob nicht zusätzlich Drogen- und Medikamentenkonsum mitauslösend
waren. Nur in zwei Fällen führte die psychiatrische Erkrankung zum Therapieabbruch
durch den Arzt. Überdurchschnittlich häufig setzte ein zusätzlicher Kokain- und/oder
Heroinkonsum ein. Eine besondere Gefahr stellt für abstinente Patienten die Ähnlichkeit
der Interferonnebenwirkung mit dem Entzugssyndrom dar. Dieser Effekt kann zu einer
erhöhten Gier (Craving) nach Heroin und zu gesteigertem Beikonsum oder zum Rückfall
führen.
Die Ergebnisse zeigen, dass es im Setting einer suchtmedizinisch orientierten Institution
möglich ist, die HCV-Therapie mit pegylierten Interferonen und Ribavirin auch bei
doppelinfizierten Drogenabhängigen erfolgreich durchzuführen. Der verbreitete therapeutische
Nihilismus bei der Behandlung der HCV-Infektion in dieser Patientengruppe ist nicht
gerechtfertigt.
Die vitale Bedeutung des Therapieangebots wird eindrücklich durch den Umstand belegt,
dass in der Nachbeobachtungsphase (Median 3 Jahre) fünf der Nonresponder an dekompensierter
Leberzirrhose gestorben sind und ein weiterer Nonresponder ein hepatozelluläres Karzinom
entwickelt hat.