Ausgangssituation
Ausgangssituation
Bis vor wenigen Jahren ging man davon aus, dass Alkoholabhängigkeit im Alter selten
neu auftritt und die meisten alkoholabhängigen Menschen ein höheres Alter nicht erreichen.
Es bestand die Vorstellung, dass der Alkoholismus eine „self-limiting disease” sei.
Durch die Fortschritte in der Medizin konnte die Lebenserwartung verlängert werden,
die Bevölkerungspyramide hat sich verändert, so dass wir heute mit der Situation konfrontiert
sind, dass eine zunehmende Zahl älterer Menschen alkoholabhängig ist [1]. Eine weitere Zunahme der Prävalenz ist dadurch zu erwarten, dass die Babyboom-Generation
häufiger Gebrauch von suchterzeugenden Substanzen macht als frühere Generationen [2].
Diese Arbeit will auf ein bisher oft vernachlässigtes Problem bei der Rehabilitation
suchtkranker Menschen aufmerksam machen. Sie gibt einen Überblick über die aktuelle
Literatur und will zeigen, dass der heute übliche therapeutische Nihilismus gegenüber
Sucht im Alter nicht gerechtfertigt ist.
Menschen über 60 Jahre konsumieren im Allgemeinen weniger Alkohol als jüngere [35]. Das Ausmaß des Rückgangs ist aber viel weniger ausgeprägt als häufig angenommen.
Bei Männern ist der Alkoholkonsum deutlich höher als bei Frauen: Der mittlere Pro-Kopf-Konsum
beträgt im Alter von 60-69 Jahren bei Männern ca. 30 g/d, bei Frauen ca. 11 g/d [6].
Tab. 1 Häufigkeit von Alkoholkonsum und Alkoholproblemen im Alter
|
Männer (> 60 J.)
|
Frauen (> 60 J.) |
regelmäßiger Alkoholkonsum |
50-80 % |
50,0-60 % |
Alkoholmissbrauch |
10-20 % |
5,0-10 % |
Alkoholabhängigkeit |
2-3 % |
0,5-1 % |
Die 60-70-Jährigen haben zu 50 % einen regelmäßigen Alkoholkonsum. Bei den über 70-jährigen
trinken 80 % der Männer und 60 % der Frauen regelmäßig Alkohol [7]. Alkoholmissbrauch betreiben in der Altersgruppe über 60 Jahren 10-20 % der Männer
und 5-10 % der Frauen [8]
[9]. Ein Abhängigkeitssyndrom besteht bei 2-3 % der über 60-jährigen Männer und bis
zu 1 % der über 60-jährigen Frauen [10].
Nach einer 1998 durchgeführten Untersuchung der Medizinischen Universität Lübeck liegt
die Prävalenz einer Abhängigkeit oder eines Missbrauchs von Alkohol in Arztpraxen
bei 65-75-Jährigen bei 4,5 %. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Patienten im Allgemeinkrankenhaus:
In der Altersgruppe der 60-69-Jährigen wurde bei 7,2 % der Patienten ein Missbrauch
bzw. eine Abhängigkeit von Alkohol diagnostiziert, bei den 70-74-Jährigen bei 4,8
% und bei den 80-84-Jährigen noch bei insgesamt 2,8 % [11].
In Anbetracht der epidemiologischen Situation sind ältere Personen in den Einrichtungen
der Suchtkrankenhilfe völlig unterrepräsentiert. Im ambulanten Bereich finden 67 %
der gesamten Behandlungen für die Altersgruppe der 30-49-Jährigen statt, nur 4 % der
alkoholabhängigen Klientel ist älter als 59 Jahre [12]. Im Bereich der Fachkliniken für Suchterkrankungen beträgt der Anteil der wegen
Alkoholproblemen behandelten über 60-jährigen Männer 4,1 %, der Anteil älterer Frauen
lag bei 7,3 % [13]. Die mangelnde Behandlungsdichte bei älteren Suchtkranken insbesondere im Bereich
der stationären Versorgung ist auch strukturell bedingt. Suchtfachkliniken werden
überwiegend von den Rentenversicherungsträgern belegt und behandeln deshalb überwiegend
Patientinnen im arbeitsfähigen Alter [14]. Aus diesem Grund ist es notwendig, in Fachkliniken für Suchterkrankungen geeignete
Angebote für Ältere zu schaffen.
Kompetenz und Selbständigkeit im höheren Lebensalter
Kompetenz und Selbständigkeit im höheren Lebensalter
So alt wie möglich zu werden, aber so jung wie möglich zu sterben, ist die Hoffnung
vieler Menschen. Alt zu werden, aber dabei im übertragenen Sinne so jung zu bleiben,
dass Leistungs- und Erlebnisfähigkeit möglichst erhalten bleiben, chronische Kompetenzeinbußen
und schwer wiegende Verluste der Selbständigkeit und der Lebensqualität ganz allgemein
möglichst nicht zum Tragen kommen. Basale Bereiche der Kompetenz, die das Alltagsleben
alter Menschen in besonderer Weise bestimmen, sind: (1) Wahrnehmungs- und Kognitionskompetenz,
(2) Alltagskompetenz, (3) Bewältigungskompetenz und (4) Umweltkompetenz.
(1) Wahrnehmungs- und Kognitionskompetenz
Die Wahrnehmungsgeschwindigkeit ist ein prototypischer Indikator der sog. fluiden
Intelligenz, d. h. der geschwindigkeitsabhängige Teil der geistigen Leistungsfähigkeit.
Er weist zwischen dem 25. und 88. Lebensjahr einen stetigen Abfall auf. Dagegen zeigt
die verbale Leistungsfähigkeit als Indikator der sog. kristallinen Intelligenz, einer
mehr auf Erfahrung und Wissen beruhenden Komponente, einen Anstieg zwischen dem 25.
und 53. Lebensjahr und fällt erst jenseits des 81. Lebensjahres wieder stärker ab.
Weiter spielt der Rückgang der Seh- und Hörfähigkeit eine große Rolle für die Wahrnehmungskompetenz.
Die Wahrnehmungs- und Kognitionskompetenz spielt eine bedeutsame Rolle u. a. bei der
Selbständigkeit in alltagspraktischen Fertigkeiten, bei den instrumentellen Aktivitäten
des Alltagslebens, wie Telefonieren, Einkaufen und für das Freizeitverhalten bzw.
die Ausübung wichtiger Rollen im familiären und außerfamiliären Kreis [1517].
(2) Die Alltagskompetenz lässt sich z. B. in Form der „aktiven Lebenserwartung” untersuchen,
d. h. der Zeitspanne innerhalb der zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erwartenden Lebenszeit,
in der die wichtigsten Aktivitäten des täglichen Lebens noch ohne fremde Hilfe möglich
sein werden. Der Anteil der inaktiven Lebensphasen steigt bei Frauen von ca. 20 %
im Alter von 70 Jahren auf rund 35 % im Alter von 80 Jahren und rund 60 % im Alter
von 90 Jahren [18]. Weiterhin ist die räumlich-dingliche Umwelt für die Alltagskompetenz von Bedeutung.
So werden insbesondere die instrumentellen Aktivitäten des Alltagslebens bei starkem
„Umweltdruck” in Form ungünstiger Wohnbedingungen und Umweltgegebenheiten negativ
beeinflusst [19]
[20].
(3) Bewältigungskompetenz zielt auf verfügbare Problemveränderungs- und Krisenlösungsstrategien.
Es wurde eine Tendenz zur positiven Deutung eingetretener Konfliktsituationen gefunden,
die vor allem mit der relativen Unabänderlichkeit von bestimmten Belastungen des höheren
Lebensalters (z. B. chronische Krankheiten, Rollenverluste oder Verluste im sozialen
Umfeld) zusammenhängt und weniger mit dem kalendarischen Alter [21].
(4) Umweltkompetenz meint die Fähigkeit, sich zielgerichtet, informiert und differenziert
mit der räumlich-dinglichen Umwelt auseinander zu setzen. Altwerden bedeutet in diesem
Zusammenhang, dass dem höheren Umweltdruck in Gestalt widriger räumlich-dinglicher
Gegebenheiten weniger entgegengesetzt werden kann als in früheren Lebensabschnitten
(Docility-Hypothese nach [22]). Jedoch verfügen alte Menschen über ein beträchtliches Maß an Proaktivität in der
kreativen und erfindungsreichen Gestaltung ihrer Umwelt mit dem Ziel der maximalen
Förderung und Aufrechterhaltung der selbständigen Lebensführung [23].
Eine stimulierende, komplexe Umgebung, die kognitive Anstrengung fordert und belohnt,
hilft, die intellektuellen Fähigkeiten aufrechtzuerhalten [24]
[25]. Voraussetzungen für einen solchen Lebensstil sind ein bestimmtes Bildungsniveau
und ein sozioökonomischer Mindeststatus.
Kompetenz im Alter ist die Regel, Unselbständigkeit und „schwierigere” Formen der
Konfliktverarbeitung sind eher die Ausnahme. Während auf den ersten drei Rangplätzen
in der Berliner Altersstudie bei über 70-Jährigen die Bewältigungsstile „Vergleich
mit früher”, „Wunsch nach Information” und „Vergleich mit anderen” zu finden sind,
besetzten die Stile „Verantwortung abgeben”, „Sinnverlust” und „Laufen lassen” die
letzten drei Rangplätze. Ein positiver Copingstil war u. a. korreliert mit häufigeren
positiven Gefühlszuständen, höheren Optimismus-, niedrigeren Neurotizismuswerten,
Konzentration auf klar definierte und realistische Lebensziele bei relativ hohen körperlichen
und sozioökonomischen Risiken. Dagegen fand sich bei den vulnerablen alten Menschen
eine insgesamt weniger positive Selbstdefinition [26].
Mangelhafte Ausbildung und Alkoholismus sind wesentliche Faktoren, welche die Lebensqualität
im Alter beeinträchtigen. Eine gute Ausbildung begünstigt bessere kognitive, sozioökonomische,
Gedächtnis- und Anpassungsleistungen im Alter. Alkoholkonsum beeinträchtigt die sozioökonomische
Situation und die Anpassungsleistungen. Gleichzeitiger Alkoholmissbrauch verstärkt
somit die negativen Folgen einer mangelhaften Ausbildung.
Alkoholiker verwenden zur Stressbewältigung eher die weniger effektiven Copingstrategien
wie Vermeidung und Fokussierung auf Emotionen, die durch ein belastendes Ereignis
hervorgerufen sind, als sich mit dem Stressor auseinander zu setzen. Um die dadurch
entstehenden negativen Affekte zu dämpfen, kommt es zu weiterem Alkoholgebrauch [27].
Klinik
Klinik
Eine der Theorien für die Entstehung der psychischen Abhängigkeit (Kontrollverlust
und Craving) betont die neurobiologische Bedeutung von Basalganglien und des mesolimbischen
Systems. Die Aktivierung der dopaminergen Neurotransmittersysteme im Belohnungssystem
des Gehirns (ventrales Tegmentum, nucleus accumbens) spielt eine wesentliche Rolle
bei der Entstehung der Suchtstoffabhängigkeit. Suchtstoffkonsum führt ebenso wie verschiedene
Tätigkeiten, die überlebenswichtig sind, wie z. B. Essen, Trinken und sexuelle Aktivitäten,
zur Aktivierung der dopaminergen Bahnen und zur Zunahme des Dopamins im synaptischen
Spalt [28]. Dies führt zu einem Euphoriegefühl und stellt einen positiven Verstärker für die
erneute Zufuhr suchterzeugender Substanzen dar.
Aus epidemiologischen Untersuchungen ist bekannt, dass der Alkoholkonsum im Alter
abnimmt. Durch Alterungsprozesse kommt es u. a. zur Reduzierung der dopaminergen Übertragung,
dies kann eine Erklärung für den verminderten Alkoholkonsum im Alter sein [29]. Dieser Effekt kann durch das Auftreten einer Parkinson-Erkrankung noch verstärkt
werden, da es hier zu einer Degeneration der dopaminergen Basalganglien kommt [30]
[31]. Umgekehrt gibt es die Hypothese, dass Alkohol den normalen Alterungsprozess beschleunigt
[32]. Alkoholkonsum und Alterung führen zu ähnlichen neuroanatomischen Veränderungen
im Gehirn [33], jedoch sind die alkoholbedingten Veränderungen rückläufig bei Abstinenz [34].
Klassifikation
Klassifikation
Eine Möglichkeit, ältere alkoholabhängige Menschen zu klassifizieren, besteht darin,
sie entsprechend dem Beginn des problematischen Trinkens in „early onset”- bzw. „late
onset”-Trinker zu unterteilen. Eine dritte Gruppe stellen Patienten dar, die nach
einer Periode mit Alkoholproblemen in jüngeren Jahren abstinent wurden und erst im
Alter das frühere Suchtverhalten wieder aufgenommen haben. Bei der zweiten und dritten
Gruppe finden sich häufig kritische Lebensereignisse in der Vorphase, sie sind stabiler
bezüglich ihres Wohnortes, haben ein höheres Einkommen, eine negative Familienanamnese
bezüglich Alkoholprobleme, sind selten intoxikiert, haben eine bessere Ausbildung
und zeigen im sozialen und familiären Bereich sowie in der Persönlichkeitsstruktur
eine größere Stabilität [3537]. Bei „early onset-Trinkern” hat häufig schon ein sozialer Abstieg stattgefunden.
Für Männer wurde gefunden, dass sie im Falle eines „early onset”-Trinkverhaltens häufiger
psychiatrische oder somatische Begleiterkrankungen haben [38]. Die dritte Gruppe der „Rückfälligen” hat bereits Erfahrungen mit zufriedener Abstinenz,
was für den Erfolg einer erneuten Behandlung günstig ist.
Die Prognose der „late onset”-Trinker ist günstiger als die der „early onset”-Trinker
[39]. Insgesamt beginnt bei älteren Frauen der problematische Alkoholkonsum später als
bei den Männern, Frauen sind häufig verwitwet, während die Männer verheiratet oder
geschieden sind bzw. getrennt von der Partnerin leben. Bei alkoholabhängigen älteren
Frauen liegt häufiger eine depressive Störung vor [40].
Gleichwohl hat diese Differenzierung ihre Grenzen, zum einen, weil ein Teil der „late
onset”-Trinker bei genauer Nachforschung schon früher einen problematischen Alkoholkonsum
hatte und somit zur dritten Gruppe gehört, zum anderen, weil sich eine genaue Altersgrenze
nicht angeben lässt. Die in der Literatur häufig angegebene Grenze von 60 Jahren muss
in vielen Fällen nach unten revidiert werden, d. h. die „late onset”-Charakteristika
treffen u. U. auch für 50- bis 55-Jährige zu. Ein Grund für die Altersgrenze bei 60
Jahren ist die Zuständigkeitsregelung in Krankenhäusern, d. h. Patienten über 60 werden
gerontologischen Abteilungen zugeordnet.
Die Prävalenz für Alkoholabhängigkeit ist im Alter zwischen 18 und 44 Jahren am höchsten
[41]. Die meisten Patienten in ambulanter oder stationärer Entwöhnungsbehandlung sind
zwischen 35 und 45 Jahre alt [42]
[13], meist wurde zuvor etwa 10 Jahre lang missbräuchlich getrunken. „Early onset”-Patienten
haben in der Regel im Alter zwischen 25 und 35 Jahren mit dem problematischen Alkoholkonsum
begonnen, „late onset”-Patienten deutlich später, in einem Alter, in dem Verlustereignisse
häufiger sind (über 50 Jahren). Deshalb machen wir den Vorschlag, den Beginn des „late
onset”-Trinkverhaltens nach dem allgemeinen Prävalenzgipfel zu datieren. Das kalendarische
Alter wäre dann kein scharf diskriminierender Parameter mehr.
Als Maßstab für die praktischen therapeutischen Konsequenzen und die Therapieplanung
wird oft die Unterscheidung von sog. „jungen Alten” und „älteren Alten” empfohlen.
Die beiden Gruppen werden nach ihrem allgemeinen Gesundheitszustand, ihrer körperlichen
und geistigen Mobilität und ihrer Alltagskompetenz unterschieden [8]. Diese Unterscheidung ist in der Praxis jedoch vor einer Therapie kaum zu treffen,
da sich gerade bei älteren Menschen die körperliche und geistige Kompetenz bei Abstinenz
dramatisch verbessern kann.
Pathophysiologie
Pathophysiologie
Im Alter verändern sich Aufnahme, Verteilung und Ausscheidung von Alkohol im Organismus.
Dies ist u. a. darauf zurückzuführen, dass es im Alter zu einer relativen Abnahme
des Körperwassers, in dem sich der Alkohol als wasserlösliche Substanz verteilt, im
Verhältnis zum Körperfett kommt [43]. Dadurch führt die intravenöse Zufuhr einer definierten Menge Alkohol beim älteren
zu einer deutlich höheren Blutalkoholkonzentration als beim jüngeren Menschen [44].
Nach dem 60. Lebensjahr kommt es zu einem Abfall der ADH-Aktivität im Magen [45]
[46], dies könnte einen Einfluss auf die erhöhten Blutalkoholspiegel nach oraler Alkoholzufuhr
haben, jedoch nicht auf die Alkoholeliminationsrate. Die menschliche Leber wird im
hohen Alter kleiner, der hepatobiliäre Transport gemessen an der Bromsulftalein-Clearance,
nimmt ab [47]
[48], der Leberblutfluss wird vermindert [49]
[50]. Die langsamere Resorption des Alkohols im Gastrointestinaltrakt scheint klinisch
keine Rolle zu spielen.
Bei älteren Ratten fand sich eine verminderte Aktivität des hepatischen mikrosomal-äthanoloxidierenden
Systems (MEOS), durch chronische Alkoholzufuhr konnte die Aktivität der mikrosomalen
Enzyme jedoch induziert werden. Dies geht einher mit einer gesteigerten hepatischen
Fettakkumulation [51]. Bei männlichen Ratten fiel die Konzentration von Cytochrom P-450 mit dem Alter
ab [52], die Verminderung der mitochondrialen hepatischen Acetaldehyd-Dehydrogenase führt
zu höheren Acetaldehydspiegeln und könnte für die gesteigerte Toxizität von Alkohol
im Alter von Bedeutung sein [51]. Bei diesen Ergebnissen handelt es sich um Erkenntnisse aus Tierversuchen, deren
Interpretation im Hinblick auf die Verhältnisse beim Menschen mit großer Vorsicht
geschehen sollte.
Untersuchungen bei älteren Menschen sind schwierig, da das häufige Vorliegen einer
gleichzeitigen somatischen Erkrankung zur Veränderung der Stoffwechselparameter führt.
Die klinische Erfahrung zeigt, dass Intoxikationen und Toleranzentwicklung im Alter
schon bei niedrigeren Trinkmengen auftreten. Hinzu kommt eine erhöhte Sensitivität
des Gehirns gegenüber Alkohol im Alter. Die Kapazität, Alkohol zu metabolisieren,
kann klinisch signifikant beeinträchtigt sein bei zusätzlicher Einnahme von Sedativa/Hypnotika
[53]. Bei gleichzeitig bestehendem Diabetes mellitus, der bei 18 % der älteren Menschen
besteht, wird das Cytochrom-P-450-System beeinträchtigt, so dass diese Menschen weniger
Alkohol und Barbiturate vertragen [54]
[55].
Tab. 2 Altersbedingte biologische Veränderung
klinische Auswirkung |
(patho)physiologisch-biochemische Konsequenz |
veränderte Bedingungen |
höhere Blutalkoholkonzentration |
↓ Verteilungsvolumen |
↓ Körpergewicht, ↑ Körperfett, ↓ Körperwasser, ↓ Eiweißbindung der Medikamente |
erhöhte Sensitivität des Gehirns |
↑ Rezeptorsensitivität |
veränderte Balance zwischen den Transmittersystemen, verlangsamte Anpassung an Reize |
verminderte Alkoholmetabolisierung |
Überlastung der hepatischen Metabolisierungskapazität |
gleichzeitige Einnahme von Sedativa/Hypnotika, bei Diabetes mellitus |
Die Diagnose des Alkoholmissbrauchs bzw. der Alkoholabhängigkeit ist im Alter oft
schwierig. Eine Toleranzentwicklung kann aufgrund physiologischer Veränderungen schon
bei niedrigen Alkoholmengen und einer geringen Dosissteigerung auftreten. Die fortschreitende
Vernachlässigung anderer Interessen ist oft schwer von einem altersentsprechenden
Rückzug zu trennen. Soziale Folgeschäden wie Arbeitsplatzverlust, Trennung vom Lebenspartner
oder Führerscheinverlust gibt es selten. Im Alter treten häufiger demenzielle Prozesse,
Stürze, Gastritiden u. a. Erkrankungen auf, die teilweise schwer von alkoholbedingten
Veränderungen unterschieden werden können [56]. Trotz der erwähnten Schwierigkeiten wird der Selbstbeurteilungsbogen CAGE [57] wegen der Kürze, der leichten Anwendbarkeit und wegen der erwiesenen Effektivität
als Screeninginstrument für ältere Patienten empfohlen [58].
Körperliche und soziale Folgeschäden
Körperliche und soziale Folgeschäden
Praktisch alle Alkoholfolgekrankheiten kumulieren im Alter. Diese Häufung kann bei
late-onset-Trinkern durch eine erhöhte Vulnerabilität im Alter gegen Alkoholfolgeschäden
und bei early-onset-Trinkern durch den längeren Verlauf mit der Akkumulation von schädigenden
Einflüssen erklärt werden. Grundsätzlich ist hier bezüglich kausaler Annahmen jedoch
Vorsicht geboten, da klinisch-epidemiologische Untersuchungen meist im Kontext therapeutischer
Maßnahmen erfolgen. So würden viele Patienten mit Alkoholproblemen gar nicht erfasst,
wenn sie nicht wegen medizinisch relevanter Symptome in Behandlung wären. Da Patienten
mit mehr als einer Diagnose häufiger in ärztlicher Behandlung sind, kann dies zu der
Fehlannahme führen, dass ein Krankheitsbild durch ein anderes bedingt ist.
Im Einzelnen treten folgende Besonderheiten im Alter auf: gehäuft pathologisch veränderte
Laborwerte [59], die 5-Jahres-Mortalität der bei der Erstuntersuchung im Schnitt 69-jährigen Patienten
mit Alkoholmissbrauch liegt bei 30 % [35], die 1-Jahres-Mortalität der alkoholischen Leberzirrhose bei Patienten über 60 Jahren
liegt bei 50 %, während sie bei Patienten unter 60 Jahren nur 7 % beträgt [60]. Bösartige Neubildungen treten häufiger bei älteren Suchtkranken auf, besonders
bei solchen, die gleichzeitig rauchen. Darüber hinaus gibt es eine klare Korrelation
zwischen Magengeschwüren, chronisch obstruktiven Atemwegserkrankungen, Schlaganfällen,
Herzinfarkten und Psoriasis bei Menschen, die in der Vorgeschichte große Mengen Alkohol
tranken [61]
[59].
In der Studie von Finlayson et al. (1988) wurde die Komorbidität mit anderen psychischen
Störungen untersucht. Am häufigsten war eine Nikotinabhängigkeit mit 67 %, es folgten
hirnorganisch bedingte psychische Störungen mit ca. 30 %, affektive Störungen mit
12 % und andere Missbrauchs- bzw. Abhängigkeitsdiagnosen mit 14 % [35]. Das gleichzeitige Auftreten von Angststörungen und Alkoholismus ist im Alter geringer
als bei jüngeren Menschen [62].
Der Verlauf des Alkoholentzugssyndroms ist bei Älteren schwerwiegender, dauert länger
an als bei jungen Menschen und erfordert häufiger eine medikamentöse Behandlung. Verläufe
von 1-2 Wochen sind nicht selten [63]
[64]. Kognitive Defizite, Schlafstörungen, ein stärkerer Blutdruckanstieg werden vermehrt
beobachtet. Die Mortalität des Delirium tremens ist bei alten Menschen signifikant
größer, darüber hinaus entwickeln Abhängige mit zunehmendem Alter schneller ein Delir
[65]. Als möglicher Hintergrund der verstärkten Entzugssymptome werden Auswirkungen eines
lebenslangen Alkoholkonsums, eine erhöhte Sensibilität des Nervensystems und wiederholte
Entzugsepisoden im Sinne eines Kindlingmechanismus diskutiert.
Die Zufuhr größerer Alkoholmengen über mehr als 5 Jahre erhöht das Risiko um das 5fache,
irgendwann im Leben, auch wenn wieder Abstinenz eingetreten ist, an einer klinisch
bedeutsamen Depression oder an einer Demenz zu erkranken [66]. Depressive Störungen treten gehäuft im Zusammenhang mit Missbrauch und Abhängigkeit
von Alkohol und anderen suchterzeugenden Substanzen auf. In einer groß angelegten
Längsschnittuntersuchung in den USA (National Longitudinal Alcoholic Epidemiologic
Survey 1995) lag die Odds Ratio für das gleichzeitige Vorliegen beider Störungen in
einer Kohorte von Patienten über 65 Jahre mit 4.1 deutlich höher als in der Kohorte
jüngerer Patienten mit 2.88 [67]
[68]. Auch liegt die Ursache therapieresistenter depressiver Störungen häufig in einer
gleichzeitig vorliegenden Suchterkrankung. In seltenen Fällen liegt ein Missbrauch
von Antidepressiva mit anticholinerger oder amphetaminähnlicher Wirkungsweise vor
[69]. Schließlich sind die Suizidraten in der Gruppe der alten Menschen und in der Gruppe
der Alkoholabhängigen erhöht, zur Korrelation beider Störungen liegen keine systematischen
epidemiologischen Untersuchungen vor.
Soziale Auswirkungen der Alkoholabhängigkeit treten im Alter anders in Erscheinung.
Insbesondere bei late-onset-Patienten sind Kündigung des Arbeitsplatzes oder Scheidung
vom Ehepartner eher Auslöser als Folge einer Abhängigkeitserkrankung. Dennoch erleben
viele ältere Alkoholabhängige bei Fortschreiten ihrer Erkrankung einen sozialen Abstieg.
Zunächst kommt es zu familiären Auseinandersetzungen wegen des Konsums und der Beschaffung
von Alkoholika, der Verlust von Freunden und Bekannten und gelegentlich auch Ehescheidungen
sind die Folgen. Die soziale Vulnerabilität im Alter scheint erhöht zu sein: Durch
die Beendigung der Berufstätigkeit, die rückläufige geistige und körperliche Mobilität,
wegen des Ablebens gleichaltriger Bekannter und wegen dem im Alter ohnehin verlangsamten
Ablauf der meisten Tätigkeiten werden die sozialen Kontakte seltener, die Menschen
ziehen sich zurück. Durch den Alkoholkonsum bzw. dessen Folgen werden Schuld- und
Schamgefühle verstärkt, dies führt zu einem weiteren Rückzug aus den noch bestehenden
sozialen Bezügen.
Die Lebensqualität im Alter hängt u. a. ab von der Einstellung zum Alter, der Affektlabilität
und der Zufriedenheit [70]. Da unter Alkoholeinfluss eher die weniger effektiven Copingstrategien verwendet
werden, resultieren negative Gefühlszustände, pessimistische Einstellungen, Irritierbarkeit
und wenig zielgerichtete Aktivitäten. Die im Alter ohnehin reduzierte soziale Mobilität
wird durch den Missbrauch von Alkohol weiter verringert. Der Verlust an Lebensqualität
führt oft zu weiterem Alkoholkonsum.
Motivation
Motivation
Obwohl ältere Suchtkranke praktisch alle im Kontakt mit dem medizinischen Hilfssystem
stehen, werden nur wenige einer suchtspezifischen Therapie zugeführt. Dies liegt daran,
dass die guten Behandlungserfolge in dieser Altersgruppe nur wenig bekannt sind und
sich bei Ärzten u. a. Therapeuten ein therapeutischer Nihilismus entwickelt hat. Trotz
guter Erfolgschancen wird nur bei wenigen Patienten eine adäquate Therapie empfohlen
und durchgeführt. Auch die Patienten selbst haben oft eine resignative Grundhaltung.
Deshalb geht die Initiative zu einer Behandlung oft von den Kindern der Betroffenen
aus.
Wichtigstes Hindernis bei der Motivation älterer Menschen zur Therapie sind Schuld-
und Schamgefühle, die in dieser Altersgruppe noch stärker ausgeprägt sind als bei
jüngeren Suchtkranken. Wichtigste Motivation für ältere Menschen ist die Hoffnung,
durch Abstinenz ihre Würde und ihre Selbstachtung zurückzugewinnen. Auch Patienten
mit erkennbar begrenzter Lebenserwartung nennen als Motiv, sich noch der Mühe einer
Entwöhnungsbehandlung zu unterziehen, den Wunsch, die ihnen noch verbliebene Lebenszeit
in Würde und Selbstachtung zu verbringen.
Fallbeispiel: Frau B.
Fallbeispiel: Frau B.
Frau B. ist bei Aufnahme in unserer Fachklinik 84 Jahre alt. Sie ist alkoholabhängig.
Anamnese: Der Vater sei Industriearbeiter gewesen und im Ersten Weltkrieg gefallen,
die Mutter habe Frau B. und ihre 5 Geschwister in den schwierigen Zeiten alleine durchbringen
müssen. Die Kinder hätten durch Hilfsarbeiten dazuverdienen müssen. Dennoch habe Frau
B. acht Jahre lang die Schule besucht. Mit 14 Jahren habe sie als Haushaltshilfe angefangen.
Mit 23 Jahren habe sie geheiratet und zwischen dem 27. und dem 45. Lebensjahr 9 Kinder
bekommen. Davon seien 2 während des Krieges und der Folgejahre bereits als Säuglinge
verstorben. Der Ehemann sei Bahnarbeiter gewesen, er habe gerne gespielt und mit den
Kollegen getrunken, sie habe das Geld zusammenhalten müssen und sei nebenher putzen
gegangen. Als sie 48 Jahre alt gewesen sei, sei der Ehemann verstorben, sie sei alleine
mit 7 Kindern dagestanden und habe zusätzlich als Haushaltshilfe arbeiten müssen.
Ihre Töchter würden sich noch um Frau B. kümmern. Eine Zeitlang habe sie bei einer
Tochter leben können. Dann habe sie eine eigene Wohnung bezogen. Seit 10 Jahren habe
sie zunehmend Alkoholprobleme. Unter Alkohol habe es mehrere Unfälle gegeben, sie
sei umgefallen, einmal habe sie unter Alkoholeinfluss einen Topf auf dem Herd stehen
lassen und die Küche sei in Brand geraten. Die Töchter, die sie zur Aufnahme begleiten,
waren sehr besorgt um das Leben ihrer Mutter, das sie durch den Alkohol gefährdet
sahen. Frau B. war sehr beschämt, als sie in unsere Klinik kam. Sie verharmloste den
Alkoholkonsum und machte stark wechselnde Angaben. Was das Ausmaß des Alkoholkonsums
anging (Likör, Cognac, Klosterfrau-Melissengeist), waren wir auf die Angaben der Töchter
angewiesen. Frau B. hatte zunächst Orientierungsprobleme in der Klinik. Es fiel ihr
schwer, sich zurechtzufinden und die Räume zu finden, die sie aufsuchen wollte oder
sollte. Außerdem waren deutliche Probleme bei der Körperhygiene erkennbar. Sie musste
darin unterstützt werden, sich regelmäßig zu waschen und die Kleidung zu wechseln.
Frau B. pflegte einen sehr eigenwilligen Kommunikationsstil, so dass es wiederholt
zu Konflikten mit Mitpatientinnen kam. In den ersten Therapiewochen musste sie intensiv
unterstützt werden. Als sie sich besser in der Klinik einlebte, wurden die Kontakte
zu Mitpatientinnen deutlich besser. Die Mitpatientinnen erkannten hinter dem eigenwilligen
Verhalten von Frau B. ihren Witz und ihren Humor, während Frau B. ihr Verhalten und
ihre Äußerungen so veränderte, dass sie mit den anderen Patientinnen besser zurechtkam.
Ein wichtiger Schritt für Frau B. war, dass sie in unserer Wäscherei für leichte Aufgaben
eingesetzt wurde. Obwohl ihr dies aufgrund ihrer körperlichen Beschränkungen nur stundenweise
möglich war, fand sie hier ihre Aufgabe und hatte endlich das Gefühl, zur Patientinnengemeinschaft
dazuzugehören. Sie fühlte sich wohl, zeigte Fleiß und Interesse und war verantwortungsbewusst.
Frau B. kehrte nach einer erfolgreichen Therapie zu ihren Töchtern zurück, von denen
eine nach der Trennung von ihrem Ehemann in ihre Wohnung einzog.
Therapie
Therapie
Bei schädlichem Gebrauch ist eine Frühintervention zweckmäßig, z. B. in Form eines
aufklärenden ärztlichen Gesprächs, in dem auf die vorliegenden Warnsymptome hingewiesen
wird. Der ärztliche Rat, evtl. unter Hinzuziehung von Angehörigen, kann zu einer deutlichen
Verminderung der Trinkmenge und damit zu einer Reduktion des Abhängigkeitsrisikos
führen. Liegt bereits eine Abhängigkeit vor, so ist die Motivation zu einer Entgiftungs-
und Entwöhnungsbehandlung notwendig. Die Entwöhnungsbehandlung sollte sich eng an
die vorausgehende Entgiftung anschließen. Bewohner/innen von Pflegeheimen sind meist
nicht mehr in der Lage, sich selbst mit Alkohol zu versorgen. Bei dieser Patientengruppe
kann die Reduktion der Trinkmenge im Sinne eines kontrollierten Trinkens als realistisches
Ziel angestrebt werden.
Prinzipiell werden zwei Behandlungsmodelle unterschieden: zum einen ein gerontologisch
spezialisiertes, milieutherapeutisch ausgerichtetes Konzept, bei dem die älteren PatientInnen
in Gruppen zusammengefasst werden, zum anderen ein integriertes Behandlungskonzept,
bei dem nach dem Durchmischungsprinzip die älteren PatientInnen in eine Mehrgenerationengemeinschaft
aufgenommen werden. In kleinen, überschaubaren Einrichtungen kann das zweite Konzept
realisiert werden, in größeren Kliniken ist eine spezialisierte Abteilung wohl unverzichtbar.
Wir haben gute Erfahrungen mit dem integrierten Behandlungskonzept gemacht. Hier wird
in einem überschaubaren Rahmen in der Mehrgenerationengemeinschaft angestrebt, die
individuellen Ressourcen des Einzelnen zu fördern. So wird durch selbständige Arbeit
und die Weitergabe der eigenen Erfahrungen und Kenntnisse an MitpatientInnen die Autonomie
gefördert. Ein großer Teil der AlterspatientInnen hat aufgrund der Lebenserfahrung
eine große Kompetenz im Bereich der affektiven und kognitiven Urteilsfähigkeit. So
können z. B. Auseinandersetzungen zwischen jüngeren PatientInnen durch treffende Bemerkungen
älterer MitpatientInnen aufgelöst werden.
In der Einzel- wie in der Gruppentherapie werden Themen, die für Senioren wichtig
sind, wie Kriegstraumata, Themen, die mit Religion und Sterben in Verbindung stehen,
Probleme des Abschiednehmens von nahe stehenden Bezugspersonen, Probleme des Alleinseins,
mit der Angst, nach dem Berufsleben oder der Kindererziehung nicht mehr gebraucht
zu werden, mit der Bilanzierung früherer Lebensereignisse („Habe ich damals wirklich
die richtige Entscheidung getroffen?”, „War ich eine gute Mutter?”) sowie Fragen,
die mit der im Zuge der Berentung gewonnenen Freizeit zusammenhängen, bearbeitet.
Hier wird eine Verschiebung der Inhalte weg von eher angstbesetzten und beunruhigenden
Themen hin zu konkreten positiven Zukunftsperspektiven angestrebt. Motor dieser Entwicklung
ist vor allem die gegenseitige Aktivierung. PatientInnen entdecken ihre Kontaktfähigkeit
wieder, erleben es, gemocht zu werden und selbst wieder Sympathien für andere zu empfinden.
Sie machen die Erfahrung, mit ihrem aus vielfältiger Lebenserfahrung entstammenden
Wissensschatz anderen Impulse geben zu können.
Über einen entwicklungs- und lösungsorientierten Ansatz können Kompetenz und Selbständigkeit
verbessert werden. Der Aufbau von Außenkontakten, wie z. B. der begleitete Besuch
der heimatnahen Seniorengruppe, ist Bestandteil der Therapie. Lebensorientierung,
die eine Begegnung mit der Individualität am Ende des Lebensweges ermöglicht, Transzendenz
spüren, erkennen und akzeptieren helfen soll, ist eine wichtige Ergänzung im Rahmen
eines ganzheitlichen Therapiekonzepts.
In der Beschäftigungstherapie sollte der Schwerpunkt zum einen auf dem Erkennen oder
Wiederentdecken eigener Fähigkeiten, zum anderen auf deren Umsetzbarkeit in der individuellen
Lebenssituation liegen. Im Verlauf der Behandlung werden eigene Ideen der PatientInnen
gefördert, um auch Möglichkeiten für spätere Betätigung, z. B. im Sinne einer ehrenamtlichen
Tätigkeit oder einer geringfügigen Beschäftigung, anzuregen. Weiterhin sollen sich
die Patientinnen mit möglichen Hobbys beschäftigen. Auch wenn das Therapieziel der
Wiedereingliederung in das Erwerbsleben in dieser Altersgruppe nicht mehr besteht,
ist es älteren Patientinnen oft wichtig, im Rahmen ihrer Möglichkeiten in die Arbeitstherapie
integriert zu werden. Dadurch finden sie einen Platz in der Gemeinschaft und fühlen
sich nützlich.
Ziel der Bewegungstherapie ist die Wiedererlangung eines positiven Lebensgefühls und
eine Verbesserung der körperlichen Fitness. Ein gutes Körpergefühl verbessert die
individuelle Stimmung. Diese positiven Erfahrungen können nach der Therapie z. B.
im Seniorensport von Vereinen und Volkshochschulen fortgesetzt werden. Tanztherapie,
Krankengymnastik und an die individuelle Leistungsfähigkeit angepasster Sport sollten
unter fachlicher Anleitung stattfinden. Physikalische Behandlungsmaßnahmen und Entspannungsverfahren
können gezielt eingesetzt werden, um körperliche Beschwerden und einschränkende Schmerzen
zu lindern.
Wichtig für die erfolgreiche Wiedereingliederung in die häusliche Umgebung ist neben
der alltagspraktischen Vorbereitung, dass eine zentrale Stelle die Koordination der
verschiedenen Hilfsangebote übernimmt und dem Patienten hilft, einen ihm entsprechenden
Weg zu finden. Diese Funktion sollte von der Suchtberatungsstelle in enger Kooperation
mit dem Hausarzt wahrgenommen werden. Von hier aus kann gemeinsam mit dem Patienten
und seinen Angehörigen entschieden werden, welche Therapiemöglichkeit ambulant oder
stationär aktuell geeignet ist.
Angehörige sollten so weit wie möglich in die Behandlung einbezogen werden. Sie können
an therapeutisch geleiteten Gesprächen, aber auch an Freizeitaktivitäten der PatientInnen,
teilnehmen. Eine Reintegration in die familiären Bezüge wird dabei angestrebt.
Die Versorgung älterer suchtkranker PatientInnen bleibt eine Herausforderung. Es gilt,
einen adäquaten Zugang zu finden und den therapeutischen Nihilismus zu durchbrechen.
Zukünftige Forschungsaktivitäten sollten diese Altersgruppe verstärkt einbeziehen.
So werden älteren Menschen erfolgreiche Behandlungsmaßnahmen, die zu einer wesentlichen
Verbesserung ihrer Lebensqualität und ihrer Lebenserwartung führen können, nicht länger
vorenthalten.