Hamostaseologie 2025; 45(06): 454
DOI: 10.1055/s-0046-1815922
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Thromboseinzidenz nach Verletzungen der unteren Extremitäten

Halloran TPO. et al.
The (T) Thrombosis (I) in patients with (L) Lower (L) Limb (I) injuries (R) requiring (I) immobilisation (TILLIRI) study.
J Thromb Haemost 2025; 23: 947–956
 

Patienten mit Verletzungen der unteren Extremitäten haben ein erhöhtes Risiko für thrombembolische Ereignisse. Einheitliche Vorgaben zur medikamentösen Thromboseprophylaxe in diesen Fällen gibt es jedoch nicht. Die US-amerikanischen Leitlinien beispielsweise empfehlen eine prophylaktische Antikoagulation nur im Falle einer chirurgischen Behandlung, während in Frankreich bei Verletzungen der unterenExtremitäten standardmäßig antikoaguliert wird.


In Irland wiederum gibt es dazu bisher keine nationalen Leitlinienempfehlungen. Deshalb wurde dort nun untersucht, wie häufig Thromembolien bei diesen Patienten in der klinischen Praxis tatsächlich vorkommen und welche Risikofaktoren dabei eine Rolle spielen.

Von den insgesamt 1.242 Patienten, die zwischen 2018 und 2023 an den zehn teilnehmenden Kliniken wegen Frakturen oder Weichteilverletzungen an den Beinen behandelt wurden, wurden 1.179 in die Studie eingeschlossen. Die verletzte Extremität musste im Schnitt für 6 Wochen immobilisiert werden, in den meisten Fällen mit einer Unterschenkelorthese (77%).

Die Entscheidung für oder gegen eine Thromboseprophylaxe richtete sich nach dem klinischen Gesamteindruck bzw. nach den klinikeigenen Vorgaben. Der Großteil der Kohorte erhielt keine Thromboseprophylaxe (1.052 Patienten). Nur 13,6% wurden mit ASS (10%) oder Antikoagulantien (3,6%) behandelt, im Schnitt für 5 bzw. 3,6 Wochen. Einige Patienten nahmen bereits vor der Verletzung regelmäßig Thrombozytenaggregationshemmer ein (5,5%).

Der TRiP(cast)-Score (Thrombosis Risk Prediction for Patients with Cast Immobilisation) der Studienkohorte lag zwischen 0 und 15 (im Schnitt 5, ohne Thromboseprophylaxe: 4,7; mit ASS: 7,1; mit Antikoagulation: 8,5), wobei mehr als ein Fünftel der Patienten einen Punktwert von 7 oder mehr erreichte (22,5%). Fast alle Patienten, die laut diesem Score ein geringes Thromboserisiko hatten (TRiP(cast) < 7), aber auch fast zwei Drittel der TRiP(cast)-Hochrisikogruppe (≥ 7), erhielten keine Thromboseprophylaxe (93% bzw. 62%).

Dennoch kam es nur bei sechs der über 1.100 Patienten während der 90-tägigen Beobachtungszeit zu einem thrombembolischen Ereignis (tiefe Beinvenenthrombose 5, Lungenembolie 1 Fall), was einer kumulativen Inzidenz von 0,51% entspricht. Unter den Betroffenen waren ausschließlich Patienten, die keine Thromboseprophylaxe erhalten hatten. In der ASS- oder Antikoagulantien-Gruppe kamen thrombembolischen Ereignisse nicht vor.

Die niedrige Inzidenz sollte nach Ansicht der Autoren nicht dazu verleiten, generell auf eine Thromboseprophylaxe oder eine adäquate Aufklärung über mögliche Thrombembolien zu verzichten. In Irland erhalten Patienten deshalb beispielsweise standardmäßig eine Karte (Alert Card) mit den wichtigsten Informationen zu den Gefahren einer Thrombose und den möglichen Präventionsmaßnahmen (Bewegung, ausreichend Flüssigkeitszufuhr etc.) sowie den ersten Anzeichen einer Thrombose,um Bewusstsein für diese offenbar seltene aber potenziell lebensbedrohliche Komplikation zu schaffen. Darin enthalten ist auch eine Checkliste mit den wichtigsten Risikofaktoren.

Fazit

Obwohl kaum einer der hier untersuchten Patienten eine gerinnungshemmende Therapie erhalten hatte, waren thrombembolische Ereignisse sehr selten. Insbesondere bei einem TRiP(cast)-Score < 7 besteht off enbar ein geringes Risiko, so dass hier auf eine prophylaktische Gerinnungshemmung verzichtet werden könnte. Aber auch bei diesen Patienten sollte eine adäquate Aufklärung über die Risikofaktoren und die typischen Anzeichen einer Thrombembolie sowie eine routinemäßige Überprüfung des individuellen Risikoprofi ls erfolgen. Und letztlich muss im Zweifel immer fallspezifi sch über die medikamentöse Thromboseprophylaxe entschieden werden.

Stephanie Gräwert, Leipzig



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
08. Januar 2026

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