Gesundheitswesen 2019; 81(07): 564-569
DOI: 10.1055/s-0043-122231
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

„Das liegt an jedem selbst“ - Eine qualitative Studie zu Versorgungsungleichheiten aus Patientensicht

“It Is Up To You”: A Qualitative Study of Inequalities In Healthcare From The Patient’s Perspective

Authors

  • Sara Lena Schröder

    1   Institut für Medizinische Soziologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle (Saale)
  • Olaf Martin

    1   Institut für Medizinische Soziologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle (Saale)
  • Martin Mlinarić

    1   Institut für Medizinische Soziologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle (Saale)
  • Matthias Richter

    1   Institut für Medizinische Soziologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle (Saale)
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Publication History

Publication Date:
07 December 2017 (online)

Zusammenfassung

Ziel der Arbeit Ziel der qualitativen Studie ist es, erstmalig die subjektive Wahrnehmung aus Patientensicht von Ungleichheit in der gesundheitlichen Versorgung zu explorieren.

Methodik Analysiert wurden teilstandardisierte Interviews mit 44 Patienten zwischen 59 und 80 Jahren, die 2014 und 2015 im Universitätsklinikum Halle/Saale geführt wurden. Die Datenauswertung erfolgte induktiv mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse.

Ergebnisse Ein Großteil (82%) der Patienten nahm Versorgungsungleichheiten wahr. Dimensionen von Versorgungsungleichheit waren aus Sicht der Patienten regionale Unterschiede, der Krankenversicherungsstatus, die Qualität des Arztes und die Patienten selbst (Einkommen, Alter). Das Engagement der Patienten bei der Inanspruchnahme war die am häufigsten genannte Dimension von Versorgungsungleichheit, die jedoch von den Patienten nicht als Benachteiligung bewertet wurde. Ungleichheiten wirkten sich aus Sicht der Patienten v. a. im ambulanten Sektor (z. B. Wartezeiten, Zeitmangel) aus. Als Hauptgrund für die Entstehung von Versorgungsungleichheiten wurde die Ökonomisierung im Gesundheitssystem gesehen. Es zeigten sich keine relevanten Unterschiede in der Sichtweise zwischen Patienten mit hohem und niedrigem Sozialstatus.

Schlussfolgerung Der Kompetenz, sich in der Gesundheitsversorgung orientieren und engagieren zu können sowie den Zugangsbarrieren zum ambulanten Sektor wird aus Sicht der Patienten der größte Stellenwert beim Abbau von Ungleichheiten in der Versorgung zugeschrieben.

Abstract

Objective The aim of this qualitative study was to explore inequalities in healthcare from the patient’s perspective.

Methods 44 semi-structured interviews with patients, aged 59–80 years, were conducted at the university hospital in Halle, Germany in 2014 and 2015. We analyzed the narratives following inductive qualitative content analysis.

Results Most of the patients (82%) perceived inequalities in healthcare. Dimensions of healthcare inequalities from the patient’s perspective were regional differences, type of health insurance, quality of physicians and the patients themselves (Income, Age). The patient’s engagement in utilization was mentioned most often as a dimension of inequalities, but not considered a disadvantage. From the patient’s perspective, inequalities were more prevalent in the outpatient sector (waiting time, lack of time). Economization in the healthcare system was viewed as the main reason of healthcare inequalities. We found no differences between patients of high and low socioeconomic status.

Conclusion From the patient´s point of view, their own capacity to orient and engage themselves in the healthcare system, as well as reduction of barriers to accessing outpatient care are highly important for reducing inequalities in healthcare.

Ergänzendes Material