Flug u Reisemed 2017; 24(04): 163
DOI: 10.1055/s-0043-113750
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Hohes Hypertonierisiko und zu selten eine Behandlung

Bluthochdruck bei dänischen SeeleutenDorothee Dengler1
  • 1Hamburg
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Korrespondenzadresse

Dr. med. Dorothee Dengler
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
AG Schifffahrtsmedizin
Seewartenstr. 10, 20459 Hamburg

Publication History

Publication Date:
25 August 2017 (online)

 

Seeleute weisen ein erhöhtes Risiko auf, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu leiden und zu sterben. Die vorliegende Untersuchung befasst sich mit der Prävalenz des Bluthochdrucks als einem der Hauptrisikofaktoren, der Behandlungshäufigkeit und weiteren möglichen Ursachen in maritimen Berufsgruppen.


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655 repräsentativ ausgewählte dänische Seeleute nahmen im Rahmen ihrer verpflichtenden Seediensttauglichkeitsuntersuchung an dieser Querschnitterhebung teil. Die erhobenen Parameter wurden denen der dänischen Bevölkerung als Referenzpopulation gegenübergestellt. Die Ergebnisse der Untersuchungen von 629 Seeleuten wurden altersstratifiziert statistisch ausgewertet.

Bei 281 Personen (44,7 %) wurde Bluthochdruck festgestellt. 263 (41,7 %) der Seeleute stuften die Autoren als prähypertensiv ein. Sie beobachteten einen großen Unterschied zu der Prävalenz von Bluthochdruck in der dänischen Bevölkerung (12,6 %). Sowohl in der Kohorte als auch in der Referenzpopulation nahmen die Prävalenzen mit dem Alter zu. Nur 15 % der an Hypertonie leidenden dänischen Seeleute wurden Selbstauskünften zufolge wegen ihres Bluthochdrucks behandelt. Im Gegensatz dazu erhielten 59 % der Hypertoniker in der Referenzpopulation Medikamente gegen die Erkrankung.

Die Autoren beobachteten für jede Altersstufe ein im Vergleich zur Referenzpopulation höheres kardiovaskuläres Risiko hinsichtlich Prävalenz von Bluthochdruck, fehlender antihypertensiver Therapie und erhöhtem Body-Mass-Index (BMI). Die Unterschiede waren besonders prominent bei jüngeren Seeleuten. Obwohl die Autoren bei 28,6 beziehungsweise 33,3 % (< 20 und bis 29 Jahre) und bei 44,3 % (40 – 49 Jahre) eine Hypertonie diagnostizierten, erhielt keine Person der beiden erstgenannten Gruppen Medikamente gegen Bluthochdruck. Auch bei den Seeleuten zwischen 40 und 50 Jahren stieg die Behandlungsprävalenz nur auf 4,9 % an. Seeleute, deren Arbeit dem Maschinenraum zugeordnet wurde, wiesen die höchste Hypertonieprävalenz auf (49,6 %). Neben Zigaretten- und Alkoholkonsum wurden auch berufliche Risikofaktoren für ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko und Bluthochdruck im maritimen Setting von den Autoren benannt (Verpflegung, sitzende Tätigkeiten, Schichtarbeit und Lärm).

Kommentar

Die hohe, mit dem Alter noch zunehmende Prävalenz von Bluthochdruck und seinen Vorstufen gepaart mit einer beobachteten alarmierenden Unterbehandlung der Seeleute weist auf eine Versorgungslücke hin, die geschlossen werden muss. Hierfür ist es notwendig, bei der Seediensttauglichkeitsprüfung eindringlich auf Abklärungs- und Behandlungsbedarf von auffälligen Befunden hinzuweisen. Zudem sollte zukünftig ein „betriebliches“ Gesundheitsmanagement überall dort, wo Seeleute ihre Ausbildung erhalten und arbeiten, darauf abzielen, dass das Verständnis für die Notwendigkeit einer Intervention bei Seeleuten wächst und präventiv Risikofaktoren für die Entwicklung von Bluthochdruck vermindert werden.

Die Autoren weisen zu Recht auch auf die Institutionsverantwortung in diesem Zusammenhang hin. Dies lässt sich gut am Beispiel der Ernährung bei Vollverpflegung auf hoher See verdeutlichen. Bereits junge Menschen, die sich für eine Ausbildung in maritimen Berufen entscheiden, leiden eher an Übergewicht als ihre Altersgenossen [1]. Diese Tendenz setzt sich im Laufe der Berufstätigkeit fort [2], sodass Seeleute unter Umständen nicht mehr ausreichend fit für ihren anspruchsvollen Beruf sind [3] und/oder dadurch die Arbeitssicherheit gefährdet werden kann [4]. Daher sind sowohl verhaltens- als auch verhältnispräventive Ansätze zur frühzeitigen Intervention zur Vermeidung von Übergewicht erforderlich. Gute Ansätze hierfür sollten im maritimen Setting erprobt und evaluiert werden, um dann überzeugend für ihren Einsatz werben zu können.

FAZIT

Die Autoren beobachten eine gegenüber der Referenzpopulation deutlich erhöhte Prävalenz von Bluthochdruck in allen Altersgruppen ihrer Kohorte dänischer Seeleute. Sie bestätigen damit zitierte Studien aus anderen europäischen Ländern, die ebenfalls zu dem Schluss kommen, dass das maritime Setting ein hohes Risiko birgt, an Bluthochdruck zu erkranken. Die Situation der Seeleute der vorliegenden Studie wird durch eine nicht vorhandene bis sehr geringe antihypertensive Behandlung in jungen Jahren zusätzlich aggraviert. Schwerwiegende Folgen können auch dadurch entstehen, dass stark erhöhte Blutdruckwerte an Bord eher zurückhaltend als medizinischer Notfall gewertet werden. Die Seediensttauglichkeitsprüfung sollte unbedingt auch dazu genutzt werden, über Auffälligkeiten zu informieren, um die notwendige Abklärung eines erhöhten Blutdrucks und damit die Behandlungschancen an Land und auf hoher See zu verbessern.


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Dr. med. Dorothee Dengler
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
AG Schifffahrtsmedizin
Seewartenstr. 10, 20459 Hamburg