CC BY-NC-ND 4.0 · Gesundheitswesen 2018; 80(02): 160-171
DOI: 10.1055/s-0043-110854
Originalarbeit
Eigentümer und Copyright ©Georg Thieme Verlag KG 2018

Trends des Tabak- und Alkoholkonsums über 65 Jahre in Deutschland

Trends of Tobacco and Alcohol Consumption over 65 Years in Germany
Ulrich John
Institut für Sozialmedizin und Prävention, Universitätsmedizin Greifswald
Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK)
,
Monika Hanke
Institut für Sozialmedizin und Prävention, Universitätsmedizin Greifswald
› Author Affiliations
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Korrespondenzadresse

Prof. Ulrich John
Institut für Sozialmedizin und Prävention
Universitätsmedizin Greifswald
Walther-Rathenau-Straße 48
17475 Greifswald

Publication History

Publication Date:
26 July 2017 (eFirst)

 

Zusammenfassung

Ziel Für Deutschland lagen keine Tabak- und Alkoholverbrauchsschätzungen aufgrund von Vermarktungsdaten vor, die öffentlich und für Analysen zeitlicher Trends geeignet sind. Entwicklungen der Tabak- und Alkoholkonsummengen in Deutschland für die Jahre 1950–2014 sollten geschätzt werden.

Methodik Daten über den Tabak- und Alkoholverbrauch der Bundesrepublik Deutschland pro Kalenderjahr von 1950 bis 2014 zu Reinalkoholmengen wurden aufgrund von Meldungen der Produzenten von Bier, Wein und Spirituosen an Steuerbehörden und das Statistische Bundesamt gewonnen. Zeitliche Trends über die 65 Kalenderjahre wurden mithilfe von Joinpoint-Analysen ermittelt.

Ergebnisse Der Tabakkonsum stieg von 1950 bis 1972 an und sank danach, überwiegend mit 1,2–6,9 Prozentpunkten pro Jahr, bis zum Ende des Beobachtungszeitraumes 2014. Der Alkoholkonsum stieg bis zum Jahr 1974 an und sank danach mit 1,0 Prozentpunkten jährlich bis zum Ende des Beobachtungszeitraumes 2014.

Schlussfolgerungen Erklären lassen sich die Befunde u. a. mit Änderungen sozialer Normen zum Konsum nach Gesetzänderungen, zu Tabakrauchen u. a. durch Steuererhöhungen, Nichtraucher- und Jugendschutz, zu Alkoholkonsum u. a. durch Gesetze der Sicherheit im Straßenverkehr. Nach Einführung einzelner gesetzlicher Leistungen war eine Beschleunigung der Senkung des Tabakrauchens beobachtbar. Die Tabak- und Alkoholkonsummengen in Deutschland sind dennoch im internationalen Vergleich nach wie vor hoch am Ende des Beobachtungszeitraumes 2014.


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Abstract

Aim No estimation was available for tobacco and for alcohol consumption in Germany based on sales data that were provided for public use and suited for time trend analysis.

Objectives To estimate trends of tobacco and alcohol consumption rates for the years 1950–2014.

Methods Data on tobacco and alcohol consumption in the nation were retrieved from reports made by producers of beer, wine, or spirits to the Federal Statistics Office of Germany. Time trends over the 65 years were calculated using the program Joinpoint.

Results Tobacco consumption rose from 1950 to 1972. Thereafter it decreased, mostly by 1.2–6.9 percentage points per year. Alcohol consumption rose until the year 1974 and decreased thereafter by 1.0 percentage points annually until the end of the time period under analysis in 2014.

Conclusions The findings may be explained, among others, by changes of social norms according to smoking and alcohol consumption after tax increases, nonsmoker and youth protection laws, and legislative measures against driving under the influence of alcohol. A steepening of the decrease in tobacco consumption occurred after laws including tax increases had come into effect. However, the tobacco and alcohol consumption levels were still high at the end of the observation period in 2014.


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Einleitung

Zeitliche Trends von Tabak- und Alkoholkonsummengen in Nationen gehören zu Outcome-Parametern von Prävention [1]. Sie lassen sich durch Daten der Vermarktung (Steuer- und Herstellerdaten) schätzen, die zeigen, wie viel Tabakwaren und wie viel Alkohol in welcher Art von Getränk den Verbrauchern zur Verfügung gestellt werden. Steuerdaten sind nutzbar bei Tabakwaren, Bier, Schaumwein, Zwischenerzeugnissen, wie Sherry oder Portwein, sowie bei Spirituosen. Bei Wein handelt es sich um Meldungen der Hersteller. Wein unterliegt in Deutschland keiner Besteuerung. Vermarktungsdaten können der Schätzung der Tabak- und Alkoholmengen dienen, die von den Verbrauchern in Deutschland erworben werden. Relationen nationalen Tabak- und Alkoholkonsums mit weiteren Merkmalen, insbesondere Morbidität und Mortalität, aber auch potenziellen sozialen und wirtschaftlichen Folgen des Tabak- und Alkoholkonsums lassen sich berechnen. So zeigen Befunde Zusammenhänge zwischen dem Gesamtalkoholkonsum einer Nation einerseits und exzessivem Konsum sowie alkoholbezogenen Schäden andererseits [2].

Vermarktungsdaten bilden neben Personenbefragungen eine Informationsquelle über den Tabak- und Alkoholkonsum einer Nation. Sie erlauben aber keine Aussagen über Subgruppen der Bevölkerung, z. B. nach Geschlecht oder Lebensalter. Vermarktungsdaten weisen andere Verzerrungen der Aussagen auf als Daten von Bevölkerungsbefragungen. Vermarktungsdaten lassen zollfreie Einfuhr, Schmuggel, Verschenken von Alkohol in das Ausland sowie nicht konsumierten Alkohol unberücksichtigt [vgl. [3]. Das Ausmaß dieser Verzerrungen der Schätzung des Alkoholkonsums in der Bevölkerung ist nicht bekannt. Sie sind als geringfügig zu erwarten in Nationen, die bezogen auf das Einkommen niedrige Preise für Alkohol haben. Das trifft für Deutschland zu [4]. Dem stehen Verzerrungen von Surveydaten gegenüber, v. a. Fehlberichte der Befragten durch Nennung geringeren Konsums als tatsächlich erfolgt (underreporting) [5]. Das Ausmaß lässt sich schätzen durch einen systematischen Vergleich von Ergebnissen staatlicher Statistiken aufgrund von Vermarktungsdaten und Ergebnissen aus Bevölkerungssurveys. Deutschland und Frankreich hatten den höchsten Konsum aufgrund der Statistiken, aufgrund eines Surveys den niedrigsten. Er betrug in Deutschland 31% und in Frankreich 36% des Konsums, der aufgrund der Vermarktungsdaten in offiziellen Statistiken zu erwarten war [2].

Tabak- und Alkoholkonsum sind miteinander verbunden [6] [7]. Sie gemeinsam zu analysieren ist aus Gründen sinnvoll, die durch epidemiologische, klinische und psychologische Evidenz dargelegt wurden [6]. Z. B. zeigte epidemiologische Forschung, dass Menschen mit problematischem Alkoholkonsum wahrscheinlicher auch Raucher sind als Menschen ohne problematischen Alkoholkonsum. Mit der Zahl der Zigaretten steigt die Wahrscheinlichkeit einer Alkoholabhängigkeit [6]. Klinische Evidenz belegt, dass Menschen mit gesundheitlichen Schäden durch Alkohol auch überdurchschnittlich wahrscheinlich Tabakraucher sind. Unter Patienten, die wegen Alkoholproblemen behandelt wurden, waren mehr als 75% auch Tabakraucher [8]. Psychologische Evidenz zeigt, dass Alkoholkonsum das Bedürfnis Tabak zu rauchen steigert (vgl. (6]).

Deutschland weist im internationalen Vergleich hohen Tabak- und hohen Alkoholkonsum auf. Für das Jahr 2014 wurde die Zahl der Zigaretten pro Bundesbürgerin oder -bürger im Alter ab 15 Jahren mit 1480 angegeben, höher als in präventionsaktiveren Ländern, wie Frankreich (993 Zigaretten), Schweden (831 Zigaretten), England (827 Zigaretten), Norwegen (556 Zigaretten) und Island (551 Zigaretten) [9]. Der Alkoholkonsum Deutschlands entspricht dem neunten Rang unter 40 Mitglieds- oder Partnerländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) [10].

Limitationen des bisherigen Wissens bestehen darin, dass für Deutschland keine Tabak- und Alkoholverbrauchsschätzungen aufgrund von Vermarktungsdaten vorlagen, die 3 Kriterien erfüllen: Nachprüfbarkeit, je ein Mengenwert für den Tabak- und den Alkoholkonsum der Nation pro Kalenderjahr sowie Eignung für Analysen zeitlicher Trends. Die Nachprüfbarkeit bisheriger Daten zum Alkoholkonsum ist ungenügend.

Als Schätzer des gesamten Tabak- und Alkoholkonsums der Bundesrepublik Deutschland wurde seit Jahren je ein Mengenwert veröffentlicht [11] [12]. Zum Tabakkonsum wurde aber keine einheitliche Umrechnung von losem Rauchtabak in Zigarettenäquivalente vorgenommen. Tabak- und Alkoholkonsum wurden pro Bundesbürgerin oder -bürger angegeben, nicht standardisiert für die Bevölkerung im Lebensalter, in dem überwiegend Tabak und Alkohol konsumiert wird, im Lebensalter ab 15 Jahren. Dieses Alter ist international üblich bei Darstellungen des Alkoholkonsums. Es erleichtert Vergleiche mit anderen Nationen [10] [13]. Die bisher publizierten Mengenwerte zu Alkohol basieren zu wenig auf verfügbarer Evidenz. Für Bier wurden international überwiegend 4–5 Volumen-% Alkohol, für Wein 11–16 Volumen-% Alkohol und für Spirituosen 40 Volumen-% Alkohol angenommen [10] [13]. Durch die Spannweite dieser Grenzen und durch die Marktvielfalt sind diese Schätzungen unzureichend. Für Deutschland liegt seit dem Jahr 2000 die Empfehlung einer Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern und Vertretern der Bier und der Spirituosen herstellenden Industrie vor, pauschal Bier mit 4,8, Wein oder Sekt mit 11,0 und Spirituosen mit 33,0 Volumen-% Alkohol zu werten [14]. Diese Prozent-Angaben entstanden durch Einigungen. Eine empirische Grundlage ist öffentlich nicht zugänglich (vgl. [11]). Die Berechnung zeitlicher Trends erfordert, dass für alle Kalenderjahre die gleichen Kriterien für die Schätzung galten.

Ziel der Studie war, zeitliche Trends der Tabak- und Alkoholkonsummengen in Deutschland für die Jahre 1950–2014 zu schätzen.


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Methoden

Daten

Die verwendeten Daten des Tabak- und des Alkoholkonsums stammen von Erzeugern. Die Daten sind Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes entnommen. Sie enthalten die Angaben der Erzeuger über die Hauptzollämter oder im Fall von Wein über die Statistischen Landesämter, denen die Weinerzeugermeldungen vorliegen. Zum Tabakrauchen nutzten wir Mengengaben mit der Zahl versteuerter Zigaretten, Zigarren, Zigarillos sowie Tonnen Feinschnitt- und Pfeifentabak [15] [16] [17]. Die Tabakmengen rechneten wir in Zigarettenäquivalente um auf der Grundlage einer Empfehlung der OECD. Danach werden eine Zigarette, ein Gramm Feinschnitt- oder ein Gramm Pfeifentabak als ein Zigarettenäquivalent und Zigarren oder Zigarillos als 2 Zigarettenäquivalente gewertet [18]. Zu Kautabak fanden wir keine verwertbaren Daten.

Für Bier nutzten wir die jährlich in den Handel gebrachen Mengen aufgrund von Meldungen der Hauptzollämter an das Statistische Bundesamt [16] [19] [20] [21] [22] [23] [24] [25] [26] [27] [28] [29] [30] [31] [32] [33] [34] [35] [36] [37] [38] [39] [40] [41] [42] [43] [44] [45] [46] [47] [48] [49] [50] [51] [52] [53] [54] [55]. Die Menge an produziertem Weinmost und Wein wird aus der Meldung der Erzeuger an die Statistischen Landesämter aufgrund der Traubenernte- und Weinerzeugungsmeldung gemäß EU- und Bundesrecht weiter an das Statistische Bundesamt übermittelt [16] [17] [55] [56] [57] [58] [59] [60] [61] [62] [63] [64] [65] [66] [67] [68] [69] [70] [71] [72] [73] [74] [75] [76] [77] [78] [79] [80] [81] [82] [83] [84] [85]. Für die Bestimmung des Alkoholgehaltes verwendeten wir die jährlichen Mostgewichte von Rot- und Weißwein [59] [60] [61] [62] [63] [64] [65] [66] [67] [68] [69] [70] [71] [72] [73] [74] [75] [76] [77] [78] [79] [80] [81] [82] [83] [84] [85]. Die Meldung der Weinerzeuger erfolgt in Wirtschaftsjahren, die nicht mit Kalenderjahren übereinstimmen. Angaben zu Schaumwein und Zwischenerzeugnissen werden über Steuerdaten aus den Hauptzollämtern vom Statistischen Bundesamt zusammengefasst mit den Meldungen über die produzierten Weinmengen zur Verfügung gestellt. Wein, der für Branntwein oder nicht zu Trinkzwecken produziert wurde, blieb bei Alkohol aus Wein unberücksichtigt. Für die Schätzung des Reinalkohols aus Spirituosen nutzten wir Angaben des Statistischen Bundesamtes [16] [17] [55]. Für Spirituosen wird im Rahmen der Branntweinsteuerstatistik die Menge verarbeiteten reinen Alkohols über die Hauptzollämter an das Statistische Bundesamt gemeldet. Export und Import von Bier, Wein, Schaumwein, Zwischenerzeugnissen sowie Spirituosen sind in den Angaben des Statistischen Bundesamtes und in unseren Schätzungen berücksichtigt.


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Alkoholmengen

Die in Deutschland pro Kalenderjahr konsumierten Mengen Reinalkohols wurden zunächst für Bier, Wein und Spirituosen getrennt geschätzt. Für Bier lagen Angaben zu Hektolitern vor, seit dem Jahr 1956 differenziert nach Stammwürze. Aus der Stammwürze schätzten wir Volumen-Prozent und Liter Reinalkohol [86]. Die Stammwürze ist in Grad Plato mit variierender Genauigkeit angegeben, für die Jahre 1956–1992 in 2–5,5 (Einfachbier), 7–8 (Schankbier), 11–14 (Vollbier), 16 und mehr (Starkbier). Für die Jahre 1986–1992 waren nur Angaben als ober- und untergäriges Einfach-, Voll- und Starkbier verfügbar, für 1993–1997 aufgrund des Biersteuergesetzes von 1993 jeweils folgende Grade Plato: 1–6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14 oder höher. Für 1998–2014 lagen die Angaben weiter differenziert vor (1–4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22–35 Grad Plato). Die Daten seit 1993 lassen sich als hinreichend genau werten. Aus ihnen wurden die Mengen an Reinalkohol bestimmt [19] [20] [21] [22] [23] [24] [25] [26] [27] [28] [30] [32] [34] [36] [38] [40] [42] [44] [46] [48] [50] [52]. Um zu einer Schätzung der Volumen-% Alkohol für die Jahre 1950 bis 1992 zu kommen, diente als Grundlage, dass in den Jahren 1993–2014 mehr als 90% des Bieres 11 Grad Plato aufwiesen. In den Jahren 1956–1985 hatten mehr als 98% des Bieres 11–14 Grad Plato. Aufgrund dieser Informationen werteten wir für die Jahre 1950–1992 die Volumen-% für Bier pauschal mit 4,8%.

Ex- und Importe von Bier sind in den Daten des Statistischen Bundesamtes in den Jahren 1950–1992 bereits berücksichtigt. Für die Jahre 1993–2014 berechneten wir differenziert nach Grad-Plato-Gruppen die in Deutschland vermarkteten Biermengen abzüglich der Exporte in EU- und Drittländer und zuzüglich der Importe aus Drittländern [29] [31] [33] [35] [37] [39] [41] [43] [45] [47] [49] [51] [53] [54]. Für diese Teilmengen wurden die gleichen Reinalkoholanteile wie für die in Deutschland vermarktete Biermenge zugrunde gelegt. Importe aus EU-Ländern sind in den Grad-Plato-Angaben des Statistischen Bundesamtes enthalten.

Biermischungen werden aufgrund des Biersteuergesetzes von 1993 von Bier getrennt erfasst, die Mengen vom Statistischen Bundesamt seit dem Jahr 1997 veröffentlicht [23] [24] [25] [26] [27] [28] [30] [32] [34] [36] [38] [40] [42] [44] [46] [48] [50] [52]. Biermischungen schätzten wir aufgrund von Angaben der 17 Produzenten, die im Jahr 2014 mehr als eine Million Hektoliter Bier pro Region in Deutschland verkauften [87] mit 2,5 Volumen-% Alkohol.

Für Wein wurde der Gehalt an Reinalkohol in 3 Schritten ermittelt. Im ersten Schritt bestimmten wir für jedes Kalenderjahr den durchschnittlichen Alkoholgehalt des Weines. Dazu dienten aus der Statistik über den Anbau von Rot- und Weißwein in Deutschland die Öchsle-Grade des Rot- und des Weißmostes. Für die Jahre 1951–2010 (außer 1954) wurden die einschlägigen Statistischen Jahrbücher für die Bundesrepublik Deutschland verwendet [59] [60] [61] [62] [63] [64] [65] [66] [67] [68] [69] [70] [71] [72] [73] [74] [75] [76] [77] [78] [79] [80] [81] [82]. Für die Jahre 1950 und 1954 fanden wir keine deutschlandweiten Daten und nutzten ausschließlich Daten der Weinmosternte Rheinland-Pfalz [85]. Für 2011–2014 bildeten Daten einer Fachserie des Statistischen Bundesamtes die Grundlage [83] [84]. Öchsle-Grade wurden für die Schätzung der Volumen-% Reinalkohol im Wein für jedes einzelne Kalenderjahr der Deutschen Weinordnung gemäß [88] zu Grunde gelegt. Im zweiten Schritt wurde der Mengenanteil Alkohol aus Rot- und Weißwein bestimmt, ebenfalls aufgrund des Mostes. Daraus schätzten wir jeweils den Anteil Alkohol aus Rot- und aus Weißwein. Im dritten Schritt wurde nach diesen beiden Anteilen gewichtet die Alkoholmenge von Wein insgesamt pro Kalenderjahr bestimmt. Für die Berechnungen nutzten wir Stata 14.2 [89].


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Datenanalyse

Analysiert wurden die vermarkteten Tabak- und Alkoholmengen und die Bevölkerungszahlen der Bundesrepublik Deutschland für die 65 Jahre von 1950 bis 2014 [90] [91] [92] [93]. Für das Jahr 1990, in dem die ehemalige Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland zu einer Nation vereinigt wurden, sind vom Statistischen Bundesamt keine Daten bereitgestellt. Daher wurde für die Tabak- und Alkoholmengen der Mittelwert der Jahre 1988 und 1989 genutzt. Für die Bevölkerungszahlen legten wir für 1990 die der alten Bundesländer zugrunde. Für Spirituosen im Jahr 2010 setzten wir den Mittelwert der Jahre 2009 und 2011 ein, weil wegen steuerrechtlicher Änderungen Angaben fehlten, die jedoch keinen Einfluss auf unsere Mengenangaben zu Reinalkohol haben. Sowohl Tabak- als auch Alkoholkonsum sind pro Bundesbürgerin oder -bürger im Alter ab 15 Jahren dargestellt ([Tab. 1]). Der Berechnung zeitlicher Trends diente das Programm Joinpoint, Version 4.1.1 [94] [95]. Es ermittelt auf regressionsanalytischem Wege Trends, die als signifikant steigend, signifikant sinkend oder bei Nichtsignifikanz als stagnierend beschreibbar sind. Die Stärke der Steigung oder Senkung wird in jährlichen Prozentpunkten beschrieben [94] [95]. Wir legten maximal 5 Trends fest unter dem Aspekt hinreichender Detailliertheit bei gleichzeitiger Übersichtlichkeit von Trends. Zusätzlich werden Ergebnisse der Joinpoint-Analysen mit maximal 4 Trends dargestellt.

Tab. 1 Konsum von Zigarettenäquivalenten und Litern Reinalkohol pro Bundesbürger/in im Alter ab 15 Jahren in den Jahren 1950 bis 2014.

Jahr

Zigaretten-äquivalentea

Liter Reinalkohol

Bier

Wein

Spirituosen

Gesamt

1950

1380

2,11

0,50

1,38

3,99

1951

1504

2,73

0,71

1,36

4,80

1952

1509

3,08

1,00

1,31

5,40

1953

1553

3,38

1,15

1,36

5,88

1954

1577

3,48

0,81

1,43

5,72

1955

1661

3,88

0,96

1,60

6,44

1956

1741

4,23

0,88

1,83

6,94

1957

1822

4,84

0,88

1,98

7,70

1958

1874

5,05

0,84

2,11

8,00

1959

1953

5,43

1,56

2,13

9,13

1960

2053

5,76

1,20

2,43

9,39

1961

2174

6,20

1,60

2,69

10,49

1962

2253

6,57

1,57

3,04

11,18

1963

2272

6,98

1,51

3,26

11,75

1964

2380

7,54

1,60

3,08

12,21

1965

2455

7,54

1,45

3,52

12,51

1966

2541

7,81

2,02

3,04

12,87

1967

2497

7,94

1,92

2,90

12,76

1968

2609

8,06

1,54

3,36

12,96

1969

2703

8,44

1,87

3,56

13,87

1970

2810

8,76

1,75

3,89

14,41

1971

2919

8,96

2,61

4,29

15,86

1972

2905

8,99

2,00

3,78

14,77

1973

2862

9,03

2,52

3,87

15,42

1974

2899

9,02

2,25

3,38

14,65

1975

2815

9,04

2,94

3,87

15,84

1976

2916

9,14

3,36

4,20

16,70

1977

2715

8,92

2,56

3,65

15,13

1978

2820

8,65

2,74

3,71

15,11

1979

2825

8,53

2,97

4,12

15,63

1980

2863

8,50

2,85

3,71

15,06

1981

2875

8,51

2,89

3,37

14,77

1982

2691

8,53

2,70

3,04

14,27

1983

2745

8,50

3,09

2,90

14,50

1984

2713

8,22

2,46

2,75

13,42

1985

2711

8,21

3,02

2,78

14,01

1986

2646

8,23

2,44

2,68

13,35

1987

2644

8,07

2,69

2,61

13,37

1988

2597

8,02

3,06

2,47

13,55

1989

2601

7,97

3,01

2,33

13,31

1990

2599b

7,99b

3,04b

2,40b

13,43b

1991

2466

8,07

2,50

2,82

13,39

1992

2281

8,19

2,69

2,57

13,45

1993

2193

7,25

2,91

2,94

13,10

1994

2252

7,37

2,60

2,82

12,80

1995

2244

7,26

2,51

2,82

12,59

1996

2236

7,04

2,68

2,76

12,48

1997

2263

6,99

2,96

2,67

12,62

1998

2290

6,77

2,69

2,67

12,13

1999

2380

6,75

2,97

2,56

12,28

2000

2306

6,60

2,84

2,56

12,01

2001

2360

6,43

2,96

2,53

11,92

2002

2390

6,37

2,91

2,43

11,71

2003

2250

6,14

3,39

2,34

11,87

2004

2043

6,01

2,78

2,48

11,26

2005

1948

5,92

2,96

2,30

11,19

2006

1809

5,95

3,10

2,53

11,58

2007

1812

5,71

3,06

2,47

11,24

2008

1717

5,68

2,97

2,45

11,09

2009

1687

5,57

3,23

2,28

11,08

2010

1663

5,42

2,94

2,33c

10,69

2011

1782

5,49

3,14

2,42

11,04

2012

1689

5,35

3,18

2,45

10,98

2013

1630

5,24

3,06

2,41

10,71

2014

1621

5,25

2,85

2,47

10,58

a 1 Zigarette oder 1 Gramm Feinschnitt- oder Pfeifentabak oder 0,5 Zigarre oder 0,5 Zigarillo; b Mittelwert aus den Jahren 1988 und 1989; c Mittelwert aus den Jahren 2009 und 2011; Gesamt kann Rundungsfehler enthalten


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Ergebnisse

Der Tabakkonsum in Deutschland stieg von 1950 bis 1972 in einem Trend an ([Tab. 2], [Abb. 1]). Die höchste Zahl der Zigarettenäquivalente im Analysezeitraum betrug pro Bürgerin oder Bürger im Alter ab 15 Jahren 2919 ([Tab. 1]). Das war im Jahr 1971. Der Tabakkonsum sank ab dem Jahr 1972 um 1,2 Prozentpunkte pro Jahr bis zum Jahr 2014, unterbrochen durch 2 kürzere Trends. Einer davon war eine Senkung des Konsums um jährlich 6,9 Prozentpunkte von 2002 bis 2006. Die Zahl der Zigarettenäquivalente im Jahr 2014 betrug 1621. Am Ende des gesamten Analysezeitraumes von 65 Jahren war der Tabakkonsum nicht niedriger als zu Beginn.

Zoom Image
Abb. 1 Trends des Tabakkonsums 1950–2014.

Tab. 2 Tabak und Alkohol a: Trends der Jahre 1950 –2014.

Trends maximal b

Trend Nr.

1

2

3

4

5

0

Jahre

APC

Jahre

APC

Jahre

APC

Jahre

APC

Jahre

APC

1952–2014 AAPC

Zigarettenäquivalente c: Anzahl

5

1950–1972

+3,5*

1972–1997

−1,2*

1997–2002

+1,1 ns

2002–2006

−6,9*

2006–2014

−1,2*

+0,2 ns

4

1950–1971

+3,6*

1971–2003

−0,9*

2003–2006

−6,7 ns

2006–2014

−1,2*

+0,2 ns

3

1950–1971

+3,6*

1971–2001

−1,0*

2001–2014

−2,8*

+0,1 ns

Reinalkohol: Liter

5

1950–1952

+13,9*

1952–1963

+7,6*

1963–1974

+2,6*

1974–2014

−1,0*d

+1,5*

4

1950–1962

+8,3*

1962–1973

+3,1*

1973–2014

−1,0*e

+1,4*

Joinpoint-Analysen

APC Jährliche Änderung Prozentpunkte

AAPC Durchschnittliche jährliche Änderung Prozentpunkte. ns nicht signifikant

*p<0,05. a Menge vermarktet pro Bürgerin oder Bürger im Alter ab 15 Jahren; b In Programm Joinpoint vorgegeben; c Zigarettenäquivalent: 1 Zigarette oder 1 Gramm Pfeifentabak oder 1 Gramm Feinschnitt-Tabak oder 0,5 Zigarre oder 0,5 Zigarillo; d 4 joinpoints möglich, 3 ermittelt durch Programm Joinpoint. e 2 joinpoints möglich, 2 ermittelt durch Programm Joinpoint

Der Alkoholverbrauch stieg seit 1950 in 3 einzelnen, jeweils schwächer werdenden Trends bis zum Jahr 1974 ([Tab. 2], [Abb. 2]). Von 1974 bis zum Ende des Analysezeitraumes sank der Konsum mit jährlich 1,0 Prozentpunkten. Der höchste Konsum in den 65 Jahren betrug 16,7 Liter Reinalkohol pro Einwohnerin oder Einwohner im Alter ab 15 Jahren, im Jahr 2014 waren es 10,6 Liter. Am Ende des Analysezeitraumes von 65 Jahren war der Alkoholkonsum höher als zu Beginn.

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Abb. 2 Trends des Alkoholkonsums 1950–2014.

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Diskussion

2 Ergebnisse sind hervorzuheben. Erstens zeigen die Trendanalysen nach Anstiegen des Tabak- und des Alkoholkonsums moderate Konsumsenkungen. Zweitens fällt die Parallelität der beiden Konsumentwicklungen auf.

Zeitliche Trends

Der Tabakkonsum stieg bis zum Jahr 1972 und sank danach. Am Ende des Beobachtungszeitraumes im Jahr 2014 war er noch sehr hoch, 65 Jahre nach den ersten international anerkannten Publikationen zum Zusammenhang von Tabakrauchen und Krankheiten im Jahr 1950 [96]. Für Alkoholkonsum zeigen die Ergebnisse bis zum Jahr 1974 Anstiege, gefolgt von einer moderaten Senkung. Der Alkoholkonsum lag aber im Jahr 2014 noch über dem Niveau des Jahres 1960 und blieb auch im internationalen Vergleich sehr hoch.

Die Senkungen des Tabakrauchens folgen einem internationalen Trend der Reduktion altersstandardisierter Raten täglicher Raucher [97]. Dennoch wurde Deutschland als eine der 10 Nationen mit dem höchsten Tabakkonsum im Jahr 2014 gewertet [9]. In den USA stieg in den Jahren von 1950 bis 1976 die Zahl der Zigaretten pro Einwohner oder Einwohnerin von 2390 auf 2905. Danach sank sie auf 921 im Jahr 2012 [98], wenngleich zunehmend Zigarren und loser Tabak in den USA im Zeitraum 2002–2012 gekauft wurden [99]. In Kalifornien, einem besonders präventionsaktiven Staat, gab es nach Präventionsmaßnahmen noch stärkere Senkungen der Zahl der Zigaretten pro Einwohner oder Einwohnerin, sowohl im Vergleich zur Zeit vor Präventionsaktivitäten mit gesetzgeberischen Maßnahmen als auch im Vergleich zu den USA ohne Kalifornien [100]. In Deutschland war der Alkoholkonsum im Jahr 2014 noch so beträchtlich, dass die Bundesrepublik zu den 9 Ländern mit dem höchsten Konsum unter 40 Mitglieds- oder Partnerländern der OECD zählte [10]. Die Konsumänderungen bei Alkohol entsprechen einem Trend in Europa. In Frankreich, Griechenland, Italien, Portugal und Spanien sank der Alkoholverbrauch nach dem Höhepunkt von 14 Litern Reinalkohol pro Einwohnerin oder Einwohner im Jahr 1974 [10] [101].

Zu Erklärungen der beiden Trendkurven gehören Änderungen sozialer Normen. Sie prägen Verhaltensentscheidungen von Einzelpersonen. Soziale Normen des Konsums von Tabak und Alkohol werden insbesondere durch Gesetze und durch Förderung von Gesundheitsbewusstsein geändert [102]. Gesetzliche Regelungen sind international als besonders wirksamer Weg bewährt, Tabakrauchen und gesundheitsriskanten Alkoholkonsum unattraktiv zu machen. Gesetze können, müssen aber nicht mit dem Ziel der Prävention tabak- oder alkoholbezogener Krankheiten erlassen sein. Änderungen sozialer Normen finden u. a. aufgrund dreier gesellschaftlicher Veränderungen statt: einzelne gesetzliche Regelungen, ökonomische Gesichtspunkte sowie Schulbildung.

Gesetzliche Regelungen bilden ein zu bevorzugendes Instrument der Prävention tabak- und alkoholbezogener Krankheiten [103]. Gesetze können die Konsumsenkung beschleunigen, wie Befunde unserer Arbeit nahelegen. Die Intensivierung der Reduktion des Tabakkonsums von anfangs 1,2 Prozentpunkten auf 6,9 Prozentpunkte seit dem Jahr 2002 erscheint plausibel vor dem Hintergrund der Preisanhebungen ab dem Jahr 2002. Zigaretten wurden 2002 –2005 in mehreren Stufen um 51,8% des Preises von 2001 verteuert [104] nach stabilen Zigarettenpreisen der Jahre 1990–2000 [105]. Ab dem Jahr 2002 erfolgten gesetzliche Maßnahmen des Jugendschutzes und der Einschränkung von Werbung für Tabakprodukte. Warnhinweise auf Zigarettenpackungen mussten vergrößert werden, 2004 wurden Arbeitnehmer am Arbeitsplatz vor Tabakrauch besser geschützt. Nach dem Jahr 2006 konnten weitere Maßnahmen die Stärke der Reduktion nicht aufrecht erhalten. Im Jahr 2007 wurde das Nichtraucherschutzgesetz in Bund und Ländern erlassen, 2007 erfolgte die Verbesserung des Jugendschutzes durch Anhebung der Lebensaltersgrenze zum Erwerb von Tabakwaren auf 18 Jahre. Automaten wurden mit einem Prüfsystem für Chip-Karten mit Informationen zum Lebensalter ausgerüstet, 2007 wurden Tabakwerbung in Printmedien und Internet verboten und Sponsoring von Sportveranstaltungen durch Tabakfirmen eingeschränkt [12] [106]. Die Befunde ermutigen, diese Maßnahmen als Start für weitere Gesetzesinitiativen zu nehmen. Hinsichtlich der Präventionsaktivitäten zum Tabakrauchen im Jahr 2013 befand sich Deutschland unter 34 europäische Ländern auf dem vorletzten Rang [107].

Zur Alkoholkonsumsenkung können 2 gesetzliche Aktionsfelder der Prävention beigetragen haben: Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und ein Gesetz zum Schutz junger Menschen. Die Maßnahmen der Verkehrssicherheit umfassen Senkungen der zulässigen Blut-Alkohol-Konzentration (BAK). Sie können die Verringerung des Alkoholverbrauches gefördert haben, wenn man berücksichtigt, dass Autos zu einem alltäglichen Fortbewegungsmittel in der ganzen Bevölkerung wurden. Auch das berufliche Angewiesensein auf die Fahrerlaubnis kann die Gelegenheiten zum Alkoholkonsum verringert haben. Im Jahr 1960 waren in Deutschland 0,19, im Jahr 1970 0,38, im Jahr 1980 0,57, im Jahr 1990 0,69 und im Jahr 2000 0,77 Kraftfahrzeuge pro erwachsener Einwohner/in zugelassen [108]. Die Zahl der Straßenverkehrsunfälle, bei denen mind. eine der beteiligten Personen unter Alkoholeinfluss stand, verringerte sich von 25690 im Jahr 2001 auf 13612 in 2014 [109]. Im Jahr 1953 bestand die 1,5-Promille-Grenze BAK für absolute Fahruntüchtigkeit laut Strafgesetzbuch. Sie wurde 1966 auf 1,3 Promille gesenkt. Ab Juli 1973 galten 0,8–1,29 Promille BAK als Ordnungswidrigkeit mit Geldbußen bis 3000 DM und „im Regelfall“ 3 Monaten Fahrerlaubnis-Entzug. Ab 1,3 Promille BAK lag eine Straftat vor. Im Jahr 1998 wurde die zweistufige Promillegrenze eingeführt. Ab 0,5 Promille BAK lag eine Ordnungswidrigkeit vor, ab 0,8 Promille konnte Fahrverbot erteilt werden [110]. Am 1.4.2001 trat die 0,5-Promille-Grenze BAK in Kraft. Ab 1.8.2007 wurden 0,0 Promille bei Fahrern im Alter unter 21 Jahren sowie Fahranfängern in 2-jähriger Probezeit eingeführt [110]. Eine weitere, kleinere Maßnahme bildet die Verabschiedung des Gesetzes zur „Verbesserung des Schutzes junger Menschen vor den Gefahren des Alkohol- und Tabakkonsums“ im Mai 2004. Damit wurde eine Sondersteuer auf alkoholhaltige Süßgetränke („Alkopops“) erhoben, die der Branntweinsteuer unterlagen. Einnahmen aus dieser Alkopopsteuer werden der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für Zwecke der Suchtprävention zugeführt. Insgesamt fehlt bei singulären Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und dem „Alkopops“-Gesetz gezieltes Engagement der Alkoholprävention in Deutschland. Die Ergebnisse der Senkung des Alkoholkonsums sprechen dafür, dass weitere Gesetzesänderungen aus der beträchtlichen Bandbreite möglicher Maßnahmen die Senkung des Konsums massiv stärken können. Für das Ziel der Verringerung des Alkoholkonsums fehlen in Deutschland Maßnahmen, die sich aufgrund von Evidenz bewährt haben. Dazu zählen Steuererhöhungen, Regelungen zu Zeiten und Orten der Erhältlichkeit von Alkohol sowie Jugendschutz [6] [111].

Zu ökonomischen Gesichtspunkten der Änderung sozialer Normen lässt sich für die 1950er und 1960er Jahre mit den gestiegenen Einkommen an besonders starken „Konsumhunger“ denken. Soziale Normen des Wohlstands bei hoher Quote beschäftigter Personen in der Bevölkerung schlossen hohen Alkoholkonsum ein. Er lässt Beeinträchtigungen von Leistungen in der Arbeitswelt erwarten. Im Zuge von Wirtschaftskrisen könnten insbesondere diejenigen Arbeitnehmer ihre Arbeitsstelle verlieren [112], die am meisten Alkohol konsumieren. Dieser Annahme entsprechen Zusammenhänge des Rückgangs des Alkoholkonsums mit Anstiegen der Arbeitslosenrate. Nach einem historischen Tiefststand von 0,7% im Jahr 1970 stieg sie an, im Jahr 1983 betrug sie 9,1 und im Jahr 2005 13,0% [113]. In Spanien wurden ähnliche Zusammenhänge gefunden [101].

Schulbildung kann grundsätzlich die Reduktion von Tabak- und Alkoholkonsum fördern. Evidenz zeigt, dass die Raucherrate umso höher ist, je niedriger die Schulbildung ausfällt [114] [115] [116]. Gesundheitsriskanter Alkoholkonsum scheint bei Männern mit niedriger Schulbildung prävalenter zu sein als bei Männern mit höherer Schulbildung [5] [117]. Alkohol-attributable Mortalität, begrenzt auf Erkrankungen, die Alkoholkonsum voraussetzen, weist bei Männern und Frauen mit geringer Bildung eine höhere Prävalenz auf als bei Männern und Frauen mit hoher Bildung [118]. Diese soziale Disparatheit ist bei alkohol-attributabler Mortalität ausgeprägter als bei allgemeiner Mortalität [119]. Die Schulbildung stieg in Deutschland an. In der jeweils 19 Jahre alten Geburtskohorte betrug der Anteil derer, die Abitur als Schulabschluss aufwiesen, bei Frauen 3,1% im Jahr 1950, 4,3% im Jahr 1960, 8,2% im Jahr 1970, 15,4% im Jahr 1980 und 35,3% im Jahr 2010. Unter Männern betrug der Anteil 6,1% im Jahr 1950, 7,4% im Jahr 1960, 12,1% im Jahr 1970, 15,6% im Jahr 1980 und 27,0% im Jahr 2010 [120] [121]. Mögliche Einflüsse der Schulbildung auf die Senkung von Raucherraten sind historisch auch vor dem Hintergrund des Entstehens von Wissen um die Gefährlichkeit des Tabakrauchens für die Gesundheit seit 1950 zu betrachten.


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Parallelität der Trends des Tabak- und des Alkoholkonsums

Die Parallelität der Trends des Tabak- und Alkoholkonsums in Deutschland stützt die Annahme einer gegenseitigen Verstärkung der Reduktionen des Tabak- sowie des Alkoholkonsums. Das steht auch im Einklang mit weiteren Befunden. So waren Preiserhöhungen bei Tabakprodukten und Gesetze zum Schutz der Atemluft vor Tabakrauch von Reduktionen des Alkoholkonsums gefolgt [7].

Die Ergebnisse legen nahe, dass der Tabakkonsum nach dem Jahr 2000 eine stärkere Reduktion erfahren hat als der Alkoholkonsum. Bei Betrachtung der Joinpoint-Analysen mit 2 Trends zeigt der Tabakkonsum in den Jahren 1971–2001 eine durchschnittliche jährliche Senkung von einem Prozentpunkt. Sie wurde jedoch in den Jahren 2001 bis zum Ende des Beobachtungszeitraumes auf 2,8 Prozentpunkte pro Jahr fast verdreifacht. Bei dem Alkoholkonsum beträgt die Senkung von 1973 bis zum Ende des Beobachtungszeitraumes einen Prozentpunkt pro Jahr. Die stärkere Senkung des Tabakkonsums erscheint durch die dargestellten Leistungen der Prävention tabakbezogener Schäden seit dem Jahr 2002 besonders plausibel im Vergleich zur moderateren Senkung des Alkoholkonsums.

Die Trends zu Senkungen werden durch Surveydaten unterstützt. Daten des Mikrozensus in Deutschland zeigen 36,7% der Männer und 17,9% der Frauen im Alter ab 35 Jahren als gegenwärtige Raucher im Jahr 1989 und 27,5% der Männer sowie 18,9% der Frauen im Alter ab 35 Jahren im Jahr 2009 als gegenwärtige Raucher [122]. Der Anteil derjenigen, die das Rauchen beendet hatten, war über den Zeitraum gestiegen. Auch 9 wiederholte Querschnittbefragungen mit Stichproben Erwachsener in unterschiedlichen Lebensaltersbereichen bis zu 64 Jahren zeigten im Rahmen des Epidemiologischen Suchtsurveys in den Jahren 1980–2009 eine Senkung derer, die angaben in den letzten 30 Tagen vor der Befragung Zigaretten geraucht zu haben, sowie eine Senkung der Zahl der gerauchten Zigaretten [123]. Bei 18- bis 59-jährigen Surveyteilnehmern ergab sich in den Jahren 1995–2015 ein Trend zur Verringerung der Personen, die angaben, in den letzten 30 Tagen vor der Befragung Alkohol getrunken zu haben [124].


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Vorzüge und Limitationen

Die Befunde bieten besonders valide Schätzungen des Tabak- und des Alkoholkonsums der Bundesrepublik Deutschland seit dem Jahr 1950. Die durchgeführten Datenanalysen ermöglichen ein Monitoring von 2 der bedeutendsten Outcome-Merkmale der Prävention verbreiteter Krankheiten und weitere Analysen. Plausibel wird durch die Befunde z. B., unterstützt durch Erfahrungen aus anderen Ländern, dass ab 1976 die Leberzirrhosemortalität sank [125]. Bei diesen Vorzügen sind aber auch 5 Limitationen der Ergebnisse zu berücksichtigen.

Unsere Schätzungen des Alkoholkonsums können aus 3 Gründen nur als Mindestmengen des wahren Alkoholkonsums gelten: 1. Bei Bier haben wir für die Jahre 1950–1992 aufgrund fehlender Differenzierung der Daten pauschal einen Alkoholgehalt von 4,8 Volumen-% eingesetzt. Das entspricht etwa der unteren Grenze der Stammwürze-Angaben 11–14 Grad Plato, die für die Jahre vor 1993 veröffentlicht und in der mehr als 98% der versteuerten Biermengen geführt sind. 2. Seit dem Jahr 1993 verblieb für die Biere mit dem höchsten Alkoholgehalt ebenfalls eine Gruppe („22–35“ oder „22 und darüber“), für die wir die untere Grenze (22 Grad Plato) werteten. 3. Der Alkoholgehalt von Wein ist empirisch nur durch Öchsle-Grade für inländisch hergestellten Wein geschätzt. Für importierten Wein war das nicht möglich. Importierter Wein hatte im Jahre 2014 auf dem Markt in Deutschland einen Anteil von 55% [126], 37% aus Frankreich, Italien oder Spanien und 18% aus weiteren Ländern. Die hohe Sonneneinstrahlung in diesen Ländern lässt einen höheren Alkoholgehalt als bei deutschen Weinen erwarten. Auch das macht eine Unterschätzung der konsumierten Alkoholmengen wahrscheinlich. 4. In den Trinkweinmengen der Jahre 1964–2014 sind Erzeugnisse enthalten, denen Destillationsalkohol zugesetzt wurde, z. B. Portwein (19–22 Volumen-%), Sherry (17%) und Madeira (18–21%) mit Alkoholgehalten bis 22 Volumen-% Alkohol [127]. Der Anteil dieser Erzeugnisse an der Gesamtmenge an Wein liegt aber nur bei 1%. 5. Geringfügige Ungenauigkeiten der Schätzungen können durch Korrekturen der Bevölkerungszahlen Deutschlands entstanden sein, zuletzt aufgrund des Zensus 2011. Über diese 5 Limitationen hinaus unterliegt die Analyse den Begrenzungen der Vermarktungsdaten. Mögliche Einflüsse durch Lebensalter und Geburtskohorten konnten nicht geprüft werden.


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FAZIT
  1. Tabakrauchen und Alkoholkonsum zeigen zeitgleiche Trends des Anstiegs bis in die erste Hälfte der 1970er Jahre und danach moderate Senkungen.

  2. Nach Inkrafttreten präventionsrelevanter Gesetze zeigten sich Verstärkungen des Trends zur Senkung von Tabakkonsum.

  3. Der Konsum von Tabak und Alkohol ist 65 Jahre nach den ersten international anerkannten Publikationen zum Zusammenhang zwischen Tabakrauchen und Erkrankungsrisiko im internationalen Vergleich in Deutschland sehr hoch, trotz der Senkungen seit 1972.

  4. Ausweitungen präventionsrelevanter gesetzlicher Maßnahmen versprechen weitere Senkungen des Tabak- und Alkoholkonsums. Die lassen Erhöhungen der Lebenserwartung der Bevölkerung Deutschlands erwarten.


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Interessenkonflikt

Die Autoren geben an, dass sie kein Interessenkonflikt besteht.

Danksagung

Wir danken den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehrerer Abteilungen des Statistischen Bundesamtes, v. a. aus dem Bereich Verbrauchsteuer, für die Bereitstellung umfangreicher Daten und die sehr hilfreichen Auskünfte. Diese Unterstützung trug maßgeblich zum Gelingen der Arbeit bei.


Korrespondenzadresse

Prof. Ulrich John
Institut für Sozialmedizin und Prävention
Universitätsmedizin Greifswald
Walther-Rathenau-Straße 48
17475 Greifswald


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Abb. 1 Trends des Tabakkonsums 1950–2014.
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Abb. 2 Trends des Alkoholkonsums 1950–2014.