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DOI: 10.1055/s-0042-1745649
Akute Cyanidvergiftung durch Einnahme von Aprikosenkernen im Rahmen einer alternativen Krebstherapie
Authors
Alternative Therapieversuche können zu lebensgefährlichen Situationen führen, wie z.B. der hier beschriebenen akuten Cyanidvergiftung durch Einnahme von Aprikosenkernen. Aprikosenkerne können durch ihren Blausäure-Gehalt eine gravierende Gesundheitsgefährdung verursachen. Blausäure beziehungsweise deren Salz, das Cyanid, ist ein Toxin, das beim Kauen aus den Aprikosenkernen freigesetzt wird und beim Menschen zu Vergiftungen bis zum Tod führen kann.
Cyanid ist ein Zellgift, das in der mitochondrialen Membran an den Häm-a3-Komplex der Cytochrom-C-Oxidase bindet und so die mitochondriale Atmungskette blockiert, umgangssprachlich zu „innerem Ersticken“ führt.
Ein 59-jähriger, männlicher Patient wurde auf unsere gastroenterologische Intensivstation 92 der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Regensburg verlegt, da er intentionell ca. 200 Aprikosenkerne zu sich genommen hatte. Er gab an, die Aprikosenkerne im Rahmen eines alternativmedizinischen Konzeptes einzunehmen, da er an einem Rezidiv eines Plattenepithelkarzinoms der Lippe (ED 2017) leide.
Wir stuften die Situation als potenziell lebensbedrohlich ein, da bereits 30 Kerne zum Tod führen können.
Laborchemisch zeigte der Patient bei Aufnahme keine wegweisenden Befunde. In der klinischen Untersuchung sahen wir und einen desorientierten Patienten mit Atemnot. Wir bestimmten das Serum-Cyanid in EDTA-Blut und veranlassten die Analyse der Aprikosenkerne auf deren Cyanidgehalt durch das Landesamt für Lebensmittelsicherheit.
In der Literatur finden sich mehrere Ansätze zur Behandlung einer akuten, oralen Cyanidvergiftung. An erster Stelle ist hier die intravenöse Gabe von hochdosiertem Hydroxycobalamin (Handelsname: Cyanokit) zu nennen, womit Cyanid direkt gebunden werden kann. Geringeren Stellenwert nehmen beispielsweise 4-Dimethylaminophenol oder Natriumthiosulfat ein, die durch Bildung von Methämoglobin eine Bindungsstelle für Cyanid schaffen. Wir behandelten den Patienten mit 5g Cyanokit i. v., einer Notfall-Ösophagogastroduodenoskopie in Intubationsnarkose, um die verbliebenen Aprikosenkerne endoskopisch zu bergen, sowie der Gabe von 50g Aktivkohle, um eine weitere Resorption zu verhindern. Darunter konnte der Patient nach der initial lebensbedrohlichen Situation mit Beatmungspflichtigkeit stabilisiert werden.
Dieser Fall veranschaulicht, dass nicht-evidenzbasierte Behandlungsansätze mit Aprikosenkernen als Krebstherapie bei hoher Dosierung zu einer lebensbedrohlichen Situation führen können, welche nur durch eng abgestimmte gastroenterologische, endoskopische und intensivmedizinische Maßnahmen zu beherrschen ist.
Die Anwendung von Hydroxycobalamin hat ein gutes Nutzen-Risiko-Verhältnis und sollte daher bereits im Verdachtsfall verabreicht werden.
Publication History
Article published online:
29 March 2022
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Georg Thieme Verlag
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