Ottenhof SR.
et al.
Architecture of the Corpus Spongiosum: An Anatomical Study.
J Urol 2016;
196: 919-925
Sarah Ottenhof und ihre Kollegen gingen von der Annahme aus, dass für eine optimale
Blutversorgung der mit Schleimhauttransplantaten rekonstruierten Urethra ein funktionelles
Corpus spongiosum notwendig ist. Eine akkurate Wiederherstellung des die Urethra umgebenden
Schwellkörpers könnte demnach die Ergebnisse der Urethroplastik verbessern. Dazu ist
aber eine genaue Kenntnis der Anatomie notwendig, und die haben die Wissenschaftler
nun untersucht. Dazu haben sie den Penis von 2 verstorbenen Männern (59 und 91 Jahre
alt) entnommen und das Corpus spongiosum und die beiden Corpora cavernosa in Gänze
erhalten. Bei einem Penis wurde mit physiologischer Kochsalzlösung eine Erektion erzeugt.
Anschließend wurden 6 Gefrierschnitte in der Transversalebene und 7 Schnitte in der
Frontalebene auf Höhe des Corpus spongiosum angefertigt. Die Präparate wurden dann
in modifizierter Mallory-Cason-Lösung angefärbt, auf Filterpapier aufgespannt, fotografiert
und digital rekonstruiert. In diesen Aufnahmen vermaßen die Forscher dann eine Reihe
anatomischer Parameter. In den transversalen Schnitten betrug die mittlere relative
Oberfläche der Gefäßsinus in den verschiedenen Präparaten im Mittel
-
59,9% im schlaffen Penis und
-
76,6% im erigierten Penis
In der Frontalebne lagen diese Werte bei
Daraus errechnete sich eine relative Zunahme des Volumens um 29% im Querschnitt bzw.
40% im Längsschnitt während der Erektion. Die Schwellkörperhohlräume zeigten sich
dabei in den Frontalschnitten ausgedehnter und weniger stark septiert als in den Transversalschnitten.
Insgesamt unterschieden sich die verschiedenen Schnitte mit Ausnahme der Glans penis
nicht wesentlich in ihrem Aufbau.
Ottenhof und Kollegen sind der Meinung, dass diese Erkenntnisse dazu beitragen können,
bei rekonstruktiven Eingriffen an der Urethra die Operation im Voraus zu planen. Dabei
wäre auch der 3-dimensionale Druck eines strukturellen Gerüsts für das Corpus spongiosum
im Rahmen eines Tissue Engineering denkbar. Einschränkend gilt, dass nur 2 Organe
untersucht wurden, für die zwar das Alter der Männer bekannt war, nicht aber deren
hormoneller Status, der die Ergebnisse beeinflussen könnte.
Dr. Elke Ruchalla, Bad Dürrheim
Kommentar
Ottenhof et al. von der Universitätsklinik Utrecht untersuchten die anatomischen Gegebenheiten
des Corpus spongiosum im Rahmen einer Kadaverstudie. Die beiden Kadaver stammten von
einem 59 und einem 91 jährigen Mann. Hierzu wurden ein nicht erigierter Penis und
ein durch Kochsalzlösung artifiziell erigierter Penis eingefroren und dann zur weiteren
Untersuchung alle 2 cm Schnittflächen zur Untersuchung angefertigt. Nach Färbung der
Schnittflächen wurden diese digitalisiert und eine 3D-Rekonstruktion durchgeführt.
Die Vorliegende Arbeit beschäftigt sich erstmals ausdrücklich mit der Veränderung
des Corpus spongiosum während der Erektion gegenüber dem nicht erigierten Penis. Dies
ist begrüßenswert, da sich durch eine genauere Untersuchung dieser Veränderungen –
wie auch des Corpus spongiosum überhaupt – wesentliche Erkenntnisse für ein tissue
engeneering bei Harnröhrenrekonstruktionen und des Corpus spongiosum gewinnen lassen.
Darüber hinaus hat es Bedeutung für Techniken der Harnröhrenrekonstruktion. In der
Therapie der Harnröhrenstriktur stellt das Corpus spongiosum einen wichtigen Faktor
zur Deckung von Mundschleimhauttransplantaten dar, wodurch eine erfolgreiche Rekonstruktion
erst möglich wird. Besonders deutlich wird die Bedeutung des Corpus spongiosum in
einer prospektiven Studie von Bhat et al. bei 113 Patienten mit Hypospadie. Hier zeigte
sich eine Erhöhung des Risikos zur Ausbildung einer Harnröhrenfistel nach Rekonstruktion
von 11,3% bei Patienten mit gut vaskularisiertem Spongiosagewebe auf 23,03% bei Patienten,
deren Corpus spongiosum nur dünn und fibrotisch war [1].
Die Hauptaussage der Studie von Ottenhof et al. ist, dass sich im Transversalschnitt
eine Zunahme im vaskulären Lumen von 60% im nicht erigierten Penis auf 77% im erigierten
Penis und im Frontalschnitt von 53 auf 74% zeigte. Im Frontalschnitt zeigte sich hierbei
eine abnehmende vaskuläre Oberfläche im Bereich der Glans bei gleichzeitiger Zunahme
von Bindegewebe.
Die Hauptlimitation der Studie besteht in der Zahl von nur 2 untersuchten Probanden
– mithin einer pro Gruppe –, die noch dazu eine Altersdifferenz von 32 Jahren aufweisen.
Inwieweit also die beiden untersuchten Penisse miteinander vergleichbar sind und ob
die Untersuchungsergebnisse des Corpus spongiosum eines 91-jährigen auf deutlich jüngere
Patienten übertragbar sind bleibt offen.
Schlussfolgerung
Letztlich ist die Studie als „proof of principle“ der verwendeten Untersuchungstechnik
sehr interessant, die übrigen Ergebnisse bedürfen allerdings der Validierung an einer
größeren Probandenzahl und sollte zumindest in alters-gleichen Gruppen erfolgen.