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DOI: 10.1055/s-0036-1577508
Win-Win-Situation in Brilon
TeleneurologieAuthors
Beim Schlaganfall kommt es auf jede Minute an. In Krankenhäusern in ländlichen Regionen fehlt es aber oft an den dafür nötigen Fachärzten. Dann müssen Patienten lange Transportwege in Kauf nehmen. Das städtische Krankenhaus Brilon zeigt, wie die Telemedizin Abhilfe schaffen kann.
Die Patienten staunen nicht schlecht, wenn im Krankenhaus Maria Hilf zusammen mit den Fachärzten auch ein Gerät an ihr Krankenbett gefahren wird, das aussieht wie ein einäugiger Roboter. Von den Briloner Ärzten wird er, in Anlehnung an einen Science Fiction Film aus den 80er Jahren, liebevoll „Nummer fünf“ genannt. Er ist das technologische Herzstück der telemedizinischen Kooperation des Krankenhauses mit der Universitätsklinik Jena und macht es möglich, dass Fachärzte des neurologischen Zentrums der Uniklinik bei Schlaganfallbehandlungen in Brilon live dabei sind.
Ferngesteuerte Kamera
„Nummer fünf“ besteht aus einer Lafette, auf der sehr viel Technik angebracht ist,
unter anderem ein Hochleistungsrechner mit Monitor. Darüber thront eine hochauflösende
Präzisionskamera. Wird ein Patient mit Schlaganfall-Symptomen in das Krankenhaus eingeliefert,
startet sofort die Erstdiagnostik. Dann nimmt der elektronische Helfer seine Arbeit
auf. Zunächst stellt er über einen Spezialserver eine Verbindung zum Bereitschaftsdienst
in Jena her und übermittelt die Daten von Computertomografie, MRT und EEG an den dortigen
Leitstand des Teleneurologen. Anschließend wird Nummer fünf vor das Bett des Patienten
geschoben, wo auch schon die Ärzte aus Brilon vor Ort sind. Nun schaltet sich der
Neurologe aus Thüringen per Videokonferenz dazu. Die digitalen Videodaten einschließlich
Ton werden verschlüsselt per EDV-Netzwerk übertragen. So kann sich der Experte aus
Jena nicht nur mit seinem südwestfälischen Kollegen absprechen, sondern auch die Untersuchungskamera
fernsteuern. „Über sie kann er auch die Daten der Monitoranlage am Intensivbett sichten.
Die Kamera ist so hochauflösend, dass der Facharzt damit sogar Pupillendiagnostik
betreibt. Mit der Hilfe seiner Anweisungen wird dann die Behandlung durchgeführt“,
erklärt Reimund Siebers, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin
(DGTelemed) und Projektentwickler im Briloner Krankenhaus. Das ist wichtig, denn die
richtige Diagnose und Behandlung in den ersten Stunden nach dem Anfall entscheiden
oft darüber, ob der Patient bleibende Schäden davonträgt oder glimpflich davonkommt.
Am besten geschieht dies in einer spezialisierten Schlaganfall-Abteilung (Stroke Unit),
weil der Patient intensiv überwacht werden muss. Allerdings hat nicht jedes Krankenhaus
eine solche Spezialabteilung. Auch der Weg von Brilon zur nächsten Stroke Unit in
Paderborn oder Arnsberg ist weit. Aus diesem Grund wurde hier das seit vier Jahren
bestehende neurologische telemedizinische Netzwerk im Krankenhaus Maria Hilf ausgebaut.
Dazu dient die Kooperation mit dem neurologischen Zentrum des Universitätsklinikums
Jena, einem der wichtigsten Standorte für Schlaganfallpatienten in Deutschland. „Die
Akzeptanz war von Anfang an da. Natürlich mussten sich unsere Mitarbeiter an die audiovisuelle
Vorgehensweise gewöhnen, aber das ging schnell. Da auch die Patienten auf dem Monitor
das Bild des Teleneurologen sehen, ist die Untersuchung auch für sie nicht anonym
– das sorgt bei ihnen psychologisch für Sicherheit“, so Siebers.
Standleitung zur Uniklinik Jena
Die Vorteile der teleneurologischen Vernetzung mit Jena liegen für Siebers ziemlich
deutlich auf der Hand: „Falls Sie solche Strukturen nicht haben, fahren Patienten
mit Verdacht auf Schlaganfall an Ihrem Krankenhaus vorbei.“ Das ist nicht nur schlecht
für das Haus, sondern auch für den Patienten, denn der muss, wenn er in Brilon einen
Schlaganfall erleidet, einen langen Weg in Kauf nehmen, bis er zum nächstgelegenen
Schlaganfallzentrum in Paderborn kommt. Neben dem Zeitgewinn, der den Patienten in
der Region und der Klinik zugutekommt, ist für das Krankenhaus ganz nebenbei auch
ein weiterer Aspekt nicht zu unterschätzen: Denn nicht jeder Verdacht auf Schlaganfall
bestätigt sich im Nachhinein. „Auch diese Fälle würden in jedem Fall an unserem Haus
vorbeifahren. Ohne die teleneurologische Kooperation mit Jena würde ein ganzer Versorgungsbereich
für uns dann praktisch wegbrechen“, bemkert Siebers.
Der Beitritt zu telemedizinischen Netzwerken lohne sich vor allem für Krankenhäuser, die Lücken in der Versorgungskette schließen wollen. „Früher wurden die durch internistische Fachärzte versorgt. Als die Stroke Units kamen, war plötzlich die Profession des Neurologen gefragt, obwohl der neurologische Anteil nur ein Teil ist, der bei der Diagnose und Behandlung mitspielt“, erklärt Siebers. Deshalb bekommen gerade kleinere Krankenhäuser diese Fälle nicht mehr, weil sie dazu auch das Konsil eines Neurologen brauchen. Für die meisten kleinen Krankenhäuser ist es viel zu teuer, sich einen eigenen neurologischen Dienst zu leisten. „Wenn man das auf 24 Stunden hochrechnet, brauchen sie fünf Neurologen, die sie anstellen müssten“, so der Experte.
Mehr Patienten durch Telemedizin
Siebers beziffert den Patientenzuwachs in seinem Haus durch „Nummer fünf“ auf ganze
100 Fälle pro Jahr. Die Abrechnung der Behandlung für das Krankenhaus Brilon ist seit
2011 auch im deutschen DRG-System abgebildet. „Es gibt eine eigene Fallpauschale für
die telemedizinische Behandlung. Wir nennen das Stroke Light. Das ist etwas weniger
als eine normale Schlaganfallbehandlung einer zertifizierten Stroke Unit“, so Siebers.
Die rund 40.000 Euro für das Gerät musste das Krankenhaus selbst finanzieren. Das
Geld für den live zugeschalteten Neurologen bekommt die Uniklinik Jena. „In unserer
Dienstplanung berücksichtigen wir, dass einer von acht Fach- oder Oberärzten rund
um die Uhr für solche Notfälle zur Verfügung steht“, sagt Albrecht Günther, Leiter
des Netzwerks zur telemedizinischen Behandlung. „Das ist ganz wichtig, um so ein Zentrum
genehmigt zu bekommen. Der Telemediziner muss unbedingt aus dem restlichen Krankenhausbetrieb
ausgegliedert werden und darf das nicht nur nebenbei machen. Darum gibt es auch noch
nicht so viele dieser Zentren in Deutschland, denn das ist personalintensiv“, unterstreicht
Siebers.
Jena ist das federführende Zentrum des Neurovaskulären Netzwerks Thüringen, zu dem auch das Klinikum Altenburger Land gehört. An das Jenaer Universitätsklinikum sind die Kliniken in Apolda, Rudolstadt, das Katholische Krankenhaus Erfurt und das Krankenhaus Brilon angeschlossen. Vor Kurzem ist auch das Waldkrankenhaus Rudolf Elle in Eisenberg dem Netzwerk beigetreten. Das Altenburger Klinikum betreut das Krankenhaus Greiz, eine Klinik in Bitterfeld und drei ostsächsische Krankenhäuser. Auch hier lässt sich der Erfolg bereits beziffern: Bislang zählte das Netzwerk 3.000 Konsultationen per Videoübertragung. Die Einsätze von „Nummer fünf“ scheinen sich also zu lohnen.
No conflict of interest has been declared by the author(s).
Publication History
Article published online:
08 March 2016
© Georg Thieme Verlag KG
Stuttgart