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DOI: 10.1055/s-0035-1564973
Geplante Ausrottung der Masern bis 2020 unwahrscheinlich – Ziele der Masernbekämpfung verfehlt
Publication History
Publication Date:
22 October 2015 (online)
Es gibt wenig, in dem sich alle Staaten der Erde wirklich einig sind – dass es erstrebenswert ist, jeden Menschen weltweit durch grundlegende Impfungen vor vermeidbaren Infektionen zu schützen, gehört jedoch dazu. So bekannten sich im Mai 2012 alle 194 Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation zu einem globalen Aktionsplan (Global Vaccine Action Plan), der sicherstellen soll, dass bis zum Jahr 2020 in allen Staaten Durchimpfungsraten von über 90 % für alle im Impfprogramm des jeweiligen Landes aufgeführten Krankheiten erreicht werden.
Ziele bis zum Jahr 2020
Bei den Masern waren die Ziele sogar noch ambitionierter: Laut dem ebenfalls im Jahr 2012 durch die WHO beschlossenen „Globalen Masern und Röteln Strategieplan“ wurde angestrebt, die Mortalität der Masern bis 2015 um 95 % gegenüber dem Wert des Jahres 2000 zu senken. Unter Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums hieße das, die Zahl der Todesfälle von geschätzten 562 000 im Jahr 2000 bis dieses Jahr auf etwa 33 000 zu senken. Bis zum Jahr 2020 sollten darüber hinaus die Masern weltweit ausgerottet sein, in einigen Regionen bereits früher. So war die Elimination der Masern in Amerika bereits im Jahr 2002 erreicht worden, die Region Westpazifik strebte zunächst eine Ausrottung bis 2012 an, korrigierte den Wert dann jedoch auf 2015. Bis zu dem Jahr wollten auch Europa und die WHO-Region Östlicher Mittelmeerraum die Masern ausgerottet haben und bis 2020 sollten dann Südostasien und Afrika folgen.
Entwicklungen bis heute
Doch schaut man sich die Entwicklungen der vergangenen Jahre an, so sind diese Ziele mittlerweile kaum noch realistisch oder gar eindeutig verfehlt. So stagnieren momentan trotz der politischen Absichtserklärungen die Bemühungen, die Durchimpfungsraten weiter zu erhöhen. In den Jahren 2000 bis 2009 stieg die Rate derer, die eine erste Masernimpfung erhielten, noch kontinuierlich von 70 auf 84 % an, seither wird der Wert konstant mit 85 % angegeben.
Dementsprechend sinken auch die Zahlen der Erkrankten und der Todesopfer nicht mehr. So gab es im Jahr 2013 weltweit vermutlich immer noch 145 700 durch Masern bedingte Todesfälle (neuere Zahlen liegen leider momentan nicht vor). Dies sind sogar wieder mehr als ein Jahr zuvor, in dem mit 122 000 Toten ein historischer Tiefstand erreicht worden war. Dass bei diesem Hintergrund die für dieses Jahr gesetzte Zielmarke von 33 000 Todesfällen unterschritten werden wird, ist mehr als zweifelhaft.
Zumal in den vergangenen Monaten mehrere Länder mit großen Masernausbrüchen zu kämpfen hatten. So wurden von Anfang Januar bis Mitte September insgesamt etwa 275 500 Masernverdachtsfälle gemeldet, 166 850 davon gelten laut WHO als bestätigt. Zu den 16 Staaten, die mehr als 1000 Verdachtsfälle meldeten, gehören 11 asiatische und 5 afrikanische Länder sowie Deutschland.
Lage in einzelnen Regionen
Die meisten Fälle werden momentan – wie auch schon letztes Jahr – in Indien beobachtet. In den ersten 8,5 Monaten wurden hier mehr als 57 500 Masernfälle bestätigt. China meldete dieses Jahr sogar bereits knapp 87 000 Verdachtsfälle, von denen bisher aber nur etwa 37 000 bestätigt werden konnten.
Eine erfreuliche Meldung kommt von den Philippinen: Vergangenes Jahr litt der Inselstaat unter einer Epidemie mit mehr als 54 000 bestätigten Fällen und mindestens 77 Todesopfern. Nach einer großflächigen Massenimpfaktion wurden dieses Jahr bisher dann aber nur noch 1530 Fälle, darunter 2 Todesfälle, bestätigt.
Dafür scheint der indische Ausbruch nun auf die Mongolei übergegriffen zu haben. Wurde hier im vergangenen Jahr nicht ein Masernfall bestätigt, so waren es in den ersten 8,5 Monaten dieses Jahres bereits fast 18 800. Bei einer Bevölkerung von nicht einmal 3 Mio. Menschen ergibt sich hier dieses Jahr die mit Abstand höchste Inzidenz der Welt.
Ziele für 2015 nicht erreicht
Von der bis zum Jahresende angestrebten Ausrottung der Masern in der WHO-Region Westpazifik, zu der sowohl China, die Philippinen als auch die Mongolei gehören, ist man also noch sehr weit entfernt. Auch in der WHO-Region Östlicher Mittelmeerraum wird das Ziel der Masernelimination dieses Jahr verfehlt werden: Bis Mitte September wurden hier bereits knapp 9950 Fälle bestätigt, allein 3700 davon in Ägypten. Und selbst die WHO-Region Europa (zu der aber auch innerasiatische Staaten wie Kasachstan und Turkmenistan gehören) scheitert an dem selbst gesteckten Ziel, die Masern noch dieses Jahr auszurotten: Insgesamt wurden hier bis September etwa 6000 Fälle bestätigt – mit mehr als 2100 mit Abstand die meisten davon in Deutschland.


Es bleibt zu hoffen, dass nun nicht einfach neue Absichtserklärungen und Pläne verfasst werden, in denen die Ziele um einige Jahre nach hinten justiert werden, sondern dass man zu Taten schreitet – so wie man es nach der Jahrtausendwende (und vor diversen Wirtschaftkrisen) gut begonnen und damit auch beträchtliche Erfolge erzielt hatte. Denn gegen die Masern hilft nur eines, das ist hinlänglich bekannt: impfen, impfen, impfen.
Dipl. Biol. Unn Klare
Quellen: WHO, RKI


