Keywords
Ohrkerzentherapie - Ohrkerzen - Hopikerzen - Ohrschmerzen - grippale Infekte - Migräne
- Tinnitus - Schwindel - Hypertonie - Pollenallergie
FREIER KOPF durch Unterdruck, Entspannung und ätherische Öle
Carola Texter-Bögeholz
DIE VERWENDUNG von Ohr- oder Hopi-Kerzen ist sowohl aus der traditionellen indianischen Heilkunde
Nordamerikas als auch aus der indonesischen Naturmedizin überliefert und diente ursprünglich
der Reinigung, Stärkung, Harmonisierung sowie zu rituellen Zwecken. Frühe Hinweise
finden sich im 12. Jahrhundert. Fast in Vergessenheit geraten, erfuhren Ohrkerzen
ab etwa 1990 eine Renaissance, wobei sich das Indikationsfeld deutlich erweiterte.
Sie werden namensgemäß meist im Ohr aufgesetzt, können jedoch auch für alle anderen
Körperbereiche verwendet werden, dann unter der Bezeichnung Körperkerzen.
Ohrkerzen werden gewöhnlich fertig aus dem Fachhandel bezogen. Zur Herstellung wird
aus traditionellen Materialien wie Gaze, Bienenwachs und ätherischen Ölen ein ca.
20–30 cm langes, zylindrisches oder konisch (trichterförmig) zulaufendes Rohr von
etwa 1 cm Durchmesser gefertigt, häufig unter Zugabe heilender Pflanzenextrakte oder
-pulver.
Feuer der Entlastung: entstauend, wärmend, anregend
Durch die im Zuge der Verbrennung erwärmte Luft stellt sich im Inneren der Ohrkerze
ein starker Luftstrom ein, man spricht von Kamineffekt. Somit entsteht am unteren
Ende der Kerze (diese muss den Gehörgang dicht abschließen) bis hin zum Trommelfell
eine Sogwirkung mit Unterdruck. Dies entlastet Trommelfell, Mittel- und Innenohr,
ohrnahe Lymphbahnen, die Eustachi-Röhre (s. S. 28) bis hin zu den Nebenhöhlen, den
Augen und der Rachenmandel. Stauungen können sich lösen, die Druckregulation und der
Augeninnendruck verbessern sich, häufig auch das Hören. Auch der Gehörgang wird gereinigt.
Der Patient spürt evtl. eine (erwünschte) angenehme Wärme oder Hitze, hört das entspannende
Knistern der abbrennenden Ohrkerze und nimmt eine wohltuende Druckentlastung und evtl.
einen entlastenden Sekretfluss im Bereich der Nasenhöhle wahr. Die Augen können dabei
tränen.
Auch die verschwelenden Gewürze und ätherischen Öle sowie eine angenehme Umgebung
und Atmosphäre tragen zum Gesamteffekt bei. Daher eignet sich die Ohrkerzentherapie
hervorragend als ergänzende Regulations- oder Reiztherapie in der Naturheilpraxis.
Da Ohrkerzen sehr gut verträglich sind und bei sachkundiger Anwendung kaum Nebenwirkungen
hervorrufen, lassen Sie sich grundsätzlich bei allen Patienten ab etwa 5 Jahren anwenden,
bei denen eine ruhige Lagerung über die Behandlungszeit beschwerdefrei möglich ist.
Gerade Kinder sprechen gut auf die entspannende, entlastende Wirkung an.
Indikationen: Ohrbeschwerden, Stress, Infekte
Zu den wichtigsten Indikationen der Ohrkerzentherapie zählen:
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Ohrenschmerzen (nicht akut entzündlich)
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grippale Infekte, „Verschleimungen“ jeglicher Art im Kopf
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Entschlackung
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Husten bis zur beginnenden Bronchitis
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(beginnende) Sinusitis im Bereich der Stirnoder Kieferhöhlen
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Migräne, Spannungskopfschmerz (auch bei Kindern)
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Tinnitus
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begleitend bei Hörsturz
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sonstige Hörstörungen
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Druckgefühl im Auge
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nervöses Zucken der Augenlieder
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Stresserkrankung, Spannungszustände, Schlafstörungen
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Schwindel
-
Hypertonie
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Pollenallergie
Patienten genießen nicht nur die Wirkung der Ohrkerze, sondern auch die Zuwendung
des Therapeuten und ihre Auszeit: Andere Tätigkeiten können und müssen während der
Behandlung nicht ausgeführt werden.
Nebenwirkungen: Sichergehen mit Einschleichen
Nebenwirkungen treten im Rahmen der Ohrkerzentherapie nur in seltenen Fällen auf,
darunter leichte Formen von Schwindel, Zahnschmerzen und Fieber sowie Tränenfluss
und Hautreizungen. Im Regelfall klingen die Symptome innerhalb kurzer Zeit ab. Um
unvorhergesehene Nebenwirkungen zusätzlich so gering wie möglich zu halten, kann die
Therapie über 2–3 Sitzungen eingeschlichen werden.
Inhaltsstoffe: Mit ätherischen Ölen die Wirkung potenzieren
Meist dienen Honig und Bienenwachs mit ihren harmonisierenden und reinigenden Eigenschaften
als Zusätze. Darüber hinaus lässt sich die therapeutische Wirkung durch den Zusatz
ätherischer Öle – wenn diese gut vertragen werden – hervorragend beeinflussen und
somit die Ohrkerzentherapie mit der Aromatherapie kombinieren (s. Tabelle 1).
-
Als traditionelles Heilmittel der indianischen Medizin liefert die Ohrkerzentherapie
eine ebenso einfache wie wertvolle Ergänzung zu modernen Ausleitungs- und Entspannungsverfahren.
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Aufgrund der vorwiegend entstauenden Wirkung stehen dabei besonders chronische Ohrbeschwerden,
Stresserkrankungen und Atemwegsinfekte im Fokus.
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Die Therapie lässt sich hervorragend mit Techniken der Massage, TCM, Reflexzonentherapie
und Entspannung kombinieren.
Körperkerzen: Blockaden lösen, Reflexzonen aktivieren
Werden Ohrkerzen als Körperkerzen in anderen Körperbereichen aufgesetzt, erzielen
sie dort vorwiegend eine durchblutungsfördernde, entschlackende, energetisierende
und deblockierende Wirkung, weshalb sie gerne verwendet werden, um Blockaden zu lösen.
Sie lassen sich je nach Indikation u. a. an Reflexzonen, Akupunkturpunkten, Akupressurfeldern,
Head-Zonen, in Narbengebieten oder anderen Störfeldern sowie den Chakrenpunkten aufsetzen.
Entsprechend des Applikationsorts und der jeweiligen Zusätze lässt sich somit eine
aktivierende, sedierende, entstörende oder harmonisierende Wirkung erreichen. Die
Blockaden werden auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene gelöst.
Praktische Anwendung in 5 Schritten
Die Anwendung der Ohrkerzentherapie lässt sich in 5 Schritte gliedern.
Vorbereitung
Für die Anwendung benötigen Sie 2 Ohrkerzen mit passendem Durchmesser (je nach Querschnitt
des Gehörgangs 5, 6 oder 7 mm) und der Indikation entsprechenden Zusätzen (s. Tabelle
1), außerdem die beigefügten Schutzscheiben (behelfsweise Aluminiumfolie), ein Feuerzeug
sowie einen kleinen Behälter mit Wasser zum Auslöschen der Kerzen nach der Behandlung.
Für die Körperkerzenanwendung ist außerdem eine Kompresse zum Abdecken der Haut erforderlich.
Auch ein Getränk für den Patienten sollte bereitstehen: Trinken vor und nach der Behandlung
unterstützt die Entgiftung. Der Raum sollte hinsichtlich Temperatur, Geruch, Geräuschen
und Ambiente die Entspannung unterstützen.
Kontraindiziert ist die Ohrkerzentherapie bei:
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Kindern unter 3 Jahren
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Psychosen
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Allergien auf Inhaltsstoffe der Ohrkerzen
-
akuten Entzündungen und/oder Verletzungen im Bereich von äußerem Gehörgang, Mittel-
oder Innenohr (z. B. Otitis media)
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schweren Erkrankungen des Mittelohrs
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Perforationen des Trommelfels
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Ohrimplantaten
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Pilzinfektionen des äußeren Gehörgangs
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Fieber
Wichtig: Beachten Sie beim Kauf, dass die Ohrkerzen gemäß EU-Richtlinie 93/42/EWG
als Medizinprodukt ausgewiesen sind.
Lagerung und Abbrennschutz
Für die Anwendung den Patienten bequem auf der Seite lagern, sodass der Gehörgang
senkrecht nach oben weist, den Kopf durch ein Kissen oder eine Rolle unterstützen.
Auch Knierollen und Decken (für fröstelnde Patienten) können hilfreich sein. Haare
und Kleidung aus dem Behandlungsbereich entfernen. Nun die beigefügte Schutzscheibe
über das schmalere Ende der Kerze bis zur Markierung ziehen. Diese schützt nicht nur
Ohr und Gesicht des Patienten, sondern auch die Hand des Therapeuten vor Verbrennungen,
welche sehr selten und insbesondere durch herabtropfendes Wachs auftreten.
TABELLE 1
Ätherische Öle als Zusätze in Ohrkerzen und ihre Wirkungen
Zusatz
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Wirkung
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Bitterorange
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beruhigend, stimmungsaufhellend
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Eukalyptus
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auswurffördernd, antimikrobiell, antiphlogistisch, schmerzlindernd, krampflösend,
heilungsfördernd, reinigend
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Kamille
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entkrampfend, beruhigend, antiphlogistisch, schmerzlindernd, heilungsfördernd
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Kiefernadeln
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antiphlogistisch, antimikrobiell, durchblutungsfördernd, tonisierend
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Lavendel
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entkrampfend, emotional harmonisierend, entspannend, schlaffördernd, entzündungshemmend,
stimmungsaufhellend, schmerzlindernd, antibakteriell, heilungsfördernd
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Lemongras
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stimmungsaufhellend, anregend, antiphlogistisch, gefäßerweiternd, keimwidrig, immunstimulierend
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Pfefferminze
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erfrischend, kühlend, schmerzlindernd, antimikrobiell, krampflösend, konzentrationsfördernd,
nervenstärkend, kräftigend
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Rosmarin
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anregend, tonisierend, schleimlösend, durchblutungsfördernd, entkrampfend, schmerzlindernd,
antimikrobiell
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Salbei
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kräftigend, adstringierend, antiphlogistisch, vitalisierend
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Teebaum
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antimikrobiell, antiphlogistisch, abschwellend, schmerz- und juckreizlindernd, nervenstärkend,
immunstimulierend, erfrischend
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Ylang-Ylang
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antidepressiv, beruhigend, motivierend
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Ohrmassage, Entzünden und Einführen
Eine sanfte Ohrmassage zu Behandlungsbeginn sorgt für Entspannung und eine bessere
Durchblutung. Dabei fallen auch mögliche Entzündungen, Verhärtungen, Verletzungen
oder anatomische Besonderheiten auf. Die Ohrkerze nun oben (am breiteren Schaftende)
entzünden, sodass eine Flamme entsteht, evtl. mit feiner Rauchbildung. Mit einer sanften
Drehbewegung daraufhin das schmalere, nicht brennende Ende langsam und ohne Druck
senkrecht in das freiliegende Ohr einführen, bis es den äußeren Gehörgang luftdicht
verschließt, sodass kein Rauch (mehr) aus dem unteren Kerzenbereich aufsteigt. Die
Kerze soll während der Behandlungsdauer angenehm, schmerzfrei und senkrecht im Ohr
sitzen. Das entzündete Ende der Kerze glimmt bei der Nutzung nur noch.
Abbrennen der Ohrkerze
Obwohl die Ohrkerze i. d. R. sicher im Gehörgang fixiert ist, hält sie die Hand des
Therapeuten während des gesamten Abbrennens (dabei hinter dem Ohr leicht auflegen),
welches ca. 10–15 min dauert. Die Schutzscheibe bleibt weiterhin um die Kerze fixiert.
Abnehmen und Nachbehandlung
Kerze mit leichter Drehbewegung aus dem Ohr des Patienten entfernen, wenn sie bis
zur Markierung abgebrannt ist, im dafür bereitgestellten Wasserbehälter löschen und
entsorgen. Nun den äußeren Gehörgang des Patienten auf Rückstände, Rötungen etc. kontrollieren
und mit Öl oder Creme behandeln, z. B. Körperöl (ohne Paraffin).
Nach Umlagerung des Patienten auf die andere Seite auch das andere Ohr wie beschrieben
behandeln: Für eine ausgewogene Wirkung werden immer beide Ohren behandelt.
Nach der Behandlung dem Patienten ein Getränk reichen und ihn 15–30 min (bei Hypotonie
30–45 min) nachruhen lassen. Somit dauert eine Sitzung etwa 40–50 min. Pro Indikation
empfehlen sich bis zu 12–15 Behandlungen, 1- bis 2-mal pro Woche.
Kundige Patienten können Ohrkerzen nach Einweisung auch in der Selbstbehandlung anwenden,
aufgrund der schlaffördernden und entspannenden Wirkung insbesondere abends vor dem
Schlafengehen.
Ohrenkerzen als Körperkerzen
Werden Ohrkerzen als Körperkerzen verwendet, wird wie beschrieben vorgegangen und
jede Kerze ca. 10 min manuell auf den Behandlungspunkt aufgesetzt (z. B. Head-Zone,
Reflexzone, Akupressurfeld). Für weitere Behandlungen am Körper werden jeweils neue
Kerzen entzündet.
Merke: Wird die Ohrkerze als Körperkerze verwendet, sollte die Haut durch eine aufgelegte
Mullkompresse zwischen Kerze und Haut vor Hitze und Irritationen geschützt werden.
Verbrennungen vermeiden
Für die sichere Anwendung eignen sich Ohrkerzen mit einer Abbrennmarkierung, einem
Sicherheitsfilter (innen) sowie einer Schutzscheibe (außen) im unteren Teil, die verhindern,
dass heiße oder brennende Teile wie abtropfendes Bienenwachs den Patienten verletzen.
Behelfsmäßig kann ein Ring aus Alufolie die Schutzscheibe bilden. Die Behandlung sollte
immer unter Beobachtung stattfinden.
Als sanft regulatorische, reinigende und nebenwirkungsarme Behandlung lässt sich die
Ohrkerzentherapie sehr gut mit anderen Therapien kombinieren, darunter Lymphdrainage
am Kopf (Schädel, Gesicht, Hals), Fußreflexzonen- oder Ohrmassage, klassische Massage,
Tuina, Akupressur, Akupunktur, Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung,
Achtsamkeitsübungen oder Hypnose.
Dieser Artikel ist online zu finden:
http://dx.doi.org/10.1055/s-0035-1563584