Dialyse aktuell 2013; 17(10): 528
DOI: 10.1055/s-0033-1363902
Journal-Club
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Mögliches Einsatzgebiet der Immunadsorption? – Ein gestörtes Immunsystem kann Ursache von Demenz sein

Contributor(s):
Reinhard Klingel
Prüss H, Höltje M, Maier N et al.
IgA NMDA receptor antibodies are markers of synaptic immunity in slow cognitive impairment.

Neurology 2012;
78: 1743-1753
Further Information

Publication History

Publication Date:
20 January 2014 (online)

 
 

Quelle: Prüss H, Höltje M, Maier N et al. IgA NMDA receptor antibodies are markers of synaptic immunity in slow cognitive impairment. Neurology 2012; 78: 1743–1753

Thema: Demenzerkrankungen bürden der Gesellschaft hohe Kosten und den Betroffenen und Angehörigen große psychosoziale Lasten auf. Die Ursachen für Demenzerkrankungen sind nur unvollständig verstanden. Empfehlungen zur effektiven Vorbeugung und Therapie sind unbefriedigend. Neurologen der Berliner Charité ist es gelungen, einen neuartigen Therapieansatz bei speziellen Demenzerkrankungen vorzuschlagen. Die in der Fachzeitschrift "Neurology" veröffentlichte Studie zeigt, dass gegen körpereigene Nervenzellen gerichtete Autoantikörper ursächlich an fortschreitenden Demenzerkrankungen beteiligt sein können.

Zoom Image
(Symbolbild, Quelle: Fotolia)

Projekt: Ausgangspunkt der spannenden Forschungsarbeiten war eine 65-jährige Patientin, die seit 2 Jahren fortschreitende kognitive Einschränkungen in Verbindung mit psychiatrischen Symptomen unklarer Ursache entwickelte, die zuletzt noch von Spastik, Paresen und Harninkontinenz begleitet waren. Magnetresonanz- und positronenemmissionstomografisch zeigte sich eine Atrophie in temporalen und frontalen Gehirnarealen mit stark geschädigtem Stoffwechsel. Die Untersuchung des Serum ergab den hochtitrig positiven Befund von NMDAR-Antikörpern (NMDAR: N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor) des Typs IgA. Der Rezeptor des Glutamat-Ionen-Kanals vom NMDA-Typ ist in den Ablauf differenzierter Hirnfunktionen involviert. Bildlich ausgedrückt trägt seine Funktion dazu bei, dass im Gehirn auf vielen Ebenen richtige Wege gebahnt und dann auch genutzt werden.

Ergebnisse: Aufgrund dieser Befunde wurde bei der Patientin eine multimodale Immuntherapie begonnen mit Steroiden, initial begleitet von Plasmaaustauschbehandlungen und in der Folge medikamentös ergänzt um Ciclophosphamid und Rituximab. In den ersten 3 Wochen der multimodalen Therapie kam es zu einer beeindruckenden Verbesserung des Zustands der Patientin in allen Symptombereichen. Der Hirnstoffwechsel verbesserte sich. Parallel fiel der NMDAR-Antikörpertiter substanziell ab. Dieser Therapierfolg legte nahe, dass die nachgewiesenen NMDAR-Autoantikörper kausal an der demenziellen neurodegenerativen Erkrankung beteiligt waren. Daraufhin wurden 23 weitere bekannte Patienten (Durchschnittsalter 66 Jahre) mit einer bisher unklaren progredienten Demenzerkrankung untersucht. Bei insgesamt 29 % fanden sich NMDAR-Autoantikörper vom Typ IgA. Erste positive Befunde liegen inzwischen auch für andere Antikörpersubklassen vor. Experimentell bewirkten die autoantikörperpositiven Patientenseren auf in vitro kultivierten neuronalen Zellkulturen das Verschwinden des NMDAR von der Zelloberfläche – ein Effekt auf molekularer Ebene, der sich pathophysiologisch mit den beobachteten klinischen Symptomen gut korrelieren lässt.

Fazit: Durch die Ergebnisse dieser Studie ergeben sich erstmals Hinweise auf eine autoimmune Genese demenzieller Symptome und ermöglichen eine ganz neue diagnostische und therapeutische Herangehensweise an Demenzerkrankungen.

Schlüsselwörter: Demenz – Autoantikörper – Immuntherapie – Plasmaaustausch – Immunadsorption

Kommentar

Die Ergebnisse dieser Studie besitzen eine Analogie zu den Erkenntnissen bei NMDAR-Autoantkörper-assoziierten Enzephalitiden. Auch hier erlaubte der Autoantikörpernachweis eine neue Abgrenzung von speziellen Krankheitsentitäten und den multimodalen immuntherapeutischen Ansatz unter Einschluss von Plasmaaustausch und Immunadsorption [ 1 ]. Bei Patienten, bei denen sich nicht erklärbar, zum Teil in eher frühem Lebensalter und mit Progredienz eine Demenzerkrankung entwickelt, eröffnet sich beim Nachweis pathophysiologisch relevanter Autoantikörper ein kausaler Therapieansatz. Die dargestellten Untersuchungen unterstreichen das Potenzial der Immunadsorption als Bestandteil immunsuppressiver bzw. immunmodulierender multimodaler Therapiestrategien bei autoantikörperassoziierten Erkrankungen des zentralen Nervensystems [ 2 ]. Weitere Untersuchungen sind noch erforderlich um dieses Konzept bei Demenzerkrankungen zu bestätigen und für die Praxis zu etablieren.

Prof. Dr. Reinhard Klingel, Köln


#

 
Zoom Image
(Symbolbild, Quelle: Fotolia)