Forschung im Bereich der Harninkontinenz weiter intensivieren
Harninkontinenz ist eine weit verbreitete Erkrankung, von der allein in Deutschland
schätzungsweise 6–8 Millionen Menschen betroffen sind. Da gerade in den letzten Jahren
einige neue Therapieoptionen zur medikamentösen und operativen Behandlung eingeführt
wurden, war es sinnvoll, eine neue Leitlinie der EAU zum Thema "Urinary Incontinence"
zu erstellen – auch wenn erst 2009 die letzte EAULeitlinie zu diesem Thema veröffentlicht
wurde. Neu an der aktuellen Leitlinie ist, dass sie auf einen unabhängigen systematischen
Review der aktuellen Literatur, die selbständig von dem EAU-Leitlinien-Gremium durchgeführt
wurde, basiert. Bei den EAU-Leitlinien zuvor handelte es sich nur um eine Zusammenfassung
des "International Consultation on Incontinence".
Der jetzt veröffentlichten Leitlinie liegt die Literatur bis Juli 2010 zugrunde, nur
für Botulinumtoxin wurde nochmal neuere Literatur bewertet. Selbstverständlich ist
es nie möglich, dass die aktuellen Leitlinien auf dem allerletzten Stand der Literatur
basieren, allerdings muss dies auch immer bei der Beurteilung der Leitlinien beachtet
werden. V. a. im Bereich der operativen Verfahren wurden nach Juli 2010 diverse Studien
veröffentlicht, zum einen mit Daten zu neueren Verfahren aber auch Daten zu älteren
Verfahren mit längerem Follow-up, die daher keine Beachtung finden. Aber auch die
β-3-Agonisten, die erst vor wenigen Monaten die Zulassung zur Therapie der überaktiven
Blase bekommen haben, werden nicht berücksichtigt. Insgesamt ist es der EAU-Leitlinienkommision
aber als großer Verdienst anzurechnen eine eigene europäische Leitlinie erstellt zu
haben. Um die Verbreitung dieser neuen Leitlinie "Urinary Incontinence" – ein Werk
mit 104 Seiten – soweit wie möglich voranzutreiben, wurden 2 Publikationen im Journal
of European Urology mit der Zusammenfassung der diagnostischen und nicht operativen
Empfehlungen bzw. mit der Zusammenfassung der operativen Empfehlungen veröffentlicht.
Konservative Therapie wird kritisch beleuchtet und bewertet
Die erste Publikation ist unterteilt in Leitlinien zu Diagnostik sowie konservativer
Therapie, wobei nicht nur alle hierbei relevanten Punkte diskutiert werden, sondern
auch sonst weniger beachtete Punkte wie Vorlagen- und Kondomurinalversorgung, Obstipation
und Restharnuntersuchung. Darüber hinaus haben Komorbiditäten wie Diabetes mellitus
und Komedikationen mit potenziell negativen Einfluss auf die Kontinenz Beachtung gefunden.
Auch die sog. Lifestyle-Veränderungen – die allgemein gerne empfohlen werden – werden
kritisch beleuchtet und bewertet. Bei der medikamentösen Therapie werden nicht nur
die Anticholinergika als Substanzgruppe beurteilt, sondern auch untereinander – soweit
dies möglich ist – sowie gegen Placebo. Auch auf den Einsatz bei älteren Menschen
mit kognitiven Einschränkungen wird gesondert eingegangen. Bei der Darstellung von
Duloxetin zur Therapie bei Frau und Mann wurde erfreulicherweise auf die Tatsache
hingewiesen, dass Duloxetin eine bestehende Belastungsinkontinenz nur verbessern,
aber nicht heilen kann. Es wurde aber leider unterlassen darauf hinzuweisen, dass
Duloxetin nicht für den Einsatz bei Männern zugelassen ist. Somit kann Duloxetin in
Deutschland Männern nur Off-Label verordnet werden. Auch hätte erwähnt werden sollen,
dass eine Medikation mit Duloxetin nicht abrupt abgesetzt, sondern ausgeschlichen
werden sollte und der urologische Einsatz bei depressiven Patienten oder Patienten
mit Angststörungen sehr zurückhaltend und nur unter strenger Kontrolle erfolgen sollte.
Erfreulich sind dagegen die klaren Aussagen zur vaginalen Östrogenisierung, v.a. da
dieser Punkt gerne von uns Urologen vernachlässigt wird.
Die Publikation zur operativen Therapie der Harninkontinenz wurde in 3 Hauptpunkte
unterteilt:
-
Operative Interventionen bei der Frau mit den Unterpunkten
- unkomplizierte Belastungsinkontinenz,
- komplizierte Belastungsinkontinenz und
- Mischinkontinenz,
-
Operative Therapie beim Mann und
-
Operative Interventionen bei Detrusorüberaktivität.
Klare Empfehlungen zur operativen Therapie bei Belastungsinkontinenz
Im Bereich der weiblichen Harninkontinenz erfolgt die dezidierte Betrachtung aller
aktuell zur Verfügung stehenden chirurgischen Optionen inkl.
Darüber hinaus werden klare Empfehlungen zur operativen Therapie bei unkomplizierter
und komplizierter Belastungsinkontinenz inklusive Hinweise zur Patientenaufklärung
gegeben und auch das Thema operative Behandlung der Mischinkontinenz wird beleuchtet.
Kritisch ist anzumerken, dass die Auseinandersetzung mit dem artifizellen Sphinkter
bei der Behandlung einer komplizierten Belastungsinkontinenz relativ oberflächlich
ausfällt. Darüber hinaus sind auch hier nach Juli 2010 wichtige Publikationen erfolgt,
die leider keine Berücksichtigung finden.
Bei der operativen Behandlung der männlichen Belastungsinkontinenz wird zwischen Bulking
Agents, fixen männlichen Schlingen, adjustierbaren Schlingen und kompressiven Systemen
unterschieden. Bedauerlich ist auch hier, dass Publikationen nach Juli 2010 nicht
berücksichtigt wurden, da seitdem einige wesentliche Veröffentlichen erfolgten. Auch
findet das Thema adjustierbare Schlingen nur eine sehr oberflächliche Betrachtung
und das Argus-System wird nicht nur den adjustierbaren Systemen, sondern fälschlicherweise
auch den fixen Schlingen zugeordnet. In der abschließenden Empfehlung wird dann nur
auf die fixen Schlingen eingegangen. Nur in der Langversion der Leitlinie finden sich
auch Empfehlungen zu den adjustierbaren Systemen. Auch in den Empfehlungen zur operativen
Therapie beim Mann werden wieder wichtige Hinweise für die Patientenaufklärung gegeben.
Das 3. Kapitel beschäftigt sich mit der operativen Behandlung der Detrusorüberaktivität.
Dabei wird auf die Injektion von Botulinumtoxin, die sakrale Neuromodulation sowie
Augmentation bzw. Harnableitung eingegangen. Seit Januar 2013 ist Onabotulinumtoxin
in einer Dosierung von 100 IE für die Behandlung der idiopathischen überaktiven Blase
zugelassen. Daher finden sich zu diesem Thema Empfehlungen, die bereits schon wieder
überholt sind. Ein zeitnahes Update der aktuellen Leitlinien wäre hier sinnvoll.
V.a. die klaren Empfehlungen zur Aufklärung bezüglich Komplikationen und Erfolgsraten
einzelner operativer Methoden und die Empfehlung, dass einige Methoden nur im Rahmen
von Forschungsprogrammen angewendet werden sollten, sollten unbedingt im Alltag Beachtung
finden und umgesetzt werden. Dies könnte auch im Rahmen von juristischen Auseinandersetzungen
von enormer Bedeutung sein.
Übersichtliche Entscheidungsbäume zur Therapie der Harninkontinenz
In beiden Publikationen im Journal of European Urology sind sehr klare und übersichtliche
Entscheidungsbäume zur Therapie der Harninkontinenz zu finden, die im praktischen
Alltag hilfreich sind. Auch dies macht diese Leitlinien sehr alltagsauglich. Erfreulich
ist auch, dass nicht nur alle Empfehlungen knapp in Tabellen mit entsprechendem Empfehlungsrad
zusammengefasst wurden, sondern auch die Tabellen aufgeteilt in Themenschwerpunkte,
sodass unkompliziert und schnell ein Überblick über das jeweilige Thema gewonnen werden
kann.
Datenlage teilweise dürftig – mehr evidenzbasierte Forschung nötig
Insgesamt zeigen die aktuellen Leitlinien zum Thema Harninkontinenz, dass u. a. im
Bereich der Diagnostik und konservativen Therapie die Evidenzlage teilweise erstaunlich
dürftig ist und vieles, das wir jeden Tag empfehlen, oftmals mehr "eminenzbasiert"
und nur wenig evidenzbasiert ist. Das Thema Harninkontinenz ist aufgrund der demografischen
Entwicklung und immer weiter steigender Ansprüche auf ein "gesundes Altern" ein Bereich
in der Urologie, der in den nächsten Jahrzehnten immer weiter an Interesse gewinnen
wird. Allein dies sollte ein Ansporn sein, unsere Forschungstätigkeit weiter zu intensivieren
und somit die zum Teil schlechte Evidenzlage zu verbessern.
PD Dr. Ricarda M. Bauer, München