Zusammenfassung
Evozierte Potenziale (EP) erfassen sehr sensitiv Leitungsverlangsamungen in den zentralen
Leitungsbahnen als Zeichen für eine Demyelinisierung. Sie können klinisch stumme Läsionen
identifizieren, klinische Symptome bestätigen und zur Unterscheidung zwischen axonalen
und demyelinisierenden Läsionen beitragen. Damit tragen EP zur frühen Diagnose und
Therapie einer Multiplen Sklerose bei, speziell bei klinisch isolierten Symptomen.
Dagegen ist der Wert der Evozierten Potenziale zur Vorhersage des Verlaufs der MS
bisher unsicher. Viele aktuelle Studien zeigten signifikante Korrelationen zwischen
den Ergebnissen einzelner oder kombinierter Modalitäten der Evozierten Potenziale
und dem Expanded Disability Status Scale (EDSS) nach einem und bis zu 14 Jahren Krankheitsverlauf.
Die Latenzen der somatosensorisch (SEP) und der magnetisch evozierten motorischen
Potenziale (MEP) zur unteren Extremität sind dazu besonders geeignet. Ein niedriger
Summenwert der multimodal Evozierten Potenziale zu Beginn der Erkrankung und keine
oder nur eine geringe Verschlechterung des EDSS in den folgenden 2 Jahren gibt Anhalt
auf eine günstige weitere Prognose. Leider sind die Ergebnisse teils heterogen, die
Studien meist retrospektiv und basieren auf einer geringen Anzahl von Patienten mit
unterschiedlichen Verlaufstypen der Multiplen Sklerose. In der Summe der aktuell zur
Verfügung stehenden Studien gibt es zunehmende Belege für einen hohen Wert der multimodalen
Evozierten Potenziale für die Prognose des Verlaufs der MS. Prospektive multizentrische
Studien mit einer großen Fallzahl, homogenen Krankheitsverläufen, einer robusten Definition
eines Summenwerts der multimodalen EP mit VEP, SEP und MEP, Daten aus MRT und weiteren
Parametern über einen Beobachtungszeitraum von mindestens 3 Jahren sind erforderlich
um die EP zur Prognose auch in klinischen Einzelfallentscheidungen einsetzen zu können.
Die Evozierten Potenziale sind die einzige zur Verfügung stehende Methode, um die
Funktion der Leitungsbahnen objektiv zu messen. Allein daraus begründet sich ihr weiterer
klinischer Einsatz in der Diagnostik und Prognose der Multiplen Sklerose.
Abstract
Evoked potentials are established to be sensitive tools to detect demyelinisation
along a central pathway by recording prolonged latencies. Thus, evoked potentials
can detect clinically silent lesions, can verify weak symptoms and help to differentiate
between axonal and demyelinating lesions. This potential is of special importance
in the case of a clinically isolated syndrome where evoked potentials can help to
make the diagnosis of multiple sclerosis at an early stage of the disease and provide
the basis for early treatment. On the other hand, the potential of evoked potentials
to predict the future disease course in MS is still under investigation. A number
of current studies were able to demonstrate a meaningful correlation between abnormalities
of single and combined evoked potentials with expanded disability status scale (EDSS)
values after one up to 14 years duration of the disease. The latencies of somatosensory
(SEP) and magnetic motor evoked potentials (MEP) to the lower extremities were most
significant for this result. A low multimodal evoked potential score at the beginning
of the disease and a modest worsening of the EDSS during the following 2 years seems
to give an indication for a further good prognosis. Unfortunately, the results are
heterogeneous, most of the studies were retrospective and on a limited number of patients
with different subtypes of multiple sclerosis. There is convergent evidence on the
prognostic potential of multimodal evoked potentials and, if confirmed in larger prospective
studies, this would be of important therapeutic significance. Evoked potentials provide
the only tool for objective quantitative information on the function of central pathways
and this alone may be a reason for the re-emergence of their use in making a diagnosis
and assessing the prognosis in multiple sclerosis.
Schlüsselwörter
evozierte Potenziale (EP) - Demyelinisierung - Multiple Sklerose - Diagnostik - Prognose
Key words
evoked potentials (EP) - demyelinisation - multiple sclerosis - diagnostics - prognosis