Dialyse aktuell 2011; 15(08): 426
DOI: 10.1055/s-0031-1291965
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Chronisch nierenkranke Kinder – Ernährungszustand nach Sondenernährung

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Publication Date:
04 October 2011 (online)

 
 

    Quelle: Sienna JL, Saqan R, Teh JC et al. Body size in children with chronic kidney disease after gastrostomy tube feeding. Pediatr Nephrol 2010; 25: 2115–2121

    Thema: Die adäquate Ernährung chronisch niereninsuffizienter Säuglinge und Kleinkinder ist in vielen Fällen nur über eine nasogastrale oder perkutan endoskopisch gelegte Sonde (PEG = perkutane endoskopische Gastrostomie) möglich. Zur optimalen Energiezufuhr für diese Patientengruppe gab es in der Vergangenheit teils sehr kontroverse Empfehlungen. Es ist allgemein anerkannt, dass eine Energiezufuhr von weniger als 80 % der normalen Empfehlungen zu einem verzögerten Längenwachstum führen kann. Andererseits zeigt sich bei einer Energiesupplementation, die über die Empfehlungen für die gesunde Population hinausgeht, eine im Vergleich zur Längenentwicklung unproportionale Gewichtszunahme. Vor diesem Hintergrund analysierten die Autoren in der vorliegenden, retrospektiven Studie den Ernährungszustand und das Risiko für die Entwicklung von Übergewicht bzw. Adipositas von ehemals mithilfe einer PEG ernährten Patienten.

    Projekt: Sienna et al. erhoben anthropometrische und Labordaten von 20 Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz im Stadium 2–5, bei denen zwischen 1985 und 2007 eine PEG-Ernährung begonnen und abgeschlossen wurde. Berechnet wurde der Body-mass-Index (BMI) und die mittlere Standardabweichung für Länge und Gewicht bezogen auf das chronologische Alter. Beobachtungszeitpunkte waren jeweils die Anlage und Entfernung der PEG sowie jährliche Nachuntersuchungen. Als Kontrollgruppe (n = 82) dienten chronisch nierenkranke Kinder, die nie eine enterale Ernährung erhalten hatten und über ein 5-Jahres-Intervall beobachtet wurden. Am Beobachtungsendpunkt waren 43 % dieser Kinder transplantiert.

    Ergebnisse: Von den 20 in die Untersuchung eingeschlossenen Patienten hatten zum Abschluss der Studie 60 % einen Beobachtungszeitraum von 5 Jahren nach Entfernung der PEG erreicht. Bei der PEG-Anlage betrug das Alter der Kinder im Median 1,7 (Range 0,9–15,6) Jahre und die mittlere Dauer der Ernährung über die PEG lag bei 2,9 (Range 0,9–11,8) Jahren. In dieser Zeit wurden 67 % der Patienten nach durchschnittlich 36 Monaten transplantiert und erhielten in der Folge Steroide.

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    (Bild: CD 03 Health&Medicine)

    Die mittleren Standardabweichungen für Gewicht, Länge und BMI stiegen unter der Ernährung über die PEG erwartungsgemäß an  nämlich von – 2,5 auf – 0,7, von – 2,4 auf – 1,5 und von – 1,2 auf + 0,4. Schwierig ist dabei allerdings die Differenzierung zwischen dem Effekt der Sondenernährung und dem der Transplantation. Nach Entfernung der PEG kam es lediglich zu einem weiteren Anstieg der mittleren Standardabweichung von Gewicht und BMI, nicht aber der Länge. Nach PEG-Entfernung blieb der BMI über insgesamt 11 Jahre in der jährlichen Darstellung auf gleichem Niveau, allerdings bei einer stark abnehmenden Probandenzahl.

    Am Ende des Beobachtungszeitraumes (5 Jahre nach der Entfernung der PEG) lag die mittlere Standardabweichung für den BMI und das Gewicht mit + 0,68 bzw. – 0,16 innerhalb des Normbereichs, obwohl 25 % der Patienten übergewichtig (85.–95. BMI-Perzentile) und 25 % adipös (≥ 95. BMI-Perzentile) waren. Gleichzeitig hatten in der Kontrollgruppe insgesamt etwa 36 % der Kinder Übergewicht oder Adipositas. In beiden Gruppen bestand allerdings ein Zusammenhang zwischen Übergewicht bzw. Adipositas und erfolgter Nierentransplantation. Die mittlere Standardabweichung für die Länge lag am Ende deutlich im unteren Bereich der Norm. Mit – 1,58 war sie niedriger als die der Vergleichsgruppe von – 1,17.

    Fazit: Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die Bedeutung der enteralen Ernährung für Kinder mit chronischer Niereninsuffizienz vor allem im Hinblick auf Gewichtszunahme, weniger auf das Längenwachstum. Damit deuten die Ergebnisse allerdings auch auf eine sich abzeichnende Gefahr des Übergewichtes infolge einer Hyperalimentation hin. Diese scheint sich jedoch nach Beendigung der Sondenernährung auch bei transplantierten Kindern nicht anders zu entwickeln als bei nicht sondenernährten Kindern. Eine Ernährung über die PEG alleine scheint demzufolge kein zusätzliches Risiko für die spätere Entwicklung von Übergewicht oder Adipositas zu sein.

    Schlüsselwörter: chronische Niereninsuffizienz – Malnutrition – enterale Ernährung – Gastrostomie – Adipositas

    Gabriele Holst M.A., Hamburg


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    (Bild: CD 03 Health&Medicine)