Z Gastroenterol 2011; 49(9): 1276-1341
DOI: 10.1055/s-0031-1281666
Leitlinie

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Aktualisierte Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Colitis ulcerosa 2011 – Ergebnisse einer Evidenzbasierten Konsensuskonferenz

AWMF-Registriernummer: 021 / 009Updated German Guideline on Diagnosis and Treatment of Ulcerative Colitis, 2011A. Dignass1 , J. C. Preiß2 , D. E. Aust3 , F. Autschbach4 , A. Ballauff5 , G. Barretton3 , B. Bokemeyer6 , S. Fichtner-Feigl7 , S. Hagel8 , K. R. Herrlinger9 , G. Jantschek10 , A. Kroesen11 , W. Kruis12 , T. Kucharzik13 , J. Langhorst14 , M. Reinshagen15 , G. Rogler16 , D. Schleiermacher17 , C. Schmidt8 , S. Schreiber18 , H. Schulze1 , E. Stange9 , M. Zeitz2 , J. C. Hoffmann17 , A. Stallmach8
  • 1Medizinische Klinik I, Gastroent., Hepatologie, Onkologie und Infektiologie, Agaplesion Markus Krankenhaus, Frankfurt/Main
  • 2Medizinische Klinik I, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin
  • 3Universitätsklinikum Dresden, Institut für Pathologie
  • 4Klinikum Am Gesundbrunnen, Heilbronn, Institut für Pathologie
  • 5Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Helios-Klinikum Krefeld
  • 6Gastroenterologische Gemeinschaftspraxis, Minden
  • 7Klinik und Poliklinik für Chirurgie, Universitätsklinikum Regensburg
  • 8Klinik für Innere Medizin II, Abt. Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie, Universitätsklinikum Jena
  • 9Abteilung Innere Medizin I mit Schwerpunkt Gastroenterologie, Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart
  • 10Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum Lübeck
  • 11Chirurgische Klinik, Krankenhaus Porz am Rhein
  • 12Abteilung Innere Medizin, Evang. Krankenhaus Kalk
  • 13Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Gastroenterologie, Städtisches Klinikum Lüneburg
  • 14Innere V, Kliniken Essen-Mitte, Knappschafts-Krankenhaus
  • 15Medizinische Klinik I mit Schwerpunkt Gastroenterologie, Städtisches Klinikum Braunschweig
  • 16Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie, Department für Innere Medizin, Universitätsspital Zürich
  • 17Medizinische Klinik I, St. Marien-Krankenhaus, Ludwigshafen
  • 18I. Medizinische Klinik, Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Univ.-Klinikum Schleswig Holstein, Campus Kiel
Weitere Informationen

Prof. Dr. Axel Dignass

FEBG, AGAF, Medizinische Klinik I, Agaplesion Markus Krankenhaus

Wilhelm-Epstein-Str. 4

60431 Frankfurt/Main

Telefon: ++ 49/69/95 33 22 01

Fax: ++ 49/69/95 33 22 91

eMail: axel.dignass@fdk.info

Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
24. August 2011 (online)

Inhaltsübersicht
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Methodik 1275
 Hintergrund1275
 Methodik1276
Kapitel 2: Klinische Diagnostik 1278
 Klassifikation1278
 Krankengeschichte1279
 Diagnosestellung1281
 Endoskopische Diagnostik1283
 Differenzialdiagnostische Abgrenzung zum Morbus Crohn1283
 Bestimmung der Krankheitsaktivität1283
 Ultraschall1284
 Kolonstenose bei Colitis ulcerosa1284
 Pädiatrie1284
Kapitel 3: Histopathologische Diagnostik 1285
 Entzündungsdiagnostik1285
 Intraepitheliale Neoplasien (IEN)1286
Kapitel 4: Akuter Schub 1287
 Proktitis1287
 Linksseitenkolitis1288
 Ausgedehnter Befall1289
 Schwere CU, beliebige Ausdehnung1290
 Colitis ulcerosa refraktär auf systemische Steroidtherapie1291
 Akuter Schub unter remissionserhaltender Therapie1293
 Komplikationen der schweren Colitis ulcerosa1293
 Schmerztherapie1294
 Medikamentöse Therapie1294
Kapitel 5: Remissionserhaltung 1296
Kapitel 6: Infektiologische Probleme 1298
Kapitel 7: Chirurgie 1308
 Pouchitis1312
Kapitel 8: Karzinom-Prophylaxe 1313
 Risikokonstellation1313
 Überwachungskoloskopie, zeitliche Strategie1313
 Überwachungskoloskopie, Durchführungsbedingungen1314
 Karzinome, IEN, ALM, DALM sowie Therapiekonsequenzen1315
 Chemoprävention1316
 Immunsuppression und Karzinomentstehung1317
Kapitel 9: Extraintestinale Manifestationen 1317
 Gelenkmanifestationen1317
 Manifestation an der Leber und an den Gallenwegen1318
 Hautmanifestationen bei Colitis ulcerosa1319
 Augenmanifestationen bei Colitis ulcerosa1319
 Osteoporose1319
 Seltene extraintestinale Manifestationen und extraintestinale Begleiterkrankungen1320
Kapitel 10: Psychosomatik, Komplementär- und Alternativmedizin 1320
 Psychosomatik1320
 Komplementär- und Alternativmedizin1322
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Kapitel 1: Methodik

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Hintergrund

Die Colitis ulcerosa (CU) ist neben dem Morbus Crohn die wichtigste chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED). Die Inzidenz für die Colitis ulcerosa liegt in Deutschland bei bei 3,0 – 3,9 pro 100 000 Einwohner [1] [2]. Die Prävalenz dürfte in der westlichen Welt derzeit bei 160 – 250 pro 100 000 Einwohner liegen [3] [4]. Der höchste Gipfel der alterspezifischen Inzidenz liegt bei den 16- bis 25-Jährigen, wenn auch die Verteilung über die Altersdekaden weit gleichmäßiger ist als früher beschrieben wurde [2]. Somit beginnt für die meisten Patienten ihre Erkrankung während der Schulzeit oder der Berufausbildung und dauert während ihres gesamten beruflichen Lebens an. Daraus folgt, dass durch die Erkrankung nicht nur direkte Kosten (Medikamente, Arztbesuche, Operationen, Krankenhausaufenthalte etc.), sondern auch umfangreiche indirekte Kosten (Rente, Arbeitsausfälle etc.) entstehen. Es ist davon auszugehen, dass bei Patienten mit CU ca. die Hälfte der Gesamtkosten den indirekten Kosten zuzuordnen sind [5]. An direkten medizinischen Kosten wurden dabei zuletzt zwischen 2500 und 5000 € pro Jahr für einen Patienten mit Colitis ulcerosa errechnet. Insgesamt entfielen 75 % der direkten Kosten allein auf Arzneimittelkosten [5] [6]. Hochgerechnet werden allein in Deutschland ca. 1–2 Milliarden € pro Jahr für die Versorgung von Patienten mit Colitis ulcerosa aufgewandt.

Eine besondere Untergruppe von Patienten mit Colitis ulcerosa sind Kinder und Jugendliche. Bei 15 – 25 % der Patienten treten die ersten Symptome vor dem 20. Lebensjahr auf, vereinzelt beginnt die Erkrankung im Säuglingsalter. Andere Differenzialdiagnosen, v. a. angeborene Immundefekterkrankungen und eine allergische Kolitis, sind auszuschließen. Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen vor und während der Pubertät bis zum Abschluss des Wachstums sollte durch den in der Gastroenterologie spezialisierten Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin erfolgen.

Der klinische Verlauf und die Ausdehnung der Erkrankung sowie das Ausmaß an extraintestinalen Manifestationen sind sehr variabel. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer komplexen Diagnostik und einer abgestuften Therapie in der klinischen Praxis. Die jetzt überarbeitete Leitlinie basiert wesentlich auf der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) aus dem Jahr 2004 sowie der Leitlinie der European Crohn’s and Colitis Organization (ECCO) von 2008 [7] [8] [9] [10]. Die überarbeitete Leitlinie wird in 10 Abschnitten dargestellt, wobei im ersten Kapitel die Ziele und methodischen Grundlagen der Leitlinie dargestellt werden, während in den nachfolgenden neun Kapiten die evidenzbasierten Empfehlungen in unterschiedlichen diagnostischen und klinischen Szenarien dargestellt werden.

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Ziele der Leitlinie und Gültigkeitsdauer

Ziel dieser Leitlinie soll eine praxisorientierte Zusammenfassung und Bewertung des gegenwärtigen Wissensstands zur Diagnostik und Therapie der Colitis ulcerosa bei pädiatrischen Patienten und Erwachsenen sein. Sie soll einen Handlungskorridor für die häufigsten Entscheidungen liefern. Sie soll zudem der evidenzbasierten Fort- und Weiterbildung dienen und somit eine Verbesserung der medizinischen Versorgung von Patienten mit Colitis ulcerosa in der ambulanten und stationären Versorgung erreichen.

Die Leitlinie richtet sich an alle an der Diagnostik und Therapie beteiligten Berufsgruppen (Allgemeinmediziner, Internisten, Kinder- und Jugendmediziner, Chirurgen, Pathologen) sowie Betroffene und Leistungserbringer (Krankenkassen, Rentenversicherungsträger).

Die Struktur der Leitlinie orientiert sich am Deutschen Instrument zur methodischen Leitlinien-Bewertung (DELBI) und entspricht den Anforderungen der AWMF an eine S 3-Leitlinie [11]. Details zur Methodik sind in einem separaten Methodenreport dargestellt.

Die Gültigkeit dieser überarbeiteten Leitlinie wird auf 5 Jahre geschätzt, sodass die Revision für 2016 geplant ist.

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Methodik

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Organisatorischer Ablauf des Konsensusprozesses

Basierend auf dem Teilnehmerkreis der früheren Konsensuskonferenzen erstellte ein Koordinationskomitee (A. Dignass, A. Stallmach und J. C. Hoffmann) in Abstimmung mit einer Patientenvertreterin (B. Kaltz) eine Teilnehmerliste für insgesamt 10 Arbeitsgruppen ([Tab. 1]). Dabei erfolgte die Auswahl unter der Berücksichtigung folgender Kriterien:

  1. Fachliche Expertise

  2. Für Ärzte: Schlüsseldisziplin (Innere Medizin, Gastroenterologie, Epidemiologie, Ernährungsmedizin, pädiatrische Gastroenterologie, Pathologie, Komplementäre Medizin, Psychosomatik, Radiologie, Viszeralchirurgie)

  3. Für Ärzte: Versorgungsstufe (Niedergelassene, Krankenhaus der Grund-, Schwerpunkt- und Maximalversorgung)

  4. Teilnehmerart: Ärzte, Patienten

Tab. 1 Mitglieder der Leitliniengruppe.
AG 1: Methodik, Implementierung – Leiter: J. C. Preiß (Berlin), J. Gensichen (Jena)
S. Conrad (Berlin), A. Timmer (Bremen), P. Layer (Hamburg), M. Böhmig (Frankfurt)
AG 2: Diagnostik – Leiter: K. Herrlinger (Stuttgart), T. Kucharzik (Lüneburg)
R. Behrens (Nürnberg, GPGE), C. F. Dietrich (Bad Mergentheim), M. Goetz (Mainz); C. Schmidt (Bonn), A. Schreyer (Regensburg), N. Teich (Leipzig)
AG 3: Pathologie – Leiter: G. B. Baretton (Dresden, DGP), F. Autschbach (Heilbronn)
D. Aust (Dresden), E. Jehle (Ravensburg), F. Dreher (Rottenburg), U. Böcker (Mannheim), M. Vieth (Bayreuth)
AG 4: Schub – Leiter: A. Dignass (Frankfurt, DGVS), E. Stange (Stuttgart)
H. J. Buhr (Berlin, DGVC), J. Stein (Frankfurt), D. Lümmen (Berlin, DCCV), B. Küppers (Mannheim), H. Schulze (Frankfurt), K. M. Keller (Wiesbaden, GPGE)
AG 5: Remissionserhaltung – Leiter: G. Rogler (Zürich), S. Schreiber (Kiel)
T. Andus (Stuttgart), J. Weismüller (Koblenz), M. Ratzlaff (Reutlingen, DCCV), S. Nikolaus (Kiel), W. Stremmel (Heidelberg), A. Sturm (Berlin), S. Koletzko (München, GPGE)
AG 6: Therapie- und CED-assoziierte Infektionen – Leiter: A. Stallmach (Jena, DGVS), M. Zeitz (Berlin)
T. Maaser (Lüneburg), B. Siegmund (Berlin), S. Hagel (Jena), H. Köhler (Erlangen, GPGE)
AG 7: Chirurgie und Pouchitis – Leiter: A. J. Kroesen (Köln), S. Fichtner-Feigl (Regensburg)
A. Ballauff (Krefeld, GPGE), K. H. Vestweber (Leverkusen), A. Weimann (Leipzig, DGEM), C. F. Krieglstein (Köln), B. Klump (Stuttgart), C. Witte (Berlin, DGVS), W. Weidlich (Püttlingen, DCCV)
AG 8: Karzinomprophylaxe – Leiter: B. Bokemeyer (Minden), J. C. Hoffmann (Ludwigshafen, DGVS)
V. Groß (Amberg), B. Kaltz (Bremen, DCCV), R. Porschen (Bremen), C. Pox (Bochum), M. Schleiermacher (Ludwigshafen), J. Mudter (Erlangen)
AG 9: Extraintestinale Manifestationen und CED-assoziierte Erkrankungen – Leiter: M. Reinshagen (Braunschweig), W. Kruis (Kruis)
R. Duchmann (Frankfurt), C. Schmidt (Jena), R. Raedsch (Wiesbaden), S. Buderus (Bonn, GPGE)
AG 10: Psychosomatik, Komplementärmedizin – Leiter: G. Jantschek (Lübeck)1, J. Langhorst (Essen)
W. Häuser (Saarbrücken), H. Matthes (Berlin), B. Franzen (Köln), G. Moser (Wien), K. Fellermann (Lübeck)
1Die Autoren gedenken Herrn Prof. Dr. Jantschek, der am 12.8.2010 während eines Urlaubs plötzlich und unerwartet verstarb.

Jede der neben DGVS beteiligten Fachgesellschaften benannte ebenfalls Vertreter. Alle Mitglieder der Leitliniengruppe gaben Informationen zu potenziellen Interessenkonflikten ab. Diese wurden von den Koordinatoren gesichtet, dabei ergab sich kein Hinweis auf Interessenkonflikte, die zu einer unzulässigen Beeinflussung der Leitlinienerstellung hätten führen können.

Der zeitliche Ablauf des Konsensusprozesses ist in [Tab. 2] dargestellt. Das methodische Vorgehen wurde am 19.4.2009 bei einem Treffen des Koordinationskomitees mit den Arbeitsgruppenleitern konsentiert.

Tab. 2 Zeitplan der Leitlinienerstellung.
RubrikTeilpunktZeitraum
InitiierungAuswahl der Konferenzteilnehmer
Treffen der AG-Leiter zur Konsentierung der Methodik
4 / 2009
19.4.2009
LiteraturrechercheSchulung der Literaturbeauftragten
Definition der Schlüsselempfehlungen
Erstellung von Suchbegriffen für die Literaturrecherche
Systematische Literaturrecherche
18.5.2009
5 – 7 / 2009
Online-FragebogenrundeErstformulierung der Empfehlungen
AG-Leiter-Treffen
internetbasierte Beantwortung der Fragebögen durch alle Teilnehmer
7 – 10 / 2009
3.10.2009
11 / 2009
KonsuskonferenzKonsensuskonferenz: Arbeitsgruppensitzungen
Konsensuskonferenz: Plenarsitzung mit Abstimmung
4.12.2009
4.–5.12.2009
NachbereitungArbeitsgruppenleiter: Überarbeitung der Kapitel
Koordinationsstelle: Zusammenstellen der Leitlinie
Vorlage der Leitlinie bei den unterstützenden Fachgesellschaften
Veröffentlichung
1 – 5 / 2010
7 – 12 / 2010
1 / 2011
9 / 2011
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Schlüsselfragen

Die Leitlinien der DGVS zu den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen haben zum Ziel, die gesamte Breite des Krankheitsgebiets abzudecken. Demgegenüber steht ein hoher Aufwand bei der Erstellung hochwertiger klinischer Leitlinien. Daher wurde ein Verfahren zur Priorisierung einzelner Fragestellungen angewandt. Die AG-Leiter definierten aus ihrem jeweiligen Themenbereich Schlüsselfragen, die mit besonderer methodischer Genauigkeit bearbeitet wurden. Die Schlüsselfragen zeichneten sich dadurch aus, dass nach Meinung der AG-Leiter diese von vitaler oder hoher klinischer Bedeutung für die Patienten sind, die Antworten besonders strittig sind sowie evtl. von einer besser strukturierten Auswertung der Evidenzen profitieren oder auch zu diesem Gebiet eine Mangelversorgung vorliegt. Für die Schlüsselfragen wurde in besonderem Maße sichergestellt, dass die Literatur, die die Grundlagen für die vorausgegangenen Leitlinien bildete, vollständig erfasst wurde. Darüber hinaus wurde die selektierte Literatur zu den Schlüsselfragen in Evidenztabellen zusammengefasst. Die Schlüsselempfehlungen sind in der Leitlinie durch einen Stern hervorgehoben.

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Literatursuche

Für die systematische Literaturrecherche wurde eine Basissuchstrategie festgelegt, die mit hoher Sensitivität alle systematischen Übersichten, Interventionsstudien und Beobachtungsstudien in MEDLINE zum Thema Colitis ulcerosa bis Mai 2009 erfasst. Diese Suchstrategie wurden dezentral von den Arbeitsgruppen durch für ihr Thema relevante Suchbegriffe ergänzt. Literatur bis 2003 war bereits für die vorausgegangene Leitlinie gesammelt worden, einzig zu den Schlüsselfragen und bisher nicht bearbeiteten Fragen wurde die Literatursuche auf den Zeitraum vor 2003 ausgeweitet. Die Cochrane Library und PsycINFO wurden zentral nach Arbeiten durchsucht, die nicht in MEDLINE erfasst waren. Diese Arbeiten wurden ergänzt durch Literaturstellen, die entweder den AG-Mitgliedern bekannt waren oder in der ECCO-LL bereits zitiert waren. Aus den so identifizierten Arbeiten wurden kontrollierte Studien bzw. deren systematische Übersichten und unkontrollierte Fallserien mit mindestens 20 Patienten eingeschlossen. Die ausgewählte Literatur wurde der Leitliniengruppe zur Konsensuskonferenz in Abstractform bzw. für die Schlüsselempfehlungen als Evidenztabellen zur Verfügung gestellt.

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Konsentierung der Empfehlungen

Die Arbeitsgruppen erstellten zunächst auf dem Boden der DGVS- und der ECCO-Leitlinie unter Berücksichtigung der ausgewählten Literatur Empfehlungen. Auf einem Treffen der AG-Leiter am 3.10.2009 wurden Überschneidungspunkte und offene Fragen geklärt, bevor über die Empfehlungen von allen Mitgliedern der Leitliniengruppe in einem Onlineverfahren abgestimmt wurde. Die Ergebnisse und Kommentare der Fragebogenrunde wurden von den AG-Leitern für Umformulierungen der Empfehlungen genutzt. Am 4. und. 5. Dezember 2009 fand eine 2-tägige Konsensuskonferenz statt. Zu Beginn dieser Konferenz wurden die Empfehlungen in den Arbeitsgruppen in Kleingruppen erneut diskutiert und für die Abstimmung im Plenum vorbereitet. Dabei bestand die Möglichkeit für einzelne Mitglieder der Konsensuskonferenz, vorab problematische Formulierungen mit den Mitgliedern der Arbeitsgruppen zu besprechen. Schließlich wurden die Konsensusvorschläge durch jede Arbeitsgruppe vorgetragen, im Plenum diskutiert, ggf. modifiziert und mittels elektronischer, anonymer Abstimmung (TED) verabschiedet. Die Diskussion wurde immer durch einen der nicht in der jeweiligen AG vertretenen Koordinatoren moderiert. Der so erstellte Konsensus wurde durch die Arbeitsgruppenleiter durch Erläuterungen ergänzt. Einzelne Empfehlungen, die in der Fragebogenrunde bereits einen starken Konsens erreicht hatten, die in beiden verwendeten Quellleitlinien gleich lauteten und für die keine neue Literatur identifiziert werden konnten, wurden in der Konsensuskonferenz vorgestellt, aber nicht mehr diskutiert oder abgestimmt. Die Konsensusstärke ([Tab. 3]) wurde bei jeder Empfehlung angegeben.

Tab. 3 Konsensusstärken.
starker KonsensZustimmung von > 95 % der Teilnehmer
KonsensZustimmung von > 75 – 95 % der Teilnehmer
mehrheitliche ZustimmungZustimmung von > 50 – 75 % der Teilnehmer
kein KonsensZustimmung von weniger als 50 % der Teilnehmer
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Klassifikation der Evidenzklassen, Anwendbarkeit, Konsens, Evidenzgrade

In manchen Leitlinien ergibt sich die Stärke der Empfehlung automatisch aus der Evidenzklasse („Level of Evidence”). Dies führt dazu, dass Medikamente, die in großen Studien untersucht wurden, grundsätzlich eine stärkere Empfehlung erhalten als Medikamente, die möglicherweise wirksamer sind, aber nicht so gut untersucht wurden. Um diesem Dilemma zu entgehen, muss ein solcher Automatismus vermieden werden. Entsprechend dem Regelwerk der AWMF, den methodischen Empfehlungen der GRADE Working Group [7] und einigen der neueren DGVS-Leitlinien haben wir eine Trennung von Evidenzklasse und Empfehlungsstärke übernommen. Die Evidenzklasse und der Evidenzgrad („Grade of Recommendation”, nicht: Empfehlungsstärke) wurden hier entsprechend des Oxford-Centre for Evidence Based Medicine eingeteilt ([Tab. 4] [5]) und basiert auf dem Studiendesign und der direkten oder indirekten Anwendbarkeit [8]. Der Evidenzgrad gibt das Vertrauen in die zugrunde liegende Evidenz wieder.

Tab. 4 Evidenzklassen.
KlasseTherapieDiagnostikPrognose
1asystematische Übersicht (SR)1 von randomisierten klinischen Studien (RCTs) SR1 von diagnostischen Klasse 1-Studien; CDR2 von Klasse 1b-Studien aus verschiedenen ZentrenSR1 von Inzeptionskohortenstudien; CDR2, validiert in verschiedenen Populationen
1beinzelne RCTsValidierungskohortenstudie mit gutem Referenzstandard; oder CDR2 getestet in einem ZentrumInzeptionskohortenstudie mit ≥ 80 % Follow-up; CDR2, validiert in einer Population
1cAlles-oder-NichtsAbsolute SpPins und SnNouts3 Alles-oder-Nichts-Fallserien
2aSR1 von KohortenstudienSR1 von diagnostischen Klasse 2- StudienSR1 von retrospektiven Kohortenstudien oder Placebo-Gruppen in RCTs
2bEinzelne Kohortenstudie oder RCTs minderer Qualitätexplorative Kohortenstudien mit gutem Referenzstandard; CDR2 nach Ableitung oder validiert nur an Teilgruppen oder Datenbankenretrospektive Kohortenstudie oder Follow-up der Placebogruppe in einem RCT; CDR2 nach Ableitung oder validiert an Teilgruppen
2cOutcomes-Studien, Ökologische StudienOutcomes-Studien
3aSR1 von FallkontrollstudienSR1 von Klasse 3-Studien
3beinzelne Fallkontrollstudienicht konsekutive Studie; oder ohne konsistent angewandten Referenzstandard
4(Fallserien oder) Kohorten-/Fall-Kontrollstudien minderer QualitätFallkontrollstudien, schlechter oder nicht unabhängiger Referenzstandard Fallserien oder prognostische Kohortenstudien mäßiger Qualität
5Expertenmeinung ohne explizite Bewertung der Evdenz oder basierend auf physiologischen Modellen, Laborforschung oder DefinitionenExpertenmeinung ohne explizite Bewertung der Evidenz oder basierend auf physiologischen Modellen, Laborforschung oder DefinitionenExpertenmeinung ohne explizite Bewertung der Evdenz oder basierend auf physiologischen Modellen, Laborforschung oder Definitionen
1Systemischer Review mit Homogenität. 2Clinical Decision Rule (Algorithmen oder Punktesysteme, die helfen, eine Prognose oder diagnostische Kategorie abzuschätzen). 3SpPins haben eine so hohe Spezifität, dass sie die definitive Diagnose stellen, SnNouts haben eine so hohe Sensitivität, dass ein negatives Ergebnis die Diagnose ausschließt.
Tab. 5 Evidenzgrade.
ADirekt anwendbare Studien der Evidenzklasse 1
BStudien der Evidenzklasse 2 oder 3
oder indirekte Anwendbarkeit1 von Studien der Evidenzklasse 1
CStudien der Evidenzklasse 4
oder indirekte Anwendbarkeit1 von Studien der Evidenzklasse 2 oder 3
DStudien der Evidenzklasse 5
oder indirekte Anwendbarkeit1 von Studien der Evidenzklasse 4
oder beunruhigend uneinheitliche oder nicht aussagekräftige Studien irgendeiner Evidenzklasse
1Indirekte Anwendbarkeit bezieht sich auf Situationen, die sich möglicherweise klinisch relevant von der in der vorliegenden Evidenz untersuchten Situation unterscheiden (z. B. unterschiedliche Klasse von Antidepressiva oder die Studie war an unterschiedlichen Populationen durchgeführt worden).

Die Empfehlungsstärke wiederum wurde festgelegt in Abhängigkeit von potenziellem Nutzen und dem Risiko der Intervention, dem Evidenzgrad, den Patientenpräferenzen, der Umsetzbarkeit und mitunter auch ökonomischen Überlegungen. Die Empfehlungsstärke spiegelt sich v. a. in der Formulierung der Empfehlung wider und wurde wie in den Nationalen Versorgungsleitlinien eingeteilt ([Tab. 6]). Empfehlungssgrad und der Empfehlungsstärke sind in der gedruckten Leitlinie zusammen mit der Konsensusstärke angegeben.

Tab. 6 Empfehlungsstärken.
EmpfehlungsstärkeFormulierungBedeutung für ÄrzteBedeutung für PatientenSymbol
stark positiv„soll”Die meisten Patienten sollen die empfohlene Intervention erhalten
„Definitely do it!”
Die meisten Patienten würden sich für die empfohlene Intervention entscheiden und nur eine kleine Zahl dagegen↑↑
abgeschwächt positiv „sollte”
oder
„kann”
Unterschiedliche Entscheidungen sind bei verschiedenen Patienten angemessen, die von der Situation des Patienten abhängen, aber auch von seinen persönlichen Vorstellungen und Präferenzen
„Probably do it!”
Die Mehrzahl der Patienten würde sich für die Intervention entscheiden, aber viele nicht
abgeschwächt negativ„sollte eher nicht”„Probably don’t do it!”Die Mehrzahl der Patienten würde sich gegen die Intervention entscheiden, aber viele auch dafür
stark negativ„soll nicht”„Definitely don’t do it!”Die meisten Patienten würden sich gegen die empfohlene Intervention entscheiden und nur eine kleine Zahl dafür↓↓
unklar„Eine generelle Empfehlung bezüglich ... kann aufgrund der unzureichenden Datenlage nicht gegeben werden.” ← →
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Kapitel 2: Klinische Diagnostik

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Klassifikation

Empfehlung 2.1*

Eine Klassifikation bez. der Ausdehnung der Erkrankung soll erfolgen.

Evidenzgrad: D

Konsensusstärke: starker Konsens

Empfehlungsstärke: ↑ ↑

Empfehlung 2.2*

Es soll eine endoskopische Einteilung in die Proktitis (begrenzt auf das Rektum), die Linksseitenkolitis (Ausdehnung bis zur linken Flexur) und die ausgedehnte Kolitis erfolgen.

Evidenzgrad: D

Konsensusstärke: starker Konsens

Empfehlungsstärke: ↑↑

Erläuterung

Eine Klassifikation der Colitis ulcerosa nach der Ausdehnung der Erkrankung ist aus zwei Gründen sinnvoll. Einerseits entscheidet die Lokalisation der Erkrankung über den Einsatz topisch und/oder systemisch wirkender Medikamente, insbesondere der 5-ASA-Präparate. Bei einer Proktitis werden bevorzugt Suppositorien eingesetzt, bei der Linksseitenkolitis können Einläufe oder Schaumpräparate zum Einsatz kommen. Bei ausgedehnter Colitis ulcerosa sollten oral verabreichte Substanzen verwendet werden, einer aktuellen Studie zufolge allerdings idealerweise kombiniert mit einer topischen Therapie [12]. Weiterhin hat die Ausdehnung Einfluss auf den Beginn des Karzinomüberwachungsprogramms. Aus diesem Grund wird die Empfehlung zur Vorsorgekoloskopie entsprechend der Ausdehnung der Erkrankung differenziert ausgesprochen (siehe Kapitel 8). Die bevorzugte Einteilung der Colitis ulcerosa unterscheidet die Proktitis, die Linksseitenkolitis sowie die ausgedehnte Kolitis mit Ausdehnung über die linke Flexur hinaus (Montreal-Klassifikation) [13] ([Tab. 7]). Wegen der großen Bedeutung, die diese Empfehlung für eine Vielzahl von Therapieentscheidungen bei der Colitis ulcerosa hat, wird hier trotz schlechter Evidenz eine starke Empfehlung abgegeben.

Tab. 7 Ausdehnung der Colitis ulcerosa (nach Silverberg et al. [13]).
EinteilungAusdehnungBeschreibung
E1Proktitislimitiert auf das Rektum (distal des rektosigmoidalen Übergangs)
E2LinksseitenkolitisBefall bis zur linken Flexur
E3ausgedehnte KolitisAusdehnung über die linke Flexur hinaus bis zur Pankolitis
Empfehlung 2.3

Das gleichzeitige Vorliegen einer PSC soll dokumentiert werden, da dies die Überwachungsstrategie beeinflusst.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die Dokumentation einer primär sklerosierenden Cholangitis (PSC) ist von Bedeutung, da ihr Vorliegen mit einem deutlich erhöhten Risiko für die Entwicklung eines kolorektalen Karzinoms vergesellschaftet ist [14] [15]. Diese Tatsache hat Einfluss auf die Empfehlungen zur Karzinomüberwachung bei gleichzeitigem Vorliegen von Colitis ulcerosa und PSC (siehe Kapitel 8).

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Krankengeschichte

Empfehlung 2.4

Die Anamnese soll eine detaillierte Erfragung über Art und Beginn der Symptome, eine kürzliche Reiseanamnese, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Kontakte mit infektiösen Durchfallerkrankungen und die Medikamentenanamnese (insbesondere bez. Antibiotika und nicht steroidaler Antirheumatika) beeinhalten.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 2.5

Bei etablierter Diagnose sollte die Anamnese weiterhin den Impfstatus, die Raucheranamnese, die Familien- und Sozialanamnese und die Frage nach einer evtl. vorliegenden Depression beinhalten.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Eine ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung gehört zur täglichen Routine und ist nicht spezifisch für Patienten mit Colitis ulcerosa. Nichtsdestotrotz gibt es bestimmte Aspekte, die bei der Colitis ulcerosa (bzw. den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen) eine besondere Rolle spielen und eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Daher wird hier im Sinne eines „good practice points” eine starke Empfehlung abgegeben.

Die Unterscheidung zwischen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa kann manchmal schwierig bzw. anamnestisch unmöglich sein. Das Fehlen von rektalem Blutabgang oder Symptome bei aktiven Rauchern sollten den Verdacht auf einen Morbus Crohn erwecken. Eine infektiöse oder medikamenteninduzierte Colitis sollte anamnestisch, soweit möglich, abgegrenzt werden. Die Einnahme von nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) scheint ein signifikantes Risiko zu beeinhalten, eine bestehende Colitis ulcerosa zu verschlechtern [16] [17] [18] [19].

Knapp die Hälfte der Patienten mit Colitis ulcerosa erlebt einen Verlauf der Erkrankung, der eine immunsuppressive Therapie mit Steroiden, Thiopurinen oder anti-TNF-Antikörpern erfordert [20] [21]. Das Risiko für opportunistische Infektionen unter immunsuppressiver Therapie, insbesondere unter Mehrfachimmunsuppression, ist signifikant erhöht [22]. Daher wird sowohl in einem Konsensuspapier der ECCO als auch im vorliegenden Konsensuspapier der DGVS die Erhebung und ggf. Vervollständigung des Impfstatus gefordert (für Details siehe Kapitel 6).

Aktives Rauchen hat einen protektiven Effekt auf die Entwicklung und den Schweregrad einer Colitis ulcerosa [23] [24]. Ex-Raucher hingegen haben ein 70 % höheres Risiko, eine Colitis ulcerosa zu entwickeln, diese weist häufiger einen refraktären und ausgedehnten Verlauf auf, auch im Vergleich zu Patienten, die nie geraucht haben. Krankenhausaufenthalte und Kolektomieraten sind bei Ex-Rauchern ebenfalls höher als bei Patienten, die nie geraucht haben [25] [26]. Ex-Raucher, die wieder beginnen, zu rauchen, scheinen einen milderen Verlauf der Erkrankung zu erleben [26] [27]. Umstritten ist die Frage, ob Rauchen auch das Auftreten einer PSC oder das Auftreten einer Pouchitis nach Kolektomie und ileo-analer Pouchanlage verhindern kann [28] [29] [30]. Ein weiterer Zusammenhang scheint zwischen Appendektomie und der Entwicklung einer Colitis ulcerosa zu bestehen. Kohortenstudien und eine Metaanalyse weisen daraufhin, dass eine Appendektomie in der Kindheit (wegen „echter” Appendizitis) einen protektiven Effekt (69 % Risikoreduktion) bzgl. des Auftretens und des Schweregrads einer späteren Colitis ulcerosa hat. Auch diese Daten sind nicht in allen Folgestudien bestätigt worden [31] [32] [33] [34] [35] [36] [37]. Dabei scheint der protektive Effekt der Appendektomie zusätzlich zum Effekt des Rauchens zu bestehen, während die Appendektomie nicht vor der Entwicklung einer PSC schützt. Eine Appendektomie nach dem Auftreten einer Colitis ulcerosa scheint keinen wesentlichen Effekt mehr zu haben. Die Daten zur Appendektomie sind epidemiologisch und pathophysiologisch interessant, haben im klinischen Alltag allerdings keine therapeutische Konsequenz und werden daher in den Empfehlungen nicht berücksichtigt.

Die Familienanamnese hat einen besonderen Stellenwert in der Anamnese. Erstgradige Verwandte von Patienten mit Colitis ulcerosa haben ein 10- bis 15-fach erhöhtes Risiko, ebenfalls an einer Colitis ulcerosa zu erkranken [38]. Allerdings beträgt das lebenslange Risiko für erstgradige Verwandte, eine Colitis ulcerosa zu entwickeln, nur ungefähr 5 % (oder umgekehrt liegt die Wahrscheinlichkeit, nicht nicht an Colitis ulcerosa zu erkranken, bei 95 %). Dieses ist eine wichtige Information für Patienten bei der Familienplanung. Familiäre Fälle von Colitis ulcerosa scheinen eher das weibliche Geschlecht zu betreffen, weiterhin scheint das Erkrankungsalter niedriger zu liegen im Vergleich zu sporadischen Fällen [39].

Empfehlung 2.6

Weiterhin soll die Anamnese Fragen bzgl. extraintestinaler Manifestationen (Mund, Haut, Augen und/oder Gelenke) sowie nach perianalen Abszessen, Fisteln und Analfissuren beinhalten.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 2.7

Bei Erstdiagnose und beim Auftreten spezifischer Symptome soll eine komplette körperliche Untersuchung inkl. einer oralen und perianalen Inspektion, einer rektalen Untersuchung und die Beachtung evtl. vorliegender extraintestinaler Manifestationen erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Explizit sollte nach extraintestinalen Manifestationen, insbesondere an Augen, Mund, Gelenken und der Haut sowie nach perianalen Manifestationen, gefragt werden, da diese vom Patienten mitunter nicht mit der Krankheit in Zusammenhang gebracht werden, aber von hoher Bedeutung für die weiteren therapeutischen Entscheidungen sein können [40] [41] [42] [43] [44]. Die körperliche Untersuchung ist bei Patienten mit Colitis ulcerosa in Abwesenheit extraintestinaler Manifestationen meist wenig spezifisch. Die klinische Symptomatik insbesondere mit Durchfällen, Tenesmen und rektalem Blutabgang ist häufig wegweisend. Bei schwerem Schub können Tachykardie, Gewichtsverlust, abdominelle Abwehrspannung und/oder abgeschwächte Darmgeräusche auftreten. In der Arbeitsgruppe und auch im Plenum wurde die Notwendigkeit einer perinealen Inspektion sowie der rektalen Untersuchung intensiviert diskutiert. Selbstverständlich ist sie nicht bei jeder Vorstellung des Patienten notwendig, zudem wird sie häufig regelhaft im Rahmen einer Koloskopie durchgeführt. Allerdings soll hier nochmals auf das erhöhte Risiko (kolo-)rektaler Karzinome bei Colitis ulcerosa hingewiesen werden, sodass die explizite Dokumentation der rektalen Untersuchung gerechtfertigt scheint.

Empfehlung 2.8

Bei Kindern und Jugendlichen soll zusätzlich die Entwicklung von Gewicht, Länge und das Pubertätsstadium bei Erstdiagnose und regelmäßig im Krankheitsverlauf erfasst werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Bei Kindern und Jugendlichen ist zur Diagnose von Wachstumsverzögerungen bei jeder Visite das Längensollgewicht oder der BMI im Vergleich zu nationalen geschlechtsspezifischen Referenzwerten zu erheben. Bei Wachstumsretardierung ist durch eine Röntgenaufnahme der linken Hand das Knochenalter zu bestimmen (internationale Vereinbarung: links). Weiterhin sollte bis zum Abschluss der Pubertät 1- bis 2-mal pro Jahr das Pubertätsstadium nach Tanner bestimmt werden [45]. Die Leitliniengruppe geht davon aus, dass eine Abweichung von dieser Empfehlung mit bleibenden Konsequenzen für die Patienten verbunden sein kann, sodass hier eine starke Empfehlung abgegeben wurde.

Empfehlung 2.9

Die Diagnose einer Colitis ulcerosa soll auf dem Boden einer Kombination von Anamnese, klinischer Untersuchung und typischen laborchemischen, sonografischen, endoskopischen und histologischen Befunden gestellt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 2.10

Bei Zweifel bzgl. der Diagnose soll die Endoskopie inkl. Histologiegewinnung im Intervall wiederholt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Der natürliche Verlauf der Colitis ulcerosa ist charakterisiert durch Episoden von Krankheitsschüben, die sich mit Phasen der Remission abwechseln. Selten (nur ca. 5 % der Patienten) kann der Krankheitsverlauf auch kontinuierlich ohne intermittierende Remissionsphasen verlaufen. Dies gilt insbesondere für pädiatrische Patienten. Ebenso häufig kann sich die Colitis ulcerosa auch als einzelner Schub mit anschließender prolongierter Remission präsentieren [46]. Eine zügige Etablierung der Diagnose inklusive Ausdehnung und Schweregrad des Schubes ermöglicht eine optimale Therapiestrategie. Ein Goldstandard für die Diagnosestellung der Colitis ulcerosa existiert allerdings nicht; die Diagnose beruht auf der Kombination typischer Befunde in der Anamnese, der Endoskopie, der Sonografie, radiologischer Techniken und der Histopathologie. Die pathomorphologischen Kriterien ergeben sich aus der Biopsieentnahme bei der Endoskopie oder aus der Aufarbeitung von Operationspräparaten. Normalbefunde in der Histopathologie der Schleimhautbiopsien schließen eine aktive Colitis ulcerosa aus. Nach Etablierung der Diagnose ändert sich bei ca. 10 % der Patienten innerhalb der ersten 5 Jahre nach Diagnosestellung die Diagnose zu einem Morbus Crohn, oder die Diagnose einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung wird insgesamt verworfen. Daher ist insbesondere bei Zweifeln an der Diagnose die endoskopische und histopathologische Bestätigung durch eine erneute Endoskopie mit Histologiegewinnung geboten [47]. Bei einer Minderheit der Patienten wird es auch im Verlauf nicht möglich sein, die exakte Zuordnung zu den Entitäten Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn vorzunehmen, hier spricht man von der sog. unklassifizierbaren Kolitis bzw. einer „Colitis indeterminata” [13] [48].

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Diagnosestellung

Empfehlung 2.11

Die initiale Labordiagnostik soll neben dem Blutbild mindestens folgende Parameter enthalten: Entzündungsstatus, Eisenhaushalt, Nierenfunktion, Transaminasen und Cholestaseparameter.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 2.12

Für die begleitende laborchemische Diagnostik eines Ansprechens auf die Therapie können CRP, BSG, Blutbild sowie fäkale Neutrophilenmarker herangezogen werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Bei jedem Patienten mit aktiver Colitis ulcerosa sollte als minimale Labordiagnostik ein Blutbild, inflammatorische Marker (CRP oder BSG), Parameter des Eisenhaushalts, Nierenretentionsparameter, Transaminasen und Cholestaseparameter erhoben werden. Dabei können die Laborwerte, insbesondere bei milder bis moderater Colitis ulcerosa und/oder distalem Befallsmuster, durchaus normal ausfallen. Ausgenommen bei der Proktitis, bei der in der Regel keine auffälligen Laborwerte zu erwarten sind, korreliert das C-reaktive Protein mit der Ausdehnung der Erkrankung sowie schwach mit der klinischen Aktivität [49] [50]. Grundsätzlich fällt der CRP-Anstieg bei Patienten mit CU in der Regel geringer aus als bei Patienten mit Morbus Crohn, kann jedoch bei CRP-positiven Patienten durchaus auch als Marker für die klinische und endoskopische Krankheitsaktivität herangezogen werden [51]. Bei Patienten mit schwerer Krankheitsaktivität ist in der Regel auch die BSG erhöht und es besteht eine Anämie.

Allerdings können weder das CRP noch die BSG naturgemäß die Colitis ulcerosa von einer infektiösen Ursache differenzieren. Zwei kleine Studien berichten über einen Stellenwert von Procalcitonin zur Abgrenzung selbstlimitierender Kolitiden [52] [53]. Insbesondere bei der Erstdiagnostik sind zur Abgrenzung und zur Diagnostik von selbstlimitierenden infektiösen Kolitiden Stuhlkulturen hilfreich [54] (siehe Empfehlung 2.13 und 2.14). Bei pädiatrischen Patienten sollten bei Verdacht auf eine Colitis ulcerosa ein großes Blutbild, CRP (alternativ auch die BSG) und Kreatinin sowie Albumin und Leberparameter (GOT, GPT und g-GT) bestimmt werden [55]. Bezüglich der notwendigen Laborkontrollen unter immunsuppressiver Therapie wird auf die entsprechenden Therapiekapitel verwiesen.

Die Wertigkeit fäkaler Stuhlmarker und insbesondere des Calprotectins als Marker für die klinische und endoskopische Entzündungsaktivität bei Colitis ulcerosa konnte in mehreren Studien herausgestellt werden [56] [57].

Die routinemäßige Bestimmung von perinukleären anti-neutrophilen cytoplasmatischen Antikörpern (pANCA) für die Colitis ulcerosa und anti-Saccharomyces cerevisiae Antikörpern (ASCA) für den Morbus Crohn zur Diffentierung der beiden Krankheitsentitäten wird wegen der niedrigen Sensitivität nicht empfohlen [58], kann allerdings im Einzelfall hilfreich sein. In den meisten Publikationen werden pANCA bei maximal 65 % der Patienten mit Colitis ulcerosa und in weniger als 10 % bei Patienten mit Morbus Crohn beschrieben [59] [60]. Eine große Metaanalyse mit Berücksichtigung von 60 Studien konnte zeigen, dass die Sensitivität für die Detektion eines Morbus Crohn bei der Konstellation ASCA + /pANCA– bei 55 % liegt (Spezifität 93 %), während die Sensitivität für die Detektion einer Colitis ulcerosa bei der Konstellation pANCA + /ASCA– bei 51 % (Spezifität 94 %) und bei pädiatrischen Patienten sogar noch besser liegt (70 bzw. 93 %) [61].

Empfehlung 2.13

Eine intestinale Infektion soll ausgeschlossen werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 2.14

Bei der Erstdiagnostik soll eine mikrobiologische Diagnostik auf bakterielle infektiöse Erreger inklusive Clostridium-difficile-Toxin erfolgen.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 2.15

Bei Patienten mit entsprechender Reiseanamnese soll eine ergänzende Diagnostik bzgl. landestypischer Erreger durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

In der initialen Diagnostik ist die Abgrenzung gegenüber infektiösen, in der Regel selbst limitierten Ursachen wichtig. Die sorgfältige Differenzialdiagnostik wird von der Leitliniengruppe als „good practice point” angesehen. Stuhlproben sollten untersucht werden auf die häufigen Erreger inklusive Campylobacter spp. und Clostridium difficile Toxin A and B. Bei entsprechender Anamnese können spezielle Stuhluntersuchungen sinnvoll sein wie die Stuhlmikroskopie und Stuhlantigendiagnostik auf Amöben oder andere Parasiten.

Empfehlung 2.16*

Bei etablierter Colitis ulcerosa soll bei schwerem Schub und bei therapierefraktärem Verlauf bzw. vor Intensivierung einer immunsuppressiven Therapie eine mikrobiologische Diagnostik inklusive Untersuchungen auf Clostridium-difficile-Toxin und Cytomegalievirus erfolgen.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 2.17

Die Diagnostik bzgl. Clostridium difficile soll mittels Toxinnachweis im Stuhl, bei therapierefraktärem Krankheitsverlauf und negativem Toxinnachweis zusätzlich durch Endoskopie mit Biopsie erfolgen.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 2.18

Die CMV-Diagnostik soll eine CMV-PCR aus dem Blut oder die Histologie einschließlich einer Immunhistochemie aus der Darmbiopsie beinhalten.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Im weiteren Verlauf muss nicht bei jedem Schub die Stuhldiagnostik wiederholt werden [62] [63] [64]; allerdings sollte insbesondere die Diagnostik auf C. difficile und Cytomegalievirus(CMV)-(Re-)Infektionen bei schweren oder refraktären Verläufen erfolgen oder falls anamnestisch dem Schub eine Einnahme von Antibiotika vorausgegangen ist [65] [66]. Hinzuweisen ist auch auf die Tatsache, dass ein negativer Stuhltest auf C.-difficile-Toxine nicht ausreicht, um eine pseudomembranöse Kolitis auszuschließen. Bei CU-Patienten reichen wohl niedrigere Toxinmengen (die der Diagnostik entgehen) aus, um eine pseudomembranöse Kolitis auszulösen. Wiederholte Stuhl-Untersuchungen zum Toxinnachweis oder die Durchführung einer C.-difficile-Kultur mit anschließendem Toxinnachweis werden deshalb empfohlen. In diesen Fällen kann auch eine Sigmoidoskopie weitere Informationen bringen, insbesondere bei refraktären Patienten mit negativen Stuhlkulturen [67].

Die Reaktivierung einer latenten CMV-Infektion tritt insbesondere – jedoch nicht ausschließlich – bei immunsupprimierten Patienten (systemische Steroide, Azathioprin, Calcineurininhibitoren) mit schwerer Kolitis auf (52 – 79 %) [68] [69] [70]. Grundsätzlich kann eine CMV-Infektion ein refraktäres bzw. schweres Rezidiv auslösen, wenngleich die klinische Relevanz des Nachweises unsicher ist. Die optimale Methode zur Detektion einer klinisch relevanten CMV-Infektion bei Patienten mit Kolitis ist bisher nicht etabliert. Der gelegentliche Nachweis intranukleärer Einschlusskörper im Rahmen einer histopathologischen Untersuchung zeigt nicht notwendigerweise eine klinisch signifikante CMV-Infektion an. Hingegen sind multiple intranukleäre Einschlusskörperchen häufig als beweisend anzusehen [71] [72] (bzgl. der Therapieindikation und -modalitäten siehe hierzu Kapitel 6).

Empfehlung 2.19

Die quantitative Bestimmung von fäkalen Neutrophilenmarkern im Stuhl kann zur Abgrenzung nicht entzündlicher Ursachen der gastrointestinalen Beschwerden genutzt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Verschiedene fäkale Entzündungsmarker wie Calprotectin, Lysozym, PMN-Elastase, Lactoferrin und S 100 A12 sind bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen untersucht worden [73] [74] [75]. Calprotectin und Lactoferrin-Konzentrationen besitzen wohl die höchste Sensitivität für eine intestinale Entzündung und korrelieren mit dem klinischen und endoskopischen Entzündungsgrad der Colitis ulcerosa [56] [57] [76] [77] [78] [79] [80]. S 10 0 A12 ist ein neuer fäkaler Marker, der ebenfalls ein hochsensitiver Parameter für die Entzündungsaktivität und das Therapieansprechen bei Colitis ulcerosa zu sein scheint, die Datenlage hierfür ist jedoch noch gering [81] [82] [83] [84]. Fäkale Marker sind nicht in der Lage, zwischen verschiedenen Ursachen einer intestinalen Entzündung zu unterscheiden. Aus diesem Grund ist der diagnostische Nutzen in der Primärdiagnostik der Colitis ulcerosa limitiert. Allerdings können fäkale Marker zur Abgrenzung funktioneller Beschwerden und insbesondere in der pädiatrischen Diagnostik hilfreich sein [85] [86] [87]. In mehreren Untersuchungen konnte belegt werden, dass sowohl pädiatrische als auch erwachsene Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen signifikant höhere fäkale Calprotectinwerte aufweisen als die Normalbevölkerung und als Patienten mit Reizdarmsyndrom. Die Marker können daher sehr gut als Differenzierungsmarker zum Reizdarmsyndrom eingesetzt werden [82].

Darüber hinaus konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass u. a. Calprotectin als Marker für die Früherkennung von Rezidiven bei Colitis ulcerosa herangezogen werden kann, da endoskopische Rezidive mit hoher Sensitivität und Spezifität vor Auftreten einer klinischer Symptomatik erkannt werden [78] [88] [89].

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Endoskopische Diagnostik

Empfehlung 2.20

Bei Verdacht auf Colitis ulcerosa soll eine Ileokoloskopie mit segmentalen Biopsien aus allen Darmabschnitten erfolgen, um die Diagnose zu stellen und die Ausdehnung der Erkrankung festzustellen (siehe hierzu auch Kapitel 3).

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Die komplette Koloskopie mit Intubation des terminalen Ileums und segmentaler Entnahme von Darmbiopsien wird bei Patienten mit Verdacht auf Colitis ulcerosa in der Erstdiagnostik einer Sigmoidoskopie vorgezogen, um einerseits das Befallsmuster klassifizieren zu können und andererseits eine Ileitis terminalis Crohn weitgehend auszuschließen [90] [91]. Im Verlauf kann bei Patienten mit akuter schwerer Colitis zur Abschätzung der Krankheitsaktivität in der Regel auf eine komplette Koloskopie sowie eine entsprechende Darmvorbereitung verzichtet werden und nur eine Sigmoidoskopie durchgeführt werden. Mithilfe einer Koloskopie kann in der Mehrzahl der Fälle die Diagnose sowie die Ausdehnung der Erkrankung festgelegt werden. Dieses Vorgehen erscheint kosteneffektiver zu sein als eine Indexsigmoidoskopie, wie sie von einer kleinen Zahl der Konsensuskonferenz-Teilnehmer favorisiert wurde [92] [93]. In der Diskussion bestand jedoch Einigkeit über die Stärke der Empfehlung.

Die Koloskopie bei pädiatrischen Patienten sollte in Intubationsnarkose oder zumindest tiefer Analgosedierung erfolgen, wobei die Durchführung eine entsprechende Strukturqualität bezogen auf die Reanimationsmöglichkeit von pädiatrischen Patienten voraussetzt.

Die virtuelle Kolonografie ist eine sich entwickelnde Technologie, die bisher keine diagnostische Wertigkeit bez. der Festlegung der Krankheitsausdehnung bei Patienten mit Colitis ulcerosa hat. Die Wertigkeit der MR-Kolonografie und der CT-Kolonografie bei Colitis ulcerosa wurde bisher nur in wenigen Studien mit einer geringen Anzahl von Patienten untersucht. Die Ergebnisse sind z. T. widersprüchlich, geringgradige Veränderungen in der Mukosa wie Erosionen oder flache Polypen können mit diesen Methoden nur unvollständig dargestellt werden, sodass sich diese Methode in der Diagnostik der Colitis ulcerosa zur Zeit keinen Stellenwert hat [55] [94] [95] [96].

Empfehlung 2.21

Eine routinemäßige Koloskopie soll bei Patienten mit Colitis ulcerosa in der Remission bis zum Beginn der Karzinomüberwachung nicht erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↓ ↓]

Empfehlung 2.22

Eine endoskopische Evaluation mittels Endoskopie kann durchgeführt werden bei schwerem akutem Schub und bei therapierefraktären Verläufen zur Bestätigung der aktiven Erkrankung und zum Ausschluss von infektiösen Komplikationen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Unabhängig von der Frage der Krankheitsausdehnung bei der Festlegung der Prognose, dem Krebsrisiko und der Wahl der Therapie wurde die Notwendigkeit regelmäßiger Wiederholungsuntersuchungen nach einer Indexkoloskopie nie untersucht. Die Koloskopie ist deutlich sensitiver als Kontrastmitteluntersuchungen, um die Krankheitsausdehnung abzuschätzen. Die Abschätzung des Malignitätsrisikos basiert aber historisch gesehen auf Kontrastmitteluntersuchungen, und die Koloskopie definiert eine andere Ausdehnung im Vergleich zur Histopathologie [92] [97] [98] [99]. Die Chromoendoskopie korreliert besser mit der histopathologischen Krankheitsausdehnung, aber das Verfahren ist zeitaufwendig und erfordert eine Expertise, die nicht universell verfügbar ist [100]. Eine medikamentös induzierte klinische Remission muss nicht zwingend mit einer endoskopisch oder histologisch erfassten Remission einhergehen; die prognostischen Konsequenzen einer endoskopischen Reevaluation in klinischer Remission sind noch nicht abschließend zu beurteilen [92]. Es mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass die sogenannte Mukosaheilung bei der Colitis ulcerosa eine prognostische Bedeutung hat und eine endoskopische Kontrolle nach einer medikamentösen Remissionsinduktion daher relevante Informationen liefern kann [101] [102] [103].

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Differenzialdiagnostische Abgrenzung zum Morbus Crohn

Empfehlung 2.23

Bei nicht eindeutig zu klassifizierender Colitis und zum Ausschluss eines Morbus Crohn sollte eine Diagnostik des oberen und mittleren Gastrointestinaltrakts mittels Ösophagogastroduodenoskopie (mit Biopsien) und mittels MRT des Dünndarms durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Bei diagnostischen Unklarheiten (z. B. Aussparung des Rektums, ungewöhnliche Symptome, endoskopische Hinweise für eine Backwash-Ileitis) sollte differenzialdiagnostisch das Vorliegen eines Morbus Crohn bedacht werden und in Abhängigkeit vom klinischen Kontext eine entsprechende Diagnostik des oberen und mittleren Verdauungstrakts durchgeführt werden. Hierbei sollte analog zu den bestehenden DGVS-Leitlinien zur Diagnostik und Therapie des Morbus Crohn verfahren werden [104].

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Bestimmung der Krankheitsaktivität

Empfehlung 2.24

Die Anwendung klinischer und/oder endoskopischer Aktivitätsindizes kann hilfreich sein, um ein Therapieansprechen zu quantifizieren und Patientenverläufe zu objektivieren.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Klinische, endoskopische oder kombinierte Aktivitätsindizes für die Colitis ulcerosa sind verfügbar, keiner von ihnen wurde jedoch bisher adäquat validiert [105]. In der täglichen Routine werden diese Indizes selten eingesetzt. Gegenwärtig werden Krankheitsaktivitätsindizes bei Colitis ulcerosa überwiegend nur im Rahmen von klinischen Studien eingesetzt.

Die Klassifikation einer schweren Colitis ulcerosa nach Truelove und Witts aus dem Jahr 1955 [106] wurde bis heute weitgehend beibehalten, da sie einfach zu merken und anzuwenden ist. Diese Klassifikation wird immer noch als das Verfahren der Wahl angesehen, um Patienten zu identifizieren, die eine sofortige Krankenhauseinweisung und eine intensive Therapie benötigen [107]. Für pädiatrische Patienten hat sich der PUCAI nach Turner etabliert [108].

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Ultraschall

Empfehlung 2.25*

Die hochauflösende abdominelle Sonografie soll Bestandteil der Diagnostik bei der Erstdiagnose sowie einem schweren akuten Schub zur Erfassung des Befallsmusters und insbesondere bei Verdacht auf Komplikationen sein.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Der transabdominelle Ultraschall kann mit einer Sensitivität von bis zu 90 % Entzündungen im Bereich des Dickdarms detektieren. Die Sonografie hat den Vorteil, preiswert und nicht invasiv zu sein, allerdings ist die Genauigkeit des Verfahrens stark abhängig von der Erfahrung des Untersuchers. Darüber hinaus besteht eine geringe Spezifität zur Differenzierung einer Colitis ulcerosa von anderen Ursachen einer Dickdarmentzündung [109] [110] [111]. In der Hand des geübten Untersuchers kann sowohl die Aktivität der Erkrankung als auch die Krankheitsausdehnung zuverlässig bestimmt werden [112] [113] [114] [115] [116] [117] [118]. Neuere Untersuchungen zeigen, dass eine gute Korrelation der Sonografie mit der endoskopischen Aktivität besteht und durch die gute Korrelation mit dem Therapieansprechen die Methode auch als prognostisches Verfahren angewandt werden kann [119]. Hydrokolonischer Ultraschall (abdomineller Ultraschall im Zusammenhang mit retrograder Insufflation von Wasser in das Kolon) hat eine höhere Sensitivität zur Identifizierung einer aktiven Colitis, allerdings ist diese Methode zu aufwendig für die tägliche klinische Praxis [120]. Die Doppler-Sonografie der Arterien mesenterica superior und inferior wurde angewandt, um die Krankheitsaktivität und das Risiko eines Rezidivs zu evaluieren. Sie kann jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht als Standardverfahren verstanden werden [121] [122].

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Kolonstenose bei Colitis ulcerosa

Empfehlung 2.26*

Da das Vorliegen einer Kolonstenose bei Colitis ulcerosa malignitätsverdächtig ist, soll eine ausgiebige Biopsieentnahme aus dem Bereich der Stenose erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 2.27*

Bei unklarer Dignität einer Kolonstenose soll die Entscheidung zur Operation großzügig gestellt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 2.28

Falls eine endoskopische Passage der Stenose unklarer Dignität nicht möglich ist, sollte eine weiterführende radiologische Diagnostik mittels Computertomografie oder Magnetresonanztomografie erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Bei langjähriger Colitis ulcerosa ist eine Kolonstriktur bzw. -stenose als ein Hinweis auf das Vorliegen eines kolorektalen Karzinoms zu interpretieren; dieser erfordert daher eine konsequente histologische Abklärung [123]. Aus dem Grund wird eine starke Empfehlung als gerechtfertigt angesehen. Wenn eine Koloskopie aufgrund einer Stenose bzw. Striktur inkomplett ist, sollte eine CT- oder MR-Kolonografie durchgeführt werden. Eine CT-Kolonografie oder eine MR-Kolonografie kann die Schleimhautbeschaffenheit und Ausdehnung der Kolitis proximal der Striktur identifizieren, möglicherweise jedoch nicht alle Läsionen, die im Rahmen einer Koloskopie sichtbar sind, zur Darstellung bringen [124] [125]. Bei unklaren Befunden sollte die chirurgische Resektion erfolgen. Trotz der schlechten Evidenzlage wurde hier ein starke Empfehlung gegeben, um jede Verzögerung einer Operation angesichts eines möglichen Kolonkarzinoms zu vermeiden.

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Pädiatrie

Empfehlung 2.29

Die Diagnose einer Colitis ulcerosa soll bei Kindern bei Vorliegen von chronischen (> 4 Wochen) oder rezidivierenden (> 2 Episoden innerhalb von 6 Monaten) blutigen Durchfällen nach Ausschluss einer infektiösen Genese in Betracht gezogen werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Kinder mit einer Colitis ulcerosa weisen in der Regel typische Symptome wie Anämie (84 %), chronische Diarrhö (74 %) und abdominelle Schmerzen, vorwiegend in Form von Tenesmen (62 %), auf [126]. Bei chronischen (> 2 Wochen) oder rezidvierenden Durchfällen sollte auch ohne Blutbeimengungen eine Abklärung erfolgen. Gewichtsverlust ist weniger typisch bei der Colitis ulcerosa (35 %) als beim Morbus Crohn (58 %). Das häufigste extraintestinale Symptom stellen Arthropathien dar (10 %). Hautmanifestationen sind selten. Gegenüber erwachsenen Patienten liegt in drei Viertel der Fälle eine ausgedehnte Colitis ulcerosa vor, während ein distaler Befall die Ausnahme darstellt. Über 50 % der Patienten mit Colitis ulcerosa weisen jährlich mindestens ein Rezidiv auf. Die Diagnose einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung wird bestätigt durch klinische Evaluation und eine Kombination von biochemischen, endoskopischen, histologischen und bei Verdacht auf Morbus Crohn auch radiologischen (MRT-Enterografie oder -Enteroklysma) Untersuchungen. Die diagnostischen Kriterien entsprechen denen bei erwachsenen Patienten [55].

Empfehlung 2.30

Die initiale Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen mit Verdacht auf eine chronisch entzündliche Darmerkrankung soll eine Ileokoloskopie mit Entnahme von Stufenbiopsien beinhalten. Im gleichen Untersuchungsgang soll eine Ösophagogastroduodenoskopie mit Entnahme von Stufenbiopsien erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Für das diagnostische Vorgehen wurden von einer Arbeitsgruppe der European Society of Pediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition (ESPGHAN) Empfehlungen festgelegt [45]. Kinder mit Verdacht auf eine chronisch entzündliche Darmerkrankung sollen eine komplette Koloskopie mit Intubation des terminalen Ileums und Entnahme von Stufenbiopsien (terminales Ileum, Coecum, Colon ascendens, Colon transversum, Colon descendens, Sigma und Rektum) sowie eine Ösophagogastroduodenoskopie mit Stufenbiopsien aus dem Ösophagus, Magen und Duodenum erhalten [45]. Nur bei eindeutiger Zuordnung zur Colitis ulcerosa kann auf eine Bildgebung des Dünndarms (in der Regel eine MRT-Enterografie) verzichtet werden. Im Unterschied zu erwachsenen Patienten haben drei Viertel der pädiatrischen Patienten eine ausgedehnte Kolitis, sodass eine komplette Koloskopie obligat ist. Eine alleinige Sigmoidoskopie ist in der Regel nicht indiziert, mit Ausnahme einer schweren Colitis ulcerosa, bei der das Risiko einer Darmperforation erhöht ist. Die Endoskopie sollte bei pädiatrischen Patienten in Vollnarkose oder tiefer Analgosedierung durchgeführt werden.

Bei Beginn der Colitis in den ersten 3 Lebensjahren, bei perianalen Läsionen, einer auffälligen Anamnese für häufige oder ungewöhnliche Infektionen unabhängig vom Alter, und Konsanguinität der Eltern sind angeborene Immundefektzustände als Ursache der Colitis durch entsprechende immunologische Untersuchungen auszuschließen. Eine allergische Colitis oder eine Nahrungsmittelallergie als modulierender Faktor der entzündlichen Aktivität sind besonders bei jüngenen Kindern mit Colitis differenzialdiagnostisch zu bedenken.

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Kapitel 3: Histopathologische Diagnostik

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Entzündungsdiagnostik

Empfehlung 3.1

Die histologische Untersuchung von endoskopischen Mukosabiopsien stellt einen wichtigen Baustein zur Diagnose einer Colitis ulcerosa dar. Zur Erstdiagnose einer Colitis ulcerosa sollen multiple Biopsienentnahmen aus dem terminalen Ileum und jedem Kolonsegment unter Einschluss des Rektums (Einsendung in getrennten Probengefäßen) untersucht werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 3.2

Histopathologische Kriterien, die bei der Beurteilung von Biopsien zur Diagnose einer Colitis ulcerosa herangezogen werden sollen, sind:

  • diffuse panmukosale chronische Entzündung (Lymphozyten und Plasmazellen) in Kombination mit einer Störung der Kryptenarchitektur/Kryptenatrophie,

  • Plasmozytose im basalen Schleimhautstroma,

  • Panethzell-Metaplasien distal der rechten Kolonflexur,

  • Reduktion der Anzahl von Becherzellen bzw. des Muzingehalts der Einzelzelle,

  • kontinuierliche Verteilung der entzündlichen und strukturellen Schleimhautveränderungen, abnehmender Gradient von distal nach proximal.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 3.3

Im Initialstadium einer Colitis ulcerosa (Dauer < 4 – 6 Wochen) kann eine Störung der Krytenarchitektur/Kryptenatrophie fehlen. Der Nachweis einer basalen Plasmozytose kann in diesem Kontext als Frühzeichen einer potenziellen chronisch-entzündlichen Darmerkrankung gewertet werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 3.4

Abweichende morphologische Befundmuster können bei der Colitis ulcerosa vorkommen und sollen speziell bei pädiatrischen Patienten (jünger als 10 – 12 Jahre) berücksichtigt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 3.5

Die bioptischen Proben sollen bez. der Lokalisation gekennzeichnet sein und durch Informationen zum klinischen Bild ergänzt werden (Endoskopiebefund, Art und Dauer der Symptomatik, Art und Dauer der Behandlung).

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 3.6

Die histologische Aufarbeitung der Proben soll in Stufen- oder Serienschnitten erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 3.7

Der Pathologiebefund soll eine Aussage zur histologischen Entzündungsaktivität enthalten.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die Diagnose einer Colitis ulcerosa basiert auf dem Nachweis einer charakteristischen Kombination von klinischen, laborchemischen, endoskopischen, radiologischen und pathomorphologischen Befunden. Einen Goldstandard für die Diagnose gibt es nicht. Auch die pathohistologische Diagnostik beruht auf der synoptischen Beurteilung einer Kombination von Charakteristika, die schwerpunktmäßig die Art und Verteilung der Entzündungsinfiltrate sowie Veränderungen der Mukosaarchitektur betreffen [127] [128] [129] [130] [131] [132] [133] [134] [135] [136] [137] [138] [139] [140]. Die histologischen Einzelbefunde sind hierbei für sich genommen nicht spezifisch und können z. T. auch bei anderen Formen entzündlicher Darmerkrankungen auftreten.

Veränderungen der Mukosaarchitektur bei Colitis ulcerosa beinhalten Irregularitäten in Form, Orientierung und Größe der Krypten (> 10 % der Krypten; mehr als 2 verzweigte, nicht parallel orientierte Krypten in einer Biopsie) [134] [136] [138] [140]. Der Begriff Kryptenatrophie bezeichnet den Befund einer verminderten Kryptendichte (Distanz von mehr als einem Kryptenquerschnitt zwischen 2 benachbarten Krypten) und/oder einer Distanzbildung zwischen Kryptenbasis und der Lamina muscularis mucosae, zumeist verbunden mit einem basal vermehrten mononukleären, plasmazellreichen Infiltrat [132] [133] [136] [138]. Der Terminus „transmukosale Entzündung” beinhaltet einen diffus gesteigerten Gehalt an mononukleären Zellen in der Lamina propria unter Einbeziehung der mittleren und basalen Schleimhautabschnitte [132] [136]. Eine basale Plasmozytose ist definiert als Nachweis von Plasmazellen in den basalen Bezirken (1 / 5) der Lamina propria oder zwischen der Kryptenbasis und der Lamina muscularis mucosae (subkryptal) [133] [134].

Die bioptische Diagnose einer Colitis ulcerosa in Abgrenzung zum Morbus Crohn und anderen entzündlichen Darmerkrankungen stützt sich insbesondere auf die Beurteilung des Ausmaßes (ausgeprägt, diffus) und der topografischen Verteilung (kontinuierliche Verteilung, abnehmender Gradient von distal nach proximal) der in Punkt 3.2 der Empfehlung genannten histopathologischen Kriterien. Daher sollen im Rahmen der Erstdiagnostik Stufenbiopsien aus dem terminalen Ileum und aus allen Kolonabschnitten unter Einbeziehung des Rektums gewonnen werden und die bioptischen Proben bez. ihrer Lokalisation gekennzeichnet sein. Die diagnostische Aussagekraft kann so im Vergleich zu singulären bzw. nicht systematischen Biopsien deutlich gesteigert werden [128] [129] [141] [142] [143] [144]. Zum Ausschluss differenzialdiagnostisch relevanter Befunde (z. B. epitheloidzellige Granulome) ist eine Aufarbeitung der Proben in Stufen- oder Serienschnitten zu empfehlen [145] [146].

Unter diesen Voraussetzungen kann die histopathologische Diagnose einer Colitis ulcerosa an Mukosabiopsien mit einer Sensitivität und Spezifität von mehr als 70 % [128] [129] [130] [135] [140], in einigen Studien von bis über 90 % gestellt werden [137] [138] [139], zumindest bei aktiver Erkrankung. Einige Autoren propagieren die Beurteilung anhand von standardisierten Score-Schemata mit numerischen Koeffizienten [137] [138] [139]. Die Diagnose erfordert den Nachweis von zwei bis drei der genannten histomorphologischen Kriterien.

Im Initialstadium der Erkrankung (Krankheitsdauer < 4 – 6 Wochen) kann eine Störung der Mukosaarchitektur fehlen, eine spezifische Diagnose ist dann gegebenenfalls nicht möglich. Der Befund einer basalen Plasmozytose ist in diesem Kontext von prädiktiver Relevanz und kann als Frühzeichen einer potenziellen chronisch-entzündlichen Darmerkrankung gewertet werden [133] [134] [147] [148].

In diagnostischer Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass das morphologische Erscheinungsbild chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen biologischen Variationen unterliegt (phasenhafter Verlauf) und zudem durch die Therapie beeinflusst wird [149] [150]. So kann es im Verlauf einer Colitis ulcerosa durchaus zur diskontinuierlichen Ausprägung des Entzündungsbilds, auch mit Aussparung des Rektums, kommen [151]. Insbesondere bei pädiatrischen CED-Patienten (jünger als 10 Jahre) ist auch ohne vorangegangene Therapie mit abweichenden Mustern zu rechnen [152] [153] [154] [155]. Informationen zum klinischen Bild (Anamnese, Erkrankungsdauer, Art und Dauer der Therapie, Endoskopiebefund) sind daher für eine effiziente Beurteilung erforderlich und verbessern die Validität der histologischen Befundeinordnung [129]. Dies gilt insbesondere auch im Hinblick auf die differenzialdiagnostische Abgrenzung der Colitis ulcerosa von anderweitigen, ätiologisch oder phänotypisch definierten Entzündungsformen (infektiöse Colitiden, medikamentös induzierte Colitiden, Diversionscolitis, Divertikelkrankheits-assoziierte Colitis, Allergie-assoziierte Colitis u. a.) [156] [157] [158].

Die histopathologische Einordnung der Entzündungsaktivität bei der Colitis ulcerosa orientiert sich am Ausmaß der Gewebeinfiltration durch segmentkernige neutrophile Granulozyten und der hiermit assoziierten Schädigung des Darmepithels mit neutrophiler Epithelinvasion, Ausbildung von Kryptitisherden und Kryptenabszessen bis hin zu erosiven und ulzerösen Läsionen [132] [135] [136] [138]. Histologischer Befund und klinische Krankheitsaktivität korrelieren beim individuellen Patienten nur bedingt miteinander [159]. Aus Therapiestudien gibt es allerdings Hinweise auf die Assoziation zwischen klinischer Besserung und Rückgang aktiver histologischer Veränderungen [160]. Ein aktives morphologisches Bild ist mit dem Auftreten rezidivierender Erkrankungsschübe assoziiert [161] [162] [163]. Eine Aussage zur histologischen Entzündungsaktivität im Pathologiebefund ist daher besonders im Hinblick auf die Verlaufsbeurteilung von Interesse. Verschiedene Graduierungsschemata sind etabliert (Riley-Score u. a.). Der potenzielle Nutzen der Histopathologie für die Vorhersage eines Rezidivs und der Beurteilung der adäquaten Kontrolle der Entzündung hat Implikationen für das therapeutische Management und die Verringerung des Neoplasie-Risikos.

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Intraepitheliale Neoplasien (IEN)

Empfehlung 3.8

Die Diagnose von intraepithelialen Neoplasien/Dysplasien bei der Colitis ulcerosa soll nach den seit 2010 gültigen Kriterien der WHO erfolgen; IEN/Dysplasien sollen histopathologisch graduiert werden (niedriger oder hoher Grad).

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 3.9

Bei histologischer Diagnose jeder IEN/Dysplasie soll stets eine externe Zweitbeurteilung eingeholt werden.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 3.10*

Im Falle einer erhabenen Läsion mit IEN/Dysplasie soll eine Unterscheidung zwischen einer CED-assoziierten sogenannten DALM-Läsion (Dysplasie-assoziierte Läsion oder Masse) oder einem sporadischen Adenom beziehungsweise einer adenomartigen IEN/Dysplasie (ALM, „adenoma-like mass”) jeweils mit Angabe des IEN- bzw. Dysplasiegrads (LGIEN oder HGIEN) erfolgen, da diese Aussage von therapeutischer Bedeutung ist. Diese Unterscheidung soll unter Berücksichtigung des makroskopischen bzw. endoskopischen Befunds erfolgen.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die Angabe des Grades der IEN/Dysplasien ist wichtig, da damit eine Aussage über die Sensitivität und Spezifität zum Risiko eines syn- oder metachronen kolorektalen Karzinoms verbunden ist. Der Nachweis einer IEN, unabhängig vom Grad, korreliert mit einer Sensitivität und Spezifität von 74 % mit einer KRK-Entstehung, während in der gleichen Studie eine hochgradige IEN/Dysplasien zwar eine geringere Sensitivität (34 %), aber mit 98 % eine höhere Spezifität für einen KRK-Nachweis zeigte [164]. In einer aktuellsten Metaanalyse war eine niedriggradige IEN mit einem 9-fach erhöhten KRK-Risiko und mit einem 12-fach erhöhten Risiko für eine fortgeschrittene Neoplasie korreliert [165]. Die Diagnose einer niedriggradigen IEN/Dysplasien ist daher mit einem substanziellen Karzinomrisiko assoziiert und hat erhebliche prognostische Implikationen [166] [167] [168].

Da eine hohe Interobserver-Variabilität besteht [169] [170] [571], sollte jede histopathologische „IEN/Dysplasie”-Diagnose von einem erfahrenen externen Pathologen durch eine Zweitbeurteilung bestätigt werden. Überdies sollten Einzelstudien, in denen kein erhöhtes Malignom-Risiko bei niedriggradiger IEN gefunden wurde, im Kontext der Metaanalysen betrachtet werden [171].

Die Colitis-ulcerosa-assoziierte intraepitheliale Neoplasie (insbesondere die DALM = Dysplasie-assoziierte Läsion oder Masse) sollte anhand makroskopischer und mikroskopischer Kriterien von sporadischen Adenomen mit IEN abgegrenzt werden. Bei der Colitis ulcerosa ist (wie auch beim Morbus Crohn) diese Unterscheidung notwendig, da sich das klinische Management sporadischer Adenome von dem Kolitis-assoziierter intraepithelialer Neoplasien unterscheidet (lokale Entfernung im Gesunden vs. Proktokolektomie; vgl. auch Kapitel 7). Dem makroskopischen Aspekt (zirkumskripte vs. Plaque-artige Läsion) kommt hierbei besondere Bedeutung zu, daher muss der Endoskopiebefund in die differenzialdiagnostischen Überlegungen mit einbezogen werden. Weitere morphologische Kriterien zur Unterscheidung zwischen Adenom und DALM sind in [Tab. 8] aufgelistet.

Tab. 8 Nach [177] [178].
EigenschaftAdenomDALM
Makroskopiezirkumskripter PolypPlaque-artige Veränderung
Drüsengleichmäßig, rund oder ovalunregelmäßig
Drüsengrößegleich großgrößenvariabel
intrazelluläres Muzingleichmäßig verteiltvariabel
Kernegleichmäßig stäbchenförmigrund und variabel
Stromawenigunterschiedlich
Proliferationszoneluminalbasal
Übergang zur angrenzenden Mukosascharfgraduell, kontinuierlich

Das Patientenalter, die Lokalisation und Morphologie der Läsion sowie Biopsien aus der umgebenden flachen Mukosa können bei der Entscheidungsfindung hilfreich sein. Im Einzelfall kann diese Unterscheidung jedoch schwierig oder unmöglich sein [172] [173] [174] [175] [176] [177] [178].

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Kapitel 4: Akuter Schub

Der akute Schub einer Colitis ulcerosa ist durch die typischen Beschwerden (blutige Diarrhöen, Tenesmen, imperativer Stuhldrang) charakterisiert. Bezüglich der notwendigen diagnostischen Maßnahmen wird auf Kapitel 2 verwiesen.

Bei der Auswahl geeigneter Therapien müssen Krankheitsaktivität, Befallsmuster, extraintestinale Manifestationen, Krankheitsverlauf, Vormedikation, Begleitmedikationen, Wirksamkeit von vorangegangen Therapieversuchen, Nebenwirkungsprofile, allgemeine Begleitumstände und anderweitige Krankheitsmanifestationen Berücksichtigung finden. Die unterschiedlichen Therapieoptionen sollten mit ihren Vor- und Nachteilen individuell mit den Patienten besprochen werden.

Grundsätzlich ist die Therapie an die Möglichkeiten und Vorstellungen des einzelnen Patienten anzupassen. So sind insbesondere bei der Abwägung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung die Möglichkeiten von Arzt und Patient besonders zu beachten.

Da sich die Therapie im Wesentlichen nach der Ausbreitung und der Schwere der Erkrankung richtet, ist der Abschnitt „Akuter Schub” entsprechend gegliedert.

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Proktitis

Empfehlung 4.1*

Eine leichte bis mäßig aktive Proktitis soll zunächst mit 5-Aminosalizylaten ≥ 500 mg/d (bei Kindern ≥ 250 mg/d) als Suppositorium behandelt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 4.2

Mesalazinschaum und Mesalazineinläufe stellen eine äquivalente therapeutische Alternative dar.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 4.3*

Bei Versagen der Monotherapie soll die Kombination der rektalen Mesalazinanwendung mit topischen Steroiden oder der oralen Gabe von 5-ASA-freisetzenden Präparaten eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Beschränkt sich eine aktive Colitis ulcerosa auf das Rektum, so ist zunächst eine topische Therapie mit 5-Aminosalicylaten (5-ASA) indiziert. Hierbei sollten zunächst Suppositorien genutzt werden, da sie einfach zu verwenden sind [179] und den Wirkstoff gegenüber Schäumen und Einläufen günstiger freisetzen [180] [181] [182]. Die Wirksamkeit der rektalen 5-ASA-Therapie konnte in Studien mehrfach belegt werden [183]. Eine ausführliche Metaanalyse konnte zeigen, dass die rektale Gabe von 5-ASA und Kortikoidsteroiden entweder allein oder in Kombination mit oralem 5-ASA die wirksamste Therapieform ist [184]. Bei unzureichendem Ansprechen auf eine rektale Therapie mit 5-ASA sollte eine kombinierte Therapie aus rektaler 5-ASA- und oraler 5-ASA-Therapie oder eine Kombination mit rektalen Steroiden in Betracht gezogen werden. Es muss betont werden, dass keine Studien vorliegen, die eine Kombinationstherapie der Proktitis untersucht haben. In der Regel wurde in diesen Studien die distale Colitis ulcerosa/Linksseitenkolitis untersucht, sodass hier die Ergebnisse übertragen wurden.

Bei der Behandlung von Kindern kann eine tägliche Dosis von 250 mg 5-ASA ausreichend sein. Mesalazinschäume und Mesalazineinläufe stellen eine wirksame Therapiealternative zur Gabe von Suppositorien dar [184].

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass initial eine rektale 5-ASA-Therapie die Therapie der ersten Wahl darstellt. Als Zweitlinientherapie oder Therapiealternative kommen topische Kortikosteroide oder eine Kombination der rektalen 5-Aminosalicylat-Therapie mit einer oralen 5-Aminosalicylat-Therapie infrage. Sollten die o. g. Therapien nicht den erwünschten Erfolg bringen, werden die Therapieprinzipien der schweren Colitis ulcerosa mit beliebiger Ausdehnung angewendet (siehe unten). Somit ist als nächster Schritt die systemische Steroidgabe indiziert. Dies gilt insbesondere dann, wenn weiterhin (nach spätestens 14 Tagen) blutige Stuhlgänge auftreten.

Die Therapie der refraktären Proktitis kann eine erhebliche klinische Herausforderung darstellen, weil systemische Therapieformen oder eine Operation unter Umständen, auch unter Abwägung von Risiken und therapeutischem Nutzen, eine Übertherapie darstellen können. Bei Versagen der konventionellen Therapie kann eine topische, rektale Anwendung von Tacrolimus eine Therapiealternative darstellen [185]. Eine sehr kleine prospektive Pilotstudie konnte ein gutes Ansprechen auf diese Therapieform zeigen (6 von 8 Patienten erreichten eine Remission nach 8 Wochen). Eine weitere kleine Studie mit 17 CU-Patienten mit Proktitis und Linksseitenkolitis bestätigte diese Erfahrungen [186]. Eine solche Therapie sollte allerdings in einem Zentrum mit der entsprechenden Erfahrung in der Therapie der refraktären Proktitis erfolgen.

Die Pflege der Perianalregion hat einen großen und häufig unterschätzten Stellenwert in der Therapie der CU. Neben einer Optimierung der hygienischen Maßnahmen sollten auch pflegende und barrierebildende Externa ihre Anwendung finden.

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Linksseitenkolitis

Empfehlung 4.4*

Eine leichte bis mäßig schwere linksseitige CU soll initial mit rektalen 5-ASA in Form von Einläufen oder Schäumen (≥ 1 g/d) in Kombination mit oralen 5-ASA-freisetzenden Präparaten (≥ 3 g/d) behandelt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 4.5

Eine alleinige orale Gabe von 5-ASA-freisetzenden Präparaten (≥ 3 g/d) kann alternativ eingesetzt werden, ist aber weniger wirksam.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 4.6*

Die rektale Anwendung von 5-ASA-Einläufen oder -Schäumen (≥ 1 g/d) soll der topischen Steroidtherapie vorgezogen werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 4.7*

Aufgrund der besseren Therapieadhärenz und der größeren Patientenzufriedenheit kann die einmalige orale Gabe von retardiert formulierten 5-ASA-freisetzenden Präparaten gegenüber nicht retardierten vorgezogen werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 4.8*

Eine systemische Steroidtherapie (0,5 – 1 mg/kg KG/d Prednisolonäquivalent) soll begonnen werden, wenn die Symptome der CU nicht auf die unter 4.4. – 4.6. genannte Therapie ansprechen.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die akute Linksseitenkolitis sollte zunächst mit einer Kombination aus oralen und rektalen 5-ASA-Präparaten behandelt werden. Eine Studie, die die alleinige rektale Gabe von 5-ASA mit der alleinigen oralen Therapie und der Kombination der oralen mit der rektalen Gabe verglich, konnte zeigen, dass die Kombinationstherapie effektiver als die Monotherapie ist [187]. Aus Studien zur ausgedehnteren Colitis ulcerosa kann geschlossen werden, dass höhere mukosale 5-ASA-Konzentrationen erreicht werden und dieser Effekt scheint mit einer höheren Wirksamkeit verbunden zu sein [188] [189]. Die alleinige orale Therapie mit 5-ASA sollte somit nur bei solchen Patienten erfolgen, die einer rektalen Therapie nicht zugänglich sind. Dass auch eine alleinige orale Gabe von 5-ASA-freisetzenden Präparaten in der Therapie der Linksseitenkolitis wirksam sein kann, wurde in verschiedenen Studien gezeigt und in einer Metaanalyse zusammengefasst [184]. Eine weitere Metaanalyse verglich die Wirksamkeit von 5-ASA-Präparaten und Placebo in der Therapie der aktiven Colitis [190]. Es konnte eine deutliche Überlegenheit der 5-ASA-Präparate gegenüber Placebo gezeigt werden. Sulfasalazin und Mesalazin unterscheiden sich nicht signifikant, allerdings scheint das günstigere Nebenwirkungsprofil für eine bevorzugte Anwendung von 5-ASA bei erwachsenen Patienten zu sprechen. Die Wirksamkeit von MMX-Mesalazin bei mäßig schwerer bis schwerer Colitis ulcerosa wurde in placebokontrollierten Studien bestätigt [191] [192]. Für Mesalazingranulat konnte dies ebenfalls gezeigt werden [193]. Es scheint eine Dosisabhängigkeit hinsichtlich des Studienendpunkts „Ansprechen” für 5-ASA-Dosen < 2 g, 2 – 2,9 g und > 3 g pro Tag zu bestehen. Für den Studienendpunkt „Remission” konnte keine signifikante Dosisabhängigkeit gezeigt werden [190]. Die optimale tägliche Dosis ist vermutlich auch von der Wahl des Präparats abhängig. Insgesamt ist somit auf eine ausreichend hohe Dosierung bei der oralen Therapie mit 5-ASA-Präparaten zu achten. Einen signifikanten Wirksamkeitsunterschied der einzelnen 5-ASA-Präparate scheint es nicht zu geben. 5-ASA-Schaum und 5-ASA-Einläufe unterscheiden sich in ihrer Wirksamkeit bei aktiver Linksseitenkolitis nicht [194]. Nach vierwöchiger Behandlung mit 1 g 5-ASA als Schaum oder Einlauf lag die klinische Remissionsrate bei 68 % (Schaum) gegenüber 73 % (Einlauf). Verschiedene Studien verglichen die topische Anwendung von 5-ASA mit der topischen Anwendung von Kortikosteroiden in der aktiven Linksseitenkolitis. Einige Studien zeigten eine höhere Wirksamkeit der 5-ASA-Therapie [195] [196] [197]. Eine Studie zeigte bei Proktitis ein Vorteil der Mesalazintherapie, während bei Proktosigmoiditis Hydrokortison wirksamer als Mesalazin erschien [198]. Gionchetti konnte eine Gleichwertigkeit von Beclomethasondipropionat und 5-ASA zeigen [199], was durch eine jüngst veröffentlichte Metaanalyse und eine weitere Studie bestätigt wird [200] [201].

Studien zur Therapie der Linksseitenkolitis bei Kindern mit Aminosalizylaten liegen nicht vor.

Bei Kindern gilt ebenfalls, dass die Therapie mit rektalen und oralen 5-ASA-Präparaten eine geeignete Therapie der Linksseitenkolitis darstellt. Zur Wirksamkeit oraler Aminosalizylate bei aktiver Colitis ulcerosa bei Kindern liegt nur eine prospektive Studie mit Sulfasalazin (60 mg/kg/d) gegen Olsalazin 30 mg/kg/d vor [202] und retrospektive Daten vor [203] [204]. Mesalazin wird von den meisten Kindern in der galenischen Form von Pellets gut tolleriert, wenngleich bei schnellem Transit bei Kindern eine zeitgerechte Freisetzung nicht immer gewährleistet ist [205] [206]. Obwohl Sulfasalazin ein größeres Nebenwirkungsspektrum aufweist (v. a. gastrointestinale Nebenwirkung), hat es bei jungen Kindern den Vorteil, dass Tabletten zermörsert werden dürfen, falls Pellets nicht geschluckt werden. Damit besteht wie bei Olsalazin für die Bioverfügbarkeit keine Abhängigkeit von der Transitzeit. Die empfohlene Dosierung für Kinder liegt bei 50 (bis 100) mg/kg KG/d bis zu einem Maximum von 6 g/d.

Dass eine fehlende Therapieadhärenz insbesondere in der 5-ASA-Therapie der Colitis ulcerosa ein Problem darstellt, konnte mehrfach gezeigt werden [207] [208] [209]. Cervený et al. fanden bei 12,7 % der untersuchten Patienten unter 5-ASA-Therapie kein 5-ASA oder Abbauprodukte im Urin. Es konnte gezeigt werden, dass ein signifikanter Anteil der Colitis ulcerosa-Schübe und der damit verbundenen medizinischen Kosten auf eine fehlende Therapieadhärenz zur 5-ASA-Therapie zurückgeführt werden kann [210]. Dies gilt insbesondere dann, wenn große Mengen an Medikamenten zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingenommen werden müssen oder die Anwendung der Medikation als unangenehm wahrgenommen wird (rektale Anwendung).

In einer Studie, die die orale MMX-Mesalazin-Therapie (3 × 1,2 g/d oder Placebo) mit der rektalen 5-ASA-Therapie (4 g/d als Einlauf) in der Linksseitenkolitis verglich, wurden Unterschiede in der Compliance bei beiden Therapieformen festgestellt. Bei der oralen Therapie zeigten 97 % Compliance, bei der rektalen nur 87,5 %, wobei der Wert bei aktiver Erkrankung sogar nur bei 65,5 % lag [211]. In dieser kleinen Studie (79 Patienten) konnte kein signifikanter Unterschied in der Wirksamkeit (klinische Remission) festgestellt werden (nach 4 bzw. 8 Wochen 57,5 / 60 % in der MMX-Gruppe, 68,4 / 50 % in der 5-ASA-Einlauf-Gruppe). Somit scheinen retardiert formulierte 5-ASA-freisetzende orale Präparate in der Wirksamkeit 5-ASA-Einläufen nicht unterlegen. Die einmal tägliche Einnahme von solchen Präparaten und die Bevorzugung der oralen Route vor der rektalen Gabe kann in manchen Fällen eine sinnvolle Maßnahme darstellen, um die Therapieadhärenz zu erhöhen. Eine einmalige Gabe von ausreichend hochdosierten 5-ASA-Präparaten ist einer in mehrere einzelne Dosen aufgeteilten Gabe in der Wirksamkeit nicht unterlegen [191] [193] [212].

Sollten die oben aufgeführten Therapiealternativen nicht zu einem Ansprechen auf die Therapie geführt haben, muss als nächster Schritt die Gabe systemisch wirksamer Kortikosteroide in Erwägung gezogen werden. Ein deutliches Zeichen eines nicht ausreichenden Ansprechens auf die Therapie ist das Persistieren blutiger Stühle. Aller spätestens nach 14 Tagen sollten weiterführende therapeutische Maßnahmen ergriffen werden. Einzelheiten zur Anwendung von Kortikosteroiden werden im Abschnitt „Ausgedehnter Befall” ausgeführt.

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Ausgedehnter Befall

Empfehlung 4.9*

Bei ausgedehntem Befall soll eine leicht bis mäßig schwere CU zunächst mit einem oralen 5-ASA-freisetzenden Präparat in einer Dosierung ≥ 3 g/d in Kombination mit Mesalazineinläufen oder -schäumen behandelt werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 4.10

Eine systemische Steroidtherapie (0,5 – 1 mg/kg Körpergewicht/ Tag Prednisolonäquivalent) soll begonnen werden, wenn die Symptome der CU nicht auf die unter 4.4 – 4.6 und 4.9 genannte Therapie ansprechen.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die Therapieprinzipien bei ausgedehntem Befall entsprechen im Wesentlichen denen bei der Linksseitenkolitis. Die Wirksamkeit von oralem 5-ASA ist durch Metaanalysen abgesichert [190].

Auch hier ist eine Kombinationstherapie von oralen und rektalen 5-ASA-Präparaten der Monotherapie überlegen [12] [184] [188] [189]. Bei ungenügendem Therapieansprechen ist ein Wechsel auf eine systemische Steroidtherapie früher in Betracht zu ziehen als bei limitierterer Krankheitsausdehnung. Ein Zeitrahmen von 14 Tagen für das Abwarten eines Ansprechens auf die 5-ASA-Therapie sollte nicht wesentlich überschritten werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn bereits eine remissionserhaltende Therapie mit 5-ASA oder Immunmodulatoren durchgeführt wird. Die Wirksamkeit von MMX-Mesalazin bei mäßig schwerer bis schwerer Colitis ulcerosa wurde in placebokontrollierten Studien bestätigt [191] [192]. Eine Metaanalyse verglich die Wirksamkeit von 5-ASA-Präparaten, Placebo und Sulfasalazin in der Therapie der aktiven Colitis ulcerosa [190]. Es konnte eine deutliche Überlegenheit der 5-ASA-Präparate gegenüber Placebo gezeigt werden. Sulfasalazin und 5-ASA unterscheiden sich nicht signifikant, allerdings ist das Nebenwirkungsprofil von 5-ASA deutlich günstiger. Es besteht eine Dosisabhängigkeit hinsichtlich des Studienendpunkts „Ansprechen” für 5-ASA-Dosen < 2 g, 2 – 2,9 g und > 3 g pro Tag. Für den Studienendpunkt „Remission” konnte keine signifikante Dosisabhängigkeit gezeigt werden [190]. Es sollte daher auf eine ausreichend hohe Dosierung bei der oralen Therapie mit 5-ASA-Präparaten geachtet werden.

Ob die tägliche Dosis der 5-ASA-Medikation in einer oder mehreren, über den Tag verteilten Dosen eingenommen wird scheint, wie im Abschnitt Linksseitenkolitis ausgeführt, für die Wirksamkeit keine erhebliche Rolle zu spielen [191] [192] [193]. Aufgrund der verbesserten Therapieadhärenz scheint die Einmalgabe günstiger zu sein.

Das Vorgehen bei Kindern ist bei Linksseitenkolitis und ausgedehnterem Befall prinzipiell gleich. Es gilt wiederum, dass eine Therapieeskalation zu Kortikosteroiden früher in Betracht gezogen werden muss als bei limitierterem Ausbreitungsmuster. Einzelheiten zur Therapie mit Kortikosteroiden werden im Abschnitt „schwere Colitis ulcerosa, beliebige Ausdehnung” erläutert.

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Schwere CU, beliebige Ausdehnung

Empfehlung 4.11

Definition: Zur Definition einer schweren, aktiven CU können die Kriterien von Truelove und Witts (mehr als 6 blutige Durchfälle/d, Fieber, Tachykardie, Anämie, BSG > 30 mm/h) angewendet werden.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 4.12

Die Behandlung einer schweren, aktiven CU mit Zeichen einer systemischen Beteiligung sollte unter stationären Bedingungen erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 4.13*

Ein schwer verlaufender Schub einer CU mit Zeichen einer systemischen Beteiligung soll mit einer intravenösen Steroidtherapie (z. B. 1 mg/kg Körpergewicht Prednisolonäquivalent pro Tag) behandelt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: sehr stark, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 4.14

Sollte eine Steroidtherapie aufgrund einer Kontraindikation oder Intoleranz nicht infrage kommen, so kann alternativ eine Therapie mit Ciclosporin A (B), Infliximab (B) oder Tacrolimus (C) zum Einsatz kommen.

[Evidenzgrad: siehe Empfehlungstext, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 4.15

Diese Patienten sollen intensiv überwacht und, insbesondere jene mit toxischem Verlauf, in enger Zusammenarbeit von Gastroenterologen/Kindergastroenterologen und Chirurgen betreut werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Eine mehr oder weniger einfach anwendbare und im klinischen Alltag bewährte Definition der schweren Colitis ulcerosa kann anhand der Kriterien von Truelove und Witts erfolgen [106] [213]. Diese Kriterien beinhalten:

  • schwere Diarrhöen mit 6 oder mehr makroskopisch blutigen Stühlen pro Tag,

  • Fieber (mit einer mittleren Abendtemperatur von über 37,5° Celsius oder einer Temperatur > 37,8° Celsius an wenigstens 2 von 4 Tagen,

  • Tachykardie mit einem Puls > 90 /min,

  • Anämie mit einem Hb-Wert < 75 % der Norm und

  • eine BSG > 30 mm/h.

Diese Parameter bilden im Prinzip eine systemische Krankheitsaktivität ab, die sich in der Regel auch direkt aus dem klinischen Bild ergibt. Es handelt sich hier um schwer kranke Patienten. Die Anwendung von Score-Systemen spielt hier im klinischen Alltag eher eine bestätigende Rolle und ist nicht zwingend geboten. Allerdings ist grundsätzlich auf Zeichen einer systemischen Krankheitsmanifestation zu achten. Bei Kindern sollte der PUCAI zur Anwendung kommen [108]. In den PUCAI fließen ein: Bauchschmerzen, rektaler Blutabgang, Stuhlkonsistenz, Stuhlfrequenz, nächtlicher Stuhlgang und die Aktivitätsbeeinträchtigung (Summenbildung mit einem Wert zwischen 0 – 85). Ein PUCAI von > 65 Punkten zeigt einen schweren Kolitisschub an.

Die schwere Colitis ulcerosa stellt nach wie vor ein bedrohliches Krankheitsbild dar, obwohl die Mortalitätsrate in spezialisierten Zentren < 1 % liegt [107]. Eine Metaanalyse, die das Ansprechen der schweren Colitis ulcerosa auf Kortikosteroide untersuchte, zeigte eine mittlere Proktokolektomierate von 27 % und eine Mortalitätsrate von 1 % [214]. Vor diesem Hintergrund scheint in der Regel eine Behandlung der schweren Colitis ulcerosa unter stationären Bedingungen dringend geboten. Die hier notwendige Therapie geht über die pharmakologische Therapie weit hinaus und kann in der Regel nur unter stationären Bedingungen gewährleistet werden. Parenteraler Flüssigkeits- und Elektrolytausgleich, engmaschige Laborwertkontrollen, mikrobiologische Untersuchungen, ggf. endoskopische Diagnostik, Thromboseprophylaxe, enterale und parenterale Ernährung, Schmerztherapie, die Anwendung von Externa, physio- und ggf. psychotherapeutische Betreuung, antibiotische Therapie und Bluttransfusionen können ein notwendiger Teil der Therapie sein.

Die Anwendung von Steroiden in der Behandlung der Colitis ulcerosa wurde schon vor über 50 Jahren in ersten Studien untersucht [106] [215] [216] [217] [218]. Insgesamt wurden seit dieser Zeit viele verschiedene Dosierungen und Therapieregime angewendet. Letztendlich liegen keine Daten vor, die den Nutzen einer täglichen Prednisolondosis über 60 mg/d bei schwerer Colitis ulcerosa unterstützen [214]. Auf der Grundlage der vorliegenden Studien wird eine Dosierung von 1 mg/kg/KG initial empfohlen. Sehr hohe Dosen bringen keinen zusätzlichen Nutzen, niedrigere Dosen sind unter Umständen weniger wirksam [214] [219]. Eine frühe Reduktion der Steroidtherapie (Therapiedauer weniger als 3 Wochen) ist mit einer erhöhten Rückfallquote verbunden. Dosen unterhalb von 15 mg Prednisolon pro Tag gelten als ineffektiv [215]. Es existieren in unterschiedlichen Kliniken unterschiedliche Anwendungsschemata bez. der Kortikosteroide (Auswahl der Präparate, Applikationsweise, Dauer der Therapie, Beginn und Geschwindigkeit des Ausschleichens, Aufteilung der täglichen Dosis), die in der Wirksamkeit nicht im Rahmen von randomisierten Studien miteinander verglichen worden sind. Grundsätzlich kommt sowohl eine orale als auch eine intravenöse Anwendung infrage. Die geeignete Applikationsweise muss vom Einzelfall abhängig gemacht werden. Bei fraglicher enteraler Resorption ist die intravenöse Applikation der sicherere Weg.

Bei Kinder liegt das Risiko, wegen eines schweren Kolitisschubs stationär aufgenommen zu werden, bei 30 – 40 % bis zum 16. Lebensjahr und damit höher als bei Erwachsenen. Bei Kindern und Jugendlichen sollte Methylprednisolon einmal täglich in einer Dosis von 1 – 2 mg/kg/d i. v., maximal 40 – 60 mg/d gegeben werden [220]. Etwa 30 – 40 % der pädiatrischen Patienten mit scherer Colitis ulcerosa sprechen nicht auf die initiale Therapie an und benötigen eine Therapieeskalation mit Infliximab oder Cyclosporin. Bei einem PUCAI über 45 Punkten am Tag 3 der i. v. Steroidtherapie sollte eine weitere Diagnostik (Sigmoidoskopie mit Ausschluss einer CMV-Colitis) veranlasst und Vorbereitungen für eine erweiterte Therapie getroffen werden. Beträgt der PUCAI > 65 Punkte am Tag 5, empfiehlt sich, die Therapie zu erweitern, da ein Ansprechen wenig wahrscheinlich ist. Alternativ ist stehts eine Kolektomie mit Eltern und Patient zu diskutieren. Für Kinder und Jugendliche wurden von der ECCO (European Crohn’s and Colitis Organization) und der ESPGHAN (European Society of Pediatric Gastroenterology, Hepatology, and Nutrition) eine separate Leitlinie zur Behandlung des schweren Schubes herausgegeben [221].

Als Alternativen bei Kontraindikationen zur Steroidtherapie oder Intoleranz kommen Infliximab, Ciclosporin A oder Tacrolimus infrage. Die Anwendung von Infliximab in der Behandlung der schweren Colitis ulcerosa wurde in mehreren Studien untersucht [223] [224] [225] [226] [227]. Bei der Mehrheit der in diesen Studien behandelten Patienten handelte es sich um steroidrefraktäre Krankheitsverläufe, allerdings war ein großer Teil der Patienten nicht hospitalisiert. Järnerot et al. [223] untersuchten in einer doppelblinden und randomisierten Studie 45 Patienten mit akuter, schwerer Colitis ulcerosa, die zuvor nicht auf die konventionelle Steroidtherapie angesprochen hatten. Sieben Patienten der Infliximabgruppe und 14 Patienten der Placebogruppe mussten sich innerhalb von 3 Monaten nach Randomisierung einer Proktokolektomie unterziehen (statistisch signifikanter Unterschied). Ochsenkühn et al. untersuchten die Anwendung von Infliximab bei Patienten mit akuter schwerer Colitis ulcerosa, die zuvor nicht mit Steroiden in adäquater Dosierung behandelt worden waren [225]. In dieser sehr kleinen Studie (13 Patienten) konnte ebenfalls die Wirksamkeit von Infliximab in dieser Patientengruppe nachgewiesen werden. Die Gabe von Infliximab kann dann in einer Dosierung von 5 mg/kg KG zu den Zeitpunkten Woche 0, 2 und 6 erfolgen. Eine Fortführung in 8 wöchentlichen Abständen als Erhaltungstherapie sollte sich, bei entsprechender Wirksamkeit, anschließen [227].

Zur Anwendung von Ciclosporin A als Therapieoption in der Behandlung der akuten schweren Colitis ulcerosa liegt eine Metaanalyse von Shibolet et al. vor, die allerdings nur zwei randomisierte, kontrollierte Studien zur Grundlage hat [228]. Diese Metaanalyse kam zu dem Schluss, dass es nur begrenzt Hinweise für einen überlegenen Nutzen von Ciclosporin A gegenüber der Standardtherapie gibt. In einer randomisierten und placebokontrollierten Studien war zuvor eine schnelle Wirksamkeit von Ciclosporin A in der Behandlung der steroidrefraktären Colitis ulcerosa beschrieben worden [229]. Mit der Frage, ob Ciclosporin A eine Alternative zur Kortikosteroidtherapie darstellen kann, befasste sich eine randomisierte, doppelt verblindete Studie von d’Haens et al. Es wurden 30 Patienten mit schwerer CU entweder mit 40 mg Methylprednisolon/d oder mit 4 mg/kg KG/d Ciclosporin A intravenös behandelt. Nach 8 Tagen konnte bei 8 / 15 Patienten der Methylprednisolongruppe und bei 9 / 14 Patienten der Ciclosporin-A-Gruppe ein Therapieansprechen verzeichnet werden. Somit wurde gezeigt, dass Ciclosporin A eine wirksame Alternative zur konventionellen Therapie mit Kortikosteroiden darstellt [230].

Für die Anwendung von Tacrolimus als Therapiealternative zu Kortikosteroiden in der Behandlung der akuten schweren Colitis ulcerosa liegen nur indirekte Daten vor. Verschiedene Studien untersuchten die Wirksamkeit von Tacrolimus in der Behandlung der steroidrefraktären Colitis ulcerosa [231] [232] [233] [234]. Aus diesen Daten und der klinischen Praxis kann geschlossen werden, dass auch Tacrolimus als Therapiealternative zur konventionellen Steroidtherapie infrage kommt. Eine spezifische Studie zu dieser Fragestellung existiert jedoch nicht.

Von herausragender Bedeutung bei der Behandlung dieser schwer kranken Patienten ist es, nicht den Zeitpunkt zu versäumen, an dem die konventionelle/medikamentöse Therapie versagt und eine chirurgische Therapie (Proktokolektomie) notwendig wird. Mit der zunehmenden Anzahl an Therapiealternativen nimmt die Gefahr der Verzögerung der notwendigen chirurgischen Therapie tendenziell weiter zu. Aus diesem Dilemma ergibt sich, dass Gastroenterologen/Kindergastroenterologen und Chirurgen sehr eng miteinander kooperieren und ständig gemeinsam den Zustand der Patienten und das Ansprechen auf die Therapie beurteilen müssen. Eine intensive Überwachung der Patienten ist hierbei unerlässlich.

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Colitis ulcerosa refraktär auf systemische Steroidtherapie

Empfehlung 4.16

Zur Beurteilung des Ansprechens der systemischen Steroidtherapie sollen das klinische Bild und objektivierbare Parameter (z. B. Stuhlfrequenz, Blutbeimengungen im Stuhl, Hb-Wert, Ultraschallbefund, Endoskopiebefund) herangezogen werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 4.17*

Bei nicht ausreichendem Ansprechen auf eine systemische Steroidtherapie soll Ciclosporin A (A), Infliximab (A) oder Tacrolimus (B) eingesetzt werden. Bei der Therapieentscheidung soll immer auch eine chirurgische Therapiealternative in Betracht gezogen werden (B).

[Evidenzgrad: siehe Empfehlungstext, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 4.18*

Nach Ansprechen auf eine Therapie kann eine Azathioprin- oder eine 6-Mercaptopurin-Therapie eingeleitet werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 4.19

Tritt unter oben genannter Therapie eine klinische Zustandsverschlechterung ein, soll eine chirurgische Therapie durchgeführt werden. Die chirurgische Therapie kann ebenso indiziert sein, wenn nach 4 – 7 Tagen keine Verbesserung des klinischen Zustands eintritt.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Es wurden verschiedene Versuche unternommen, Prognosescores für den Verlauf der schweren akuten Colitis ulcerosa zu ermitteln. Diese Scores beruhen auf möglichst objektiv zu erhebenden Parametern wie Stuhlfrequenz und Entzündungsparametern. In verschiedenen Studien zeigte sich, dass bei schwerer Colitis ulcerosa die Notwendigkeit einer Proktokolektomie bei einem fehlenden Therapieansprechen nach spätestens 4 – 7 Tage sehr wahrscheinlich ist [214] [225] [235] [236] [237]. Die Wirksamkeit einer systemischen Steroidtherapie muss engmaschig überprüft werden, da aus einem Nichtansprechen frühzeitig Konsequenzen gezogen werden müssen. Bei einem Nichtansprechen auf die systemische Gabe von Steroiden muss entschieden werden, ob eine weitere, pharmakologische Therapie (Ciclosporin A, Tacrolimus, Infliximab) oder eine Proktokolektomie als Therapieoption infrage kommt. Eine prospektive Studie untersuchte die Therapieergebnisse in 51 aufeinanderfolgenden Patienten mit schwerer Colitis ulcerosa und konnte zeigen, dass 85 % der Patienten mit mehr als 8 Stuhlgängen pro Tag oder einer Stuhlfrequenz zwischen 3 und 8 pro Tag in Kombination mit einem CRP-Wert über 45 mg/l sich einer Kolektomie unterziehen mussten [238]. Ein CRP-Wert ≥ 25 mg/l und mehr als 4 Stuhlgänge pro Tag am 3. Tag der intensiven Therapie machen die Notwendigkeit einer Kolektomie innerhalb von 30 Tagen wahrscheinlich [237]. Bei Kindern ist der PUCAI ein geeigneter Verlaufsparameter [108]. Aber auch andere Laborparameter und radiologische Kriterien können geeignet sein [225] [236]. Einen Stellenwert in der Verlaufsbeurteilung der Kolitistherapie haben auch die Darmsonografie, die kontrastmittelverstärkte Darmsonografie und die Kernspintomografie [102] [118]. Generell gilt, dass, wenn bei einer schweren Colitis ulcerosa nach 4 – 7 Tagen unter konventioneller Therapie keine Verbesserung des klinischen Zustands eintritt, Therapiealternativen in Betracht gezogen werden müssen. In einer randomisierten placebokontrollierten, kleinen Studie mit Infliximab als „Rescue-Therapie” in der schweren Colitis ulcerosa [223] wurde gezeigt, dass die Infliximabgruppe bez. des Studienendpunkts „Proktokolektomie” signifikant günstiger lag als die Placebogruppe, bei der die hochdosierte Steroidtherapie fortgesetzt wurde. Infliximab in einer Dosis von 4 – 5 mg/kg/Körpergewicht stellt somit eine wirksame und sichere Behandlungsalternative in der akuten schweren Colitis ulcerosa dar, die zuvor nicht auf eine konventionelle Therapie angesprochen hat. Weitere kleinere Studien bestätigen den Nutzen von Infliximab in dieser Situation [239] [240] [241] [242]. Letztendlich konnten 2 randomisierte, doppelt verblindete, placebokontrollierte Studien (ACT 1 und 2) generell die Wirksamkeit von Infliximab in der Behandlung der Colitis ulcerosa nachweisen [227]. In der ACT-1-Studie wurden 364 Patienten mit mäßig aktiver CU, die zuvor nicht auf Kortikosteroide und/oder Immunmodulatoren angesprochen hatte, behandelt. 69 % der Patienten, die eine Dosis von 5 mg/kg KG erhielten, zeigten in Woche 8 ein klinisches Ansprechen, in der Gruppe der Patienten, die 10 mg/kg KG erhielten, waren es 61 % und in der Placebogruppe 37 %, die Remissionsraten lagen bei 38,8 % (5 mg/kg KG Infliximab), 32 % 10 mg kg KG Infliximab) und 14,9 % (Placebo). Eine systematische Metaanalyse kam zu dem Ergebnis, dass Infliximab in der Behandlung der mäßig schweren bis schweren Colitis ulcerosa mit refraktärem Verlauf nach Einsatz von Kortikosteroiden und/oder Immunmodulatoren wirksam ist [224]. Eine Gabe von Infliximab zu den Zeitpunkten 0, 2 und 6 Wochen war effektiver als Placebo in der Einleitung einer klinischen Remission (Relatives Risiko [RR] 3,22, 95 %, CI 2,18 – 4,76), in der Einleitung einer endoskopischen Remission (RR 1,88, 95 %, CI 1,54 – 2,28) und in der Einleitung eines klinischen Therapieansprechens in Woche 8 (RR 1,99, 95 %, CI 1,65 – 2 [214]).

Der Nutzen von Ciclosporin A in einer Dosierung von 4 mg/kg KG/d intravenös in der Behandlung der schweren steroidrefraktären Colitis ulcerosa wurde zuerst von Lichtiger et al. in einer placebokontrollierten Studie untersucht und nachgewiesen [229]. In dieser randomisierten und placebokontrollierten, aber sehr kleinen Studie konnte bei 9 von 11 Patienten ein klinisches Therapieansprechen nach einer mittleren Dauer von 7 Tagen festgestellt werden. Spätere Studien bzw. Verlaufsbeobachtungen konnten diese ersten Ergebnisse bestätigen [240] [243] [244]. Es zeigte sich allerdings auch, dass ein großer Teil der Patienten trotz zunächst erfolgreicher Ciclosporin-Therapie früher oder später eine Proktokolektomie benötigt. Später wurden die intravenösen Dosierungen von 2 mg/kg und 4 mg/kg KG pro Tag untersucht, wobei die Ansprechraten an Tag 8 ähnlich hoch waren (86 % und 84 %) [245]. Diese Studie ist die größte randomisierte Studie zu dieser Fragestellung. Die intravenöse Dosis von 2 mg/kg KG pro Tag scheint in Abwägung von Wirksamkeit und Nebenwirkungen bei der Therapieeinleitung sinnvoll. Die optimalen therapeutischen Serumspiegel sind nicht bekannt, anzustreben sind Spiegel zwischen 250 und 400 ng/ml.

Mit Tacrolimus hat ein weiterer Calcineurininhibitor Eingang in die Therapie der Colitis ulcerosa gefunden. Es liegt eine randomisierte Studie vor, die eine dosisabhängige Wirksamkeit in der Therapie in der refraktären Colitis ulcerosa zeigte [234]. Weitere kleinere Studien und Fallberichte unterstützen dieses Ergebnis [233] [246] [247]. Die Dosierung von Tacrolimus bei intravenöser Gabe liegt zwischen 0,01 und 0,02 mg/kg KG pro Tag und bei oraler Gabe zwischen 0,1 und 0,2 mg/kg KG pro Tag, verteilt auf zwei Dosen. In der Studie von Ogata et al. wurde ein Zielbereich des Talspiegels zwischen 10 – 15 ng/ml als optimal angegeben [234]. In einer anderen Studie schienen auch niedrigere Talspiegel (4 – 8 ng/ml) gut wirksam zu sein und weniger Nebenwirkungen zu induzieren [246].

Obwohl aufgrund der wissenschaftlichen Datenlage eine höhere Evidenz für den Einsatz von Infliximab bei der therapierefraktären Colitis ulcerosa besteht, wird allgemein empfohlen, dass bei schweren Verlaufsformen einer Colitis ulcerosa zunächst eine Therapie mit einem Calcineurininhibitor eingeleitet werden sollte. Dieses Vorgehen basiert auf der Tatsache, dass bei Therapieversagen des Calcineurininhibitors (Ciclosporin, Tacrolimus) diese Therapie beendet und bereits nach 1 – 2 Tagen ein Therapieversuch mit Infliximab begonnen werden könnte, da die immunsupprimierende Effekte der Calcineurininhibitoren aufgrund der begrenzten Halbwertzeit vernachlässigbar sind. Bei der Anwendung von Infliximab wäre aufgrund der längeren Halbwertzeit mit einer prolongierten Immunsuppression zu rechnen, sodass bei einem Therapiebeginn mit einem Calcineurininhibitor infolge von Therapieversagen von Infliximab mit einer erhöhten Immunsuppression infolge einer 3-fach-immunsuppressiven Therapie zu rechnen wäre. Bei Patienten mit einem mäßig aktiven chronisch-aktiven Verlauf einer Colitis ulcerosa, wo kein erhöhtes Risiko einer operativen Intervention besteht, kann aber durchaus auch eine primäre Anwendung von Infliximab bei einem steroidrefraktärem Verlauf einer Colitis ulcerosa erfolgen.

Eine Kombination von Infliximab, Ciclosporin A und/oder Tacrolimus wird aufgrund der zu erwartenden Nebenwirkungen nicht empfohlen. Hinsichtlich der Indikationsstellung und dem Vorgehen bei der Proktokolektomie wird auf das Kapitel 7 „Chirurgie” verwiesen.

Eine Studie von Ardizzone et al. [248] verglich die Wirksamkeit von Azathioprin (2 mg/kg KG/Tag) und 5-ASA in der Remissionsinduktion bei steroidabhängiger Colitis ulcerosa. Es zeigte sich, dass signifikant mehr Patienten unter Azathioprin (19 / 36 Patienten [53 %]) als unter 5-ASA (7 / 36 [21 %]) eine klinische und endoskopische Remission erreichen konnten und die Kortikosteroidmedikation beenden konnten. Ein Einspareffekt für Steroide konnte gezeigt werden. Daneben existieren weitere kleinere Studien, die den therapeutischen Nutzen von Azathioprinen bei Colitis ulcerosa untersuchten [249] [250]. Letztlich sollte bei erneutem, schwerem Krankheitsschub, wenn innerhalb von einem Jahr zwei oder mehr Kortikoidstoßtherapien benötigt wurden, oder bei steroidabhängigem Verlauf eine Azathioprinmedikation begonnen werden. Die tägliche Dosis sollte bei 2 – 2,5 mg/kg KG pro Tag liegen. Alternativ kann 6-Mercaptopurin eingesetzt werden, die Dosis sollte zwischen 1 – 1,5 mg/kg KG/d betragen [251] [252] [253]. Der Einsatz von Thiopurinen in dieser Situation wird durch weitere Fallserien und kleinere Studie unterstützt [254] [255] [256] [257] [258].

Ob eine Weiterführung der 5-ASA-Therapie nach Beginn einer Therapie mit einem Immunsuppressivum (Azathioprin, 6-Mercaptopurin, Methotrexat) sinnvoll ist, wird kontrovers diskutiert. Ein zusätzlicher Nutzen bez. der Verhinderung von erneuten Schüben besteht nicht [259]. Allerdings kann die Fortsetzung der 5-ASA-Therapie unter dem Gesichtspunkt der Chemoprävention des kolorektalen Karzinoms sinnvoll sein (siehe Kapitel 8 „Karzinomprophylaxe”). Bei chronischer Krankheitsaktivität (Therapieresistenz/Steroidabhängigkeit) ist zunächst der Einsatz von Azathioprin/ 6-Mercaptopurin oder Methotrexat indiziert. Weitere Therapiealternativen stellen Infliximab, Ciclosporin A und Tacrolimus dar (Einzelheiten siehe oben).

Eine Weiterführung der Therapie mit Glukokortikoiden ist oft unumgänglich, in den meisten Situation wird man jedoch versuchen, Steroide zügig in der Dosis zu reduzieren.

Bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen gelten die gleichen Therapieprinzipien wie bei Erwachsenen. Führt bei schwerer Colitis ulcerosa die intravenöse Kortikosteroidmedikation nicht innerhalb von 4 – 7 Tagen zu einer klinischen Verbesserung, wird die Gabe von Infliximab (5 mg/kg KG) Ciclosporin A (initiial 2 mg/kg/d als Infusion, nach Erreichen der Remission 5 – 8 mg/kg/d p.os in 2 Dosen) oder Tacrolimus (0,2 mg/kg KG/d p.os in 2 Dosen) empfohlen. Die Dosisanpassung erfolgt bei beiden Medikamenten über Messungen der Talspiegel.

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Akuter Schub unter remissionserhaltender Therapie

Empfehlung 4.20

Wird ein 5-ASA-freisetzendes Präparat zur Remissionserhaltung genutzt, soll im Falle eines akuten Schubes mit leichter bis mäßiger Aktivität zunächst die Dosierung auf ≥ 3 g/d erhöht werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 4.21

Führt diese Maßnahme nicht zügig zu einer Besserung der Symptomatik, soll eine systemische Steroidtherapie initiiert werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 4.22

Wird Azathioprin oder 6-Mercaptopurin zur Remissionserhaltung eingesetzt, sollte eine systemische Steroidtherapie begonnen werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Mehrere Studien konnten zeigen, dass neuere galenische Formulierungen und hochdosierte 5-ASA-freisetzende Präparate eine Therapieverbesserung und Vereinfachung bringen können [191] [192] [193]. Hanauer et al. konnten 2007 zeigen, dass höherer Dosierungen (4,8 g/d) gegenüber niedrigeren Dosierungen (2,4 g/d) überlegen sind [260]. Eine weitere Studie konnte zeigen, dass der Wechsel von niedriger dosiertem oralem 5-ASA auf MMX-Mesalazin in einer Dosierung von 4,8 g/d statistisch signifikant wirksamer ist in der Induktion einer Remission, als ein Wechsel auf MMX-Mesalazin in einer Dosierung von 2,4 g/d [212]. Somit scheint zunächst eine Dosiserhöhung auf mehr als 3 g/d ein sinnvoller Weg zu sein. Kommt es trotz Dosisanpassung der 5-ASA-Therapie nicht zu einer Besserung der Symptomatik, muss eine Eskalation der Therapie hin zur Kortikosteroidtherapie in Erwägung gezogen werden. Wie schnell eine Eskalation zu erfolgen hat, muss vom Einzelfall und der Schwere der Symptomatik abhängig gemacht werden.

Wird Azathioprin oder 6-Mercaptopurion als remissionserhaltende Therapie eingesetzt, sollte bei akutem Schub zunächst eine systemische Steroidtherapie begonnen werden.

Die medikamentöse Therapie bei Kindern und Jugendlichen entspricht prinzipiell der bei erwachsenen Patienten.

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Komplikationen der schweren Colitis ulcerosa

Das toxische Megakolon, Perforationen und Hämorrhagien stellen gefürchtete Komplikationen der schweren Colitis ulcerosa dar. Das toxische Megakolon ist definiert als eine segmentale oder ausgedehntere Dilatation des Kolons auf über 6 cm ohne verursachende Obstruktion und mit den Zeichen einer systemischen Krankheitsbeteiligung [261] [262]. Ursache ist in der Regel ein unkontrollierter Krankheitsverlauf (nicht erkannt, nicht oder unzureichend behandelt, therapierefraktär). Diese Komplikation tritt in etwa bei 5 % der stationär behandelten Patienten auf. Sie bedarf der schnellen und intensiven Behandlung sowie einer engen Kooperation zwischen Gastroenterologen/Kindergastroenterologen und Chirurgen. Prinzipiell gleicht die Therapie der der schweren Colitis ulcerosa. Eine antibiotische Therapie sollte, um septische Komplikationen zu vermeiden, erwogen werden (z. B. Ceftriaxon/Metronidazol). Die häufigste schwere Komplikation der Colitis ulcerosa ist die schwere Blutung. Sie tritt in der Regel nach Entwicklung des toxischen Megakolons oder nach Koloskopie auf und ist mit einem wesentlichen Anstieg der Mortalität behaftet [261]. Eine retrospektive Analyse von Operationen bei CU in 158 Patienten ergab, dass 12 % der Patienten wegen eines toxischen Megakolons, Perforation oder Blutung notfallmäßig operiert werden mussten [263].

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Schmerztherapie

Empfehlung 4.23

Schmerzen können in allen Stadien der Erkrankung aus verschiedenen Ursachen auftreten. Eine differenzierte Schmerzanalyse (Krankheitsaktivität, Nebenwirkungen der antiinflammatorischen Therapie, funktionelle gastrointestinale Störungen, psychische Störungen) soll vor Einleitung einer symptomatischen Schmerztherapie durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 4.24

Im akuten Schub und bei chronisch-aktiven Verläufen kann bei anhaltenden Bauchschmerzen trotz antiinflammatorischer Therapie eine symptomatische Schmerztherapie mit Metamizol oder ggf. Opioiden durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 4.25

Eine Dauertherapie mit Opioiden sollte vermieden werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↓]

Erläuterung

Im Falle einer symptomatischen Schmerztherapie sind die Regeln der allgemeinen und speziellen Schmerztherapie zu beachten. Vor Einleitung einer symptomatischen Schmerztherapie ist auszuschließen, dass die Schmerzsymptomatik durch Optimierung der antiinflammatorischen Therapie, chirurgischen Therapie oder durch Absetzen von schmerzauslösenden Medikamenten behandelbar ist. Eine sorgfältige Analyse der Schmerzsymptomatik und ihrer biologischen, psychischen und sozialen Komponenten ist durchzuführen. Bei häufigen oder dauerhaften Schmerzen soll eine kontinuierliche orale Schmerztherapie mit retardierten Präparaten inklusive einer Bedarfsschmerzmedikation durchgeführt werden. Bei Opioiden sollen kurz wirksame Darreichungsformen (Tropfen, intravenös) wegen ihrer potenziell suchtfördernden Wirkung vermieden werden. Die Gabe von Opioiden bei funktionellen gastrointestinalen Störungen oder psychischen Störungen als Ursache der Schmerzen ist kontraindiziert [264]. Zur symptomatischen Schmerztherapie der Colitis ulcerosa liegen keine kontrollierten Studien vor. Empfehlungen zur symptomatischen Schmerztherapie gründen sich daher auf klinischer Erfahrung und auf Extrapolationen von Therapieprinzipien anderer chronischer nicht karzinombedingter Schmerzsyndrome [265]. Bezüglich des Einsatzes von Paracetamol besteht bez. einer möglichen Induktion eines Krankheitsschubs eine widersprüchliche Datenlage, wobei sehr selten bei hochnormalen Dosen eine schwere Hepatotoxizität auftreten kann [16] [266]. Bei der Therapie mit Opioiden sind relative Kontraindikationen (z. B. Ileussymptomatik, toxisches Megakolon) sowie Nebenwirkungen (Sedierung, missbräuchliche Verwendung) zu beachten. Bei Patienten mit psychischer Komorbidität besteht ein erhöhtes Risiko missbräuchlicher Verwendung von Opioiden [266] [267] [268]. In der Akutschmerztherapie bei fulminanten Verläufen sind Opioide relativ kontraindiziert. Ketamin kann zur Schmerztherapie bei fulminanten Verläufen verwendet werden [269].

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Medikamentöse Therapie

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Aminosalicylate

Es steht eine Reihe unterschiedlicher Präparate mit unterschiedlicher Galenik zur Verfügung: Azo-Verbindungen, kontrolliert freisetzende Präparate, pH-abhängig freisetzende Präparate und Kombinationen der unterschiedlichen Verfahren. Im klinischen Alltag besteht derzeit für kein Präparat bei vergleichbarer Dosierung ein Vorteil hinsichtlich der klinischen Wirksamkeit. Es liegen zahlreiche Metaanalysen vor, die belegen, dass Aminosalicylate in der Therapie sicher und wirksam sind [190] [270] [271] [272]. 5-ASA und Sulfasalazin unterscheiden sich in ihrer Wirksamkeit bez. der Remissionsinduktion nicht, allerdings scheint 5-ASA besser verträglich zu sein als SASP-Präparate. Nebenwirkungen der 5-ASA-Therapie werden bei ca. 15 % der Patienten beobachtet. Die häufigsten sind Diarrhöen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erythem und Thrombozytopenie (in absteigender Häufigkeit). Eine Metaanalyse zeigte, dass die Häufigkeit der Nebenwirkungen unter Placebo- und 5-ASA-Therapie gleich sind [3]. Renale Nebenwirkungen sind selten und eher mit der Schwere der Erkrankung assoziiert als mit der 5-ASA-Gabe [273].

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Kortikosteroide

Die Wirksamkeit der Kortikosteroide wurde in 2 kontrollierten Studien vor über 50 Jahren belegt [106] [216]. In einer Studie, die die Wirksamkeit in neudiagnostizierten Colitis-ulcerosa-Fällen untersuchte, zeigte, dass nach 30 Tagen 51 % eine komplette Remission und 31 % eine inkomplette Remission hatten [20]. Das erhebliche Nebenwirkungsprofil von Kortikosteroiden verbietet deren dauerhafte Anwendung in höheren Dosierungen.

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Infliximab

Eine systematische Übersichtsarbeit konnte die Wirksamkeit von Infliximab in der Therapie der mäßig schweren bis schweren Colitis ulcerosa mit steroidrefraktärem Verlauf und/oder fehlender Wirkung einer begleitenden Immunmodulatortherapie zeigen [224]. Die einzelnen Studien und ihre jeweilige Anwendbarkeit wurden in den entsprechend Abschnitten besprochen. Es muss hier darauf hingewiesen werden, dass trotz der 8-wöchigen Gabe von 5 mg/kg KG/d Infliximab nur 21 % der Patienten nach 7 Monaten und 26 % nach 12 Monaten in steroidfreier Remission sind. In den Studien zur Anwendung von Infliximab in der Therapie der Colitis ulcerosa stellte sich der Wirkstoff als sicher bei der indizierten Anwendung dar. Die Kontraindikationen sind streng zu beachten. Es besteht ein besonderes Risiko für Infektionserkrankungen und demyelinisierende Erkrankungen. In einer kombinierten Analyse von 484 Patienten der ACT-Studien wurden 8 Pneumonien, eine Tuberkulose, eine Histoplasmose und 4 neoplastische Erkrankungen identifiziert sowie weitere 3 Neuropathien. Ob die Entwicklung maligner Erkrankungen (insbesondere von Lymphomen) durch Infliximab begünstigt wird oder ob die beobachtete geringfügige Erhöhung des Risikos einer solchen Erkrankung von anderen Faktoren abhängt, ist nicht definitiv geklärt [200] [274] [275] [276]. Insgesamt bestätigen die vorliegenden Daten die Sicherheit der Anwendung von Infliximab bei Berücksichtigung von Indikationen/Kontraindikationen und nach Abwägung von Risiken und potenziellem Nutzen.

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Thiopurine

Die Datenlage zur Wirksamkeit der Thiopurine in der Behandlung der akuten Colitis ulcerosa sind begrenzt. Die Therapieprinzipien entsprechen denen in der Behandlung des Morbus Crohn.

Eine körpergewichtsadaptierte Dosierung von 2 – 2,5 mg/kg KG tgl. hat gegenüber einer 6-TGN (aktive Metaboliten des Azathioprins)-Spiegel-adaptierten Dosierung keine Nachteile [277]. Es wird kontrovers diskutiert, ob von Beginn an direkt die volle Dosis gegeben werden kann oder langsam eine Dosissteigerung (innerhalb von 2 – 4 Wochen) bis zur therapeutischen Dosis durchgeführt werden sollte. Bei Übelkeit, Erbrechen und Magendruck unter der Azathioprintherapie ist ein Therapieversuch mit 6-Mercaptopurin gerechtfertigt. Bei 3 – 6 % der Patienten tritt unter Azathioprineinnahme eine Leberwerterhöhung auf. In diesen Fällen lässt sich bei der Hälfte die Therapie nach einem Wechsel auf 6-Mercaptopurin fortführen. Bei etwa 3 % tritt eine Pankreatitis auf. In diesen Fällen ist ein Wechsel auf 6-Mercaptopurin nicht sinnvoll. Die Therapie mit einer der beiden Substanzen sollte über einen längeren Zeitraum erfolgen. Vermutlich ist auch noch nach 4 Jahren ein positiver Effekt der Substanzen zu verzeichnen [278] [279] [280]. Beide Substanzen werden über die Thiopurin-Methyltransferase (TPMT) abgebaut. Bei einer verminderten Aktivität der TPMT tritt unter Therapie mit Azathioprin häufig im Verlauf eine schwere Leukopenie auf [281] [282]. Dies ist insbesondere der Fall bei einer homozygoten Mutation im TPMT-Gen, die bei ca. 0,3 % der Bevölkerung auftritt. Die Mehrzahl der Leukopenien unter Azathioprin/ 6-Mercaptopurin-Therapie (etwa 80 %) tritt jedoch unabhängig vom TPMT-Genotyp auf [281]. Daher ist eine engmaschige Blutbildkontrolle unter der Therapie notwendig. Diese sollte während der ersten 2 Monate häufiger und dann weiterhin in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden. Unter der Therapie mit Azathioprin tritt eine Lymphopenie auf, die therapeutisch erwünscht ist. In der Kombinationstherapie mit anderen Immunsuppressiva kann diese Lymphopenie so ausgeprägt sein, dass die T-Helferzellzahl unter 200 /µl absinkt. Es ist offensichtlich, dass hierunter eine Immundefizienz entstehen muss. Die Gesamtleukozytenzahl ist hier nicht aussagekräftig, da diese durch einen hohen Neutrophilenanteil noch im Normbereich sein kann, wenn schon eine ausgeprägte Lymphopenie vorhanden ist. Daher sollte gelegentlich ein Differenzialblutbild erhoben werden, welches eine Abschätzung der T-Helferzellzahl erlaubt.

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Calcineurininhibitoren

Anwendung und Dosierung von Ciclosporin A und Tacrolimus werden in den Abschnitten „schwere CU, beliebige Ausdehnung” und „CU, refraktär auf systemische Steroide” besprochen. Die Therapie sollte solange fortgeführt werden bis ein sonstiger Immunmodulator (z. B. Azathioprin) in die Therapie aufgenommen und wirksam sein kann (in der Regel 3 – 6 Monate). Trotz dieses Vorgehens ist mit einem hohen Anteil von erneuten Schüben innerhalb des folgenden Jahres zu rechnen [240] [244] [283]. Als Nebenwirkungen der Therapie treten arterielle Hypertonie, Parästhesien, Tremor und Kopfschmerzen am häufigsten auf. Bei etwa der Hälfte der Patienten treten Hypomagnesämie, Nierenschädigungen oder gastrointestinale Nebenwirkungen auf [234]. Die Häufigkeit der Nebenwirkungen ist dosisabhängig. Calcineurininhibitoren können einen Diabetes mellitus auslösen [284]. Auf die gegebenenfalls durchzuführende Chemoprophylaxe gegen opportunistische Infektionen wird in Kapitel 6 eingegangen.

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Methotrexat

Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie mit 67 Patienten mit aktiver Colitis ulcerosa, die bereits Kortikosteroide und/oder Immunsuppressiva erhalten hatten, untersuchte die Wirksamkeit von oralem Methotrexat 12,5 mg einmal wöchentlich und konnte keinen Vorteil gegenüber Placebo zeigen [285]. Eine weitere Studie untersuchte den Nutzen von MTX in der Therapie von steroidabhängigen Verläufen und verglich die Anwendung von 6-MP (1,5 mg/kg KG/Tag), MTX (15 mg/Woche) und 5-ASA (3 g/d). Die Remissionsraten in Woche 30 lagen in der MTX-Gruppe bei 58,3 %, wobei kein signifikanter Unterschied zur 5-ASA-Gruppe (25 %) festgestellt werden konnte [286]. Die Dosierungen lagen in den aufgeführten Studien mit 12,5 und 15 mg/Woche in einem niedrigen Bereich, sodass möglicherweise bei einer höheren Dosierung höhere Ansprechraten erreicht werden. Der Wert von MTX als Zweitlinientherapie nach der Anwendung von Thiopurinen bei Colitis ulcerosa bleibt insgesamt aufgrund der vorliegenden Daten umstritten.

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Medikamentöse Behandlungsoptionen mit aktuell unklarer Datenlage

Für eine Reihe weiterer Behandlungsoptionen können aufgrund der aktuellen Datenlage derzeit keine Empfehlungen abgegeben werden. Für einige dieser Behandlungsoptionen werden derzeit klinische Untersuchungen durchgeführt bzw. stehen vor dem Abschluss oder befinden sich in der Auswertungsphase. Es werden hier zumindest für einige Verfahren weitere relevante Evidenzen erwartet (z. B. Adalimumab, Leukozytenapherese). So zeigen erste Ergebnisse, dass Adalimumab bei Patienten mit Colitis ulcerosa im Vergleich zu einer Placebobehandlung eine signifikante Remission induzieren und auch erhalten kann. Für andere Substanzen wie Basiliximab und Visilizumab konnte in den vorliegenden Studien keine signifikante klinische Remissionsinduktion oder -erhaltung im Vergleich zu Placebo nachgewiesen werden. Für diese Behandlungsoptionen und weitere Behandlungsmöglichkeiten wie z. B. Interferon-β, anti-Adhäsionsmolekül-Therapien, weitere anti-TNF-Strategien und Nikotin können derzeit aufgrund der unzureichenden Datenlage keine Therapieempfehlungen ausgesprochen werden.

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Kapitel 5: Remissionserhaltung

Empfehlung 5.1

Definition: Die Remission der CU kann klinisch und endoskopisch definiert werden. Kriterien der klinischen Remission sind Abwesenheit von Diarrhö (≤ 3 ungeformte Stühle/d), kein sichtbares Blut im Stuhl und keine durch die CU bedingten intestinalen oder extraintestinalen Beschwerden. Die endoskopische Remission wird durch das Fehlen entzündlicher Veränderungen bestimmt.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Von den verschiedenen Kriterien „Klinik”, „Morphologie” oder „Labor” ist das klinische Kriterium als einziges in allen wissenschaftlichen Untersuchungen, die die Basis für Therapieentscheidungen bilden, enthalten. Die meisten klinischen Studien basieren auf dem auch als „Mayo Score” bezeichneten Index [287] [288]. Der Mayo Score berücksichtigt gleichberechtigt die Frequenz durchfälliger Stühle, die Gesamtbeurteilung durch den Arzt, der Anteil blutiger Stühle und das Vorhandensein sigmoidoskopischer entzündlicher Veränderungen, wobei nur die beiden letzten Parameter als objektiv angesehen werden. Keine Einigkeit besteht in der Wahl eines bestimmten Aktivitätsindex zur Definition der Remission oder Definitionen basierend auf Laborwerten. Eine Definition der Remission aufgrund einer Rektoskopie/Sigmoidoskopie oder Histologie oder Sonografie allein wird im Allgemeinen nicht akzeptiert. Es gibt jedoch Hinweise dafür, dass das zusätzliche Vorhandensein einer vollständigen endoskopischen und histologischen Remission auch mit einer stabileren (d. h. länger dauernden) klinischen Remission einhergeht [103] [289] [290] [291].

Empfehlung 5.2*

Bei Colitis ulcerosa soll eine remissionserhaltende Therapie (oral oder rektal) mit Aminosalizylaten erfolgen.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die Evidenz für den Einsatz von 5-Aminosalizylaten zur Remissionserhaltung bei Colitis ulcerosa ist sehr gut. Es existiert eine Reihe von Metaanalysen zu diesem Thema [292] [293] [294] [295]. Bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg für eine bessere Therapie in dieser Situation. Nicht geeignet zur Remissionserhaltung sind systemische Steroide, Diät und Quellmittel. Obwohl mittlerweise in drei kontrollierten Studien als effizient belegt, findet der primäre Einsatz von E. coli Nissle aufgrund der im Vergleich zu Aminosalizylaten weniger umfangreichen Studienlage keine einheitliche Bewertung.

Empfehlung 5.3

Angesichts des Nebenwirkungsprofils bei nicht unterschiedlicher Effizienz soll 5-ASA der Vorzug gegenüber SASP gegeben werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Bei den vorliegenden Studien wurde eine selektierte Population untersucht, die nur eine Extrapolation auf unselektierte Patienten zulässt. In einer Metaanalyse [293] wird auf eine potenzielle Überlegenheit von Sulfasalazin hingewiesen, wenn alle anderen 5-ASA-Präparate dagegen verglichen werden. Allerdings wurden in den berücksichtigten Studien nur Sulfasalzin-tolerante Patienten eingeschlossen, sodass ein adäquater Vergleich beider Substanzen nicht möglich ist. In einer aktuellen Metaanalyse wurden zwanzig randomisierte, placebokontrollierte Studien eingeschlossen [296]. Der Vergleich von Sulfasalazin mit 5-ASA zeigte keinen signifikanten Unterschied (RR für den Rückfall 0,98 [95 % CI 0,78 – 1,23], p = 0,85), bei einer Tendenz zu mehr Nebenwirkungen (RR 0,76, 95 % CI 0,54 – 1,07, p = 0,11) [296]. Insgesamt ist von einer geringeren Nebenwirkungsrate einer 5-ASA Therapie gegenüber der Verwendung von Sulfasalazin auszugehen [297] [298].

Empfehlung 5.4*

Der Weg der Applikation soll sich nach dem Befallsmuster der Erkrankung richten. Die Proktitis und die distale Kolitis sollen primär topisch therapiert werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die orale Anwendung wurde für alle Präparate untersucht, die rektale Anwendung nur in eingeschränkter Weise und in den verschiedenen Formulierungen (Suppositorien, Rektalschaum, Klysma) nur für 5-ASA. Bei der distalen CU gibt es Hinweise auf eine therapeutische Überlegenheit der rektalen Applikation [183] insbesondere gegenüber Steroiden [299]. Die Kombination aus oraler und rektaler Therapie ist der oralen Monotherapie überlegen [300]. In dieser Kombination kann die topische Therapie durchaus intermittierend angewandt werden [301].

Empfehlung 5.5

Es sollen Dosen verwendet werden, für die in Studien Wirksamkeit nachgewiesen wurde ([Tab. 9]).

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Tab. 9 Minimale Dosierung von 5-ASA-Präparaten mit belegter Wirksamkeit.
oral:
FormulierungDosisReferenz
– 5-ASA als slow oder delayed release Formulierung 1,5 g/d [302]
– 5-ASA in MMX-Formulierung 2,4 g/d [191] [303]
– Olsalazin 1,0 g/d [304]
– Sulfasalazin 2 g/d [305]
rektal:
bei Linksseitenkolitis: 5-ASA-Klysmen
– 1 g/d [306]
– 4 g jeden 3. Tag [307]
– 4 g/d jeweils an den ersten 7 Tagen des Monats [308]
bei Proktitis: 5-ASA-Suppositorien
– 2 × 500 mg/d [294] [309]
– 1 g/d 3-mal die Woche [310]

Erläuterung

Es liegen insgesamt nur wenige Dosisfindungsstudien vor, die teils kontroverse Ergebnisse zeigen [293] [298] [311] [312]. Überwiegend handelt es sich in diesen Studien um einen Vergleich zweier verschiedener Dosierungen, während es kaum Untersuchungen mit mehr als zwei Dosierungen gibt [313]. Eine Metaanalyse konnte keinen Trend für eine Dosisbeziehung von Aminosalizylaten in der Remissionserhaltung erkennen [293]. Insgesamt muss jedoch festgehalten werden, dass die Dosiswirkungskurve nicht nach oben abgeschlossen ist. Somit sind die allgemein verwendeten Dosen nicht notwendigerweise optimal. Da einzelne Patienten besser Mesalazin-Schaumpräparate als Klysmen vertragen, kann diese Darreichungsform vermutlich in analoger Dosierung verabreicht werden, auch wenn Studien zur Remissionserhaltung mit Schaumpräparaten nicht vorliegen.

Empfehlung 5.6*

Einzelne Präparate können als tägliche Einmalgabe gegeben werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Die Aufteilung der Gesamtdosis auf 3 oder 2 Einzeldosen scheint zumindest für die aktive Entzündung nicht mehr notwendig zu sein [193] oder der Einmalgabe sogar unterlegen zu sein [314]. Ob dies auch für die Remissionserhaltung gilt, wurde in diesen Studien nicht untersucht, darf aber angenommen werden. Für die MMX-Präparation wurde eine Gleichwertigkeit der Einmalgabe für die Remissionerhaltung bereits belegt [311] [315]. Ob die Ergebnisse einen pharmakologischen Effekt oder eine verbesserte Compliance der Patienten widerspiegeln, ist dabei unklar, letztendlich aber auch nicht bedeutsam.

Empfehlung 5.7

Nach Erreichen der Remission soll die remissionserhaltende Therapie mit Aminosalizylaten mindestens 2 Jahre durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Zur Frage, ob und wann eine remissionserhaltende Dauertherapie einer nur beobachtenden Haltung überlegen ist, gibt es wenige wissenschaftliche Daten. Eine kontrollierte Studie zeigte, dass bei Patienten mit einer Remissionsdauer von bis zu 2 Jahren eine 12-monatige Gabe von 5-ASA das Auftreten von Rezidiven im Vergleich zu Placebo vermindern kann [316] [317]. Aus methodischen und statistischen Gründen (notwendige Gruppengrößen für volle statistische Aussagekraft) kann man die Ergebnisse dieser Untersuchung jedoch nicht als definitive Aussage zum Stellenwert einer remissionserhaltenden 5-ASA-Therapie bei Patienten mit über 2-jähriger Remission werten. Die Möglichkeit einer interstitiellen Nephritis bei langjähriger Gabe von 5-ASA ist zu bedenken [318]. Das Risiko für eine interstitielle Nephritis scheint mit der 5-ASA-Dosis und Therapiedauer zu korrelieren [318]. Ein Problem aller bisher durchgeführten Studien zum Langzeiteffekt von 5-ASA ist sicherlich, dass die Therapie-Adhärenz kaum überprüft wurde.

Statement 5.8

Definition: Ein Versagen der remissionserhaltenden Therapie ist dann gegeben, wenn ein Schub trotz einer geeigneten remissionserhaltenden Therapie auftritt und eine Schubtherapie erfordert. Eine erneute, remissionserhaltende Therapie setzt zuerst eine Remissionsinduktion durch eine Schubtherapie voraus.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens]

Erläuterung

Wegen fehlender Studien kann kein gesichertes Stufenschema zur Intensivierung der remissionserhaltenden Behandlung formuliert werden. Lediglich einzelne Therapieformen sind miteinander verglichen worden. So ist eine kombinierte Therapie mit oral und zusätzlich rektal verabreichtem 5-ASA einer nur oralen 5-ASA-Therapie in Standarddosis in der Remissionserhaltung überlegen [319]. Eine orale Immunsuppression mittels Azathioprin/ 6-Mercaptopurin [320] kann ebenso wie die systemische Gabe von Infliximab [321] [322] die Remission erhalten, wobei weder ein guter Vergleich zur 5-ASA-Standardtherapie noch eine aussagekräftige Dosisfindungsstudie existiert. Der Erhalt einer Cyclosporin-A-induzierten Remission ist schwierig: In einem hohen Prozentsatz werden die Patienten innerhalb von 6 Monaten kolektomiert [323], es gibt aber auch Hinweise auf einen erfolgreichen Einsatz von Azathioprin als Sequenztherapie zum Remissionserhalt [324] [325] [326] [327]. Auch liegen keinerlei Vergleiche für die Effektivität von medikamentöser und operativer Behandlung vor. Unter Berücksichtigung dieser sehr beschränkten Datenlage werden hier Vorschläge zur Intensivierung der remissionserhaltenden Therapie gemacht (Reihenfolge entsprechend dem Grad der Intensivierung).

Empfehlung 5.9

Bei häufigen oder schweren Schüben soll die remissionserhaltende Therapie eskaliert werden.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Wenn Schübe frühzeitig nach Erreichen einer Remission auftreten oder öfter als einmal pro Jahr unter einer adäquaten Therapie mit 5-ASA in einer etablierten Dosis, sollte die remissionserhaltende Therapie modifiziert werden. Zu dieser Thematik liegen bei CU nicht für alle Situationen eindeutigen Studiendaten vor. Es kann aber z. T. aus Studien zum Morbus Crohn abgeleitet werden, dass dieses Vorgehen auch bei CU gerechtfertigt ist (indirekte Anwendbarkeit).

Empfehlung 5.10*

Möglichkeiten zur stufenweisen Therapieeskalation sind eine oral/rektale Kombinationstherapie mit Aminosalizylaten, eine Erhöhung der oralen Dosis von 5-ASA, eine Therapie mit Azathioprin/ 6-Mercaptopurin oder Infliximab.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 5.11

Methotrexat und Tacrolimus sollten zur Remissionserhaltung der CU eher nicht eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↓]

Empfehlung 5.12

Kortikosteroide sollen zur Remissionserhaltung nicht eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die verstärkte Wirkung einer oral/rektalen Kombinationstherapie mit 5-ASA ist durch Studien gut belegt, falls bisher nur eine Monotherapie erfolgte [300]. Die Erhöhung der remissionserhaltenden Dosis wurde durch eine randomisierte, kontrollierten Studie sowie durch eine Metaanalyse gezeigt [294] [328]. Eine optimale Dosis für Azathioprin wurde bei der Indikation CU durch Studien nicht festgelegt. Es ist gibt jedoch klare Hinweise, dass Azathioprin und 6-Mercaptopurin effektiv sind [253] [320] [329] [330] [331] [332]. Als Dosierung für Azathioprin wurden 1,5 – 2,5 mg/kgKG/d bzw. die Hälfte der Dosis für 6-Mercaptopurin beschrieben [320]. Aufgrund der pharmakodynamischen Eigenschaften der Substanz (Wirkungseintritt erst nach 6 – 12 Wochen) ist eine längerfristige Therapieplanung erforderlich. Die Wirksamkeit von Infliximab wurde ohne Unterschiede zwischen einer Dosierung von 5 oder 10 mg/kg KG alle 8 Wochen belegt (nach einer Induktionstherapie mit 5 mg/kg KG im 0, 2, 6 Wochen Schema) [321] [322] [333].

Bisher liegen keine ausreichenden Studiendaten vor, die einen Einsatz von Methotrexat oder Tacrolimus zur Remissionserhaltung nahelegen würden [234] [334] [335]. Eine Studie randomisierte 30 Patienten zu Methotrexat und 37 zu Placebo. Methotrexat wurde oral in einer Dosis von 12,5 mg/Woche gegeben. 64 % der Patienten in der Methotrexatgruppe und 44 % der Patienten in der Plazebogruppe erlitten in der Beobachtungszeit von 9 Monaten einen Rückfall [334].

Für die Wirksamkeit einer Remissionserhaltungstherapie durch Kortikosteroide gibt es sowohl in der lokalen Anwendung [336] als auch in der systemischen Applikation keine Evidenz [337].

Empfehlung 5.13

Die medikamentösen Therapiemöglichkeiten und -risiken sollen gegen eine Operation abgewogen werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Wenn Nutzen und Risiken einer medikamentösen Therapie überdacht werden, sollte immer die Möglichkeit einer restaurativen Kolektomie mit Pouchanlage in Betracht gezogen werden. Auch die Unzufriedenheit des Patienten mit der medikamentösen Dauertherapie kann eine Indikation für eine Kolektomie darstellen.

Empfehlung 5.14

Bei Steroidabhängigkeit soll primär Azathioprin/6-MP eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die Evidenz für die Wirksamkeit einer remissionserhaltenden Therapie mit Azathioprin ist in der Zwischenzeit sehr gut [253] [320] [329] [330] [331] [332]. Da die Raten für den steroidfreien Remissionserhalt klar höher liegen als für Infliximab, sollte Azathioprin/ 6-Mercaptopurin zunächst eingesetzt werden.

Empfehlung 5.15*

Bei Unverträglichkeit von Aminosalicylaten kann der apathogene Escherichia coli Stamm Nissle 1917 (A) oder bei Kindern das probiotische Präparat VSL#3 (B) eingesetzt werden. Empfehlungsstärke: siehe Empfehlungstext, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Es sind 3 kontrollierte Studien erschienen, die die Wirksamkeit von Escherichia coli Stamm Nissle 1917 in einer Dosierung von 2 × 100 mg/d in der Remissionserhaltung belegen [338] [339] [340]. Auch bei Kindern scheint E. coli Nissle remissionserhaltend zu wirken [341]. Darüber hinaus wurde auch ein Wirknachweis für VSL#3 bei Kindern geführt [342].

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Kapitel 6: Infektiologische Probleme

Die Datenlage zu infektiologischen Problemen bzgl. Diagnostik und Therapieempfehlungen bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen ist limitiert, sodass die Statements und Empfehlungen häufig auf Analogien zu Daten aus anderen Fachgebieten (z. B. der Rheumatologie oder Transplantationsmedizin) basieren bzw. Expertenmeinungen darstellen. Besondere Erfahrungen in der Therapie infektiöser Probleme sind hilfreich, sodass in Abhängigkeit von der Komplexität des Krankheitsbilds infektiologische Kompetenz einzubeziehen ist. Diese Gesichtspunkte sind bei den einzelnen Punkten detailliert ausgeführt.

Statement 6.1*

Das Infektionsrisiko unter einer Therapie mit immunsuppressiven Medikamenten, einschließlich Kortikosteroiden, ist erhöht.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens]

Statement 6.2*

Bei einer Kombinationstherapie aus mehreren immunsuppressiven Medikamenten steigt das Risiko mit Hinzunahme jedes weiteren immunsuppressiven Medikaments deutlich an. Ältere Patienten und Patienten mit Mangelernährung sind durch Infektionen besonders gefährdet.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens]

Erläuterung

Zahlreiche klinische und experimentelle Befunde weisen auf eine Fehlregulation des Immunsystems in der Pathogenese der CED hin [41]. Es gibt aber keine Hinweise, dass Patienten durch die Erkrankung selbst einen Immundefekt mit daraus resultierenden Infektionen entwickeln. Vielmehr kommt es im Rahmen der Therapie mit immunsuppressiven Medikamenten zu partiellen Defiziten des angeborenen und erworbenen Immunsystems und somit zu einer gesteigerten Suszeptibilität gegenüber Krankheitserregern. Bei schweren Krankheitsverläufen kann die daraus resultierende Mangelernährung die medikamentös-induzierte Immundefizienz verstärken. So haben Patienten mit einer Mangelernährung eine verminderte zelluläre Immunabwehr, Phagozytose und Zytokinproduktion sowie ein beeinträchtigtes Komplementsystem [343] [344] [345]. Darüber hinaus stellen das Alter der Patienten sowie vorliegende Begleiterkrankungen wie z. B. ein Diabetes mellitus weitere Risikofaktoren für Infektionen dar [22] [346] [347]. So scheinen Patienten mit einer CED, die älter als 50 Jahre sind, ein dreifach höheres Risiko zu haben, an einer opportunistischen Infektion zu erkranken als Patienten, die jünger als 25 Jahre alt sind (OR 3,0, 95 % CI 1,2 – 7,2) [22]. Gründe für ein erhöhtes Infektionsrisiko im Alter sind Veränderungen sowohl im angeborenen als auch im erworbenen Immunsystem [346].

Derzeit werden zur Behandlung einer CED in der Regel folgende immunsuppressive Medikamente eingesetzt: Kortikosteroide, Azathioprin/ 6-Mercaptopurin, Methotrexat, Calcineurininhibitoren (CsA, Tacrolimus), TNF-α-Antikörper und andere Biologika. Das Spektrum möglicher Infektionskrankheiten ist unter einer immunsuppressiven Therapie breiter, da auch Erreger, deren Pathogenität unter physiologischen Bedingungen gering ist („opportunistische Erreger”), unter diesen Umständen Infektionen hervorrufen können. Im Zusammenhang mit der Gabe von Immunsuppressiva wurden hierbei gehäuft sowohl bakterielle, virale und parasitäre Infektionen als auch Mykosen beschrieben [22] [348] [349] [350] [351] [352] [353].

In der Diskussion über therapieinduzierte Infektionen wird häufig vergessen, dass die klassischen Medikamente für die Behandlung des Schubes, die Glukokortikoide, ebenso ein relevantes Infektionsrisiko beinhalten. So gibt es Daten aus der Rheumatologie, die zeigen, dass bei Patienten mit einer Tagesdosis von mehr als 10 mg Prednisolon oder einer kumulativen Dosis von mehr als 700 mg sowie einer Therapiedauer von mehr als zwei Wochen das Infektionsrisiko erhöht ist [354]. Eine Untersuchung von 497 Tuberkulose-Neuerkrankungen in Großbritannien zeigt, dass das Risiko, unter einer laufenden Kortikosteroidtherapie an einer aktiven Tuberkulose zu erkranken, im Vergleich zu Patienten ohne Kortikosteroidmedikation erhöht ist (OR 4,9, 95 % CI 2,9 – 8,3). Dabei hatten Patienten mit einer maximalen Kortikosteroidtagesdosis von weniger als 15 mg ein etwa 3-fach (OR 2,8, 95 % CI 1,0 – 7,9), mit mehr als 15 mg ein nahezu 8-fach erhöhtes Risiko (OR 7,7, 95 % CI 2,8 – 21,4) [355]. Mehrere Studien und Metaanalysen konnten außerdem einen Zusammenhang zwischen einer präoperativen Kortikosteroidtherapie und einem, dosisabhängig, erhöhten postoperativen Infektionsrisiko und Wundheilungsstörungen nachweisen [356].

In einer Fallkontrollstudie an insgesamt 300 Patienten mit CED ist das Risiko einer Monotherapie mit Kortikosteroiden, Azathioprin/ 6-Mercaptopurin oder Infliximab, an einer opportunistischen Infektion zu erkranken, im Gegensatz zu Patienten ohne immunsuppressive Therapie jeweils um den Faktor 3 erhöht (OR 2,9, 95 % CI 1,5 – 5,3). Werden jedoch zwei oder drei der genannten Medikamente in Kombination angewendet, kommt es zu einem drastischen Anstieg des Infektionsrisiko (OR 14,5, 95 % CI 4,9 – 43) [22]. In einer Kohortenstudie unter Einbeziehung von 10 662 Patienten mit CED konnte gezeigt werden, dass sich die Inzidenz schwerer bakterieller Infektionen zwischen Patienten, die mit Infliximab behandelt wurden (8,9 / 1000 Patientenjahre, 95 % CI 3,2 – 19,3) und Patienten, die entweder mit Kortikosteroiden, Thiopurinen oder Methotrexat behandelt wurden, nicht signifikant unterscheidet (6,8 / 1.000 Patientenjahre, 95 % CI 4,5 – 9,9) (RR = 1,1, 95 % CI 0,42 – 2,74) [357]. Bei retrospektiver Auswertung von Infliximab-naiven (n = 666) und Infliximab-behandelten (n = 743) Patienten mit CED zeigte sich kein Unterschied bez. der Infektionsraten zwischen den Gruppen. Eine gleichzeitige Behandlung mit Kortikosteroiden stellte jedoch in der Gruppe der mit Infliximab behandelten Patienten einen unabhängigen Risikofaktor für eine Infektion dar (OR 2,7, 95 % CI 1,18 – 6,12). Interessanterweise fand sich dieser Zusammenhang für die Kombinationstherapie von Infliximab mit Azathioprin oder Methotrexat nicht [358]. Die Beobachtung, dass eine Kombinationstherapie mit Kortikosteroiden das Infektionsrisiko deutlich erhöht, ergibt sich ebenfalls bei der Auswertung des von der pharmazeutischen Industrie finanzierten TREAT-Registers. In diesem, aus über 6000 CED-Patienten bestehenden, Register konnte in der Multivariatanalyse kein Unterschied im Infektionsrisiko zwischen Patienten, die mit Infliximab behandelt wurden, und Infliximab-naiven Patienten gefunden werden (OR 0,99; 95 % CI 0,64 – 1,54). Jedoch zeigte sich auch hier bei Patienten, die mit einer Kombinationstherapie aus Infliximab und Kortikosteroiden behandelt wurden, eine erhöhte Infektionsrate [359].

Auch wenn das Infektionsrisiko für alle Substanzklassen scheinbar in gleichem Maße erhöht ist, so gibt es doch Unterschiede bez. der Art der Infektionserkrankung unter einer spezifischen Therapie. So ist hinreichend bekannt, dass das Risiko einer granulomatösen Infektion (z. B. Tuberkulose, Listeriose) bei einer Therapie mit anti-TNF-α-Antikörpern erhöht ist [360] [361] [362]. Bei einer Therapie mit AZA/ 6-MP ist tendenziell das Risiko einer viralen Infektion (z. B. Herpes zoster [OR 3,1, 95 % CI 1,7 – 5,6]) und bei einer Therapie mit Kortikosteroiden das Risiko für Pilzinfektionen (Candida spp.) erhöht – hier gibt es jedoch große Überschneidungen [22] [350] [363]. Im klinischen Alltag bei einer Infektion unter einer immunsuppressiven Therapie muss jedoch mit jedwedem infektiösen Erreger, auch parasitärer Genese, gerechnet werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine immunsuppressive Therapie, eine Malnutrition, das Alter des Patienten und Komorbiditäten das erhöhte Infektionsrisiko bei CED-Patienten bedingen. Hervorzuheben ist hierbei v. a. die Kombinationstherapie mit mehreren Immunsuppressiva, insbesondere wenn Kortikosteroide mitverwendet werden. Hier bedarf es einer engmaschigen Überwachung und Aufklärung der Patienten.

Eine besondere Situation für Patienten mit Colitis ulcerosa ergibt sich in einer perioperativen Situation. Mehrere Studien konnten einen Zusammenhang zwischen einer präoperativen Kortikosteroidtherapie und einem, dosisabhängig erhöhten postoperativen Infektionsrisiko und Wundheilungsstörungen nachweisen [364] [365] [366]. Eine erst kürzlich erschienene Metaanalyse aus insgesamt 11 Studien kam zu dem Ergebnis, dass Patienten mit einer präoperativen Kortikosteroiddosis von mehr als 40 mg am Tag ein zweifach erhöhtes Risiko für postoperative Komplikationen aufweisen (OR 2,04, 95 % CI 1,28 – 3,26). Bei der Auswertung des postoperativen Infektionsrisikos konnten hingegen nur Daten aus zwei Studien ausgewertet werden. Hier zeigte sich für Patienten mit einer präoperativen Kortikosteroidtagesdosis von mehr als 20 mg ein erhöhtes postoperatives Infektionsrisiko (OR 1,17, 95 % CI 0,73 – 1,87) [367]. Aufgrund der derzeitigen Datenlage sollte somit die präoperative Kortikosteroidtagesdosis weniger als 40 mg, idealerweise weniger als 20 mg betragen. Für Azathioprin/ 6-Mercaptopurin hingegen ließ sich in mehreren Studien kein Hinweis für eine erhöhte Inzidenz von perioperativen Komplikationen, inklusive Infektionen, bei Patienten mit CED finden [368]. Ob es im Rahmen einer präoperativen Therapie mit Calcineurininhibitoren vermehrt zu perioperativen Infektionen kommt, kann aufgrund der begrenzten Datenlage zurzeit nicht beantwortet werden. Bezüglich des perioperativen Infektionsrisikos unter einer perioperativen Therapie mit Infliximab gibt es mehrere Studien, die jedoch zu unterschiedlichem Ergebnis kommen. Die in der Online-Version dargestellte Tabelle gibt eine Übersicht dieser Studien, die Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa einbeziehen. Bei der Betrachtung von 5 Studien mit insgesamt 706 Patienten konnten sie einen signifikanten Zusammenhang zwischen einer präoperativen Infliximabtherapie und einer erhöhten postoperativen Komplikationsrate nachweisen (OR 1,80, 95 % CI 1,12 – 2,87). Wurde die Genese der Komplikationen in einer Subgruppenanalyse weiter spezifiziert, ergab sich für postoperative infektiöse Komplikationen nach präoperativer Infliximabgabe zwar ein numerischer Unterschied, der jedoch statistisch nicht signifikant war (OR 2,24, 95 % CI 0,63 – 7,95) [356].

Empfehlung 6.3

Bei Erstdiagnose bzw. spätestens vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie sollte bei allen Patienten ein Infektionsscreening für Hepatitis B (D) und Tuberkulose (C) durchgeführt werden. Vor Einleitung einer Therapie mit anti-TNF-α-Antikörpern ist das Tuberkulose-Screening zu aktualisieren.

[Evidenzgrad: s.  Empfehlungstext, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Die Auswirkungen einer immunsuppressiven Therapie auf den Verlauf einer gleichzeitig bestehenden Hepatitis-B-Virus(HBV)-Infektion bei CED-Patienten wurden nicht prospektiv erfasst. Erfahrungen aus anderen Fachdisziplinen zeigen eindrucksvoll, dass eine zytotoxische oder immunsuppressive Therapie, inklusive TNF-α-Antikörpertherapie, bei HBV-Trägern das Risiko einer HBV-Reaktivierung signifikant erhöht. Die Inzidenz einer HBV-Reaktivierung während bzw. nach einer Chemotherapie beträgt bei HBs-Ag-Trägern 15 – 50 % [377] [378]. Obwohl die HBV-Reaktivierung bei HBsAg-negativen Patienten deutlich seltener auftritt, wurde auch bei 14 – 20 % der anti-HBc- und anti-HBs-positiven Patienten mit Lymphomen unter Chemotherapie eine Reaktivierung beschrieben [379]. In einer spanischen Studie an 80 Patienten mit Morbus Crohn, bei denen vor Therapiebeginn mit Infliximab ein Hepatitis-B-Screening durchgeführt wurde, fanden sich 3 Patienten mit einer chronischen HBV-Infektion. Zwei der Patienten entwickelten nach Beendigung der Infliximab-Therapie eine schwere Hepatitis, der dritte Patient verstarb aufgrund von Komplikationen einer Leberzirrhose [380]. Diese Beispiele zeigen, dass die Problematik der Reaktivierung nicht nur in den Langzeitfolgen (z. B. Zirrhose oder hepatozelluläres Karzinom), sondern auch das Risiko einer akuten Exazerbation der Hepatitis B mit fulminantem Verlauf erhöht ist [381]. Somit wird für alle Patienten, bei denen eine immunsuppressive Therapie eingeleitet werden soll, vor Beginn der Behandlung ein Screening auf HbsAg- und anti-HBc-Antikörper empfohlen. Bei seronegativen Patienten wird eine Impfung empfohlen (siehe Empfehlung 6.12). Eine medikamentös-präventive Therapie mit Nukleos(t)idanaloga wirkt der HBV-Reaktivierung entgegen und ist daher bei gefährdeten Patienten (HBsAg-positiv) indiziert. Bei HBs-Ag-negativen und anti-HBc-Antikörper-positiven Patienten wird eine engmaschige ALT- und HBV-DNA-Kontrolle empfohlen. Bezüglich der Dauer und Art der medikamentös-präventiven Therapie sowie dem Management von HBs-Ag-negativen und anti-HBc-Antikörper-positiven Patienten wird auf aktuelle Leitlinien verwiesen [382].

Die Durchführung eines Tuberkulose-Screenings bei der Erstdiagnose einer CED bzw. spätestens vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie, dazu gehört auch – wie oben ausgeführt – eine Glukokortikoidtherapie, soll die Möglichkeit eines falsch negativen Ergebnisses des Screeningverfahrens durch Immunsuppression verringern. So ist für den Tuberkulin-Hauttest (THT) gesichert, dass eine abgeschwächte Immunkompetenz ein falsch negatives Ergebnis bedingen kann [383]. Für Testverfahren, die auf dem Nachweis von IFN-γ („Interferon-Gamma Release Assay”, IGRA) beruhen, wird die Gefahr eines falsch negativen Testergebnisses als geringer eingestuft, kann jedoch, v. a. bei Patienten mit schwerer Lymphopenie und Immunsuppression, ebenfalls nicht ausgeschlossen werden [384]. Aufgrund des erhöhten Tuberkulose-Risikos beim Einsatz von TNF-α-Inhibitoren wird empfohlen, die Tuberkulose-Diagnostik vor Beginn einer Therapie mit TNF-α-Inhibitoren zu aktualisieren, nachdem eine zwischenzeitliche Tuberkulose-Neuinfektion seit Erstdiagnose der CED und Tuberkulose-Screening nicht ausgeschlossen werden kann. Bezüglich der Durchführung des Tuberkulose-Screenings verweisen wir auf die Empfehlung 6.5.

Empfehlung 6.4

Die Entscheidung zum Screening auf HCV und HIV ist individuell abzuwägen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Die generelle Durchführung eines HCV-Screenings vor Einleitung einer immunsuppressiven Therapie wird nicht empfohlen. Durch eine immunsuppressive Therapie wird der Verlauf einer HCV-Erkrankung nicht maßgeblich negativ beeinflusst, ein positives Screening hätte somit keine Einflüsse auf die gegebene Therapieindikation. Erfahrungen aus der Transplantationsmedizin, Rheumatologie und Gastroenterologie zeigen, dass eine Therapie mit Kortikosteroiden, Azathioprin, Methotrexat und TNF-α-Antikörper ohne Progredienz der HCV-Infektion durchgeführt werden kann [385] [386] [387] [388] [389] [390].

Die generelle Durchführung eines HIV-Screenings vor Einleitung einer immunsuppressiven Therapie wird aufgrund der niedrigen HIV-Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland ebenfalls nicht empfohlen. Bei Patienten, die einer Risikogruppe angehören, wird ein Screening vor Einleitung einer immunsuppressiven Therapie und in regelmäßigen Abständen unter laufender immunsuppressiver Therapie angeraten. So ist ein erhöhtes Infektionsrisiko bei HIV-positiven Patienten unter einer immunsuppressiven Therapie nicht ausgeschlossen. Weiterhin kann eine immunsuppressive Therapie negativen Einfluss auf die HI-Virus-Last haben. Bei positivem HIV-Test und geplanter immunsuppressiver Therapie wird die enge Zusammenarbeit und Therapieplanung mit einem HIV-Spezialisten empfohlen.

Empfehlung 6.5

Vor Beginn einer anti-TNF-α-Therapie und bei Patienten mit Risikokonstellationen, die immunsuppressiv behandelt werden sollen, soll per Anamnese plus Röntgen-Thorax plus immunologischen Testverfahren eine (latente) Tuberkulose ausgeschlossen werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Grundsätzlich muss zwischen einer klinisch inapparenten Infektion und der aktiven, behandlungsbedürftigen Tuberkuloseerkrankung unterschieden werden [391]. Das Risiko, nach Erstinfektion mit Mykobacterium tuberculosis einmal im Laufe des Lebens an einer aktiven Tuberkulose zu erkranken, wurde aufgrund von Tuberkulin-Hauttest (THT)-basierten Reihenuntersuchungen auf maximal 10 % geschätzt, wobei zwischen Erstinfektion und Krankheitsausbruch Jahrzehnte liegen können [384]. Tierexperimentelle Studien haben die Bedeutung des TNF-α als Schlüsselkomponente in der Bildung der protektiven Granulomformation aufgezeigt [392].

Vor Einführung von Screeningmaßnahmen war die aktive TBC die häufigste opportunistische Infektionskrankheit bei einer Therapie mit anti-TNF-α Antikörper (144 / 100 000 bei Infliximab behandelten Pat. vs. 27 / 100 000 in der Allgemeinbevölkerung) [393]. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung besteht ein bis zu 30-fach erhöhtes Risiko, unter einer Therapie mit anti-TNF-α-Antikörpern an einer TBC zu erkranken [393] [394] [395] [396]. Die Tuberkulose-Inzidenz in der Allgemeinbevölkerung hängt jedoch von vielen sozialen und individuellen Faktoren ab. So betrug die Tuberkulose-Inzidenz nach Angaben des Robert Koch-Instituts bei ausländischen Staatsbürgern 2008 in Deutschland mit 21 / 100 000 das Fünffache der Inzidenz deutscher Staatsbürger (4 / 100 000).

Neben dem erhöhten Risiko unter einer anti-TNF-α-Therapie an einer TBC zu erkranken, ergibt sich auch für andere immunsuppressive Medikamente ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. So konnten Abbera et al. für CED-Patienten noch vor Einführung der anti-TNF-α-Antikörper-Therapie ein etwa 2-fach erhöhtes Tuberkulose-Risiko im Vergleich zur Normalbevölkerung ermitteln [397]. Wie oben dargestellt, ist auch bei einer „einfachen” Glukokortikoidtherapie das Risiko, an einer Tuberkulose zu erkranken, erhöht.

Somit sollte vor dem Beginn einer immunsuppressiven Therapie, zwingend vor Gabe eines anti-TNF-α-Antikörpers, das individuelle Tuberkulose-Risiko des Patienten (Herkunftsland, Alter, Reise-, Umfeld- und Familienanamnese etc.) beachtet und ein Screening durchgeführt werden. Weiterhin muss unter einer laufenden immunsuppressiven Therapie, insbesondere bei einer anti-TNF-α-Therapie, mit der erhöhten Gefahr einer Tuberkulose-Neuinfektion gerechnet werden. Mehr als 95 % der Tuberkulose-Fälle unter einer anti-TNF-α-Therapie treten innerhalb der ersten 6 Monate auf [360] [393] [398]. Modellrechnungen zeigen, dass ein Großteil der Tuberkulose-Fälle, die erst ein Jahr nach Beginn der anti-TNF-α-Therapie auftreten, auf eine Erstinfektion mit direktem Fortschreiten zur aktiven Tuberkulose zurückzuführen ist [399]. Bei dementsprechender Risikoanamnese (Auslandsreisen, Kontaktpersonen mit Tuberkulose, Arbeit im Gesundheitswesen etc.) muss somit auch unter laufender Therapie ein regelmäßiges TBC-Screening durchgeführt werden.

Der Nutzen eines Tuberkulose-Screenings vor Beginn einer anti-TNF-α-Therapie, bestehend aus Anamnese, Tuberkulose-Hauttest, Röntgenthoraxbild und ggf. die Einleitung einer Therapie mit Isoniazid (INH) über 9 Monate, konnte durch das spanische BIOBADASER-Register belegt werden. Dieses Vorgehen führte zu einem Rückgang der Tbc-Infektionen um 74 % [400]. Es wurde jedoch auch über Fälle einer Tuberkulose-Reaktivierung unter anti-TNF-α-Therapie trotz chemopräventiver Maßnahmen berichtet [401]. Unter einer Therapie mit anti-TNF-α-Antikörpern können die, oft mit der aktiven Tuberkulose einhergehenden, Symptome wie Fieber, Gewichtsverlust und Nachtschweiß fehlen [402]. Darüber hinaus besteht aufgrund der gehäuft extrapulmonalen Lokalisationen der Tuberkulose die Gefahr, Zeichen der Tuberkulose wie z. B. Diarrhö als Zeichen eines akuten CED-Schubs fehlzuinterpretieren [403] [404].

In den bisherigen deutschen Empfehlungen für das Screening von Patienten vor Beginn einer anti-TNF-α-Therapie wurde neben einem aktuellen Röntgenthoraxbild und einer sorgfältigen Anamnese ein Tuberkulose-Hauttest gefordert. In den gemeinsamen Empfehlungen des Paul-Ehrlich-Instituts und des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) wird für die Diagnosestellung einer latenten Tuberkuloseinfektion (LTBI) bei immunsupprimierten Patienten ein Indurationsdurchmesser größer 5 mm gefordert. Bei einer „schwachen” Induration von weniger als 5 mm wird eine Testwiederholung angeraten [405]. Der Hauttest hat jedoch Nachteile. So führt eine Infektion mit nicht tuberkulösen Mykobakterien (NTM, Synonym: Umweltmykobakterien) aufgrund gemeinsamer Antigene der NTM mit Mycobacterium tuberculosis (MTB) ebenfalls zu einer zellulären Reaktion. Darüber hinaus können kreuzreaktive Antigene zu einem falsch positiven Ergebnis des Tuberkulose Hauttests nach vorangegangener Impfung mit M.-bovis-BCG führen. Eine präventive Therapie einer latenten Tuberkuloseinfektion birgt jedoch die Gefahr z. T. schwerer Nebenwirkungen und Arzneimittelinteraktionen. Im Gegensatz hierzu kann ein falsch negatives Hauttest-Ergebnis Arzt und Patient in Sicherheit wiegen. Ursache für ein falsch negatives Ergebnis können u. a. Applikationsfehler oder eine abgeschwächte individuelle Immunkompetenz sein. Ein weiterer Nachteil des Tuberkulose-Hauttests besteht darin, dass er über keine positive Testkontrolle verfügt [406]. So liegen neben mehreren Fallberichten, in denen trotz späterer Tuberkulose-Erkrankung Patienten einen negativen Hauttest aufwiesen, inzwischen zahlreiche größere Studien vor, welche von einer hohen Rate an falsch negativen Tuberkulose-Hauttest-Resultaten bei Patienten mit einer rheumatoider Arthritis berichten [407] [408]. So analysierten Raval et al. die zwischen 2001 und 2006 bei der „U.S. Food and Drug Administration” (FDA) eingegangenen Spontanmeldungen von Tuberkulose (n = 130) bei Patienten mit Infliximab-Therapie. Sie konnten zeigen, dass von den 67 Tuberkulose-Patienten, bei denen vor Beginn der Infliximab-Therapie ein Tuberkulose-Hauttest durchgeführt wurde, die Hälfte der Patienten (n = 34) einen negativen THT hatte [409]. In einer anderen Studie wurde bei 4 von 16 „Interferon-γ Release Assay”(IGRA)-positiven Patienten mit Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis der gleichzeitig durchgeführte Tuberkulose-Hauttest als negativ beurteilt. Dabei war die fortlaufende Gabe von Prednisolon mit einer Tuberkulose-Hauttest-negativ-/IGRA-Test-positiv-Diskordanz assoziiert [410]. Diese Beobachtungen führten zu einer Aktualisierung der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) und des Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose [406]. Sie, wie auch andere ausländische Fachgesellschaften [411], favorisieren anstatt des Tuberkulose-Hauttests die Durchführung eines IGRAs. Diese Testverfahren beruhen auf dem Nachweis von IFN-γ, welches nach antigenspezifischer Stimulation durch T-Lymphozyten sezerniert wird. Die beiden in Deutschland kommerziell erhältlichen IGRA-Tests basieren auf der direkten Messung der IFN-γ-Konzentration im Vollblut (QuantiFERON-TB® Gold In-Tube, Fa. Cellestis, Australien; QFT) bzw. der Bestimmung der Zahl IFN- γ-sezernierender T-Lymphozyten aus isolierten peripheren mononukleären Zellen (PBMC; T-SPOT.TB®, Fa. Oxford-Immunotec, Großbritannien). Diese beiden Tests werden täglich und flächendeckend von mikrobiologischen Instituten sowie kommerziellen Laboren angeboten.

Auch bei CED-Patienten geht der Tuberkulose-Hauttest mit einer hohen Rate an falsch negativen Ergebnissen einher [383]. Ein hoher Anteil von immunsuppressiv behandelten CED-Patienten reagierten anerg auf intradermal applizierte Testantigene (PPD, Candida, Tetanus und/oder Mumps) (83 vs. 43 %, p < 0,002) [412]. Schoepfer et al. verglichen kürzlich bei 168 CED-Patienten den Tuberkulose-Hauttest mit einem IGRA-Testverfahren und konnten ebenfalls zeigen, dass der Tuberkulose-Hauttest bei immunsupprimierten Patienten mit einer hohen Rate an falsch negativen Befunden einhergeht. So hatten nur zwei der 14 Patienten mit einem positiven IGRA-Test auch einen positiven Tuberkulose-Hauttest. Darüber hinaus wurde eine hohe Rate an falsch positiven Ergebnissen gefunden. Unter den Patienten, die zuvor BCG geimpft wurden, hatten lediglich 10 % einen positiven IGRA-Test, jedoch 23 % einen positiven Tuberkulose-Hauttest. Diese Daten belegen, dass es auch bei CED-Patienten eine hohe Rate an falsch negativen und auch falsch positiven Tuberkulose-Hauttest-Ergebnissen gibt.

Weitere Vorteile des IGRA sind, dass Applikationsfehler und Hautalterationen wie beim THT beim IGRA vermieden werden und der Proband nur einmal für die Durchführung des Tests in der Praxis erscheinen muss. Darüber hinaus tritt kein Booster-Effekt auf, d. h. der Test kann beliebig wiederholt werden, und die Testauswertung ist objektiv und unabhängig vom Ableser. Allerdings bedarf der IGRA eines qualitätsgesicherten Labors und die Vorgaben über Blutentnahme und Transport erfordern eine erprobte Logistik. Ein IGRA kann ebenfalls nicht interpretierbar sein (sogenannte „indeterminate results”) oder falsch negative Ergebnisse aufweisen. Bei einem nicht interpretierbaren IGRA sollte daher zunächst der Test wiederholt werden, um eine ordnungsgemäße Ausführung sicherzustellen, und/oder der jeweils andere IGRA durchgeführt werden. Bleibt das Testergebnis bei Wiederholung erneut unsicher, kann das Vorliegen einer MTB-Infektion auf diese Weise nicht beurteilt werden kann [384] [406]. In diesem Fall soll die Entscheidung über eine chemopräventive Therapie anhand der Anamnese und der Röntgenuntersuchungen getroffen werden. Ein Tuberkulose-Hauttest kann zusätzlich durchgeführt werden.

Empfehlung 6.6

Bei einer latenten Tuberkulose soll eine Therapie nach RKI-Empfehlungen durchgeführt werden. Eine anti-TNF-α-Therapie soll frühestens 4 Wochen nach Beginn der latenten Tuberkulose-Therapie durchgeführt werden. Eine strenge Indikationsstellung für die anti-TNF-α-AK soll eingehalten werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die hier genannten Empfehlungen zur Therapie einer LTBI richten sich nach den Empfehlungen des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose [413]. Neben der durch einen IGRA oder TBC-Hauttest gestellten Indikation zur Chemoprävention vor immunsuppressiver Therapie werden unabhängig davon auch radiologische Zeichen einer durchgemachten, aber unbehandelten Tuberkulose ohne Anhalt für Aktivität (kalzifizierte Knötchen, Spitzenfibrose, Pleuraschwielen) als Indikation zur Chemoprävention betrachtet. Als immunsuppressive Therapie wird hierbei eine Therapie mit TNF-α-Antikörpern, mehr als 15 mg Prednisolonäquivalent/Tag für mehr als einem Monat oder eine sonstige iatrogene Immunsuppression betrachtet [406] [413]. Als chemopräventive Therapie der Wahl, auch für Patienten vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie, inklusive anti-TNF-α-Antikörper, wird die Gabe von Isoniazid (INH) mit einer Tagesdosis von 5 mg/kg Körpergewicht (maximal 300 mg) für 9 Monate empfohlen. Folgt man dieser Empfehlung konsequent, wäre auch vor einer Steroidstoßtherapie oder bei Einleitung einer Behandlung mit Azathioprin bei positivem Tuberkulosescreening eine INH-Prophylaxe durchzuführen. Bei Isoniazid-Unverträglichkeit kann alternativ eine Chemoprävention mit Rifampicin über 4 Monate erfolgen, wobei dieses Regime für Patienten unter anti-TNF-α-Therapie nicht ausreichend evaluiert ist. Ist der Patient aus einem Herkunftsland mit bekannt erhöhter INH-Resistenz (z. B. Russland) immigriert, so wird eine chemopräventive Therapie mit Rifampicin und Pyrazinamid über 3 Monate empfohlen (Einzelheiten s.  [413]). Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keinen Anhalt, dass die INH-Monotherapie eine spätere INH-Resistenz verursacht, sollte es zu einer aktiven Tuberkuloseerkrankung kommen [414].

Der beste Zeitpunkt für den Beginn einer Anti-TNF-α-Therapie bei Patienten, die sich einer INH-Chemoprävention unterziehen, ist nicht bekannt. Idealerweise sollte die Therapie mit TNF-α-Antikörpern erst nach Abschluss der INH-Chemoprävention begonnen werden. Sofern die klinische Aktivität dieses nicht zulässt, ist frühestens 1 – 2 Monate nach Einleitung der Chemoprävention mit der Therapie zu beginnen. Bei guter Adhärenz ist mit einer Effektivität der INH-Therapie von etwa 80 % zu rechnen, sodass die Patienten vor Beginn der anti-TNF-α-Therapie über das Risiko einer Tuberkulose-Erkrankung trotz Chemoprophylaxe aufgeklärt werden müssen und während und bis zu einem Jahr nach Beendigung der anti-TNF-α-Therapie auf Zeichen einer Tuberkulose geachtet werden muss [401] [406] [415].

Empfehlung 6.7

Bei einer manifesten TB soll eine Therapie nach RKI-Empfehlungen durchgeführt werden. Eine anti-TNF-α-Therapie soll – bei stets strenger Indikationsstellung – idealerweise erst nach Beendigung der Tuberkulose-Therapie durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Bezüglich der Behandlung einer aktiven Tuberkulose wird auf die Empfehlungen des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose und des Robert Koch-Instituts verwiesen [416] [417]. Ob unter laufender tuberkulostatischer Therapie eine anti-TNF-α-Therapie eingeleitet werden kann, ist nicht bekannt. Eine anti-TNF-α-Therapie sollte idealerweise erst nach Beendigung der Tuberkulose-Therapie durchgeführt werden. Eine kritische Diskussion mit dem Patienten und strenge Indikationsstellung für die anti-TNF-α-Therapie wird insbesondere in dieser Situation empfohlen.

Empfehlung 6.8

Bei positivem Toxinnachweis oder endoskopischen oder histologischen Zeichen einer Clostridium-difficile-Erkrankung soll eine antibiotische Therapie mit Metronidazol an erster Stelle durchgeführt werden. Bei schwerer, insbesondere fulminanter Verlaufsform oder fehlendem Ansprechen soll mit Vancomycin p. o. behandelt werden. Lokale Resistenzen sind zu beachten.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Eine CED ist ein unabhängiger Risikofaktor für eine Clostridium-difficile-Infektion (Morbus Crohn OR 2,1, 95 % CI 1,3 – 3,4; Colitis ulcerosa OR 4,0, 95 % CI 2,4 – 6,6). Zwischen 1993 und 2003 konnte eine Zunahme der Inzidenz bei CED-Patienten beobachtet werden (CU: 17 / 1000 vs. 36 / 1000, MC: 0,9 / 1000 vs. 1,3 / 1000 Entlassungen) [66]. CED-Patienten mit einer C.-difficile-Infektion weisen, im Gegensatz zu CED-Patienten ohne C.-difficile-Erkrankung, eine längere Krankenhausverweildauer und eine vierfach höhere Mortalität auf [418]. Erfahrungen bei CED-Patienten sowie aus dem Bereich der Transplantationsmedizin zeigen, dass eine immunsuppressive Therapie mit einer höheren Inzidenz (OR 2,5 für AZA/ 6-MP oder MTX) und höherem Schweregrad der Erkrankung einhergeht [65] [419]. Nachdem kleinere Studien keinen Zusammenhang zwischen einer Kortikosteroidtherapie und einer C.-difficile-Infektion zeigen konnten [54] [420], wurde bei 10 662 CED-Patienten im Vergleich zu AZA/ 6-MP und MTX eine Verdreifachung des Risikos für eine C.-difficile-Infektion bei Glukokortikoidtherapie (RR 3,4; 95 % CI 1,9 – 6,1) beobachtet [357]. Ob die Therapie mit einem anti-TNF-α-Antikörper mit einem erhöhten Risiko einhergeht, ist unklar. Weitere Risikofaktoren sind eine (stattgehabte) Antibiotikatherapie oder die Ernährung über eine nasogastrale Sonde/PEG [421]. CED-Patienten mit C.-difficile-Erkrankung weisen bei einer Protonenpumpeninhibitor-Therapie ein knapp vierfach erhöhtes Rezidivrisiko für eine Clostridium-difficile-Kolitis auf [422]. Die Diagnose einer C.-difficile-Infektion gilt als gesichert bei entsprechender klinischer Symptomatik und Toxin A- und/oder -B-Nachweis oder positiver C.-difficile-Kultur mit Toxinnachweis im Überstand oder dem endoskopischen Nachweis einer pseudomembranösen Colitis, wobei in einer Multicenterstudie nur bei 5 % der CED-Patienten mit einer C.-difficile-Infektion histologisch Pseudomembranen nachweisbar waren [423]. (Zur Diagnosestellung siehe auch Kapitel 2.)

Der erste Schritt in der Behandlung einer C.-difficile-Infektion besteht in einer Kontaktisolation, Kittel- und Handschuhpflege sowie Händereinigung mit Seife und sporiziden Desinfektionsmitteln [424]. Für die medikamentöse Therapie einer C.-difficile-Infektion gibt es unterschiedliche Empfehlungen, die jedoch nahezu alle eine antibiotische Therapie mit Metronidazol oder Vancomycin einschließen und sich nur in der Dosierung und Dauer der Medikation sowie Art des primär zu verwendenden Antibiotikums unterscheiden [425]. Kontrollierte Studien zur Behandlung einer C.-difficile-Infektion bei CED-Patienten fehlen. Die oben formulierten Empfehlungen stützen sich auf aktuelle Empfehlungen der European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases (ESCMID) zur Behandlung einer C.-difficile-Infektion [426]. Diese empfehlen schweregradabhängig eine antibiotische Therapie mit Metronidazol oder Vancomycin.

Sofern der klinische Verlauf es zulässt, sollte bei jedem Patienten mit einer C.-difficile-Infektion zunächst eine laufende antibiotische Therapie beendet werden. Für Patienten mit den Zeichen einer leichten bis moderaten C.-difficile-Erkrankung wird eine Therapie mit Metronidazol 400 – 500 mg p. o. alle 8 Stunden über 10 Tage empfohlen. Sollte es nach 3 – 5 Tagen zu keiner Besserung kommen, muss von einem Versagen der Therapie ausgegangen werden und ein Wechsel z. B. von Metronidazol auf Vancomycin p. o. oder intravenöse Therapie mit Metronidazol in Betracht gezogen werden. Für Patienten mit einer schweren C.-difficile-Erkrankung (Fieber, Schüttelfrost, hämodynamische Instabilität, Peritonitis, Ileus, Leukozytose > 15 × 109 /L, Linksverschiebung, Laktaterhöhung, toxisches Megakolon) wird eine initiale antibiotische Therapie mit Vancomycin 125 mg/alle 6 Stunden per os für 10 Tage empfohlen. Eine höhere Vancomycin-Dosierung ergibt keinen zusätzlichen Nutzen [427]. Für Patienten, bei denen eine orale antibiotische Therapie nicht möglich ist, wird für leichte Fälle eine intravenöse Therapie mit Metronidazol 500 mg/alle 8 Stunden über 10 Tage und in schweren Fällen eine zusätzliche Vancomycinapplikation (500 mg in 100 ml Kochsalzlösung alle 4 – 12 h) in das Kolon und/oder eine Vancomycingabe (500 mg alle 6 Stunden) über die Nasensonde empfohlen. Eine gleichzeitig mit der C.-difficile-Erkrankung durchgeführte immunsuppressive Therapie sollte soweit wie möglich pausiert oder beendet werden, da immunsuppressiv behandelte CED-Patienten eine höhere Morbidität (u. a. Kolektomie, toxisches Megakolon, Darmperforation) und Mortalität aufwiesen als die Vergleichsgruppe ohne Immunsuppression [422].

Die klinische Beurteilung des Ansprechens auf die antibiotische Therapie ist bei CED-Patienten mit C.-difficile-Infektion, die sich nicht in Remission befinden, bei fortbestehender Diarrhö schwierig. Eine erneute mikrobiologische Stuhldiagnostik als Erfolgskontrolle einer antibiotischen Therapie ist nicht hilfreich, da sowohl C. difficile als auch Toxin A und B noch Wochen nach einer erfolgreichen Behandlung im Stuhl nachgewiesen werden können [428]. Wird jedoch das Rezidiv einer Infektion vermutet, sollte eine erneute Stuhldiagnostik durchgeführt werden. Resistenzen gegen Metronidazol wurden beschrieben und müssen, auch wenn sie selten auftreten, bei Therapieversagern beachtet werden [429]. Andere Medikamente zur Behandlung einer C.-difficile-Erkrankung, wie z. B. Rifaximin, Fusidinsäure oder Nitazoxanide, können zum jetzigen Zeitpunkt nicht empfohlen werden. Eine kürzlich durchgeführte Cochrane-Analyse konnte ebenfalls keinen Vorteil für eine, zusätzlich zur Antibiotikatherapie durchgeführte, Gabe von Probiotika nachweisen [430]. Bei einer weiteren Verschlechterung trotz antibiotischer Therapie mit Ileus oder toxischem Megakolon sollte die Option einer (subtotalen) Kolektomie mit Anlage eines Ileostomas in Betracht gezogen werden. Das Rezidiv einer C.-difficile-Erkrankung soll wie eine primäre Episode behandelt werden, weitere Rezidive direkt mit Vancomycin 125 mg/alle 6 Stunden für 10 Tage [428] [431].

Ob asymptomatische CED-Patienten, mit oder ohne immunsuppressiver Therapie, und dem Nachweis von C.-difficile-Toxin im Stuhl antibiotisch behandelt werden müssen, ist nicht bekannt.

Empfehlung 6.9

Insbesondere vor Einleitung einer immunsuppressiven Therapie sollte eine Beratung zum Gesundheitsverhalten (Ernährung, Reisen) durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

In Analogie zu Empfehlungen für Transplantationspatienten [432] und der Tatsache, dass ein relevanter Anteil von „CED-Rezidiven” infektiöser Genese sind [54] [420], sollte vor Einleitung einer immunsuppressiven Therapie eine Beratung zum Gesundheitsverhalten durchgeführt werden. Aufgrund einer erhöhten Wahrscheinlichkeit infektiöser Diarrhöen (u. a. Escherichia coli, Salmonella spp, Campylobacter spp., Entamoeba histolytica und Listeria monocytogenes) bei einer immunsuppressiven Therapie wird die Einhaltung einer speziellen Nahrungsmittelhygiene empfohlen. Hierzu zählt u. a. das Meiden von Rohmilch, Rohmilchkäse, rohen Eiern, Tartar, rohem Fisch und Meeresfrüchten. Dies trifft v. a. in Phasen einer intensiven Immunsuppression und verstärkt auf Reisen im Ausland zu. Darüber hinaus muss auf ein erhöhtes Risiko einer Tuberkulose-Neuerkrankung bei Reisen in Tuberkulose-Hochendemie-Regionen v. a. in Entwicklungsländer hingewiesen werden.

Empfehlung 6.10

Bei Erstdiagnose, spätestens aber vor Einleitung einer immunsuppressiven Therapie, soll der Impfstatus überprüft und ggf. aktualisiert werden. Nicht-Lebendimpfungen unter immunsuppressiver Therapie gelten als sicher, während Lebendimpfungen kontraindiziert sind. Vor diesem Hintergrund soll in Analogie zu den Empfehlungen des RKI zu Impfungen bei Immunsuppression gehandelt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Obwohl CED-Patienten mit einer immunsuppressiven Therapie ein erhöhtes Infektionsrisiko besitzen, wird nur ein geringer Teil der Patienten regelmäßig zum Schutz vor Infektionen geimpft. So waren in einer Studie mit 146 immunsuppressiv behandelten CED-Patienten nur 9 % gegen Pneumokokken geimpft, 28 % erhielten eine jährliche Influenza-Schutzimpfung und weniger als die Hälfte der Patienten hatte einen ausreichenden Tetanus-Schutz [433]. In einer anderen Untersuchung wiesen nur 12 % der Patienten einen ausreichenden Schutz gegen Hepatitis B auf [434]. Als Ursache für die niedrige Impfquote wurde in 50 % der Fälle Unkenntnis und in 18 % Angst vor Nebenwirkungen angegeben [433]. Zwar ist in Einzelfällen der Impferfolg – der Schutz vor der jeweiligen Erkrankung – in Abhängigkeit von dem Ausmaß einer immunsuppressiven Therapie nicht immer vorhersehbar, generell werden Impfungen jedoch empfohlen [435] [436]. Eine Übersicht über die Möglichkeiten einer Überprüfung des Impferfolgs gibt das Epidemiologische Bulletin November 2005, Hinweise zu Impfungen für Patienten mit Immundefizienz der STIKO am RKI [437].

Bei Erstdiagnose bzw. Erstvorstellung eines Patienten mit CED sollte somit der aktuelle Impfstatus kontrolliert und fehlende Impfungen nachgeholt werden. Dabei muss beachtet werden, dass die Gabe von Lebendimpfstoffen (Mumps, Masern, Röteln, Varizellen, Gelbfieber, BCG, Typhus oral und Polio oral) bei immunsupprimierten Patienten kontraindiziert ist.

Keine Kontraindikation für Lebendimpfstoffe stellen dar:

  • topische Steroidtherapie/lokale Steroid-Injektionen (z. B. intraartikulär),

  • physiologische Kortisonerhaltungsdosis,

  • niedrige systemische Kortisondosen (< 20 mg/d Prednison; für Patienten < 10 kg Körpergewicht: < 2 mg/kg Körpergewicht/Tag Prednison).

Bei hoher systemischer Glukokortikoideinnahme (≥ 20 mg/d Prednisolon bzw. ≥ 2 mg/kg/d Prednisolon bei KG < 10 kg) gelten folgende Hinweise:

  • Behandlungsdauer < 14 Tage: Impfung mit Lebendimpfstoffen unmittelbar nach Beendigung der Therapie möglich.

  • Behandlungsdauer > 14 Tage: Impfung mit Lebendimpfstoffen 1 Monat (Mindestabstand) nach Beendigung der Therapie [437].

Weiterhin gelten eine laufende Therapie mit AZA/ 6-MP, MTX, Calcineurininhibitor oder anti-TNF-α-Antikörpern sowie der Zeitraum von 3 Monaten nach Beendigung der jeweiligen Therapie als Kontraindikation für eine Impfung mit einem Lebendimpfstoff.

Aufgrund dieser Einschränkungen und der Gefahr eines verminderten Impferfolgs unter Immunsuppression sollten ausstehende Impfungen vor Beginn einer langfristigen Immunsuppression durchgeführt werden. Eine Varizellenimpfung sollte mindestens 3 Wochen, eine Mumps-Masern-Röteln-Impfung mindestens 6 Wochen vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie abgeschlossen sein und frühestens 3 Monate nach Ende einer immunsuppressiven Therapie begonnen werden [436]. Generell wird für alle CED-Patienten eine Hepatitis-B-Impfung empfohlen. Es gibt keinen Anhalt, dass Impfungen einen CED-Schub auslösen bzw. die CED-Symptomatik beeinflussen [435] [436]. Eine Mumps-Masern-Röteln-Impfung bei Angehörigen von Patienten mit einer immunsuppressiven Medikation ist bedenkenlos möglich. Eine Gefahr einer Virusverbreitung nach der Impfung besteht nicht [438]. Ebenfalls ist eine Varizellen-Impfung bei Angehörigen von Patienten mit einer immunsuppressiven Medikation bedenkenlos möglich. Bei Ausbildung eines Impfausschlags sollten jedoch Varizellen-seronegative immunsupprimierte Patienten den Kontakt mit der Person meiden [439].

Empfehlung 6.11

Eine Influenzaimpfung sowie eine Impfung gegen die pandemische Grippe soll insbesondere bei Patienten mit einer medikamentösen Immunsuppression jährlich durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Für Patienten mit einer immunsuppressiven Therapie wird von der STIKO eine jährliche Influenza-Impfung im Herbst sowie eine Impfung gegen die Neue Influenza (H1N1) empfohlen [437] [440]. So reduziert die Impfung gegen Influenza die Morbidität und Mortalität von Patienten, die älter als 65 Jahre sind. Aber auch jüngere Patienten profitieren von einer Influenza-Impfung, indem die „Grippeerkrankungen” und Krankheitstage deutlich reduziert werden [441]. Zwei Studien haben die Impfantwort nach einer Influenza-Impfung bei rund 200 Kindern bzw. Jugendlichen mit einer CED untersucht [442] [443]. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe fand sich weder für Patienten ohne Immunsuppressiva noch für Patienten mit einer immunsuppressiven Therapie ein Unterschied in der Impfantwort. Nur in der Sub-Gruppe der mit anti-TNF-α-behandelten CED-Patienten zeigte sich eine verminderte Impfantwort, v. a. auf den Influenza-B-Subtyp.

Empfehlung 6.12

Eine Hepatitis-B-Impfung sollte bei allen seronegativen CED-Patienten durchgeführt werden. Eine Titerkontrolle soll bei Patienten mit immunsuppressiver Medikation durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Grundsätzlich wird eine HBV-Impfung für Patienten mit einer immunsuppressiven Medikation durch die STIKO nicht explizit empfohlen. Es gibt keinen Hinweis, dass das Risiko einer HBV-Infektion im Vergleich zur Normalbevölkerung bei CED-Patienten erhöht ist [434]. Die STIKO verweist aber auf die Impfnotwendigkeit bei „Patienten mit … häufiger Übertragung von Blut(bestandteilen) und vor ausgedehntem chirurgischen Eingriff…” [444]. Aufgrund der schwerwiegenden Folgen einer Hepatitis-B-Reaktivierung unter einer immunsuppressiven Therapie und teils ausgedehnter chirurgischer Eingriffe und Bluttransfusionen im Rahmen der CED-Erkrankung sollten daher alle seronegativen CED-Patienten eine HBV-Impfung (z. B. ENGERIX® nach Herstellerangaben) erhalten. Eine Kontraindikation für eine HBV-Impfung unter immunsuppressiver Therapie besteht nicht, jedoch wird eine serologische Impferfolgskontrolle bei Patienten mit Immunsuppression empfohlen. So wiesen mehr als die Hälfte der immunsuppressiv behandelten CED-Patienten nach Hepatitis-B-Impfung keinen ausreichenden anti-HBs-Titer auf [445]. Bei anti-HBs-Werten kleiner als 100 IE/l nach erfolgter Impfung ist eine sofortige Wiederimpfung mit erneuter Kontrolle durchzuführen; bei erneutem Nichtansprechen wird eine Wiederimpfung mit in der Regel max. 3 Dosen empfohlen. Alternativ zu diesem Vorgehen konnte eine hohe Erfolgsrate (95 %) durch Verabreichung einer doppelten Dosis eines kombinierten Hepatitis-A- und -B-Wirkstoffs (TWINRIX®, Monat 0, 1 und 6) bei „Non-Respondern” erreicht werden [446].

Empfehlung 6.13

Eine VZV-Impfung soll bei allen CED-Patienten mit negativer VZV-Anamnese (Windpocken/Herpes zoster) bzw. negativer VZV-Serologie durchgeführt werden. Eine Impfung bei vorliegender Immunsuppression ist kontraindiziert.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Im Juli 2004 hat die STIKO am RKI die Varizellenimpfung für alle Kinder in Ihre Empfehlungen aufgenommen [447]. Die Durchseuchungsrate in der Altersgruppe der 10- bis 11-Jährigen liegt bei 94 %. Bei Jugendlichen und Erwachsenen bis zu 40 Jahren bestehen noch Immunitätslücken von ca. 3 – 4 % [447]. Neben der generellen Impfempfehlung empfiehlt die STIKO für alle seronegativen Patienten vor geplanter immunsuppressiver Therapie eine Varizellen-Impfung aufgrund des schweren Verlaufs einer Varizelleninfektion bei Erwachsenen mit einer Mortalität von 20:100 000 (Mortalität von 2:100 000 im Kindesalter). Für die Empfehlung spricht auch die Tatsache, dass bei 30 % der immunsuppremierten Patienten die Erkrankung mit einem disseminierten Verlauf einhergeht [439]. So wurden mehrere schwere Fälle von Varizellen-Infektionen, sowohl Windpocken- als auch Herpes-Zoster-Erkrankungen, bei CED-Patienten unter immunsuppressiver Therapie mit u. a. AZA/ 6-MP und Infliximab beschrieben [448] [449] [450]. Gupta et al. beschrieben bei CED-Patienten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein 1,5-fach erhöhtes Risiko von Herpes-zoster-Infektionen für Patienten die mit Kortikosteroiden (95 % CI 1,1 – 2,2) und ein dreifach erhöhtes Risiko für Patienten, die mit AZA/ 6-MP (95 % CI 1,7 – 5,6) behandelt wurden [350]. Aufgrund dessen sollten bei jedem Patienten vor Einleitung einer immunsuppressiven Therapie eine Varizellenanamnese und eine Beurteilung des Impfstatus erfolgen. Bei Unklarheiten können serologische Kontrollen (IgG) hilfreich sein. Seronegative Patienten oder Patienten ohne Varizellenanamnese (ca. 10 – 15 % der Gesamtpopulation in Deutschland) sollen vor Beginn der immunsuppressiven Therapie eine Varizellenimpfung (2 Dosen nach Herstellerangaben) erhalten. Da es sich bei den Impfstoffen um einen attenuierten Lebendimpfstoff handelt, ist die prophylaktische Gabe während einer immunsuppressiven Therapie kontraindiziert. Die Varizellen-Impfung sollte mindestens 3 Wochen vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie abgeschlossen sein und frühestens 3 Monate nach Ende einer immunsuppressiven Therapie begonnen werden [436] [439]. Bei immundefizienten Patienten mit unbekannter oder fehlender Varizellen-Immunität und Kontakt zu einer Person mit Varizella-Zoster-Infektion wird, in Übereinstimmung mit den Empfehlungen des RKI, empfohlen, innerhalb von 96 Stunden nach Exposition (1 Stunde oder länger mit infektiöser Person in einem Raum, face-to-face-Kontakt, Haushaltskontakt) eine postexpositionelle passive Immunisierung mit Varizella-Zoster-Immunglobulin (VZIG) durchzuführen. Sie kann den Ausbruch einer Erkrankung verhindern oder deutlich abschwächen. Für Applikation und Dosierung von VZIG sind die Herstellerangaben zu beachten.

Empfehlung 6.14

Eine HPV-Impfung soll bei Mädchen und jungen Frauen insbesondere mit immunsuppressiver Therapie nach RKI-Empfehlungen durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Seit 2006 steht ein Impfstoff gegen humane Papillomviren (HPV) der Typen 6, 11, 16 und 18 und seit 2007 ein Impfstoff gegen HPV der Typen 16 und 18 zur Verfügung. Die STIKO hat eine Empfehlung zur Impfung gegen HPV für alle 12 – 17 Jahre alten Mädchen ausgesprochen und diese zuletzt 2009 bestätigt [451]. Als Impfziel ist die Reduktion der Krankheitslast durch das Zervixkarzinom definiert. Nachdem bei CED-Patienten, insbesondere bei Patientinnen mit immunsuppressiver Therapie, ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung zervikaler Dysplasien beschrieben wurde [452] [453], sollte die HPV-Impfung in dieser Patientengruppe durchgeführt werden. Eine Kontraindikation für Patienten mit laufender immunsuppressiver Therapie besteht nicht.

Empfehlung 6.15

Insbesondere Patienten mit immunsuppressiver Therapie sollen gegen Pneumokokken geimpft werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

In den aktuellen Empfehlungen der STIKO von 2009 wird vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie die Durchführung einer Pneumokokken-Schutzimpfung mit einem Polysaccharid-Impfstoff (PNEUMOVAX®) empfohlen [444]. So sind bei Patienten mit immunsuppressiver Therapie eine ggf. auch mehrere Wiederholungsimpfungen mit Polysaccharid-Impfstoff im Abstand von 5 (Erwachsene) bzw. mindestens 3 Jahren (Kinder unter 10 Jahren) in Erwägung zu ziehen (Risiko-Nutzen-Abwägung beachten). Untersuchungen zeigen, dass in diesem Kollektiv weniger funktionelle Antikörper oder sehr schnell abfallende Antikörper-Titer vorliegen, sodass hier eine oder mehrere Wiederholungsimpfungen mit einem Polysaccharid-Impfstoff die Antikörper-Antwort verlängern und möglicherweise damit die Schutzwirkung verbessern können [437] [444]. Untersuchungen der Immunantwort bzw. des Impferfolgs nach Pneumokokken-Schutzimpfung bei Patienten mit immunsuppressiver Therapie erfolgten u. a. bei Patienten mit einer rheumatoiden Arthritis (RA) [454] [455] [456] und bei Patienten mit CED [457]. Eine immunsuppressive Kombinationstherapie mit einem anti-TNF-α-Antikörper beeinträchtigt ebenfalls die Immunantwort nach einer Pneumokokken-Schutzimpfung. So weisen nur 45 % der CED-Patienten mit einer immunsuppressiven Kombinationstherapie im Gegensatz zu 80 % der CED-Patienten ohne Immunsuppression und 85 % der gesunden Personen in der Kontrollgruppe einen adäquaten Antikörper-Titeranstieg nach Pneumokokken-Impfung (PPS-23) auf [457]. Für eine anti-TNF-α-Monotherapie bei CED-Patienten liegen keine Daten vor. Beobachtungen bei Patienten mit rheumatoider Arthritis deuten jedoch darauf hin, dass eine Monotherapie den Impferfolg nicht beeinflusst [455] [458].

Insgesamt wird somit empfohlen, vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie die Pneumokokken-Schutzimpfung durchzuführen. Sollte dies nicht möglich sein, ist die Durchführung einer Pneumokokken-Schutzimpfung auch unter fortgeführter immunsuppressiver Therapie zu erwägen. Es besteht keine Kontraindikation für eine Impfung unter Immunsuppression. Eine Wiederholungsimpfung mit Polysaccharid-Impfstoff im Abstand von 5 (Erwachsene) bzw. mindestens 3 Jahren (Kinder unter 10 Jahren) wird bei fortbestehender Immunsuppression empfohlen.

Empfehlung 6.16

Patienten, die eine dreifach immunsuppressive Therapie erhalten, sollen eine PJP-Prophylaxe mit Trimethoprim und Sulfamethoxazol erhalten.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Es gibt keine systematisch erhobenen Daten über das Risiko von CED-Patienten, mit (mehrfach) immunsuppressiver Therapie an einer Pneumocystis-jiroveci-Pneumonie (PJP) zu erkranken. Bisherige Empfehlungen über eine PJP-Prophylaxe basieren auf Expertenmeinungen und auf Erfahrungen aus anderen Fachgebieten [459] [460]. Eine kürzlich durchgeführte Metaanalyse konnte zeigen, dass eine chemopräventive Therapie mit Sulfamethoxazol/Trimethoprim bei Patienten mit hämatologischen Erkrankungen oder nach Transplantation eine Abnahme der PJP um 91 % bedingt [461]. Sowohl unter einer Therapie mit AZA/ 6-MP und MTX als auch unter einer Therapie mit Infliximab wurden Fälle einer PJP beschrieben. Das höchste PJP-Risiko ist mit einer Ciclosporin-Therapie assoziiert, wenngleich angemerkt werden muss, dass nahezu alle berichteten PJP-Fälle bei CED-Patienten unter einer Kombinationstherapie aus mehreren Immunsuppressiva aufgetreten sind [460]. Für eine positive Empfehlung bei einer zweifach immunsuppressiven Therapie, die einen Calcineurininhibitor (CsA oder Tacrolimus) oder einen anti-TNF-α-Antikörper mit einem anderen Immunsuppressivum (z. B. Glukokortikoide) kombiniert, konnte kein Konsensus erreicht werden [462]. Zur Durchführung einer PJP-Prophylaxe wird Sulfamethoxazol/ Trimethoprim empfohlen. Dabei geht die 3 × wöchentliche Einnahme von Sulfamethoxazol/Trimethoprim (800 / 160 mg) mit weniger Nebenwirkungen einher als die tägliche Einnahme von Sulfamethoxazol/Trimethoprim (400 / 80 mg) [463]. Bei einer Sulfonamid-Allergie wird die Hinzuziehung eines Infektiologen angeraten.

Empfehlung 6.17

Bei Neugeborenen von Müttern mit Colitis ulcerosa treten, unabhängig von einer immunsuppressiven Behandlung der Mutter, gehäuft bakterielle perinatale Infektionen auf. Die Neugeborenen sollen daher in der Perinatalperiode entsprechend überwacht werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Bengtson et al. konnten kürzlich zeigen, dass das Risiko einer perinatalen bakteriellen Infektion bei Neugeborenen von Müttern mit Colitis ulcerosa (aber nicht mit Morbus Crohn), die keine immunsuppressive Therapie erhalten haben, ca. 6-fach erhöht ist [464]. Auch wenn es sich bei der Studie nur um eine kleine Studie handelt und eine Bestätigung dieser Beobachtung durch größere Studien fehlt, ist die engmaschige Überwachung dieser Neugeborenen auf infektiöse Komplikationen anzuraten.

Statement 6.18

Ein validierter Algorithmus zur Diagnose einer CMV-Erkrankung, insbesondere bei Patienten mit immunsuppressiver Therapie, ist nicht vorhanden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens]

Empfehlung 6.19

Eine CMV-Erkrankung soll behandelt werden, wenn klinische Symptome bestehen und mindestens einer der folgenden Parameter erfüllt sind:

  • positive CMV-PCR im Blut mit signifikanter Viruslast,

  • positive Immunhistologie bzw.

  • klassische Histologie („Eulenaugenzellen”).

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Um Redundanz zu vermeiden, wird bez. der Diagnose einer CMV-Infektion und CMV-Erkrankung auf den Diagnostikteil verwiesen (siehe Kapitel 2, Empfehlung 2.16).

Empfehlung 6.20

Bei einer CMV-Erkrankung, die entsprechend den oben formulierten Kriterien diagnostiziert wurde, soll eine antivirale Therapie durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 6.21

Die Akuttherapie soll bis zum Nachweis einer negativen CMV-PCR im Blut, jedoch für mindestens 14 Tage durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die Standardsubstanz zur Therapie der CMV-Erkrankung ist derzeit Ganciclovir (5 mg/kg i. v. alle 12 h), die bei systemischen CMV-Infektionen Erfolgsraten von 70 – 80 % erzielt [465] [466]. Die Substanz weist mehrere potenziell schwere Nebenwirkungen auf. So können bei bis zu 40 % der Patienten Nierenfunktionsstörungen und eine Myelosuppression auftreten [467]. Bei Therapieversagen, wie z. B. bei der selten zu beobachtenden Ganciclovir-Resistenz oder Kontraindikationen, kann auf Foscarnet (90 mg/kg i. v. alle 12 h, oder 60 mg/kg i. v. alle 8 h) ausgewichen werden, das in kontrollierten Studien vergleichbare Ansprechraten zeigte. Da bis zu einem Drittel der Patienten auch unter einer Foscarnet-Therapie ebenfalls schwere Nebenwirkungen (z. B. Nierenfunktionsstörungen und neurologische Nebenwirkungen) entwickeln, sollte eine Therapie nur bei klinisch fassbaren CMV-Erkrankungen durchgeführt werden.

Während einer CMV-Therapie sollte ein regelmäßiges CMV-PCR-Monitoring im Blut erfolgen, erstmalig 7 Tage nach Therapiebeginn, um ein Therapieansprechen bzw. -versagen bei möglicher Resistenz zu erkennen. Die Akuttherapie soll bis zum Nachweis einer negativen CMV-PCR im Blut, jedoch für mindestens 14 Tage durchgeführt werden. Empfehlungen aus dem Bereich der Onkologie sehen eine Akuttherapie bis 7 Tage nach erstmaliger negativer CMV-PCR im Blut vor [468] [469].

Neuerdings steht als oral applizierbares Derivat von Ganciclovir, Valganciclovir (2 × täglich 900 mg per os) zur Verfügung, das in einer randomisierten Studie zur CMV-Retinitis in der Initialtherapie ebenso gute Behandlungsergebnisse ergab wie das parenteral zu verabreichende Ganciclovir [470]. Humar et al. verglichen bei organtransplantierten Patienten mit einer CMV-Erkrankung die orale Valganciclovir-Therapie (n = 32) mit einer parenteralen Ganciclovir Therapie (n = 32). Sowohl die virale Clearance am Tag 21 (50 vs. 46.9 %) als auch der Abfall der Viruslast am Tag 7 und 14 zwischen beiden Gruppen war nicht signifikant unterschiedlich [471]. Weitere Studien im Bereich der Organtransplantation kamen zu dem Ergebnis, dass eine primäre Valganciclovir-Therapie im Vergleich zu einer sequenziellen Therapie aus Ganciclovir-Valganciclovir, gleichwertig erscheint [472] [473]. In beiden Studien wurden jedoch nur Patienten mit asymptomatischer Virämie oder leichtgradiger CMV-Erkrankung unter Ausschluss von schweren CMV-Erkrankungen untersucht, sodass eine Übertragung der Daten auf andere Patientenkollektive schwierig erscheint. Nichtsdestotrotz wurde, abhängig vom klinischen Bild, nach 2 – 3 Tagen initialer parenteraler Ganciclovir-Therapie eine Fortsetzung der Therapie mit Valganciclovir von mehreren Autoren als Möglichkeit betrachtet [462] [466] [474]. Kontrollierte Daten zur Therapie der CMV-Kolitis liegen jedoch nicht vor.

Einschränkend muss hinzugefügt werden, dass die Zulassung für Valganciclovir (Valcyte®) auf die Initial- und Erhaltungstherapie der CMV-Retinitis bei Patienten mit erworbenem Immundefekt-Syndrom (AIDS) und die Prophylaxe einer CMV-Erkrankung bei CMV-negativen Patienten, die ein Organtransplantat von einem CMV-positiven Spender erhalten haben, beschränkt ist. Anzumerken ist, dass pharmakokinetische Daten von stammzelltransplantierten Patienten mit einer schweren intestinalen Graft-vs.-Host-Reaktion auf eine potenziell verminderte Resorption von Valganciclovir hinweisen. Bei diesen Patienten wird ab dem Schweregrad III nach den Common-Toxicity-Kriterien (7 – 9 Stühle pro Tag) eine intravenöse Therapie mit Ganciclovir empfohlen [475]. Daten zur Pharmakokinetik bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen liegen nicht vor. Bezüglich der Dosierung von Ganciclovir, Foscarnet und Valganciclovir in besonderen klinischen Situationen, wie z. B. bei Patienten mit Nierenfunktionsstörungen oder in der Pädiatrie, wird auf die Fachinformation verwiesen.

Empfehlung 6.22

Bei nachgewiesener CMV-Erkrankung sollte bei Wiedereinführung bzw. Fortführung oder Intensivierung der immunsuppressiven Therapie eine Rezidivprophylaxe durchgeführt werden. Diese Therapie schließt sich der Akuttherapie an (s. oben) und sollte für 4 – 8 Wochen durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Bei Wiedereinführung bzw. Fortführung oder Intensivierung einer immunsuppressiven Therapie wird bei stattgehabter, erfolgreich behandelter CMV-Infektion eine Rezidivprophylaxe angeraten. Diese ist mit Valganciclovir (einmal täglich 900 mg) über 4 – 8 Wochen durchzuführen. Daten, die dieses Vorgehen bei CED-Patienten unterstützen, sind nicht vorhanden. Es handelt sich somit um eine Expertenmeinung.

Trotz eines beobachteten Wiederauftretens einer CMV-Erkrankung nach erfolgreicher Therapie bei 15 – 35 % organtransplantierter Patienten ist in dieser Gruppe der Nutzen im Vergleich zu den Risiken einer Sekundärprophylaxe nicht eindeutig belegt. Faktoren, die ein erneutes Auftreten begünstigen, beinhalten u. a. eine primäre CMV-Infektion, Erkrankung mehrerer Organe und eine hohe Viruslast [469] [476] [477].

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Kapitel 7: Chirurgie

Empfehlung 7.1

Als Standardoperation soll eine restaurative Proktokolektomie durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die restaurative Proktokolektomie hat sich in den letzten 30 Jahren als Standardoperation zur Behandlung der Colitis ulcerosa etabliert. Die ileoanale Pouchoperation erzielt für den Patienten eine bestmögliche Lebensqualität mit durchschnittlich 5 – 6 Stuhlgängen pro Tag und dem Erhalt der Kontinenz in über 90 % der Patienten [478] [479].

Empfehlung 7.2*

Die freie oder gedeckte Perforation soll als Notfallindikation operiert werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die freie oder gedeckte Perforation stellt die schwerste Komplikation der Colitis ulcerosa dar. Die klinische Symptomatik wird hierbei durch eine bestehende Immunsuppression und/oder Antibiotikatherapie häufig moduliert, sodass eine operative Therapie vor Eintreten septischer Komplikationen durchgeführt werden sollte. In der Hälfte der Fälle geht der Perforation jedoch kein Megakolon voraus. Trotz operativer Therapie beträgt die Mortalität derzeit bis zu 20 % [480]. Um die Mortalität dieser schwersten Komplikation zu senken, stellt die rechtzeitige Operation die entscheidende Maßnahme dar [481].

Empfehlung 7.3

Die therapierefraktäre Blutung soll bei fortgesetzter Transfusionspflichtigkeit im interdisziplinären Kontext dringlich operiert werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die Inzidenz der schweren Blutung bei Patienten mit CU beträgt bis zu 4,5 % [482]. Sie ist verantwortlich für 5 % der Notfalleingriffe. Als Operationsindikation wird entweder eine massive initiale Blutung mit Kreislaufinstabilität und Katecholaminpflichtigkeit oder im Verlauf ein Transfusionsbedarf von mehr als 4 Erythrozytenkonzentraten pro 24 Stunden angesehen.

Für Kinder ist eine Transfusionsbedürftigkeit von 45 – 60 ml Erythrozytenkonzentrat/kg KG in 24 Stunden als akut bedrohlich, bei anhaltender Blutung über 2 – 3 Tage 30 ml/Kg Körpergewicht anzusehen. Wenn möglich, sollten Kinder mit schwerem akutem Schub einer Colitis ulcerosa in ein Zentrum mit kindergastroenterologischer und chirurgischer Expertise verlegt werden.

Empfehlung 7.4*

Patienten mit einem medikamentös therapierefraktären fulminanten Schub sollen dringlich operiert werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die Diagnose des therapierefraktären fulminanten Schubes wird interdisziplinär gestellt. Radiologisch weist eine Kolondilatation von 6 cm auf ein toxisches Megakolon hin [261] [262]. Der therapierefraktäre fulminante Schub stellt dann eine dringliche Operationsindikation dar, wenn sich über einen Zeitraum von 72 Stunden durch konservative intensivmedizinische bzw. medikamentöse Behandlung keine substanzielle Verbesserung der Erkrankungsintensität erzielen lässt. Eine sinnvolle Alternative zu einer weiteren Steigerung der medikamentösen Therapie stellt die Operation dar. Es ist hierbei zu berücksichtigen, dass eine weitere Steigerung der medikamentösen Therapie mittels Cyclosporin, Tacrolimus oder anti TNF-α-Antikörper die Operation in maximal 60 % der Fälle um 1 Jahr aufschieben kann [483].

Kinder mit einem fulminanten Schub einer Colitis ulcerosa sollen in ein Zentrum mit kindergastroenterologischer und chirurgischer Expertise verlegt werden. Das Krankheitsbild ist bei Kindern sehr selten und die klinischen Symptome sind anders als bei Erwachsenen. Hilfreich kann die Berechnung des PUCAI (pediatric ulcerative colitis activity index) sein [484]. Hierbei beinhaltet ein Wert höher 45 Punkte an Tag 3 oder ein Wert höher 70 an Tag 5 eine hohe Sensitivität und Spezifität für „Nicht-Ansprechen auf Steroide” [220].

Empfehlung 7.5

Ein trotz Einsatz von Immunsuppressiva inkl. Biologika therapierefraktärer Verlauf sollte als absolute Operationsindikation operiert werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Nach Versagen einer intensivierten, konservativen Therapie ist die chirurgische Entfernung des Kolons indiziert. Die Operation kann je nach Dauer und Intensität der Vormedikation und der klinischen Symptomatik dreizeitig erfolgen. Extraintestinale Komplikationen sollen präoperativ ausgeschlossen werden.

Empfehlung 7.6

Bei Patienten mit CU und Kolonstenose unklarer Dignität soll operiert werden.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Kolonstenosen bei der Colitis ulcerosa gehen in ca. ein Drittel der Fälle mit einem Karzinom einher. Eine definitive histologische Klärung ist wegen des submukösen Wachstums des Colitis-ulcerosa-assoziierten Karzinoms häufig schwierig. Daher sollte die Operation aufgrund einer Kolonstenose auch bei nicht eindeutig nachgewiesener Neoplasie erfolgen [485] [486] [487].

Empfehlung 7.7

Eine elektive Operation kann bei Patientenwunsch erfolgen. Dabei sind die Risiken der konservativen Behandlungsstrategien gegen die Risiken einer Operation abzuwägen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Die Operation stellt eine gute Alternative zu einer langjährigen medikamentösen Therapie dar. Im Langzeitverlauf lässt sich trotz aller möglichen Komplikationen nach restaurativer Proktokolektomie mit ileo-analem Pouch eine gute Lebensqualität für ca. 95 % aller Patienten erreichen [479] [480]. Insbesondere Patienten, die ein dauerhaftes Krankheitsgefühl beklagen, eine schlechte Medikamenten-Compliance haben oder unter Karzinomangst leiden, profitieren besonders von einer Operation [478] [479] [482]. Grundvoraussetzung ist ein intensives Beratungsgespräch mit einem in der Pouchchirurgie erfahrenen Viszeralchirurgen. Vor der Entscheidung für eine Operation sollen funktionelle Beschwerden ausgeschlossen werden.

Empfehlung 7.8

Kinder und Jugendliche mit Wachstumsstörungen unter adäquater Therapie nach Ausschluss anderer Ursachen und Konsultation eines Kindergastroenterologen sollen operiert werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Bei Kindern und Jugendlichen mit Colitis ulcerosa sind Wachstumsstörungen sehr viel seltener als beim Morbus Crohn und sind dann Folge einer anhaltenden Entzündungsaktivität oder einer zu langen und zu hoch dosierten Steroidbehandlung, die unbedingt vermieden werden muss. Andere Ursachen einer Wachstumsstörung (z. B. Zöliakie, Wachstumshormonmangel, konstitutionelle Wachstumsverzögerung) müssen präoperativ ausgeschlossen werden. Die medikamentöse Behandlung und die Operationsindikation soll durch einen Kindergastroenterologen mitbeurteilt werden. Ein Aufholwachstum nach einer Operation ist nur bei präpubertären Kindern oder Kindern in frühen Pubertätsstadien zu erwarten, sodass trotz der schlechten Evidenzlage ein starke Empfehlung gerechtfertigt erscheint [488].

Empfehlung 7.9*

Bei erhöhtem perioperativem Risiko sollte die Proktokolektomie dreizeitig operiert werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Die Durchführung der Operation in drei Schritten beinhaltet 1. die subtotale Kolektomie mit endständigem Ileostoma, 2. die Restproktomukosektomie mit ileoanaler Pouchanlage und doppelläufigem Ileostoma und 3. die Ileostomarückverlagerung. Das dreizeitige Operationsverfahren bei erhöhtem perioperativem Risiko geht insgesamt mit einer geringeren Rate an Komplikationen einher als das ein- bzw. zweizeitige Verfahren [370] [371] [376] [489] [490]. Ein erhöhtes präoperatives Risiko besteht bei langfristiger Steroidtherapie, Therapie mit Biologika, Immunsuppression, Mangelernährung (siehe Statement 6.2) und bei etwaigen Begleiterkrankungen. Die Einnahme von mehr als 20 mg Prednisolon über einen Zeitraum von mehr als 6 Wochen geht mit einer erhöhten Komplikationsrate der operativen Therapie einher. Nach Möglichkeit sollte die Steroiddosis präoperativ reduziert werden und gleichzeitig das Auftreten eines Steroidentzugs-Syndroms vermieden werden. Bei Kindern ist die entsprechende Dosis bei 15 mg/m2 KOF (bzw. 0,5 mg/kg) anzusetzen. In einigen Studien weisen Patienten unter Therapie mit anti-TNF-α-Antikörpern ein erhöhtes Risiko für postoperative Komplikationen auf. Zusätzlich ist die dreizeitige Operation bei Patienten unter Therapie mit anti-TNF-α-Antikörpern häufiger als bei Patienten ohne Therapie mit Biologika. Da keine prospektiv randomisierte Studie vorliegt, ist nicht eindeutig geklärt, ob die erhöhte Komplikationsrate evtl. durch die schwerere Grunderkrankung der dann mit Biologika behandelten Patienten bedingt ist [371] [374] [376].

In einigen Studien wurde eine erhöhte Anzahl von operativen Komplikationen (z. B. Insuffizienz von Anastomose oder Pouch) sowie septische Komplikationen beobachtet. Die kontinuierliche Einnahme von Azathioprin ist nicht mit einem erhöhten Risiko für postoperative Komplikationen behaftet. Bezüglich einer immunsuppressiven Therapie mit Calcineurininhibitoren zeigte eine Fallserie bei Kindern keine Unterschiede hinsichtlich postoperativer Komplikationen mit oder ohne präoperativer Therapie mit Calcineurininhibitoren [491].

Empfehlung 7.10

Bei Mangelernährung (hohes metabolisches Risiko) soll vor elektiver Operation präoperativ eine gezielte Ernährungstherapie für mindestens 7 Tage erfolgen.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Mangelernährung ist in der Chirurgie als Risikofaktor für das Auftreten von perioperativen Komplikationen sowohl retro- als auch prospektiv gut belegt. Dies schließt Patienten mit Colitis ulcerosa mit ein [498] [499] [500]. In einer Kohortenstudie der Veterans Administration wurden bei 87 078 chirurgischen Patienten (Ausschluss Herzchirurgie) als Hauptrisikofaktoren für die postoperative 30-Tage-Letalität der präoperative Serum-Albumin-Spiegel, die American Society of Anesthesia Class des Operationsrisikos (ASA) und die Notwendigkeit einer Notfalloperation identifiziert. Auch das Vorliegen eines Gewichtsverlusts von mehr als 10 % war ein signifikanter prädiktiver Faktor. In einer prospektiven Erhebung an 5031 chirurgischen Patienten (Ausschluss Kardiochirurgie) der Veterans Administration von 1995 – 2000 wurden präoperative Risikofaktoren für das Entstehen einer Infektion im Operationsgebiet evaluiert. Hierbei zeigten sich Diabetes mellitus und Mangelernährung als unabhängige Faktoren [492].

Nach den S 3-Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Parenterale und Enterale Ernährung (ESPEN) ist die Verschiebung einer Operation zur Durchführung einer gezielten künstlichen Ernährung für eine Dauer von 7 – 14 Tagen nur bei hohem ernährungsmedizinischem Risiko gerechtfertigt.

Nach der ESPEN-Definition liegt beim Eintreten eines oder mehrerer Kriterien eine schwere Mangelernährung vor:

  • Gewichtsverlust > 10 – 15 %

  • BMI < 18,5 kg/m2

  • Serum-Albumin < 30 g/L (keine Einschränkung der Leber- und Nierenfunktion)

Bei gegebener Indikation zur präoperativen Ernährung sollte die enterale Zufuhr über Trink- und Sondennahrung vorgezogen werden. Die enterale Ernährung ist zur Vermeidung nosokomialer Infektionen möglichst prästationär durchzuführen. Die parenterale Applikation sollte Patienten mit hoher entzündlicher Aktivität im Kolon und intestinaler Unverträglichkeit vorbehalten bleiben [489] [490] [492] [493] [494] [495] [496].

Empfehlung 7.11

Bei der dreizeitigen Proktokolektomie sollte die Kolektomie bis zum rektosigmoidalen Übergang erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Die hohe Komplikationsrate unter intensivierter medikamentöser Therapie macht das komplikationsärmere dreizeitige Vorgehen erforderlich. Da die Entfernung des Rektums der risikoreichste und für den Patienten am meisten belastende Anteil der Operation ist, wird im ersten Schritt eine subtotale Kolektomie mit Anlage eines endständigen Ileostomas durchgeführt. Jedoch sollte berücksichtig werden, dass möglichst viel entzündungstragendes Kolon entfernt wird. Mit einer Resektion bis zum rektosigmoidalen Übergang sind in der Regel diese beiden Forderungen erfüllt und die Restproktektomie technisch leicht möglich.

Der Verschluss des Rektumstumpfs erfolgt als Blindverschluss nach Hartmann oder unter Belassung des Colon sigmoideum als Ausleitung desselbigen als Schleimfistel im linken Unterbauch. Durch die letztere Variante kann eine etwaige Insuffizienz des Hartmann-Stumpfs vermieden werden und es besteht die Möglichkeit, in der Zeit zwischen der zweiten und dritten Operation topisch über die Sigmaschleimfistel mit Kortikoiden oder 5-ASA zu therapieren.

Empfehlung 7.12

Bei der ileoanalen Pouchanlage soll die belassene Rektummukosa nicht länger als 2 cm sein.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die letzten 2 cm oral der Linea dentata sind funktionell bedeutend und somit für die Lebensqualität der Patienten einflussreich. Innerhalb der letzten 2 cm oral der Linea dentata befindet sich die anale Transitionalzone, die eine große Rolle für den Erhalt der Nachtkontinenz spielt. Bei der Operationsstrategie muss jedoch berücksichtigt werden, dass postoperativ das Risiko zur Ausbildung einer Rezidiv-/Persistenz-Proctitis ulcerosa besteht. Da die Erkrankungsschwere, das Beschwerdeausmaß und das Risiko für ein Rezidiv bzw. eine Persistenz mit der Länge der verbliebenen Rektummukosa exponentiell korreliert, sollte die Länge der belassenen Rektummukosa 2 cm nicht übersteigen. Sollte innerhalb der belassenen Rektum-Mukosa eine Proctitis ulcerosa entstehen, besteht die Möglichkeit einer topischen Therapie mit 5-ASA oder als Ultima Ratio eine sekundäre Mukosektomie [497] [498] [499].

Hinsichtlich der Anastomosenart scheint die Stapler-Anastomose unter Belassung der analen Transitionalzone für die Nachtkontinenz besser zu sein, wenn auch prospektiv randomisierte Studien zu dieser Fragestellung fehlen. Nichtsdestotrotz muss jeder Chirurg, der eine restaurative Proktokolektomie durchführt, in der Lage sein, bei technischem Versagen einer Stapleranastomose eine transanale Handnaht durchzuführen.

Empfehlung 7.13

Bei Proktitis ulcerosa in belassener Rektummukosa kann topisches 5-ASA eingesetzt werden. Alternativ kann eine sekundäre transanale Mukosektomie bei starken Symptomen erfolgreich sein.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Die Primärtherapie einer Proktitis ulcerosa in belassener Rektummukosa soll unter topischer Anwendung der Substanzen erfolgen. Hierbei sind Suppositorien besser geeignet als Einläufe [500]. Topisches 5-ASA ist geeignet eine Remission bei einer aktiven Proktitis ulcerosa zu induzieren [183]. Topisches 5-ASA ist hierbei mindestens doppelt so wirksam wie topische Steroide [299]. Alternativ zur medikamentösen Therapie, insbesondere bei Nachweis intraepithelialer Neoplasien, kann eine sekundäre transanale Mukosektomie erfolgen [497] [501]. Die operative Therapie ist mit den Patienten hinsichtlich Beschwerdelinderung, Funktionalität und Entartungsrisiko zu diskutieren.

Empfehlung 7.14*

Unter der Indikation einer intraepithelialen Neoplasie oder eines manifesten Karzinoms soll eine komplette Mukosektomie mit Anastomose an der Linea dentata durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

In der Literatur sind ca. 50 Fälle von Pouch-Karzinomen beschrieben. Die Mehrzahl dieser publizierten Pouch-Karzinom-Fälle geht auf eine belassene Rektum-Mukosa zurück. Daher sollte bei bestehender Risikokonstellation in Form von intraepithelialen Neoplasien respektive eines manifesten Karzinoms immer radikal die gesamte Rektum-Mukosa entfernt werden [486] [502] [503] [504].

Empfehlung 7.15*

Pouchchirurgie soll nur in dafür spezialisierten Zentren durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die restaurative Proktokolektomie mit Ileum-J-Pouch-analer Rekonstruktion ist ein komplexer Eingriff, der technisch sowie in der prä- und postoperativen Phase eine langjährige Erfahrung und hohe Expertise erfordert. Für vergleichbar komplexe Eingriffe (Pankreas, Ösophagus) bestehen seit einigen Jahren Mindestmengenregelungen, die in der Regel Mindestmengen von zehn Eingriffen pro Jahr umfassen. Für die ileoanale Pouchchirurgie ist ebenfalls in einer Studie ausgewiesen, dass bei einer Eingriffszahl von über 10 pro Zentrum pro Jahr die Komplikationsrate signifikant absinkt [505].

Empfehlung 7.16

Patienten mit einer chronischen Pouchitis oder nach Colitis-ulcerosa-assoziiertem Karzinom oder intraepithelialer Neoplasie sollten jährlich endoskopisch überwacht werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Selbst nach makroskopisch komplett durchgeführter Mukosektomie besteht ein Restrisiko für kleinste verbliebene Schleimhautinseln. Diese Schleimhautinseln können der Ursprung einer intraepithelialen Neoplasie oder eines Karzinoms darstellen. Aus diesem Grund sollte die Patientengruppe, die aufgrund einer intraepithelialen Neoplasie oder eines Karzinoms operiert worden ist, jährlich nachgesorgt werden. Es bestehen zwar keine sicheren Hinweise darauf, dass eine chronische Pouchitis langfristig eine maligne Transformation bedingt, dennoch erscheint es sinnvoll, dass auch für diese Situation postoperativ eine jährliche endoskopische Überwachung erfolgt. Daneben ist für diese besondere Patientengruppe ein enger Arztkontakt zur Verbesserung der Lebensqualität bei vorhandenem Pouch erforderlich [504].

Empfehlung 7.17

Die Kolektomie mit ileorektaler Anastomose kann nur für ausgewählte Konstellationen wie z. B. bei dringendem Kinderwunsch empfohlen werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↓]

Erläuterung

Proktokolektomien mit ileoanaler Pouchanlage führen sowohl bei Frauen als auch bei Männern zu erhöhter Infertilität. Daher sollte Patienten mit Kinderwunsch und bestehender Operationsindikation eine Kolektomie mit Ileorektostomie angeboten werden. Grundvoraussetzung für dieses Vorgehen ist jedoch, dass das belassene Rektum weitestgehend entzündungsfrei und damit auch anastomosefähig ist. Eine sekundäre Rektumresektion mit Proktektomie und IPAA kann angestrebt werden. Aufgrund der Seltenheit dieser Operation bei Kindern soll ein spezialisiertes viszeralchirurgisches Zentrum, ggf. in Zusammenarbeit mit Kinderchirurgen, diese Operation bei Kindern durchführen. Die postoperative Betreuung soll in jedem Fall durch oder in enger Kooperation mit Kindergastroenterologen erfolgen.

Empfehlung 7.18

Das kontinente Ileostoma nach Kock kann als mögliche Alternative für besondere Fälle angeboten werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Das kontinente Ileostoma nach Kock ist ein technisch komplexes Operationsverfahren mit hoher Komplikationsrate hinsichtlich Funktion. Durch das kontinente Ileostoma nach Kock kann die Lebensqualität der Patienten im Vergleich zu einem herkömmlichen, nicht kontinenten Ileostoma gesteigert und das Körperempfinden verbessert werden [506] [507] [508] [509]. Bei Pouchversagen kann, bei ausgeprägtem Wunsch des Patienten, eine Umwandlung in ein kontinentes Ileostoma nach Kock erfolgen.

Empfehlung 7.19

Bei belassenem Rektum unter ileorektaler Anastomose oder bei endständigem Ileostoma mit Rektumblindverschluss nach Hartmann sollte eine jährliche endoskopische Kontrolle des belassenen Rektums mit Stufenbiopsien erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Da durch das Belassen des Rektums ein Entartungsrisiko der Rektumschleimhaut weiterhin besteht, ist eine endoskopische Kontrolle mit Biopsien indiziert. Eine sekundäre restaurative Proktokolektomie mit IPAA soll mit dem Patienten diskutiert werden. Die Literatur beinhaltet einzelne Berichte über langjähriges Bestehen von Ileorektostomien nach Kolektomien in einer Notfallsituation [510] [511]. Dies stellt jedoch nicht den Regelfall dar.

Empfehlung 7.20

Die laparoskopische restaurative Proktokolektomie kann als gleichwertige Alternative zur offenen Operation angeboten werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Die laparoskopische restaurative Proktokolektomie mit IPAA ist eine sicher durchführbare Operationsmethode unter der Voraussetzung einer entsprechenden Erfahrung des Zentrums. Bisher konnten lediglich kosmetische Vorteile gegenüber einer offenen restaurativen Proktokolektomie mit IPAA gezeigt werden [512] [513] [514]. Die handassistierte laparoskopische restaurative Proktokolektomie mit IPAA stellt eine weitere Alternative dar. Bezüglich der kurz- bzw. langfristigen Ergebnisse gibt es keine nachgewiesenen Unterschiede im Vergleich der verschiedenen Operationsmethoden.

Empfehlung 7.21

Bei Colitis indeterminata ohne anorektales Fistelleiden und entsprechender Operationsindikation kann eine restaurative Proktokolektomie unter Aufklärung mit den damit verbundenen Risiken dem Patienten angeboten werden.

[Evidenzgrad: D

Konsensusstärke starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Bei ungefähr 7 % der Patienten mit einer Colitis kann keine exakte Diagnose gestellt werden, um Morbus Crohn von Colitis ulcerosa zu unterscheiden [515]. In der Literatur finden sich Berichte über ein schlechteres Langzeitergebnis nach restaurativer Proktokolektomie mit IPAA bei Patienten mit Colitis indeterminata. Diesen stehen jedoch Berichte gegenüber, in denen Patienten mit Colitis indeterminata kein schlechteres Langzeitergebnis haben als Patienten mit Colitis ulcerosa [516] [517]. Die sekundäre Diagnose eines Morbus Crohn nach stattgehabter restaurativer Proktokolektomie mit IPAA ist oftmals mit Komplikationen, insbesondere einem Pouchversagens, behaftet. Bezüglich der Rate an Pouchversagen gibt es auch Berichte über unauffällige Verläufe [518]. Trotz dieser widersprüchlichen Datenlage kann eine restaurative Proktokolektomie mit IPAA – nach ausführlicher Diskussion mit dem Patienten – durchgeführt werden. Bei Kindern und Jugendlichen liegt der Anteil der Patienten mit Colitis indeterminata bei bis zu 22 % [519]. Im Verlauf kann bei einem Großteil der Patienten eine diagnostische Zuordnung zu Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn gelingen, sodass bei Kindern mit operationsbedürftiger Colitis indeterminata ein dreizeitiges Vorgehen sinnvoll ist.

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Pouchitis

Empfehlung 7.22

Die Diagnose Pouchitis soll unter der Berücksichtigung der Parameter Klinik, Endoskopie und Histologie erfolgen.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die Pouchitis wird als Entzündung im Pouch nach Ausschluss operativer Komplikationen oder anderer sekundärer Ursachen definiert. Es sollten hierbei verschiedene Verlaufsformen unterschieden werden. Die Einteilung soll anhand des zeitlichen Verlaufs in akute, akut-rezidivierende und chronisch atrophische Pouchitis erfolgen. Die Diagnose einer akuten Pouchitis wird auf der Basis der klinischen Symptomatik (Stuhlfrequenz, Blutung, Fieber, Schmerzen), ergänzt durch Endoskopie (Rötung, Ödem, Erosionen, Ulzerationen, Spontaneinblutungen, Fibrinbeläge), Histologie (Ulzerationen, Kryptenabszesse, Infiltrationen durch Granulozyten …) und der klinischen, insbesondere rektal-digitalen Untersuchung gestellt [520]. Die akut-rezidivierende Pouchitis ist durch wiederholt auftretende akute Schübe einer Pouchitis gekennzeichnet. Die Diagnose einer chronischen Pouchitis ergibt sich durch eine entzündliche Reaktion im Pouch, deren Klinik und endoskopischer/histologischer Befund über mehr als 3 Monate anhält. Das Risiko einer akuten Pouchitis liegt bei Patienten nach restaurativer Proktokolektomie mit IPAA bei Colitis ulcerosa bei etwa 30 % in den ersten zwei Jahren nach Operation. Im Laufe der Nachbeobachtungszeit steigt das Risiko langsam auf bis über 50 % an [521] [522] [523] [524] [525] [526] [527]. Bei ungefähr 5 % der Patienten mit einer Pouchitis geht die akute Verlaufsform in eine chronische über. Risikofaktoren für eine Pouchitis sind extraintestinale Manifestationen. Hier ist insbesondere die PSC zu erwähnen [527] [528] [529] [530] [531]. Zusätzlich gehen anhaltend hohe Entzündungsaktivität und Backwashileitis mit einer erhöhten Rate an Pouchitis einher. Die Parameter zur Diagnose der akuten Pouchitis werden durch den Pouchitis Disease Activity Index (PDAI) zusammengefasst [520]. Wenn sich trotz entsprechender klinischer Symptomatik nach endoskopischen und histologischen Kriterien kein Anhalt für eine Pouchitis findet und andere Krankheiten ausgeschlossen wurden, kann die Diagnose eines irritablen Pouchsyndroms gestellt werden [532].

Empfehlung 7.23

Bei einer chronischen Pouchitis soll eine chirurgisch behandelbare Ursache ausgeschlossen werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Bei Diagnosestellung „Pouchitis” sind Untersuchungen zum Ausschluss von sekundären Pouchitisformen empfohlen. Zum Ausschluss einer chirurgischen Ursache einer Pouchitis sind Computertomografie, Kernspintomografie, Kontrasteinlauf und Endosonografie notwendig und geeignet [533] [534] [535] [536]. Ggf. sind diese Untersuchungsmethoden im Verlauf zu wiederholen. Es sind Fisteln, Abszesse, Anastomoseninsuffizienzen und Ischämien auszuschließen.

Empfehlung 7.24

Als Primärtherapie der akuten Pouchitis soll Ciprofloxacin oder Metronidazol eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Es gibt mehrere randomisierte kontrollierte Studien zur medikamentösen Therapie der Pouchitis [537] [538] [539]. Die Empfehlung zur Therapie der akuten Pouchitis mit Antibiotika (Metronidazol, Ciprofloxazin) wird durch insgesamt 3 offene, unkontrollierte Studien und eine randomisierte nicht verblindete Studie gestützt [540] [541] [542] [543]. Zu Dosis und Dauer der Antibiotika-Therapie liegen keine gesicherten Daten vor, sie müssen individuell getestet werden. Üblich ist eine orale Therapie mit Metronidazol 2 – 3 × 400 mg oder Ciprofloxazin 2 × 250 bis 2 × 500 mg/d für 1 – 2 Wochen. Bei Unverträglichkeit von oralem Metronidazol stellt topisch angewendetes Metronidazol eine Alternative dar [544]. Bei fehlendem Ansprechen oder Unverträglichkeit einer Therapie mit Metronidazol ist eine Therapie mit Ciprofloxazin indiziert [540].

Empfehlung 7.25

Bei einer chronischen Pouchitis kann eine kombinierte antibiotische Therapie eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Bei fehlendem Ansprechen einer Monotherapie mit Metronidazol oder Ciprofloxazin kann eine orale Kombinationstherapie aus Ciprofloxazin und Metronidazol oder eine orale Kombinationstherapie aus Ciprofloxazin und Rifaximin eingesetzt werden [545] [546].

Empfehlung 7.26 

Zum Remissionserhalt kann eine probiotische Therapie eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Bisher liegt eine prospektiv randomisierte Studie zur Primärprophylaxe der Pouchitis mit dem Probiotikagemisch VSL#3 vor [547] [548]. Die Effektivität konnte dabei nachgewiesen werden. Alternative Möglichkeiten der Remissionserhaltung sollen mit den Patienten diskutiert werden.

Empfehlung 7.27 

Nach Pouchanlage sollte eine jährliche Kontrolluntersuchung erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Diese Empfehlung stützt sich nicht auf spezifische Studien in der Literatur. Basierend auf den Erfahrungen der Überwachungsstrategien vor restaurativer Proktokolektomie mit IPAA ist eine jährliche endoskopische Kontrolluntersuchung sinnvoll, obwohl das Pouch-Karzinom eine seltene Entität ist. Patienten mit einem Pouch-Karzinom hatten in der Regel bereits ein Karzinom im Kolon oder Rektum, welches zur restaurativen Proktokolektomie mit IPAA geführt hat. Pouch-Karzinome entstehen in der Regel aus verbliebener Schleimhaut des anorektalen Übergangs, sodass dies eine Indikation zur kompletten Mukosektomie im Rahmen der restaurativen Proktokolektomie mit IPAA darstellt [549] [550].

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Kapitel 8: Karzinom-Prophylaxe

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Risikokonstellation

Statement 8.1* 

Das kolorektale Karzinomrisiko ist bei Patienten mit Colitis ulcerosa im Vergleich zur Normalbevölkerung erhöht.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens]

Statement 8.2 

Das Risiko ist hoch bei ausgedehnter Kolitis, erhöht bei Linksseitenkolitis und nicht eindeutig erhöht bei der Proktitis ulcerosa.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens]

Statement 8.3 

Das Risiko steigt mit der Dauer der Erkrankung an, korreliert positiv mit der Ausprägung der entzündlichen Aktivität im Verlauf und ist bei einer zusätzlich bestehenden PSC noch stärker erhöht.

[Evidenzgrad: EK 2a/ 2b, EG B, Konsensusstärke: starker Konsens]

Erläuterung

Patienten mit CU zeigen in zahlreichen Studien ein erhöhtes Risiko für ein kolorektales Karzinom, wobei unterschiedliche Angaben über die Höhe des Risikos zu finden sind. Während frühere Studien aus Zentren – zusammengefasst in einer Metaanalyse mit mehr als 50 000 Patienten aus 116 Studien – das Risiko für ein kolorektales Karzinom bei Patienten mit Colitis ulcerosa mit 18 % nach 30 Jahren bezifferten [551], zeigten populationsbasierte Studien der letzten Jahre nur leicht erhöhte Karzinomraten [552] [553] [554]. Lediglich in Dänemark fand sich keine erhöhte Inzidenz, möglicherweise wegen einer höheren Kolektomierate [554]. Auch wiesen Fallserien zur Überwachungskoloskopie in den letzten Jahren niedrigere Karzinomraten auf. Die Ursachen für dieses Phänomen sind unklar und könnten in einer schlechteren Behandlung oder einem Selektionsbias in früheren Studien beruhen. Die Häufigkeit korreliert mit der Erkrankungsdauer, der Ausdehnung und der entzündlichen Aktivität/Pseudopolypen [14] [551] [555] [556] [557]. So lag die kumulative Karzinomrate in der Metaanalyse von Eaden nach 30 Jahren bei 18 % und in der Fallserie des St. Mark’s Hospitals bei 7,6 %.

Eine besondere Risikogruppe sind Patienten, die gleichzeitig eine primär sklerosierende Cholangitis haben. Eine Metaanalyse ergab ein fünffach erhöhtes Karzinomrisiko, wobei häufiger rechtsseitige Karzinome auftreten [15] [417].

In manchen Studien wird auch berichtet, dass ein Kolonkarzinom in der Familienanamnese, das Vorhandensein einer Backwash-Ileitis und eine Kolitis-Erstmanifestation im Kindes- und Jugendalter Risikofaktoren darstellen [551] [556] [558]. Die Datenlage diesbez. ist jedoch uneinheitlich.

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Überwachungskoloskopie, zeitliche Strategie

Empfehlung 8.4* 

Da die colitisassoziierte Kolonkarzinommortalität durch eine endoskopische Überwachung gesenkt werden kann, sollen regelmäßige Überwachungskoloskopien erfolgen.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 8.5 

Zur Festlegung der Überwachungsstrategie soll bei allen CU-Patienten unabhängig von der Krankheitsaktivität eine Kontrollkoloskopie zur Erfassung des Befallsmusters spätestens 8 Jahre nach Beginn der Symptomatik erfolgen.

[Evidenzgrad: EK 2a, EGC., Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 8.6 

Die Überwachungskoloskopien sollten dann bei ausgedehnter CU ab dem 8. Jahr und bei linksseitiger oder distaler CU ab dem 15. Jahr nach Erstmanifestation 1 – 2 jährlich erfolgen.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 8.7 

Wenn gleichzeitig eine PSC besteht, sollen die Überwachungskoloskopien unabhängig von der Krankheitsaktivität und Ausdehnung der CU ab dem Zeitpunkt der PSC-Diagnosestellung jährlich erfolgen.

[Evidenzgrad: C., Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 8.8 

Nach subtotaler Kolektomie sollen in Analogie die gleichen endoskopischen Überwachungsstrategien wie bei einer CU ohne Resektion erfolgen.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Eine Metaanalyse von Collins aus dem Jahr 2006 fasst die direkte und indirekte Evidenz zu Überwachungskoloskopien bei Colitis ulcerosa zusammen. Die drei identifizierten Fallkontrollstudien konnten keine statistisch signifikante Reduktion des Risikos, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken, zeigen. Dabei ist anzumerken, dass es sich um kleine Studien mit teilweise aus heutiger Sicht inadäquatem Koloskopiestandard handelte. Dahingegen konnte die Metaanalyse deutliche indirekte Evidenz identifizieren, dass Überwachungskoloskopien sehr wahrscheinlich das Risiko, an einem Colitis-assoziierten Kolonkarzinom zu versterben, vermindern können, und gleichzeitig kosteneffektiv sind [559]. Dies basiert darauf, dass Colitis-assoziierte Kolonkarzinome früher erkannt werden, obwohl dennoch zwischen Überwachungsuntersuchungen Intervallkarzinome auftreten können [557]. Das Karzinomrisiko steigt mit der Krankheitsdauer und der Krankheitsausdehnung an, weshalb bei Patienten mit einer Pancolitis die regelmäßige Überwachung früher als bei Patienten mit einer distalen Colitis beginnen sollte. Da sich aus einer initial als distale Colitis beschriebenen Entzündung auch ohne klinische Hinweise eine Pancolitis entwickeln kann, sollte eine Kontrollkoloskopie innerhalb von 8 Jahren nach den ersten Krankheitssymptomen durchgeführt werden, um die Ausdehnung zu überprüfen und danach das Überwachungsvorgehen festlegen zu können. Eine niederländische Studie weist darauf hin, dass bereits bis zu 22 % der Patienten vor dem Start der bisher empfohlenen Überwachungskoloskopien Colitis-assoziierte Kolonkarzinome entwickelten [560]. Wenn Patienten mit PSC herausgerechnet wurden – die ab Diagnosestellung überwacht werden sollten – reduziert sich die Rate der „entgangenen” Karzinome auf ca. 15 %.

Das Überwachungsintervall zwischen den Untersuchungen sollte höchstens 2 Jahre betragen, weil in diesem Zeitraum bereits Intervallkarzinome auftreten können [168] [561]. Da bei einer Proktitis das Karzinomrisiko allenfalls minimal erhöht ist, muss – bei Fehlen sonstiger Risikofaktoren – keine regelhafte Überwachung erfolgen.

Da das Karzinomrisiko bei Patienten mit CU und einer PSC fünffach erhöht ist [15] und Karzinome gehäuft rechtsseitig auftreten [417], sollte bei diesen Patienten eine Überwachung ab Diagnosestellung unabhängig vom Befall jährlich erfolgen.

Nach subtotaler Kolektomie können im verbliebenen Darm, wie auch nach restaurativer Proktokolektomie im Pouch bzw. je nach Operationstechnik im Bereich der verbliebenen Kolonmukosa distal der Anastomose, Karzinome auftreten [562], sodass eine regelhafte Überwachung des verbliebenen Kolons bzw. des Pouches erfolgen sollte.

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Überwachungskoloskopie, Durchführungsbedingungen

Empfehlung 8.9 

Der geplante Zeitraum der Überwachungskoloskopie soll an die besondere Situation angepasst und die Rückzugszeit bei der Überwachungskoloskopie soll ausreichend lang sein.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 8.10 

Überwachungskoloskopie sollen in einem sauberen Darm durchgeführt werden. Bei Restverschmutzung ist eine Wiederholung erforderlich.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 8.11 

Biopsien sollen in der Remissionsphase gewonnen werden, da die histomorphologische Abgrenzung von entzündlichen gegenüber neoplastischen Veränderungen schwierig sein kann.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Überwachungskoloskopien zielen auf die Detektion von Neoplasien mit hoher Sensitivität und Spezifität. Dazu gehört, dass der Darm keine wesentlichen entzündlichen Veränderungen aufweist, die als intraepitheliale Neoplasien histologisch fehlgedeutet werden könnten. In Analogie zu Vorsorgekoloskopien in der Normalbevölkerung ist davon auszugehen, dass die Güte der Vorbereitung die Detektionsrate von Läsionen deutlich erhöht [563]. Ebenso besteht eine Korrelation zwischen der Rückzugszeit und der Detektionsrate von Neoplasien [564].

Empfehlung 8.12 

Gezielte Biopsien sollen aus allen endoskopisch suspekten Läsionen entnommen werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 8.13* 

Bei einer Überwachungskoloskopie bei CU sollen sowohl ungezielte Biopsien (mindestens 4 alle 10 cm) als auch gezielte Biopsien aus allen auffälligen Arealen entnommen werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 8.14* 

Alternativ kann eine Chromoendoskopie mit gezielten Biopsien aus allen auffälligen Arealen erfolgen.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 8.15 

Der Stellenwert der hochauflösenden virtuellen Chromoendoskopie (NBI, FICE, iScan) mit gezielten Biopsien ist nicht ausreichend definiert und soll deshalb nicht als alleinige Strategie verfolgt werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↓↓]

Erläuterung

Mehrere Studien der letzten Jahre konnten zeigen, dass ein Großteil intraepithelialer Neoplasien mittels hochauflösender Endoskopie detektierbar ist, entweder als irreguläre Mukosa, Striktur oder Schleimhauterhabenheiten [123] [565] [566]. Von größter Bedeutung ist daher die gezielte Entnahme mehrerer Biopsien aus solchen Arealen. Da intraepitheliale Neoplasien aber auch makroskopisch unsichtbar sein können (ca. 20 %), sollte versucht werden, diese nachzuweisen [566]. Rubin et al. konnten in einem mathematischen Modell zeigen, dass mindestens 34 „blinde” Biopsien benötigt werden, um ein 90 %-iges Konfidenzintervall für die Detektion von Karzinomen zu erreichen, 64 Biopsien bedingen ein 95 %iges Konfidenzintervall [567]. Um eine über 90 %ige Sicherzeit in der Detektion zu erzielen, wird die Entnahme von 4 Biopsien alle 10 cm international empfohlen. Angesichts der häufigen Sichtbarkeit intraepithelialer Neoplasien (IEN) bei der hochauflösenden Endoskopie wird diese Empfehlung zur Entnahme von Zufallsbiopsien aber kontrovers diskutiert. So ergab eine Untersuchung zur Umsetzung der Empfehlung „Entnahme von 40 – 50 Zufallsbiopsien” bei der Überwachungskoloskopie in Deutschland, dass nur 9,2 % der Überwachungskoloskopien in Deutschland entsprechend leitliniengerecht durchgeführt wurden [568]. Diese Problematik der geringen Akzeptanz der Empfehlung zu multiplen Zufallsbiopsien wird noch dadurch verstärkt, dass sich in verschiedenen Studien beim Vergleich von klassischer Koloskopie mit der Chromoendoskopie nur extrem selten bei den Zufallsbiopsien eine IEN fand (Kießlich 2003: 2 IEN bei 5098 Zufallsbiopsien [100] und Rutter 2004: 0 IEN bei 2906 Zufallsbiopsien [566]). Die aktuelle Studienlage reicht aber nicht aus, um ganz auf die Empfehlung von Zufallsbiopsien zu verzichten. Alternativ kann eine Chromoendoskopie (Indigokarmin oder Methylenblau) mit gezielten Biopsien durchgeführt werden. In zwei prospektiven, monozentrischen Studien unter Verwendung von Zoomkoloskopen konnten dadurch mehr Neoplasien als durch Weißlichtendoskopie mit ungezielten Biopsien entdeckt werden [100] [566]. Eine multizentrische Arbeit aus New York fand ebenfalls mehr intraepitheliale Neoplasien mittels Chromoendoskopie [569]. Offen ist jedoch, wie viel Erfahrung der Untersucher für derartige Chromoendoskopien benötigt und ob die neueste Endoskopiegeneration mit Einsatz von HDI- bzw. HDTV-Qualität, nicht eine ähnlich hohe Detektionsrate von IEN erzielen könnte. Als mögliches Ersatzverfahren wurden physikalische oder virtuelle Chromoendoskopieverfahren (NBI, FICE, iScan) diskutiert, für die bisher keine belastbaren Daten bez. der Gleichwertigkeit in der IEN-Detektion zur Chromoendoskopie vorliegen. Die bisher einzige prospektive Studie hierzu ergab keinen Vorteil gegenüber Weißlicht [570].

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Karzinome, IEN, ALM, DALM sowie Therapiekonsequenzen

Empfehlung 8.16* 

Bei Nachweis von intraepithelialen Neoplasien (IEN) soll eine externe, unabhängige pathologische Zweitbeurteilung eingeholt werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 8.17 

Bei Vorliegen einer fraglichen IEN/Dysplasie soll eine endoskopische Kontrolle ggf. nach Intensivierung der antiinflammatorischen Therapie innerhalb von 3 Monaten durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Der Nachweis einer IEN/Dysplasie sowie deren Gradeinteilung ist für die Beurteilung des Kolonkarzinomrisikos bei Patienten mit CU von entscheidender Bedeutung. Anhand von Kolektomiepräparaten mit nachgewiesenem Karzinom fanden sich in postoperativ ungezielt entnommenen Quadrantenbiopsien IEN/Dysplasien in 74 % der Präparate; in Kolektomiepräparaten ohne Karzinom konnte in nur 26 % der Fälle eine IEN/Dysplasie in ungezielten Quadrantenbiopsien nachgewiesen werden [164]. Eine Metaanalyse zeigte, dass bei niedriggradigen IEN/Dysplasien das Karzinomrisiko bereits 9-fach erhöht ist [165]. Daher hat der Nachweis erhebliche Folgen für die weitere Behandlung. Erschwert wird der Nachweis von IEN/Dysplasien durch die hohe Untersuchervariabilität der Pathologen mit einem κ-Wert von 0,4 [571], wobei die Variabilität bei niedrig gradigen IEN/Dysplasien und unklaren Veränderungen besonders hoch ist. Wegen der erheblichen therapeutischen Konsequenzen soll daher mindestens eine unabhängige pathologische Zweitbeurteilung erfolgen.

Da es für den Pathologen schwierig sein kann, in entzündlichen Arealen eine IEN/Dysplasie sicher zu beurteilen, kann es bei einer vom Pathologen als fragliche IEN/Dysplasie eingestuften Läsion Sinn machen, innerhalb von 3 Monaten nach einer Intensivierung der antiinflammatorischen Therapie eine endoskopische Kontrolle durchzuführen.

Empfehlung 8.18* 

Bei dem Nachweis einer eindeutigen, durch einen externen Pathologen bestätigten Kolitis-assoziierten hochgradigen IEN/Dysplasie (C) oder eines Adenokarzinoms (B) soll eine Proktokolektomie erfolgen.

[Evidenzgrad: s.  Empfehlungstext, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 8.19 

Bei dem Nachweis einer eindeutigen, durch einen externen Referenzpathologen bestätigten, niedrig gradigen IEN/Dysplasie in flacher Mukosa soll dem Patienten nach Aufklärung über das Malignitätsrisiko entweder eine Proktokolektomie (relative Operationsindikation) oder eine endoskopisch-bioptisch Kontrolle innerhalb von 3 Monaten mit anschließend engmaschiger Überwachung angeboten werden.

[Evidenzgrad: B., Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 8.20 

Scharf begrenzte, erhabene Läsionen mit intraepithelialen Neoplasien, die vom Pathologen als „adenoma-like mass” (ALM) klassifiziert sind (siehe AG 3), sollen möglichst endoskopisch oder sonst operativ komplett reseziert werden, sofern sich in gezielt aus der Umgebung entnommenen Biopsien und im Restkolon keine IEN zeigen.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Kolonkarzinome sind bei Patienten mit CU und Nachweis von IEN gehäuft. Grundsätzlich ist zwischen flachen und erhabenen Läsionen zu unterscheiden.

Befindet sich das Kolon nicht in einem weitgehend entzündungsfreien Zustand, können entzündliche Veränderungen Ähnlichkeiten zu IEN haben. Diese werden dann i. d. R. als fragliche IEN bezeichnet und eine Intensivierung der antiinflammatorischen Therapie mit kurzfristiger Kontrolle erscheint sinnvoll. Zeigt sich dagegen eine flache, hochgradige IEN liegt das Risiko, dass gleichzeitig ein unerkanntes Karzinom besteht, zwischen 42 – 45 % [172] [557].

Aus flachen, niedrig gradigen IEN können einerseits hochgradige IEN oder Karzinome hervorgehen, andererseits können niedriggradige IEN ein Indikator für synchrone Karzinome sein. Eine Metaanalyse errechnete ein 9-fach erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Karzinoms, wenn eine niedrig gradige IEN nachgewiesen wird. Andererseits zeigen einzelne Studien, dass das Risiko für die Entwicklung eines Colitis-assoziierten kolorektalen Karzinoms bei Patienten mit niedrig gradigen IEN nicht oder nicht signifikant erhöht ist [165] [167] [168]. Eine populationsbasierte Studie konnte auch keinen vermehrten Übergang zu Karzinomen finden [171]. Die Datenlage ist somit bei den niedrig gradigen IEN kontrovers und eine engmaschige Überwachung mit bioptischer Kontrolle nach 3 Monaten wird als Alternative zur Kolektomie für vertretbar gehalten.

Erhabene Läsionen mit IEN wurden ursprünglich als Dysplasie-assoziierte Läsionen oder Massen (DALM) klassifiziert [173]. Das Risiko eines Kolonkarzinoms beim Vorliegen einer DALM wurde als sehr hoch eingeschätzt [172]. Die Einordnung als DALM ist aber nicht ganz einfach und wurde uneinheitlich vorgenommen. Solche Läsionen können auch sporadischen Adenomen ähneln (ALM) und dann endoskopisch reseziert werden (bez. der histologischen Unterscheidung wird auf das Kapitel 3 Histopathologische Diagnostik 3.10 verwiesen). Wenn die Resektion histologisch komplett ist, in der Umgebung keine IEN zu finden sind und wenn sich im Restkolon keine IEN findet, kann auf eine Kolektomie verzichtet werden. Allerdings sollten diese Patienten kurzfristig kontrolliert werden, weil diese Patienten zur Entwicklung erhabener Läsionen neigen [175] [177] [572].

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Chemoprävention

Empfehlung 8.21* 

Zur Prophylaxe des Colitis-assoziierten Kolonkarzinoms können 5-ASA-haltige Präparate eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: B

Konsensustärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 8.22* 

Beim zusätzlichen Nachweis einer PSC kann zur Prophylaxe eines Colitis-assoziierten Kolonkarzinoms Ursodesoxycholsäure eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: A

Konsensustärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

In mehreren Kohorten- sowie Fall-Kontrollstudien konnte gezeigt werden, dass die Einnahme von sowohl Sulfasalazin, als auch 5-ASA mit einem verminderten kolorektalen Karzinomrisiko bei Patienten mit Colitis ulcerosa assoziiert ist [556] [573]. Die Einnahme von 5-ASA-haltigen Präparaten ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit einer regelmäßigen Überwachungskoloskopie.

In einer Follow-Up-Studie einer prospektiven, placebokontrollierten Studie (PSC-UDCA-Studie) konnte gezeigt werden, dass Ursodesoxycholsäure das Kolonkarzinomrisiko bei Patienten mit PSC und CU um 74 % vermindert [574].

Eine Querschnittsuntersuchung aus einer prospektiven Überwachungsstudie hatte zuvor eine deutliche Risikoreduktion gezeigt [575]. Einschränkend ist zu erwähnen, dass eine prospektiv-randomisierte Studie aus dem Jahr 2009 insgesamt eine leicht erhöhte Mortalität bei Patienten mit PSC unter einer Ursodesoxycholsäure-Hochdosistherapie (28 – 30 mg/kg/d) gefunden hat [576]. Vor diesem Hintergrund wird eine Behandlung mit 13 – 20 mg/kg KG pro Tag empfohlen.

Immer wieder wird auch die Rolle von Azathioprin/ 6-Mercaptopurin in der Chemoprävention, einerseits über einen substanzeigenen Effekt und andererseits evtl. auch indirekt über die Unterdrückung der Entzündung, diskutiert [555] [577]. In der Diskussion ist auch, ob neben Azathioprin die zusätzliche Gabe von 5-ASA einen chemopräventiven Effekt haben könnte. Ein systemisches Review aus 2009 zu diesem Thema kommt zu dem Schluss, dass keine vorliegende Studie diese Frage sicher direkt beantworten kann [259].

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Immunsuppression und Karzinomentstehung

Empfehlung 8.23 

Patienten unter Therapie mit mindestens 2 Immunsuppressiva sollen regelmäßig dermatologisch untersucht werden und zu konsequentem Sonnenschutz aufgefordert werden.

[Evidenzgrad: C

Konsensustärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Aus der Transplantationsliteratur ist bekannt, dass immunsupprimierte Patienten deutlich gehäuft Hautneoplasien, insbesondere Plattenepithelkarzinome, entwickeln [38]. In erster Linie werden hierfür Calcineurininhibitoren und Purinantagonisten verantwortlich gemacht. Für Azathioprin konnte gezeigt werden, dass eine deutlich erhöhte Sensitivität gegenüber UVA-Strahlen besteht [578] [579]. Es wird daher für transplantierte Patienten, insbesondere wenn zwei Immunsuppressiva gegeben werden, empfohlen, vor Einsatz dieser Medikamente und dann in der Folgezeit jährlich eine dermatologische Kontrolluntersuchung durchzuführen. Es existieren nur wenige Studien über Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Ein Bericht bei nicht transplantierten Patienten, worunter auch Patienten mit Colitis ulcerosa waren, zeigte unter Azathioprin ein 5-fach erhöhtes Risiko für Plattenepithelkarzinome [580]. Insgesamt ist jedoch die Empfehlung v. a. aus der Transplantationsliteratur übertragen (indirekte Anwendbarkeit).

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Kapitel 9: Extraintestinale Manifestationen

Extraintestinale Manifestationen sind Erkrankungen bei Patienten mit Colitis ulcerosa außerhalb des GI-Traktes, bei denen aufgrund der klinischen Assoziation oder pathogenetischer Mechanismen ein Zusammenhang mit der entzündlichen Darmerkrankung besteht oder vermutet werden muss. Hiervon werden extraintestinale Begleiterkrankungen (Gallensteine, Nierensteine) und nicht krankheitsspezifische Komplikationen (Osteoporose, thromboembolische Komplikationen) abgegrenzt.

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Gelenkmanifestationen

Statement 9.1 

Die Gelenkbeteiligung stellt die häufigste extraintestinale Manifestation bei der Colitis ulcerosa dar. Es wird zwischen dem Befall des Achsenskeletts und dem peripheren Gelenkbefall, der meist in Form von Arthralgien imponiert, unterschieden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens]

Erläuterung

Arthritiden bei Patienten mit CU werden im Rahmen der HLA-B27-assoziierten seronegativen Spondylarthropathien (SpA) klassifiziert. Die Klassifikationskriterien der europäischen Spondyloarthritis-Studiengruppe sind bei einem CED-Patienten erfüllt, sofern a) ein früherer oder gegenwärtiger entzündlicher Wirbelsäulenschmerz von mindestens 3 Monaten Dauer oder b) eine asymmetrisch oder vorwiegend an den unteren Extremitäten bestehende Synovitis vorliegt [581]. Orchard et al. haben darüber hinaus bei Patienten mit CED eine weitere Unterteilung der peripheren Arthritiden vorgeschlagen [582]. Der schubassoziierte, meist selbstlimierte Typ I ist pauciartikulär (< 5 Gelenke) und betrifft meist die großen Gelenke, der Typ II verläuft als chronisch bilateral symmetrische Polyarthropathie (≥ 5 Gelenke) unabhängig von der CED-Aktivität. Bei Patienten mit CED wird die Prävalenz der SpA in spezialisierten Zentren mit 10 – 32 % angegeben [583] [584] [585] [586] [587] [588]. Sie ist somit bei einer geschätzten Häufigkeit in der deutschen Allgemeinbevölkerung von 1,9 % deutlich erhöht [589]. Gelenkbeschwerden gehen mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Pouchitis einher und treten auch nach Kolektomie auf [529] [590].

Empfehlung 9.2 

Die Diagnose der Gelenkbeteiligung soll durch Anamnese, klinische Untersuchung und bei axialem Befall auch bildgebend entsprechend rheumatologischer Kriterien erfolgen.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Der Befall des Achsenskeletts und der peripheren Gelenke im Rahmen der CU kann nicht von anderen Formen seronegativer Spondylarthropathien unterschieden werden [582] [585] [591]. Anamnestisch und durch Funktionsuntersuchungen sollte überprüft werden, ob entweder Arthralgien (nur Gelenkschmerzen), periphere Synovialitiden im Sinne von peripheren Arthritiden (s. o., Typ I oder Typ II) und/oder ein entzündlicher Rückenschmerz als Kardinalsymptom bei axialem Befall vorliegt. Die periphere Gelenkbeteiligung weist in der Regel keine radiologischen Veränderungen auf, die entzündlichen Veränderungen des Achsenskeletts werden am sensitivsten durch die Kernspintomografie dargestellt.

Folgende Differenzialdiagnosen sollten bei muskuloskelettalen Beschwerden bedacht werden: Arthrose, septische Arthritis, Spondylodiscitis, Osteoporose, hypertrophe Osteoarthropathie, avaskuläre Osteonekrose, co-incidente rheumatoide Arthritis, Pyrophosphatarthropathie, Gicht, gelenknahes Erythema nodosum oder Therapienebenwirkungen (steroidinduzierter Pseudorheumatismus nach Absetzen einer Steroid-Langzeittherapie und die Mesalazin- oder Azathioprin-induzierte Arthropathie).

Empfehlung 9.3 

Bei schubassoziierter Gelenkbeteiligung soll die Therapie im Rahmen der Behandlung der Grunderkrankung erfolgen.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 9.4 

Bei der akuten Arthritis können begleitende symptomatische Maßnahmen wie Entlastung und Ruhigstellung akut betroffener Gelenke erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 9.5
  • Bei chronischen Arthralgien kann eine Physiotherapie erfolgen.

  • Eine analgetische Therapie nach allgemeinen Empfehlungen zur Schmerztherapie soll durchgeführt werden.

  • NSAR sollten eher nicht eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: A) D; B) D; C) B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: A) ↑; B) ↑↑; C) ↓ ]

Empfehlung 9.6
  • Bei peripheren Arthritiden soll primär Sulfasalazin eingesetzt werden.

  • Bei schweren peripheren Arthritiden kann Methotrexat eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: A) B; B) B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: A) ↑↑ B) ↑]

Empfehlung 9.7 

Schwere, therapierefraktäre Polyarthritiden und die schwere therapierefraktäre Spondylarthropathie (Spondylitis ankylosans) können mit anti-TNF-α-Antikörpern behandelt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Für die Behandlung von Gelenkbeschwerden bei Patienten mit CU existieren nur sehr wenige Therapiestudien. Die angegebenen Empfehlungen sind daher überwiegend der klinischen Erfahrung sowie der rheumatologischen Literatur entlehnt (indirekte Anwendbarkeit für Sulfasalazin und anti-TNF-α-Antikörper). Sulfasalazin, Steroide, Methotrexat, Azathioprin und anti-TNF-α-Antikörper haben antientzündliche Effekte auf chronisch entzündliche Erkrankungen des Darmes und der Gelenke [592] [593] [594]. Bei unzureichender Wirkung der systemischen Therapien stellt die intraartikuläre Injektion von Glukokortikoiden eine weitere Therapieoption dar. Die Physiotherapie ist Basistherapie bei der Spondylitis ankylosans. Der Einsatz von NSAR bei Colitis ulcerosa wird in der Literatur kontrovers diskutiert, da hierdurch möglicherweise Schübe induziert werden können [595] [596] [597]. Ob die COX-2-Hemmer in diesem Zusammenhang in der breiten Anwendung sicherer sind, bleibt trotz zweier RCT, die bei COX-2-Hemmer Therapie keine gehäufte Exazerbation der Colitis ulcerosa fanden, fraglich [18] [598] [599].

Die Therapieempfehlung von anti-TNF-α-Antikörpern (Infliximab und Adalimumab) bei schwerer therapierefraktärer Polyarthritis und Spondylarthropathie (Spondylitis ankylosans) beruht zumeist auf deren Wirksamkeit und Zulassung bei der rheumatoiden Arthritis und der Spondylitis ankylosans [600] [601] [602] [603] [604] [605].

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Manifestation an der Leber und an den Gallenwegen

Statement 9.8 

Klinisch ist die primär sklerosierende Cholangitis (PSC) die bedeutendste hepatobiliäre Erkrankung, die mit einer Colitis ulcerosa assoziiert sein kann. Die Häufigkeit der PSC bei Colitis ulcerosa liegt bei 2 – 10 % der Patienten. Die Autoimmunhepatitis ist eine seltene Begleiterkrankung der Colitis ulcerosa und kann in Form eines Überlappungssyndroms mit einer PSC auftreten.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens]

Empfehlung 9.9 

Bei Verdacht auf eine PSC soll eine MRCP als primäre Diagnostik erfolgen. Bei unklaren Fällen oder fortbestehendem klinischem Verdacht soll eine ERC ergänzend durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die ERC und die MRCP sind in der Wertigkeit für die Diagnosestellung gleichwertig [606] [607]. Aufgrund der geringeren Invasivität wird die MRCP häufig als Erstlinienuntersuchung durchgeführt. Falls diese nicht eindeutig ausfällt und/oder ein klinischer Verdacht auf eine PSC fortbesteht, ist eine nachfolgende ERC indiziert. Die Leberbiopsie mit Histologie dient der Stadieneinteilung der PSC und dem Nachweis der „Small duct disease”. Die PSC ist ein wichtiger Risikofaktor zur Entstehung von Cholangiokarzinomen [608]. Sinnvolle Strategien zum Screening oder zur Früherkennung von Cholangiokarzinomen existieren nicht, die amerikanische Leitlinie zur PSC empfiehlt jedoch bei diesen Patienten jährlich eine Ultraschalluntersuchung der Gallenblase mit dem Ziel der Früherkennung von Gallenblasenkarzinome [609].

Empfehlung 9.10 

Ab Diagnosestellung einer PSC sollte eine Dauertherapie mit Ursodeoxycholsäure durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Empfehlung 9.11 

Zusätzlich soll eine endoskopische Therapie von funktionell wirksamen und erreichbaren Stenosen durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 9.12 

In fortgeschrittenen Stadien der PSC soll in einem Transplantationszentrum die Möglichkeit einer Lebertransplantation geprüft werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Ursodeoxycholsäure in einer Dosierung von 15 – 20 mg/kg führt zur Besserung der Serumtransaminasen und Cholestaseparameter und Prognosefaktoren wie Mayo Risk Score, Histologie und Cholangiografie [610]. In keiner der bisher durchgeführten Studien konnte jedoch ein statistisch signifikanter Einfluss auf das Überleben nachgewiesen werden. Eine placebokontrollierte Hochdosis-Therapie-Studie mit 28 – 30 mg/kg Ursodeoxycholsäure führte in einer neuen Studie bei Patienten mit fortgeschrittener PSC sogar zu schlechteren Ergebnissen als in der Kontrollgruppe bez. der definierten Endpunkte wie Lebertransplantation oder Entwicklung von Oesophagusvarizen [576]. Deshalb sollte die Hochdosisbehandlung mit 28 – 30 mg/kg Ursodeoxycholsäure bei Patienten im Endstadium der PSC vermieden werden. Endoskopische Dilatation von größeren Gangstenosen verbessert signifikant den Verlauf und das Überleben der Patienten [611] [612].

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Hautmanifestationen bei Colitis ulcerosa

Statement 9.13 

Typische Hautmanifestationen sind Erythema nodosum (14 – 19 % der Patienten) und Pyoderma gangraenosum (1 – 2 % der Patienten). Überwiegend treten die Effloreszensen im akuten Schub der Erkrankung auf. Die Diagnose erfolgt klinisch. Serologische Marker existieren nicht.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens]

Empfehlung 9.14
  • Bei Erythema nodosum und Pyoderma gangraenosum sollte eine hoch dosierte Steroidtherapie erfolgen und die Colitis ulcerosa in Remission gebracht werden.

  • In therapieresistenten Fällen sollte eine immunmodulatorische Therapie durchgeführt werden.

  • Eine chirurgische Intervention soll nicht durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: A) ↑, B) ↑, C) ↓ ↓]

Erläuterung

Die Biopsie des Pyoderma gangraenosum kann zu einer Exazerbation der Läsion führen und ist daher nicht sinnvoll [613]. Über die Behandlung von Hautmanifestationen liegen weder kontrollierte noch Fallkontrollstudien vor. Umfangreiche Fallserien beschreiben den erfolgreichen Einsatz von hoch dosierten systemischen Steroiden insbesondere beim Erythema nodosum. Fallberichte und Fallserien berichten für das Pyoderma gangraenosum über den erfolgreichen Einsatz einer Reihe von Immunsuppressiva [614] [615].

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Augenmanifestationen bei Colitis ulcerosa

Statement 9.15 

Als extraintestinale Manifestationen treten die anteriore Uveitis (Iritis/Iridocyclitis), die Skleritis und die Episcleritis bei 1,4 – 22,9 % der Patienten mit Colitis ulcerosa auf.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens]

Empfehlung 9.16 

Bei Verdacht auf eine okuläre Manifestation bei Colitis ulcerosa soll eine fachärztliche, ophthalmologische Untersuchung durchgeführt werden. Die Episkleritis soll primär nicht systemisch therapiert werden, sondern die topische Gabe von Kortikosteroiden erfolgen. Die Skleritis soll mit systemischen Kortikosteroiden, ggf. auch mit Immunsuppressiva behandelt werden. Die Uveitis soll je nach Lokalisation mit topischen oder systemischen Kortikosteroiden behandelt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Empfehlung 9.17 

Eine immunsuppressive Therapie kann in resistenten Fällen einer okulären Manifestation durchgeführt werden (C). Zusätzlich kann eine Pupillenerweiterung zur Therapie des Spasmus sowie zur Prophylaxe von Synechien durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Die Datenlage zur Prävalenz ist uneinheitlich [583] [616]. Die Therapieempfehlungen stützen sich lediglich auf Fallberichte und Fallsammlungen [617]. Eine immunsuppressive Therapie mit Azathioprin oder Methotrexat scheint in komplizierten Fällen hilfreich zu sein [618]. Bei therapierefraktärer Uveitis wurden in Fallberichten erfolgreiche Therapien mit Cyclosporin A [619] oder Infliximab [620] beschrieben.

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Osteoporose

Statement 9.18 

Die Häufigkeit einer Osteoporose bei Patienten mit Colitis ulcerosa schwankt zwischen 7 und 18 %, eine Osteopenie liegt bei 34 – 67 % aller Patienten vor. Das Risiko für Wirbelfrakturen oder Hüftfrakturen ist bei Patienten mit Colitis ulcerosa 1,4-fach gegenüber der Normalbevölkerung erhöht.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens]

Empfehlung 9.19 

Eine Knochendichtemessung (DXA) zur Diagnose einer Osteoporose soll bei Patienten durchgeführt werden, die mit systemischen Steroiden längerfristig behandelt wurden und/oder eine chronische Entzündungsaktivität aufweisen.

[Evidenzgrad: C, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

In den gängigen Scores und Startifizierungstabellen geht die Diagnose einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung nicht in die Abschätzung des individuellen Osteoporoserisikos ein. Auch für Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen ist jedoch ein Zusammenhang zwischen Knochendichte und Frakturinzidenz nachgewiesen [621]. Kontrolluntersuchungen der Knochendichte unter Therapie sind frühestens nach einem Jahr indiziert. Andere diagnostische Verfahren sind aufgrund höherer Strahlenbelastung und geringerer Verfügbarkeit (quantitative CT) bzw. fehlender Standardisierung (Osteosonografie) derzeit nicht sinnvoll. In der Diagnostik einer Osteoporose spielen knochenspezifische Laborparameter keine Rolle. Validierte genetische Marker existieren nicht [622].

Empfehlung 9.20 

Im Rahmen einer systemischen Steroidmedikation soll eine Substitution mit Kalzium und Vitamin D erfolgen. Die Therapie der Osteopenie und der Osteoporose soll durch die Substitution mit Kalzium und Vitamin D erfolgen (C). Bei Patienten mit Frakturen soll eine Aminobisphosphonattherapie erfolgen (A).

[Evidenzgrad: siehe Empfehlungstext, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Der Therapieeffekt einer Substitution mit Kalzium und Vitamin D auf die Knochendichte bei Colitis ulcerosa wurde bisher nur in kleinen Studien überprüft. Für die Therapie von Patienten mit steroidinduzierter Osteoporose existiert eine sehr gute konfirmatorische Datenlage [622].

Bisher gibt es keine Daten zur Effektivität einer Therapie mit Aminobisphosphonaten bei Patienten mit Colitis ulcerosa. Auch bei Patienten mit Morbus Crohn ist nicht nachgewiesen, dass die therapeutische Anhebung der Knochendichte die Frakturrate im Sinne einer Primärprävention reduziert. Bei Patienten mit nachgewiesenen Frakturen wird analog der allgemeinen osteologischen Leitlinien bei steroidinduzierter Osteoporose behandelt [622].

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Seltene extraintestinale Manifestationen und extraintestinale Begleiterkrankungen

Statement 9.21 

Neben den oben behandelten gut definierten extraintestinalen Manifestationen bei Colitis ulcerosa gibt es zusätzlich noch weniger gut definierte kasuistisch belegte extraintestinale Manifestationen im Bereich der Lunge, des Herzen, des Pankreas, der Nieren sowie neurologischer Manifestationen. Zusätzlich treten im Sinne von extraintestinalen Begleiterkrankungen im Vergleich zur Normalbevölkerung häufiger Gallensteine, Nierensteine sowie thromboembolische Komplikationen auf.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens]

Erläuterung

Zu dieser Thematik wird aufgrund der niedrigen Prävalenz und der uneinheitlichen Datenlage bei Patienten mit Colitis ulcerosa auf den entsprechenden Text in den Leitlinien Morbus Crohn – Extraintestinale Manifestationen verwiesen.

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Kapitel 10: Psychosomatik, Komplementär- und Alternativmedizin

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Psychosomatik

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Einleitung

Der Einfluss psychosozialer Faktoren auf die Entstehung der Colitis ulcerosa ist gering. Es wird ein mäßiger Einfluss psychosozialer Faktoren auf den Verlauf der Erkrankung angenommen. Ein erweitertes biopsychosoziales Modell [623] [624] berücksichtigt die komplexen biologischen und psychosozialen Interaktionen mit Auswirkungen auf die Lebensqualität und den Krankheitsverlauf bei Patienten mit Colitis ulcerosa.

Statement 10.1 

Belastende Lebensereignisse, psychologischer Stress und psychische Störungen sind nicht ursächlich für die Entstehung der Colitis ulcerosa.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens]

Erläuterung

Eine systematische Übersichtsarbeit fand keine eindeutigen Hinweise, dass prämorbide seelische Störungen einen Risikofaktor für die Entstehung einer Colitis ulcerosa darstellen [625].

Statement 10.2 

Subjektive Stressbelastung und affektive Störungen können einen negativen Einfluss auf den Verlauf der Colitis ulcerosa haben.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens]

Erläuterung

Systematische Literaturübersichten erbrachten widersprüchliche Assoziationen zwischen depressiven Störungen, belastenden Lebensereignissen bzw. subjektiv empfundenem Stress und dem Verlauf bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen [626] [627]. In 13 von 18 prospektiven Studien (10 – 155 Patienten) zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Stress und „adverse outcomes”. Die Qualität der Evidenz wurde teilweise durch methodische Mängel der Studien reduziert [626]. Die Betroffenen erachten psychischen Stress als rezidivauslösend [628] [629].

Statement 10.3 

Eine hohe Krankheitsaktivität kann mit vermehrter psychischer Symptombelastung einhergehen.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens]

Erläuterung

Zwei systematische Übersichtsarbeiten fanden keine einheitlichen Ergebnisse, ob psychische Störungen häufiger bei Patienten mit Colitis ulcerosa und Morbus Crohn auftreten als bei Patienten mit anderen chronischen körperlichen Erkrankungen. Ängstlichkeit und depressive Stimmungslage sind mit der Krankheitsschwere korreliert. Patienten mit Reizdarm-Symptomatik (RDS bzw. IBS) in Remission haben eine erhöhte Rate von psychischen Störungen im Vergleich zu Kontrollgruppen [625] [630]. Die negativen psychosozialen Konsequenzen der Erkrankung nehmen mit der Schwere der Erkrankung zu. Die Lebensqualität wird durch die Krankheitsaktivität beeinträchtigt [631] [632] [633] [634] [635] [636] [637] [638].

Statement 10.4 

Psychische Störungen können einen negativen Einfluss auf den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität haben.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens]

Erläuterung

Psychische Störungen wie Angst und Depression beeinträchtigen auch unabhängig von der Schwere der Colitis ulcerosa die Lebensqualität [632] [635] [639] [640] [641]. Depressive Copingstrategien beeinflussen negativ die zukünftige Lebensqualität [642].

Empfehlung 10.5 

Patienten mit anhaltenden Bauchschmerzen oder Durchfällen, welche nicht durch die Krankheitsaktivität bzw. Krankheitskomplikationen erklärt werden können, sollten auf das Vorliegen eines Reizdarmsyndroms (RDS) oder einer depressiven Störung untersucht werden. Bei Vorliegen eines RDS bzw. einer depressiven Störung sollten die in Leitlinien empfohlenen Therapieprinzipien angewendet werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Eine Subgruppe von Patienten gibt anhaltende Bauchschmerzen und/oder Durchfälle sowie reduzierte Lebensqualität bei fehlender oder geringer laborchemischer und endoskopischer/histologischer Aktivität an. In diesem Fall ist zu überprüfen, ob die Kriterien eines Reizdarmsyndroms erfüllt sind. Die Prävalenzraten eines Reizdarmsyndroms nach den Rom-Kriterien bei klinischen Stichproben liegen zwischen 9 – 46 % [643] [644] [645] [646]. Colitis-ulcerosa-Patienten mit Reizdarmsyndrom (RDS) weisen eine vermehrte psychische Symptombelastung mit Angst/Depressivität und eine geringere Lebensqualität auf als Patienten ohne RDS bzw. komorbide psychische Störungen. Es liegen keine Therapiestudien zur Behandlung eines RDS bei Colitis ulcerosa vor. Die Behandlung sollte gemäß den Leitlinien von gastroenterologischen Fachgesellschaften medikamentös (Spasmolytika, Antidepressiva) und psychotherapeutisch erfolgen [647].

Empfehlung 10.6* 

Psychosoziale Faktoren und die krankheitsbezogene Lebensqualität sollen auch unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Aspekte bei ärztlichen Konsultationen erfragt und in der Therapie berücksichtigt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Zur Messung der Lebensqualität haben sich 2 validierte krankheitsspezifische Fragebogen als sensitiv, reproduzierbar und in klinischen Studien anwendbar erwiesen. So ist für den Inflammatory Bowel Disease Questionnaire (IBDQ) [648] inzwischen eine deutsche Übersetzung validiert [649]. Für den klinischen Alltag bewährt sich die Kurzform SIBDQ [650], von dem die deutschsprachige Version gute Testgütekriterien zeigte [651]. Die Rating Form of Inflammatory Bowel Disease Patient Concerns (RFIPC) [652] misst subjektive Befürchtungen der Patienten.

Alltagstaugliche Screeninginstrumente zur Erfassung des Bedarfs an psychosozialer Behandlung sind der ADAPT (Assessment of the Demand für Additional Psychological Treatment) [640] und der LIPS (Das Lübeck Interview für Psychosoziales Screening) [653]. Zur Erfassung von Depression oder Angst sind wenige Fragen ausreichend [654] [655].

Da Strategien zur sozialen Unterstützung psychologischen Stress vermindern können [656], sollten Gastroenterologen und Ärzte, die Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen behandeln, ihre psychosoziale Kompetenz kontinuierlich weiterentwickeln. Dabei ist zu berücksichtigen, dass psychisch belastete Patienten weniger Informationen aufnehmen [657] und Geschlechtsunterschiede in der Einschätzung der Lebensqualität bestehen [633] [658] [659].

Bei einer Befragung von Mitgliedern der Deutschen Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) zeigte sich eine Einschränkung der Sexualität bei Frauen in Verbindung mit depressiver Verstimmung [660], nicht jedoch bei Männern [660]. In der Untersuchung von Fuller-Thomson et al. [661] dachten in der Gruppe der depressiven Patienten mehr Frauen als Männer an Suizid (50 vs. 31 %). Depressives Coping verbesserte sich nach einer psychotherapeutischen Behandlung nur bei Frauen [662]. In einer postalischen Befragung gaben Frauen häufiger Beeinträchtigungen hinsichtlich Körperbild, Libido und sexueller Aktivität als Männer an [663]. Ängste können zu freiwilliger Kinderlosigkeit führen [663].

Empfehlung 10.7 

Bei der Behandlung von Patienten mit Colitis ulcerosa sollen Kooperationen mit Psychotherapeuten bzw. Psychosomatikern bestehen.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Da nahezu ein Drittel aller Erkrankten in tertiären Zentren einen hohen Bedarf an zusätzlicher psychischer Betreuung angibt, ist die Vermittlung einer psychosomatisch-psychotherapeutischen Behandlung in der klinischen Routine wichtig [664]. Die meisten Experten sehen sich in der Lage, ihren Patienten eine Psychotherapie zu empfehlen. Auch wenn Studien dazu fehlen, wird diese Auffassung von Teilnehmern deutscher und europäischer Konsensusgruppen geteilt [10] [665] [666].

Empfehlung 10.8 

Die behandelnden Ärzte sollen auf die Selbsthilfe hinweisen und die Patienten über ihre Krankheit informieren.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Krankheitsinformationen sollen dem Patienten empathisch in einem persönlichen, emotional stützenden Gespräch vermittelt werden. Schlecht informierte Patienten entwickeln stärkere Befürchtungen [667] und psychosoziale Faktoren wie schlechte Lebensqualität, subjektive Krankheitsbelastung und Depression korrelieren mit dem Inanspruchnahmeverhalten medizinischer Einrichtungen [639] [664]. Patienten beklagen häufig unzureichende Informationen, Mängel bei der Betreuung ihrer Angehörigen und der medizinischen Versorgung [668].

Patientenzentrierte Konsultationen in Verbindung mit schriftlichen Anleitungen zum Selbstmanagement verbessern die Krankheitskontrolle [669] und die Compliance [670]. Schriftliche Informationen alleine erscheinen jedoch nicht hilfreich, sondern können zur Verschlechterung der krankheitsspezifischen Lebensqualität beitragen [671]. Eine webbasierte Schulung steigerte zwar das Wissen und die Möglichkeit der Selbsttherapie, scheint aber nicht die Lebensqualität, Angst oder Depressivität zu verändern [672].

In Langzeituntersuchungen konnte bisher kein Nachweis für einen positiven Einfluss von Schulungsprogrammen auf Krankheitsverlauf, Lebensqualität oder psychisches Befinden erbracht werden [673] [674] [675] [676], obwohl in den meisten Studien die Schulung von den Betroffenen sehr positiv bewertet wurde.

Empfehlung 10.9* 

Bei Patienten mit Colitis ulcerosa und psychischen Störungen soll eine Psychotherapie durchgeführt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Die Diagnose Colitis ulcerosa an sich stellt keine Indikation für eine Psychotherapie dar. Psychotherapiestudien bei Patienten ohne psychische Störungen zeigten geringe oder keine Effekte auf den Krankheitsverlauf [677] [678] [679]. In der ärztlichen Routine ist vorwiegend auf Angst, mangelnde soziale Unterstützung und junges Erkrankungsalter als wesentliche Faktoren für den subjektiven Bedarf an zusätzlicher psychischer Betreuung zu achten [664]. Psychotherapie und Entspannungsmethoden haben einen positiven Einfluss durch die Verbesserung der psychischen Befindlichkeit, der Lebensqualität und der Bewältigungsstrategien sowie die Verminderung der psychischen Stressbelastung und des Schmerzempfindens [662] [680] [681] [682] [683] [684].

Es gibt keine evidenzbasierten Daten für die Wahl einer bestimmten psychotherapeutischen Methode. Entspannungsübungen werden als sinnvoll erachtet, da sie leicht zu erlernen und anzuwenden sind. Eine experimentelle, kontrollierte Studie zum Effekt einer Hypnosebehandlung zeigte, dass bei aktiver Colitis ulcerosa sowohl systemische als auch mukosale Entzündungsparameter durch Hypnose vermindert werden können [685]. Nach Expertenmeinung ist es vorteilhaft, wenn die Psychotherapeuten Erfahrung in der Behandlung von Patienten mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen besitzen und eng mit den behandelnden Gastroenterologen zusammenarbeiten.

Auch wenn bisher keine evidenzbasierten Studien zum Einsatz von Psychopharmaka bei der Colitis ulcerosa vorliegen [630] [686], sind die meisten Experten der Auffassung, dass es klinische Situationen gibt, die den Einsatz von Antidepressiva erfordern.

Empfehlung 10.10 

Kindern und Jugendlichen und ihren Familien soll eine psychosoziale Unterstützung angeboten werden.

[Evidenzgrad: A, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Kinder und Jugendliche mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen haben ein höheres Risiko für die Entwicklung von Verhaltensauffälligkeiten, sozialen Dysfunktionen, niedrigem Selbstwertgefühl oder psychischen Störungen, wie Depressionen (bis zu 25 % der Patienten) oder Angst [687] [688] [689] [690] [691] [692] [693]. Die Lebensqualität von Adoleszenten mit Colitis ulcerosa und Morbus Crohn ist niedriger als die gesunder Kontrollpersonen [694] [695] [696] [697]. Eine Metaanalyse von 19 Studien zur psychischen Anpassung bei 1167 Jugendlichen zeigte häufigere depressive Störungen nicht nur im Vergleich zu gesunden, sondern auch zu anderen chronisch kranken Kindern und Jugendlichen [698]. Die Betroffenen schätzen ihre Bewältigungsstrategien positiver ein als die Eltern [699].

Studien zu psychotherapeutischen Interventionen bei Kindern und Jugendlichen [684] [700] ebenso wie die zu sozialer Unterstützung [701] zeigen positive Effekte auf die Lebensqualität und die Depression.

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Komplementär- und Alternativmedizin

Statement 10.11 

Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition komplementärer und alternativer Therapieverfahren. Der Begriff komplementärmedizinische Verfahren beinhaltet, dass die angewendeten Behandlungsmethoden additiv, d. h. als Ergänzung zu konventionellen Standardtherapien angewendet werden. Verfahren, welche die konventionellen Standardtherapien ausschließen, werden als alternative Therapieverfahren bezeichnet. Unkonventionelle Therapien sind alle Verfahren, die als nicht anerkannt und/oder wissenschaftlich überprüft gelten. Integrative Medizin verbindet konventionelle und komplementäre Therapie zu einer „best practice‘.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens]

Erläuterung

Die Bezeichnung „alternative Therapieverfahren” spiegelt in der Regel nicht die übliche Anwendungssituation wider, da komplementärmedizinische/naturheilkundliche Therapien keinesfalls ein Selbstverständnis beinhalten, eine Alternative zur konventionellen Therapie darzustellen. Die angloamerikanische Literatur unterscheidet weniger in alternativ und komplementär und verwendet den gemeinsamen Terminus „complementary and alternative medicine” (CAM), der sich inzwischen international weitgehend durchgesetzt hat. Neuere Literatur spricht bei kombinierter Anwendung von konventioneller und komplementärer Methoden auch von integrativer Medizin.

Empfehlung 10.12* 

Alternativtherapien anstatt einer evidenzgesicherten Therapie sollen abgelehnt werden.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↓ ↓]

Erläuterung

Wenn Alternativtherapien anstatt einer evidenzgesicherten Therapie benutzt werden, ist dieses abzulehnen, da definitionsgemäß keine äquipotente Wirkung nachgewiesen ist (Phytotherapeutika und andere immunmodulierenden Substanzen mit geprüfter Äquipotenz zu einer Standardtherapie sind somit keine alternativen Heilmittel (siehe unten)). Komplementäre Therapien, welche als Ergänzung einer Standardtherapie angewendet werden, sollten in Absprache mit den behandelnden Ärzten erfolgen und können eine Standardtherapie unterstützen.

Das große öffentliche Interesse an Alternativ- und Komplementärmedizin rechtfertigt eine weitere Evaluation dieser Methoden. Das schließt die folgenden Methoden ein: Traditionelle Chinesische Medizin inkl. Akupunktur, Anthroposophische Medizin, Aromatherapie, Ayurvedische Medizin, Homöopathie, immunmodulative Therapien, manuelle Therapien (Osteopathie, Massagen etc.), Mind/Body Medizin, Nahrungsergänzungsmittel, Naturheilkunde, Qi Gong, Reiki.

Empfehlung 10.13 

Die Beurteilung naturheilkundlicher und komplementärmedizinischer Verfahren soll nach Kriterien einer evidenzbasierten Medizin erfolgen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

Methodik und Fragestellung bestimmen gemäß CONSORT-Konsens die Bewertung einer Evidence-based-Medicine (EBM)-Hierarchisierung. Dieses ist bei der Bewertung komplementärmedizinischer Literatur zu berücksichtigen.

Einige komplementäre Therapieverfahren (sog. komplexe individuelle therapeutische Interventionen) beziehen sich auf das salutogenetische Potenzial des Patienten und bedürfen der nicht verblindeten Arzt-Patienten-Beziehung, da korrigierende Interaktionen durch Verblindung zwischen Arzt und Patient nicht möglich sind. Salutogene Therapieansätze sind meist durch Lern- und Regulationsprozesse gekennzeichnet, die durch eine analoge Beziehungsgestaltung des Lehrers zu seinen Schülern gekennzeichnet ist und als dialogisch charakterisiert werden können. Ein Randomised-controlled-trial (RCT)-Studiendesign ist daher nicht immer durchführbar, dies ist bei einer EBM-Hierachisierung zu berücksichtigen.

Ferner zeichnen sich komplementär- und alternativmedizinische Verfahren meist durch komplexe Verfahrensweisen aus, die durch einfache Wirknachweise eines Einzelfaktors nicht zu belegen sind, sondern systemisch erfasst werden müssen. Dazu sind Outcomestudien im Kohortenvergleich die geeignete Evaluationsmethode und in ihren Ergebnissen meist dem RCT gleichwertig.

Empfehlung 10.14* 

Patient/-innen sollen über die Anwendung komplementärer Heilmethoden befragt werden. Der behandelnde Arzt soll mit ihnen über ihre Gründe für die Anwendung komplementärmedizinischer Verfahren sprechen.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ↑↑]

Erläuterung

In zahlreichen Studien wurde beschrieben, dass etwa die Hälfte der Patienten mit CED komplementäre Heilmethoden anwendet (31 – 68 %) [702] [703] [704]. Bei Kindern mit CED ist der Gebrauch von CAM nicht geringer als bei Erwachsenen.

In einer repräsentativen Studie für Deutschland zu dem Thema lag die Inanspruchnahme bei 52,9 %. Die am häufigsten benutzten komplementären Methoden durch CED-Patienten sind Homöopathie, Phythotherapie, Traditionelle Chinesische Medizin einschließlich Akupunktur, Diäten, Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel. Prädiktoren für den Einsatz komplementärmedizinischer Verfahren sind ein höherer Bildungsstand, eine Vollwerternährung sowie eine kumulative Kortison-Tabletteneinnahme von mehr als 10 g Gesamtmenge. Ein höherer Body-Mass-Index (BMI) war negativ mit dem Einsatz von CAM verbunden.

Drei von vier Patienten gaben dabei Erfahrung mit mehr als einem Verfahren an. Nur 25 % der Patienten fühlten sich ausreichend über komplementäre Verfahren aufgeklärt. Bis zu 80 % gaben aber Interesse am Einsatz von komplementären Verfahren in der Zukunft an.

30 – 70 % der Patienten informiert ihre Ärzte/innen nicht über die Anwendung komplementärer Heilmethoden. Die Anwendung und das Verschweigen komplementärer Heilmethoden wird durch die konventionell behandelnden Ärzte unterschätzt. Als Gründe für die Anwendung komplementär-medizinischer Verfahren wurden in den Studien die Suche nach der optimalen Therapie, der Wunsch ohne Kortison auszukommen, Nebenwirkungen der konventionellen Therapie, der Wunsch nach Stärkung der Eigenaktivität und der Eigenverantwortung, ein ganzheitlicher Therapieansatz sowie Unzufriedenheit mit der konventionellen Therapie und (relatives) Therapieversagen genannt. Bei Kindern korrelierte der Gebrauch von CAM mit der Zunahme von Fehlstunden in der Schule, Internetgebrauch und einem schlechterem Verlauf der CED.

Empfehlung 10.15 

Curcumin kann in der remissionserhaltenden Behandlung komplementär zu 5-ASA eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

In einer prospektiv, randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Multicenterstudie [705] wurde 2 × 1 g/d Curcumin komplementär zu Sulfasalazin oder Mesalazin in der remissionserhaltenden Therapie bei Colitis ulcerosa über einen Zeitraum von 6 Monaten untersucht (22 Patienten in der Verumgruppe). Es zeigte sich ein signifikanter Gruppenunterschied in Hinblick auf die Rezidivhäufigkeit, CAI und einem endoskopischen Index zugunsten der Verumgruppe zum Therapieende. Es zeigte sich kein Unterschied im Hinblick auf die Nebenwirkungen.

Empfehlung 10.16 

Plantago ovata kann in der remissionserhaltenden Behandlung eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

In einer 3-armigen prospektiv, randomisierten, aktiv-kontrollierten, Open-label-Studie [706] wurden eine remissionserhaltende Therapie mit Plantago ovata (2 × 10 g/d), mit Mesalazin (3 × 500 mg/d) und einer Kombinationstherapie aus beiden Medikamenten in einer Gruppe von 102 Patienten untersucht. Zum primären Endpunkt der Studie in Form der Remissionserhaltung nach 12 Monaten zeigte sich kein signifikanter Gruppenunterschied.

Empfehlung 10.17 

Mind-Body-Therapie kann komplementär zur Verbesserung der Lebensqualität eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

In einer prospektiv, randomisiert, kontrollierten Studie im Wartegruppendesign [682] [683] konnten mit einem Lebensstilmodifikationsprogramm (Bewegung, Ernährung, Selbsthilfestrategien, Stressmanagement) über 10 Wochen bei Patienten in Remission oder mit geringer Krankheitsaktivität eine durchschnittliche Verbesserung des IBDQ zum Therapieende um 20 Punkte in der Interventionsgruppe erreicht werden (eine individuelle Verbesserung von 16 Punkten wird als klinisch relevant beurteilt). Der Psychische Summenscore im SF 36 zeigte eine signifikante Verbesserung im Vergleich zur Wartekontrollgruppe. In der Katamnese nach 12 Monaten ließ sich kein signifikanter Gruppenunterschied mehr nachweisen.

Empfehlung 10.18 

Akupunktur (mit Moxibustion) kann im leicht bis moderaten Schub komplementär in der Therapie eingesetzt werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: Konsens, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

In einer prospektiv, randomisierten und kontrollierten Studie [707] wurde die Akupunktur und Moxibustion (10 Sitzungen in 5 Wochen) bei leicht bis moderat aktiver Colitis ulcerosa im Vergleich zu oberflächlicher Nadelung an Nicht-Akupunkturpunkten untersucht.

Der CAI nahm nach der Akupunkturbehandlung gegenüber der Kontrollgruppe signifikant ab. Die sekundären Endpunkte: Verbesserung der Lebensqualität und Verbesserung des Allgemeinzustands zeigten keinen signifikanten Gruppenunterschied zum Ende der Therapie.

Eine Metaanalyse in chinesischer Sprache [708] zur Akupunktur liegt vor (Abstrakt auf Englisch) – mit positivem Outcome für Akupunktur bei insgesamt niedriger Bewertung der Qualität der eingeschlossenen Studien.

Empfehlung 10.19 

Trichuris suis ovata (TSO) kann im leicht bis moderaten Schub die Krankheitsaktivität senken. Das Präparat ist in Deutschland nicht zugelassen. Eine generelle Empfehlung kann derzeit nicht gegeben werden.

[Evidenzgrad: B, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ← →]

Erläuterung

In einer prospektiv, randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten monozentrischen Studie [709] wurden eine Therapie mit 2500 Trichuris-suis-Eiern alle 2 Wochen über 12 Wochen bei aktiver Colitis ulcerosa (CAI > 4) untersucht. Zum Therapieende zeigte sich ein signifikanter Gruppenunterschied in Hinblick auf den CAI zugunsten der Verumgruppe. Es zeigten sich keine schwerwiegenden Nebeneffekte. Das Präparat ist in Deutschland als Medikament nicht zugelassen.

Empfehlung 10.20 

Eine Empfehlung für die Anwendung weiterer unkonventioneller Verfahren kann nicht gegeben werden, da die Datenlage unzureichend ist.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: starker Konsens, Empfehlungsstärke: ← →]

Erläuterung

In einer einzigen, lediglich in chinesisch publizierten randomisierten, doppelblind kontrollierten Studie [710] mit 153 Colitis-ulcerosa-Patienten wird eine Therapie mit traditionell chinesischer Medizin (Jian-Pi-Ling-Tabletten) signifikant wirksamer beschrieben als in den beiden Kontrollgruppen (behandelt mit SASP in Kombination mit Dexamethason-Einläufen und Placebo). Für Tormentill (Blutwurz) liegt eine Open-label-Dosis-Eskalationsstudie [711] vor.

Eine offene, nicht randomisierte Studie [712] [713] zu Weihrauch mit 50 Patienten mit Colitis ulcerosa konnte keinen Unterschied zwischen Boswellia-serrata-Gummiharz und Sulfasalazin nachweisen.

In einer prospektiv, randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie [714] wurde 100 ml Aloe-vera-Gel über 4 Wochen (30 Pat. Verum : 14 Placebo) bei leicht bis mäßiggradiger Colitis ulcerosa untersucht. Aufgrund statistischer Mängel der Studie kann daraus eine Therapieempfehlung nicht abgeleitet werden.

Empfehlung 10.21 

Aufgrund des hohen Anteils an Patienten, die komplementärmedizinische Therapien anwenden, sollten Ärzte sich über diese Verfahren informieren.

[Evidenzgrad: D, Konsensusstärke: mehrheitliche Zustimmung, Empfehlungsstärke: ↑]

Erläuterung

Ursache einer Anwendung von CAM durch Betroffene ist u. a. eine Unzufriedenheit mit der konventionellen Therapie (s. o.). Viele Betroffene sehen sich nicht durch die naturwissenschaftlich orientierte konventionelle Medizin in ihrer komplexen mehrdimensionalen Persönlichkeit erfasst. Die Auffassungen von Arzt und Patient zum Krankheitsverständnis und den Umgang mit der Erkrankung, wie auch zum Selbstbild und Weltbild, unterscheiden sich häufig. So kommt es dazu, dass außerhalb der ärztlichen Versorgung Beratung und Hilfe von CAM-Therapeuten gesucht wird (z. B. bei Heilpraktikern). Nicht selten verfahren die Betroffenen dabei ‚zweigleisig‘: Der Facharzt therapiert konventionell und der Patient sucht parallel nach weiteren Therapiemöglichkeiten, ohne dass der Arzt Kenntnis von den zusätzlich angewandten CAM-Verfahren erhält und der CAM-Therapeut entbehrt den speziellen medizinischen Sachverstand bei Colitis ulcerosa. 15 – 50 % der CED-Patienten berichten ihren behandelnden Ärzten nicht vom Gebrauch der komplementären Therapie aus Angst vor herabsetzender Bewertung durch den Arzt. Andererseits fragen weniger als 20 % der behandelnden spezialisierten CED-Ärzte den Patienten nach dem Gebrauch von CAM. Um hier Gefahren zu minimieren, sollte eine ‘Zweigleisigkeit‘ der Therapie durch den Betroffenen vermieden werden und eine enge Abstimmung der Therapieverfahren erfolgen. Dazu sind ausreichende Kenntnisse der komplementären Therapieverfahren beim primär behandelnden Arzt erforderlich. Nur eine kompetente und sachliche Beratung auch auf dem Gebiet von CAM durch den primär behandelnden Arzt kann diese Zweigleisigkeit für den Patienten vermeiden. Idealerweise ist ein integratives Konzept anzustreben, bei dem konventionelle und komplementäre Therapieverfahren zu einer ‚best practice‘ verschmelzen (WHO-Definition von integrativer Medizin).

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Literatur

Prof. Dr. Axel Dignass

FEBG, AGAF, Medizinische Klinik I, Agaplesion Markus Krankenhaus

Wilhelm-Epstein-Str. 4

60431 Frankfurt/Main

Telefon: ++ 49/69/95 33 22 01

Fax: ++ 49/69/95 33 22 91

eMail: axel.dignass@fdk.info

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Literatur