Dialyse aktuell 2011; 15(3): 132
DOI: 10.1055/s-0031-1276655
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Kommunikationsserie Teil 2 – Welches Ohr darfs denn sein?

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Publication Date:
08 April 2011 (online)

 
Table of Contents

Im ersten Teil dieser Artikelreihe ging es um kritische Dialoge zwischen Kollegen. Zur Erinnerung:

Bernd: "Ist noch Kaffee da?" - Nadja (schnippisch): "Ich hab' jetzt leider keine Zeit, schon wieder welchen zu kochen!" Sie knallt die Tür beim Hinausgehen.
Hans in der Teambesprechung: "Man müsste mal wieder die Maschinen im ersten Stock reinigen." Nach 3 Tagen ist noch nichts passiert. Hans ist frustriert.
Jörg: "Du, Melanie, die Maschine in Zimmer 2 war heute früh nicht richtig angeschlossen." Melanie (gereizt): "Ich hatte heute aber Zimmer 3, ich kanns also ausnahmsweise mal nicht gewesen sein." Sie lässt ihn stehen.

In allen Fällen wurde die Botschaft nicht so verstanden, wie sie gemeint war. Dies führte zu Frust und Aggression.

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Vier Seiten einer Botschaft

Das "Vier-Ohren-Modell" diente uns als Erklärungsansatz. Danach hat jede Botschaft mehrere Inhalte, die man mit unterschiedlichen "Ohren" wahrnehmen kann:

  • Das "Sachohr" nimmt den wörtlichen Sinn der Botschaft auf.

  • Das "Appellohr" nimmt wahr, wozu mich der Sender auffordert.

  • Das "Beziehungsohr" sagt mir, was der Sender über mich und unsere Beziehung ausdrückt.

  • Das "Selbstoffenbarungsohr" hört, was der Sender über sich selbst sagt.

Betrachten wir ein anderes Beispiel, um die 4 Seiten einer Botschaft zu beschreiben: Die Frage "Kannst du nächsten Montag die Nachmittagsschicht für mich übernehmen?" transportiert folgende Inhalte:

  • Sachinhalt: "Ich möchte wissen, ob du die Schicht für mich übernehmen kannst."

  • Appellinhalt: "Bitte übernimm meinen Dienst." oder "Ich erwarte, dass du meinen Dienst übernimmst."

  • Beziehungsinhalt: "Ich frage dich, weil ich glaube, du machst das am besten." oder "Du bist ja immer so dumm, für andere einzuspringen, deshalb frage ich dich."

  • Selbstoffenbarungsinhalt: "Ich brauche (dringend) deine Hilfe."

Der Angesprochene kann die Botschaft unterschiedlich verstehen. Und je nachdem, wie er "gestrickt" ist, wird er reagieren. Es fällt auf, dass Appell- und Beziehungsinhalt in mehrere Richtungen interpretierbar sind, für Sach- und Selbstoffenbarungsinhalt gilt das weniger. Dadurch bekommen Appell- und Beziehungsohr Schlüsselrollen für die Interpretation der Botschaft.

Wenn wir uns im Alltag genau beobachten, stellen wir fest, dass wir besonders empfindlich reagieren, wenn wir Äußerungen als Appell- oder als Beziehungsbotschaft verstehen. Appelle erinnern uns an Lehrer oder Eltern, in Beziehungsbotschaften steckt eine Bewertung. Deshalb haben wir eine besondere Sensibilität gegenüber diesen Teilen einer Botschaft, also gewissermaßen von Natur aus, vergrößerte Appell- und Beziehungsohren.

In unseren Praxisbeispielen wird die Frage "Ist noch Kaffee da?" als Appell ("Mach endlich Kaffee!") verstanden, die Bemerkung "Die Maschine war nicht richtig angeschlossen!" als Schuldzuweisung ("Du machst im Gegensatz zu mir immer etwas falsch!"). Dementsprechend fallen die Reaktionen der Empfänger aus.

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Erkennen Sie den eigenen Ohrtyp

Es gibt Personen, bei denen die Appell- und Beziehungsohren überdurchschnittlich groß sind. Sie neigen häufiger als andere zu "negativen" Interpretationen. Die Ursachen für diese "Hellhörigkeit" sind vielfältig. Also Vorsicht! Es geht hier weder um psychische Erkrankungen, noch um "Ohrgestörte"! Jede Wahrnehmungspräferenz hat ihre guten Gründe. Darüber hinaus ist die "Ohrengröße" auch von Faktoren wie Tagesform, Situation, Gesprächspartner etc. abhängig. Ein Schubladendenken im Sinne von "Der ist halt eine Mimose!" oder Ähnliches wird diesem Thema nicht gerecht.

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Ich empfehle jedem, sich selbst zu fragen, was für ein "Ohrtyp" er/sie eigentlich ist. Vielleicht stößt man dann auf Erklärungen für lang anhaltende Konflikte oder Störungen. Oder man identifiziert seine "Achillesohren", die eine "Hellhörigkeit" für bestimmte Botschaften verursachen, und merkt, warum man mit dem einen oder der anderen scheinbar nicht "kompatibel" ist. Um die eigene Wahrnehmung und Kommunikation zu verbessern, sollte man sich Folgendes vornehmen:

  • Als Sender achte ich darauf, mich möglichst ehrlich und eindeutig auszudrücken. Ich sage also "Mach doch bitte Kaffee!", wenn ich das möchte, oder "Ich glaube, Du hast einen Fehler gemacht!", wenn ich das meine. Denn dort, wo ich einen Interpretationsspielraum lasse, wird dieser immer vom Empfänger ausgefüllt. Und zwar nach seinem "Strickmuster".

  • Als Empfänger mache ich mir bewusst, mit welchen "Ohren" ich besonders gut höre. Ich frage mich, ob etwas wirklich so gemeint sein könnte, wie ich es verstanden habe. Im Zweifelsfall frage ich den Sender, wie er es gemeint hat.

Das klingt vielleicht kompliziert und zeitraubend. Im wirklichen Leben ist es aber viel einfacher. Denn für die Interpretation der meisten wichtigen Botschaften gibt es stillschweigende "Vereinbarungen" (Konventionen). Ein Beispiel dafür ist die Frage "Kannst du mir sagen, wie spät es ist?" In der Regel nennt der Angesprochene dann die Uhrzeit, anstatt nur mit "Ja" zu antworten. Der in der Botschaft enthaltene Appell ist also eine allgemein akzeptierte Konvention, obwohl die Botschaft lauten müsste "Sag mir bitte die Uhrzeit!"

Der Leitsatz über allem, was ich Ihnen heute dargelegt habe, stammt von Immanuel Kant und lautet: "Wir sehen die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie wir sind." Es lohnt sich, ab und zu daran zu denken. Im nächsten Teil geht es um den Umgang mit Konflikten.

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