Pneumologie 2010; 64(7): 450-452
DOI: 10.1055/s-0030-1255513
Workshop

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Brachyzephalie bei Hund und Katze: eine „menschengemachte” Obstruktion der oberen Atemwege

G.  U.  Oechtering1 , C.  Schlüter1 , J.  P.  Lippert1
  • 1Klinik für Kleintiere, Veterinärmedizinische Fakultät der Universität Leipzig
Further Information

Gerhard Oechtering

Klinik für Kleintiere, Veterinärmedizinische Fakultät der Universität Leipzig

An den Tierkliniken 23
04103 Leipzig

Email: [email protected]

Publication History

Publication Date:
14 July 2010 (online)

Table of Contents #

Zusammenfassung

Durch übertriebene Zuchtauslese wurde bei vielen brachyzephalen Rassen die Nase nahezu „weggezüchtet”, mit erheblichen anatomischen und funktionellen Konsequenzen.

Zusätzlich zu respiratorischen und olfaktorischen Aufgaben ist die Hundenase von vitaler Bedeutung für die Thermoregulation. Hunde sind obligate Nasenatmer und leiden bei jeder Einschränkung der nasalen Ventilation wesentlich stärker als der Mensch.

Eine offene Diskussion in der Gesellschaft muss das Handlungsbedürfnis von Behörden und Zuchtverbänden steigern, die Zucht auf extreme Brachyzephalie als tierschutzrelevante Form der Qualzucht zu erkennen und entsprechend zu handeln.

#

Abstract

Selective breeding for exaggerated features caused in many brachycephalic dog and cat breeds virtually a loss of the nose, with serious anatomical and functional consequences.

In addition to respiratory and olfactory tasks, in dogs the nose is of vital importance for thermoregulation. As obligatory nose breathers, dogs suffer far more than humans when their nasal ventilation is restricted.

An open discussion in the broad public has to motivate authorities and kennel clubs to recognize extreme brachycephalic breeding as seriously affecting animal health and welfare.

#

Vorbetrachtungen

Treten bei der Hundezucht gebrauchsorientierte Interessen (z. B.: Jagd-, Dienst- und Hütehunde) in den Hintergrund – und nimmt damit die Notwendigkeit ab, gesunde und leistungsfähige Hunde zu züchten – so kann die Überbetonung äußerlicher Merkmale zur Einschränkung physiologischer Organfunktionen führen. Kurzköpfige Hunde- und Katzenrassen erfreuen sich wegen ihres stupsnasigen Aussehens (Kindchenschema [1]) und ihres in der Regel sehr menschenfreundlichen Wesens weltweit zunehmender Beliebtheit. Brachyzephale Rassen haben eine angeborene Wachstumshemmung des Splanchnokraniums, dadurch behalten auch adulte Tiere ein welpenartiges Aussehen. Kurzköpfige Rassen gelten als relativ alt, brachyzephale Hundeschädel wurden bereits in der Asche Pompeis gefunden [2]. In den vergangenen Jahrzehnten wurde durch übertriebene züchterische Selektion die Schädelform derart verkürzt, dass heute gravierende Atemprobleme ein hervorstechendes Merkmal dieser Rassen sind. Angestrengte Atmung in Ruhe, schnarchende Atmungsgeräusche (auch in wachem Zustand!), Schlafapnoe und ausgeprägte Belastungs- und Wärmeintoleranz sowie eine Vielzahl weiterer, nicht-respiratorischer Probleme gelten als klassische Symptome. Damit sind im Tierschutzgesetz definierte Kriterien der Qualzucht klar erfüllt.

#

Anatomische Betrachtungen und neuere Erkenntnisse

Bisher wurden als typische patho-anatomische Veränderungen eine Trias aus stenotischen Nares, überlangem Palatum molle und evertierten seitlichen Kehlkopftaschen beschrieben [3]. Wir haben die bisher nicht beschriebenen Auswirkungen eines dramatisch reduzierten „Mittelgesichtes” auf die nasalen Binnenstrukturen untersucht. Hierfür wurden über dreihundert zur Diagnostik und Behandlung schwerer respiratorischer Beschwerden überwiesene brachyzephale Hunde und Katzen einbezogen. Die oberen Atemwege wurden computertomografisch und endoskopisch dargestellt; Hauptaugenmerk lag auf Struktur und Ausdehnung der Nasenmuscheln. Kraniometrische Untersuchungen sollten das Verhältnis von Splanchnokranium zu Neurokranium beschreiben [4], rhinometrische Untersuchungen die Relevanz von computertomografisch oder endoskopisch festgestellten Stenosen verdeutlichen [5]. Pathohistologische Untersuchungen von physiologischen und brachyzephalen Nasenmuscheln sollten Aufschluss über die Veränderungen in der Feinstruktur geben [6]. Die Ergebnisse unserer Untersuchungen offenbarten, dass die extreme Verkürzung des Splanchnokraniums zu dramatischen Veränderungen aller nasalen Binnenstrukturen geführt hat [4] [7], was folgende strukturelle und funktionelle Konsequenzen nach sich zieht:

  • Nares und Vestibulum: Anders als beim Menschen ist der Nasenvorhof beim Hund nicht leer. Er wird ausgefüllt von einem voluminösen, nach kaudal ziehenden Nasenflügel, der in die Flügelfalte übergeht. Die Stenose des Naseneingangs von brachyzephalen Hunden ist wesentlich komplexer als bisher angenommen. An eine von außen gut sichtbare Stenose der Nares schließt sich eine nur endoskopisch darstellbare ausgeprägte Stenose des Vestibulums an.

  • Nasenhöhle: Verkleinert man durch Zuchtauslese den knöchernen Rahmen eines Organs auf weniger als ein Drittel der natürlichen Größe ([Abb. 1]), muss dies für die darin enthaltenen Strukturen erhebliche Konsequenzen haben. Im Gegensatz zu den relativ einfach aufgebauten Nasenmuscheln des Menschen, haben Hunde und Katzen hochkomplexe, extrem fein verzweigte Konchenstrukturen. Bei Brachyzephalen sind die Nasenmuscheln im Verhältnis zur umgebenden knöchernen Begrenzung wesentlich zu groß und wir sprechen von einer relativen Konchenhypertrophie. Sie führt dazu, dass die feinen Lamellen der Nasenmuscheln bis zum Kontakt miteinander wachsen und kaum noch Raum für die durchströmende Luft bleibt. Zusätzlich wachsen Muschelanteile als aberrante Conchen in Atemwege hinein und verlegen diese. Man kann zwischen „rostralen aberranten Conchen” (RAC) und „kaudalen aberranten Conchen” (CAC) differenzieren [8]. Auch die Feinstruktur der Conchen ist bei brachyzephalen Tieren hochgradig verändert. Vergleicht man die Dicke einzelner Lamellen, sind diese bei einem 10 kg schweren Mops doppelt so dick, wie die eines 40 kg schweren Schäferhundes [6].

  • Thermoregulation: Die Hundenase hat zusätzlich zu den klassischen respiratorischen und olfaktorischen Aufgaben eine zentrale thermoregulatorische Funktion. Hunde können nicht schwitzen wie der Mensch, sie hecheln. Dabei wird, anders als oft irrtümlich angenommen, die Einatemluft über die Nase durch das feine Lamellensystem der großen ventralen Muschel geleitet [9] und erzeugt dort auf den über eine eigene Drüse (Gl. nasalis lateralis) befeuchteten Schleimhäuten sehr effektiv Verdunstungskälte. Diese Funktion ist bei brachyzephalen Tieren infolge der reduzierten nasalen Ventilation stark eingeschränkt und führt zu Wärmeintoleranz und verlängerten Erholungszeiten nach Belastung.

Zoom Image

Abb. 1 Sagittales Computertomogramm des Hundeschädels [4]: oben normozephal (Schäferhund), unten brachyzephal (Mops).

#

Literatur

Gerhard Oechtering

Klinik für Kleintiere, Veterinärmedizinische Fakultät der Universität Leipzig

An den Tierkliniken 23
04103 Leipzig

Email: [email protected]

#

Literatur

Gerhard Oechtering

Klinik für Kleintiere, Veterinärmedizinische Fakultät der Universität Leipzig

An den Tierkliniken 23
04103 Leipzig

Email: [email protected]

Zoom Image

Abb. 1 Sagittales Computertomogramm des Hundeschädels [4]: oben normozephal (Schäferhund), unten brachyzephal (Mops).