Problemlösungen schaffen manchmal neue Probleme, die ungleich größer sind als die,
die es zu beseitigen galt. Auch Entwicklungshilfe kann "verschlimmbessern": die folgenschwerste,
durch Menschen verursachte Massenvergiftung in Bangladesch belegt dies eindringlich
[1]. Arsenkonzentrationen um 10 µg pro Liter im Trinkwasser verursachen nach einigen
Jahren erhebliche Gesundheitsstörungen wie Hautveränderungen, Anämie, Krebserkrankungen
an der Haut, Lunge oder Niere, Schwangerschaftserkrankungen und Totgeburten [2], [3].
70 Millionen Menschen in Bangladesch trinken Wasser mit mehr als 10 µg Arsen pro Liter,
bei etwa 30 Millionen enthält das Trinkwasser mehr als 50 µg Arsen pro Liter. Die
landwirtschaftliche Nutzung von arsenhaltigem Wasser führt dazu, dass die Nutzpflanzen
Arsen aufnehmen - dies geschieht vor allem beim Reisanbau. In den von Arsenvergiftung
betroffenen Regionen werden sich die Morbiditäts- und Mortalitätsprofile erheblich
verändern [4], [5]. Die Problematik ist ausführlich beschrieben [6], [7] und soll hier nur unter aktuellen Gesichtspunkten ergänzt werden.
Arsentrinkwasserbelastung ist ein weltweites Problem
Arsentrinkwasserbelastung ist ein weltweites Problem
Das Arsenproblem Bangladeschs ist kein regional begrenzter Einzelfall, sondern ein
weltweites Problem [8]. In Bergbauregionen, in denen Mineralien durch Wasserausspülung gewonnen werden,
sind Arsenbelastungen des Trinkwassers seit Längerem bekannt: In Westbengalen und
Zentralindien sollen 35-40 Millionen Menschen betroffen sein. In der inneren Mongolei
(China) sind etwa 50 000 Menschen betroffen, im Südwesten von China 26 000 Personen
in der Umgebung des Yangzonghai-Sees (Yunnan), aus dem Trinkwasser bezogen wird. Zahlreiche
Gewässer in der Nähe von Industriestandorten sind unter anderem in China durch Müll
und Abwässer verunreinigt. Das Arsenproblem dürfte in diesen oft nicht untersuchten
Regionen daher ausgeprägt sein.
Weitere Zehntausende Menschen in Vietnam, Taiwan, Ungarn, Armenien und seinen Nachbarstaaten,
in den USA, Mexiko, Chile und Argentinien leben mit hohen Arsentrinkwasserkonzentrationen.
Aufgrund der Ereignisse in Bangladesch wurden in Nepal und Burkina Faso Proben aus
Trinkwasserpumpen entnommen und dabei ähnliche Belastungen mit Arsen gefunden. Weitere
Untersuchungen und Daten zu Afrika fehlen mit Ausnahme von Ghana [9]. Kontaminationen wären aber bei den dort sehr zahlreich angelegten Bohrbrunnen in
der Nähe von Bergbau oder Schürfregionen nicht überraschend.
Bild: Corel Stock Japan II
Schadensbegrenzung und Gegenmaßnahmen
Schadensbegrenzung und Gegenmaßnahmen
Aus Bangladesch wurde im September 2008 jetzt auch über starke Belastungen der Nahrungskette
(Reis, Gemüsepflanzen) berichtet [10]. Das "Bangladesh Rice Research Institute" wirbt daher für Verhaltensänderungen,
wie für weniger Bewässerung und für den Anbau von Pflanzen, die weniger Wasser benötigen
(Mais u. a.). UNICEF ("United Nations International Children's Emergency Fund") und
BGS ("British Groundwater Survey"), die wesentlich an der Verursachung des Problems
in Bangladesch beteiligt waren, bemühen sich im Rahmen neuer Projekte um Schadensbegrenzung
[11], [12].
Arsen kann aus mineralhaltigen Kieseln durch Oxidations- und Reduktionsprozesse freigesetzt
werden, wenn sie periodisch getrocknet und gewässert werden. Weltweit müssten daher
Trinkwasserbrunnen, deren Grundwasserleiter in Trockenperioden versiegen, auf Arsenbelastungen
getestet und gegebenenfalls stillgelegt werden. Bei Einreisenden aus ländlichen Regionen
der hier genannten Länder muss zunehmend mit einer chronischen Arsenbelastung und
den entsprechenden klinischen Folgen gerechnet werden.
Dr. Helmut Jäger, Hamburg