Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2008; 43(11/12): 734-744
DOI: 10.1055/s-0028-1104613
Fachwissen
Anästhesiologie
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Anästhesie berim akuten Abdomen – Aspekte des perioperativen Managements

Anesthesiological management of patients with an acute abdomenSamir G. Sakka, Frank Wappler
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Publication Date:
18 November 2008 (online)

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Zusammenfassung

Patienten mit einem akuten Abdomen weisen erhebliche physiologische und pathophysiologische Veränderungen auf, welche die Durchführung einer Allgemeinanästhesie herausfordernd aber auch zugleich für den Patienten potentiell gefährlich werden lassen. Ein breites und fundiertes Wissen sowie Verständnis der pathophysiologischen Mechanismen der Organfunktionen während der Anästhesie und die Auswahl geeigneter anästhesiologischer Vorgehensweisen sind entscheidend für ein erfolgreiches perioperatives Management. Das Ziel besteht in der Durchführung einer adäquaten Anästhesie unter Aufrechterhaltung der kardiovaskulären Stabilität. Die Überwachung und das Management von Säure–Basen–Haushalt und Herz–Kreislauffunktionen dienen zur Gewährleistung einer suffizienten Gewebeoxigenierung im Rahmen der perioperativen Phase. Auch das postoperative anästhesiologische Management kann den weiteren Verlauf nachhaltig beeinflussen und sollte daher bei der Planung und Durchführung der Anästhesie berücksichtigt werden. Letztlich stellt eine adäquate Schmerztherapie bei all diesen Patienten einen wichtigen und nicht zu unterschätzenden Anteil in der Behandlung dar. Dieser Artikel dient dazu, einen Überblick über die wesentlichen Aspekte der verschiedenen Teilgebiete für das anästhesiologische Management von Patienten mit einem akuten Abdomen zu liefern.

Abstract

Patients with an acute abdomen present with marked deterioration in physiological and pathophysiological conditions, which make general anesthesia to a challenging but also potentially dangerous procedure. A broad and fundamental knowledge of the pathophysiologically involved mechanisms of cardiovascular functions during anesthesia and appropriate anesthesiological approach are crucial for a successful peri–operative management. The anesthesiologist's goal is to perform adequate anesthesia while maintaining cardiovascular stability. Monitoring and management of acid–base–status as well as cardiovascular functions are required to maintain sufficient tissue oxygenation during anesthesia. The postoperative anesthesiological management may also crucially influence the further course and therefore should be considered in the anesthesiological planning. Finally, adequate pain management in all these patients is an important and not to underestimate part in the treatment. This article gives an overview on the major aspects in the different fields in the anesthesiological management of patients with an acute abdomen.

Kernaussagen

  • Beim akuten Abdomen kann es, je nach Ursache, u. a. zu Hypovolämie, Schock, Sepsis oder Multiorganversagen kommen. Die Therapie zielt darauf, jede Minderversorgung der Organsysteme rasch zu beheben.

  • Die klinischen Maßnahmen zur Steigerung des Herzzeitvolumens sollten zunächst eine Optimierung der kardialen Vorlast durch Ausnutzung des Frank–Starling–Mechanismus über eine adäquate Volumentherapie beinhalten.

  • Je dringlicher der operative Eingriff ist, desto weniger zeitaufwendige präoperative Diagnostik ist indiziert. So können die bei einem elektiven Eingriff erforderlichen Voruntersuchungen aufgrund des Zeitaufwandes absolut kontraindiziert sein.

  • Es liegt keine wissenschaftliche Evidenz zur Auswahl des am besten geeigneten Anästhesieverfahrens vor. Prinzipiell kommen sowohl eine Regional– als auch eine Allgemeinanästhesie infrage.

  • Bei Patienten mit akutem Abdomen und Allgemeinanästhesie gelten die üblichen anästhesiologischen Ziele: Analgesie, Anästhesie, vegetative Stabilität und Muskelrelaxation unter Aufrechterhaltung der O2–Versorgung der Gewebe.

  • Bei Patienten mit akutem Abdomen und Allgemeinanästhesie ist eine sog. „Ileuseinleitung” (Rapid Sequence Induction, RSI) angezeigt.

  • Eine Aspiration gehört zu den aufklärungspflichtigen Narkosezwischenfällen und kann erhebliche juristische Folgen mit sich bringen.

  • Eine invasive arterielle Blutdruckmessung erlaubt die Bewertung der „fluid responsiveness” anhand dynamischer Parameter, welche bei Patienten mit positiver Druckbeatmung (im Vergleich zu den Füllungsdrücken) eine zuverlässigere A–priori–Abschätzung bietet, ob eine Volumengabe zu einer Zunahme des Herzzeitvolumens führen wird.

  • Bei einer akuten hämodynamischen Instabilität, insbesondere bei kardialen Vorerkrankungen und Zeichen eines Rechtsherzversagens, stellt gemäß nationalen und internationalen Empfehlungen die Echokardiografie das Verfahren Wahl dar.

  • Nationale und internationale Leitlinien zur Diagnostik und Therapie der Sepsis beinhalten die Herdsanierung, eine frühe und adäquate antibiotische Therapie sowie die Einbeziehung der zentralvenösen O2–Sättigung zur Steuerung der Volumen–, Katecholamintherapie und Transfusionspraxis.

Literaturverzeichnis

Priv.–Doz. Dr. med. Samir G. Sakka
Prof. Dr. med. Frank Wappler

Email: sakkas@kliniken-koeln.de

Email: WapplerF@kliniken-koeln.de