Rofo 2026; 198(02): 250-252
DOI: 10.1055/a-2746-2823
BDR-Mitteilungen

X-RAY – Die Macht des Röntgenblicks

DIE SICHTBARMACHUNG DES UNSICHTBAREN
     

    In den Abendstunden des 8. November 1905 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen in seinem Würzburger Labor die Durchleuchtungskraft der X-Strahlen. Diese für die Medizin so bahnbrechende Entdeckung inspirierte ebenso Kunst, Politik, Literatur, Architektur, Mode und Film.

    Exakt 130 Jahre später, am 8. November 2025, eröffnete Dr. Ralf Beil, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte die Ausstellung X-RAY. Es ist die erste Ausstellung überhaupt, die sich umfassend dem Phänomen der Röntgenstrahlen und den zahlreichen kulturellen und künstlerischen Aspekten des Röntgenblicks widmet.

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    Generaldirektor und Kurator Ralf Beil bei der Eröffnungsrede vor der Neukartierung des Weltraums
    © Oliver Dietze/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    Jens Harder, The X-Ray Story, 2025 Graphic Novel
    © Jens Harder/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    Siegeszug der Röntgentechnik
    X-RAY, Ausstellungsansicht

    © Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte

    In der beeindruckenden Maschinenlandschaft der Gebläsehalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte erwartet die Besucher:innen ein Erlebnisparcours, der die einzigartige Kraft des Röntgenblicks in 18 thematischen Kapiteln – von den ersten historischen Röntgenapparaten und Röntgenbildern über den „Gläsernen Menschen“ bis hin zu modernen Anwendungen wie der Computertomographie und der Weltraumforschung – widerspiegelt.

    Der Röntgenblick ist deshalb so faszinierend, weil er tatsächlich in die tiefen Schichten von Geschichte und Gegenwart, von Kultur und Gesellschaft führen kann. Hier steckt die klare Analogie zu den das unsichtbare sichtbar machenden Strahlen, die Wilhelm Conrad Röntgen damals gefunden hat“ so Ralf Beil, Kurator der Ausstellung.

    Schon die ersten Stationen der Ausstellung zeigen, welche große Anziehungskraft der Blick ins Körperinnere in Kunst und Literatur ausübt. So spiegelt sich die Durchleuchtung des Körpers in der Durchleuchtung der Seele – und umgekehrt, namentlich bei Thomas Mann, Frida Kahlo und Edvard Munch.

    Die Verbindung von Macht, Medizin und Sexualisierung des Röntgenblicks zeigt sich in der Popkultur: Jahrzehnte nach Marilyn Monroes Tod werden in den 2010er Jahren ihre Röntgenaufnahmen als vermeintlich intime Objekte versteigert. Die medizinischen Bilder werden zum hochgehandelten Fetischobjekt des sexualisierten Körpers der Schauspielerin.

    Durchleuchtung des Körpers, Durchleuchtung der Seele

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    X-RAY, Ausstellungsansicht
    © Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    Poster zum Film „Der Zauberberg“ von Hans W. Geissendörfer nach dem Roman von Thomas Mann 1982
    © Foto: Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    X-RAY, Ausstellungsansicht
    Im Vordergrund: Gläserner Mann, 1992, überarbeitet 2014 nach dem Original von Franz Tschackert (1930), Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, Dresden
    © Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte

    Im Laufe des Ausstellungsparcours stößt man auch immer wieder auf Stationen in der sich Industrie und Leidensgeschichte durchdringen. So hat der Münchner Künstler Christoph Brecht eigens für diese Ausstellung ein großes Glas-Rundbogenfenster geschaffen, das Lungenthorax Aufnahmen von ehemaligen Hüttenarbeitern der Völklinger Hütte mit den Folgen ihrer beruflichen Tätigkeit (Silikose, Karzinome, etc.) zeigt.

    Als besonderer Sponsor der Ausstellung hat das von Ärzten inhabergeführte Unternehmen Xcare (Radiologie, Nuklearmedizin und Strahlentherapie) gemeinsam mit dem Radiologen und saarländischen BDR Landesvorsitzenden Dr. Christoph Buntru die Realisation und den dauerhaften Verbleib des Werkes von Christoph Brech vollumfänglich unterstützt.

    Ralf Beil: „Das wunderbare Engagement von Xcare und Dr. Christoph Buntru für die X-RAY Ausstellung und das Lungenthorax-Glasfenster „ODEM“ von Christoph Brech ist ein besonderer Glücksfall für das Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Nur so kann das blau leuchtende Glasbogenfenster dieser in situ Installation dauerhaft in der Gebläsehalle verbleiben. Jede Lunge ist, wie Christoph Brech sagt, einzigartig wie der Fingerabdruck des Menschen: „Die Lunge ist die Gebläsehalle des Menschen.“ Und da die Gebläsehalle die Lunge des einstigen Eisenwerks war, könnte es wahrhaft keinen besseren Ort für dieses einzigartige Memorial der Hüttenarbeiter geben.“

    X-RAY, Ausstellungsansicht

    Neben Wim Delvoyes „Chapelle“, einer gotisch inspirierten Raumskulptur mit Röntgenfenstern, die religiöse und körperliche Tabus thematisiert, beeindruckt Andreas Greiners „Monument for the 308“, ein monumentales, dinosauriergroßes, CT-basiertes Skelett eines Masthuhns, das als Sinnbild unserer modernen Naturbeziehung, aus einem der Schächte der Gebläsehalle ragt.

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    Durchdringung der Tierwelt
    X-RAY, Ausstellungsansicht
    Andreas Greiner, MONUMENT FOR THE 308, 2016

    © Oliver Dietze/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    Religion, Transzendenz und Tabubruch
    Wim Delvoye, CHAPELLE, 2006

    Glasmalerei und lasergeschnittener Cortenstahl, 480 × 960 × 610 cm, Commande et Collection Mudam Luxembourg, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Erwerb 2004, Installation in der Gebläsehalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte
    © Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte

    Eine wesentliche Dimension der Röntgentechnologie ist auch die politische. Sowohl Regierende als auch Oppositionelle haben die X-Strahlen in der Geschichte immer wieder für ihre Zwecke genutzt: zum einen als Mittel der Kontrolle und Überwachung sowie als Instrument für menschenverachtende Experimente, zum anderen aber auch als Medium gesellschaftlicher Kritik, politischen Widerstands und mutiger Zivilcourage.

    Davon zeugen zahlreiche Installationen, von der Fotocollage von John Heartfield, Adolf, der Über-Mensch, schluckt Gold und redet Blech bis hin zu durchleuchteten LKWs, um Flüchtlinge und Migranten zu entdecken.

    In einem letzten Kapitel geht es dann um Identität, Tod und Ewigkeit. Röntgenbilder in der Kunst, darunter das ikonische Selbstporträt von Merit Oppenheim, verdeutlichen den Verzicht aufs normale Menschenbild.

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    In den Tiefenschichten der Kunst
    Ausstellungsansicht

    © Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte

    Der deutsche Kunstkritiker und Journalist Rudolf Schmitz schildert in seiner begeisterten Kritik im Deutschlandfunk:

    „Unmöglich, die Fülle dieser Ausstellung, das komplexe Beziehungsgeflecht von Natur und Gesellschaftsgeschichte, Kultur und Politik, Medizin und Macht hier auch nur annähernd zu beschreiben. X-Ray, das ist glücklich machende Überforderung. Alles andere als beliebig zeigt sich hier, wie komplex die Weltsicht einer Ausstellung zu diesem Thema sein kann und sein sollte. Großartig, dass es das in Zeiten medialer Verflachung und sprießender Oberflächenkulte noch gibt.“

    Was braucht es mehr Motivation, um diese einzigartige Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, die noch bis August 2026 zu sehen ist, zu besuchen.

    Hier wird Radiologie nicht nur als medizinische Disziplin, sondern als Kulturtechnik des Sehens erfahrbar. Die Ausstellung erinnert Radiolog:innen daran, dass ihre tägliche Arbeit nicht nur Diagnose, sondern auch ein Akt der Sichtbarmachung ist – ein ästhetischer wie erkenntnistheoretischer Prozess, der seit 1895 unser Bild der Welt prägt.


    Dr. Christoph Buntru
    Saarbrücken

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    Publication History

    Article published online:
    28 January 2026

    © 2026. Thieme. All rights reserved.

    Georg Thieme Verlag KG
    Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany


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    Generaldirektor und Kurator Ralf Beil bei der Eröffnungsrede vor der Neukartierung des Weltraums
    © Oliver Dietze/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    Jens Harder, The X-Ray Story, 2025 Graphic Novel
    © Jens Harder/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    Siegeszug der Röntgentechnik
    X-RAY, Ausstellungsansicht

    © Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    X-RAY, Ausstellungsansicht
    © Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    Poster zum Film „Der Zauberberg“ von Hans W. Geissendörfer nach dem Roman von Thomas Mann 1982
    © Foto: Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    X-RAY, Ausstellungsansicht
    Im Vordergrund: Gläserner Mann, 1992, überarbeitet 2014 nach dem Original von Franz Tschackert (1930), Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, Dresden
    © Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    Durchdringung der Tierwelt
    X-RAY, Ausstellungsansicht
    Andreas Greiner, MONUMENT FOR THE 308, 2016

    © Oliver Dietze/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    Religion, Transzendenz und Tabubruch
    Wim Delvoye, CHAPELLE, 2006

    Glasmalerei und lasergeschnittener Cortenstahl, 480 × 960 × 610 cm, Commande et Collection Mudam Luxembourg, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Erwerb 2004, Installation in der Gebläsehalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte
    © Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte
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    In den Tiefenschichten der Kunst
    Ausstellungsansicht

    © Hans-Georg Merkel/Weltkulturerbe Völklinger Hütte