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DOI: 10.1055/a-2739-5072
Spiritual Care
Gemeinsam für die Versorgung von Menschen in herausfordernden LebenssituationenAuthors
Einleitung
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Verständnis von Gesundheit sowohl in der Wissenschaft als auch in der klinischen Praxis grundlegend erweitert. Gesundheit gilt heute als ein mehrdimensionales Konzept, das neben physischen, psychischen und sozialen Aspekten auch die spirituelle Dimension einschließt [1] [2]. Diese ganzheitliche Sichtweise zeigt sich deutlich im Total Pain Konzept von Cicely Saunders, das in der Palliativmedizin wegweisend wurde und Schmerz als körperliches, psychisches, soziales und spirituelles Geschehen beschreibt [3] [4]. Auch internationale Organisationen wie die World Health Organization (WHO) haben das biopsychosoziale Modell um die spirituelle Dimension erweitert [5].
Im Zuge dieser Entwicklungen wird Spiritualität im Gesundheitswesen heute als Ressource betrachtet, die das Potenzial bietet, Lebensqualität, psychisches Wohlbefinden und Krankheitsbewältigung zu stärken [2] [6] [7] [8] [9] [10]. Wird den spirituellen Anliegen Raum gegeben und gelingt eine professionelle Begleitung, eröffnen sich oft neue Wege der Unterstützung und des Umgangs mit herausfordernden Lebenssituationen.
Vor diesem Hintergrund ist Spiritual Care international zu einem zentralen Thema in Gesundheitsorganisationen geworden und wird zunehmend als wichtiger Baustein umfassender Versorgungskonzepte verstanden [11].
Unter Spiritual Care wird die professionelle Begleitung und Unterstützung von Menschen in spirituellen, existenziellen Fragen – unabhängig von religiöser Zugehörigkeit [1] verstanden.
Die European Association for Palliative Care (EAPC) definiert Spiritualität als die dynamische Dimension menschlichen Lebens, die sich darin äußert, wie Menschen Sinn, Hoffnung und Transzendenz erleben und ausdrücken sowie wie sie sich mit sich selbst, anderen, der Natur oder dem für sie Bedeutsamen verbunden fühlen [12].
Spiritual Care erkennt die Bedeutung psychologischer, emotionaler und spiritueller Faktoren für das ganzheitliche Wohlbefinden und die Bewältigung an [13] [14]. Sie umfasst die Unterstützung bei der Suche nach Sinn, Verbindung und Transzendenz und gilt als wichtiger Bestandteil einer ganzheitlichen Gesundheitsversorgung. Spirituelle bzw. existenzielle Begleitung zielt darauf ab, relevante Lebensfragen anzusprechen, die Resilienz zu stärken, Hoffnung zu vermitteln und Patient*innen sowie Mitarbeitenden bei der Bewältigung von (chronischen) Erkrankungen Unterstützung zu bieten [15].
„Für den beziehungsfokussierten Ansatz von Spiritual Care heißt das, zu „hören auf das was gesagt wird“, „Vertrauen [zu] schaffen“ und „zu einer eigenen Antwort zu ermutigen“ und den Lebensweg zu „begleiten – auch wenn es schwer wird“ [16]. Dies setzt voraus, diese Bedürfnisse auch wahrnehmen zu können, sie zu erkennen und sie unterstützen zu können ([17]: 359).
Wenn diese Anliegen integraler Bestandteil der Begleitung werden, kann Spiritual Care einen wertvollen Beitrag dazu leisten, dass sich Patient*innen und Angehörige individueller unterstützt und in ihrer jeweiligen Lebenssituation besser verstanden fühlen.
Die praktischen Erfahrungen in den Einrichtungen der Alexianer spiegeln diese Erkenntnisse wider und geben wertvolle Hinweise darauf, wie Spiritual Care in der Praxis umgesetzt werden kann. Mitarbeitende erleben, dass Patient*innen, Bewohner*innen und Klient*innen häufig mit existenziellen Fragen nach Sinn, Trost, Hoffnung oder innerem Halt konfrontiert sind. Gleichzeitig stehen die Fachkräfte selbst oft unter hoher Belastung und finden wenig Raum, eigene spirituelle Ressourcen zu nutzen oder persönliche Sinnfragen zu reflektieren. Vor diesem Hintergrund stellt sich für sie die Herausforderung, wie sie mit diesen Themen professionell und zugleich authentisch umgehen können. Spiritual Care wird daher als ein wesentlicher Ansatz betrachtet, der diese Lücke adressiert. Den Alexianern ist es ein Anliegen, Menschen in ihrer Ganzheit wahrzunehmen – und damit auch ihre spirituelle Dimension ernst zu nehmen. Spiritual Care passt in besonderer Weise zum alexianischen Selbstverständnis: einer Haltung, die von Zuwendung, Mitmenschlichkeit und der Achtung vor dem individuellen Lebensweg geprägt ist – unabhängig von religiöser Zugehörigkeit.
Das hier vorgestellte Pilotprojekt, das konzeptionell an das Modellprojekt zur „Spirituellen Begleitung am Lebensende (2020–2024)“ [18], anknüpft, zielt darauf ab, Bewusstheit und Sicherheit im Umgang mit spirituellen Bedürfnissen zu fördern und diese als integralen Bestandteil der Versorgung zu etablieren. Dabei wird Spiritual Care nicht als Zusatzangebot verstanden, sondern als ein wesentlicher Beitrag zur Kulturentwicklung, der die Beziehungen im Team stärkt und eine wertebasierte, ganzheitliche Haltung unterstützt. Es soll ein praxisnaher und nachhaltiger Ansatz entwickelt werden, der zur spezifischen Ausrichtung eines der größten katholischen Träger im Gesundheits- und Sozialwesen Deutschlands (mit rund 34 000 Mitarbeitenden mit Standorten in 6 Bundesländern) ein breites Netzwerk aus psychiatrischen und somatischen Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen sowie Angeboten der Jugend- und Eingliederungshilfe passt und sich in der täglichen Arbeit bewährt. Gleichzeitig strebt Curriculum Spiritual/Existential Care interprofessionell (SpECi) an, systemverändernd zu wirken und diesen Anspruch bewusst gegenüber der Gefahr einer Ökonomisierung oder Funktionalisierung zu bewahren. Spiritualität soll nicht zu einem weiteren „Angebot“ im Portfolio werden, sondern eine lebendige und authentische Dimension des Handelns bleiben.
Publication History
Article published online:
12 January 2026
© 2026. Thieme. All rights reserved.
Georg Thieme Verlag KG
Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany
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Literatur
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