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DOI: 10.1055/a-2738-3329
Kommentar zu „Chronisch obstruktive Bronchitis: Begünstigt Tiotropium eine Demenz?“
Authors
Die Behandlung der chronisch obstruktiven Bronchitis (COPD) stellt sowohl bei zunehmender Krankheitslast als auch mit zunehmendem Alter der Menschen sowie den begleitenden Komorbiditäten eine Herausforderung dar. Nun wundert es nicht, dass die Therapieregime mit lang wirksamen Muskarinrezeptor-Antagonisten (LAMA) und inhalativen Kortikosteroiden (ICS) auch unter diesem Gesichtspunkt beleuchtet werden.
Die S3-Leitlinienempfehlungen bei Multimorbidität betonen generell bei COPD eine patientenzentrierte Priorisierung, ein Medikationsmanagement und die Versorgungskoordination bei älteren multimorbiden Menschen [1].
Die Frage muss also lauten, ob sowohl die kurzzeitige Anwendung von Tiotropium als auch die Langzeiteinnahme dieser Substanz bedeutende Auswirkungen auf Gesundheit und Krankheitslast bei älteren multimorbiden Menschen hat. Wie aus vorherigen Studien bekannt, ist die Wirkung von Tiotropium mit entsprechenden Nebenwirkungen verbunden [2]. Die Frage, ob eine dementielle Entwicklung damit verbunden sein könnte, konnte bisher nicht klar beantwortet werden.
In der vorliegenden Studie, die eine große Zahl formal nicht kognitiv eingeschränkter Patienten im Median über 7,6 Jahre nach Erstbeginn einer LABA- und ICS-Therapie nachbeobachtete, zeigte sich ein leicht erhöhtes Risiko von 9% für die Entwicklung einer Demenz. Beeinflusst also das inhalative Antimuskarinikum langfristig die kognitive Kompetenz?
Der Zeitraum der Nachbeobachtung ist bemerkenswert für die eingeschlossene Altersgruppe ab 66 Jahren, da üblicherweise hohe Drop-out-Raten ab dieser Altersgrenze zu erwarten sind.
Kritisch zu hinterfragen sind die nicht überlieferten Komorbiditäten sowie die Begleitmedikation der untersuchten Kohorte. Dabei muss beachtet werden, dass COPD selbst als Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz betrachtet werden muss und verschiedene andere Alltagsmedikamente in dieser Altersgruppe eine anticholinerge Wirkung entfalten und das Demenzrisiko deutlich – bis zu +46% – erhöhen können, besonders bei langfristiger Anwendung [3] [4]. Darüber berichtete die Studie jedoch nicht.
Die 2,3 Zusatzfälle pro 1000 Personenjahre können als minimaler, aber nicht zu vernachlässigender Effekt betrachtet werden, der unsere Aufmerksamkeit in der Verlaufsbeobachtung und der Verordnung zusätzlicher, ebenfalls die anticholinerge Belastung erhöhender Medikation im Sinne der eingangs genannten Leitlinienempfehlung schärfen sollte.
Publication History
Article published online:
19 February 2026
© 2025. Thieme. All rights reserved.
Georg Thieme Verlag KG
Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany
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Literatur
- 1 Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V. S3-Leitlinie Multimorbidität – Living Guideline. September 2024. Accessed September 21, 2025 at: https://register.awmf.org/assets/guidelines/053-047l_S3_Multimorbiditaet_2024-11.pdf
- 2 Rui Y, Xin T, Chen Y. et al. Adverse drug events associated with tiotropium: a real-world pharmacovigilance study of FDA adverse event reporting system database. J Pharm Pharm Sci 2025; 28: 14917
- 3 Gray SL, Anderson ML, Dublin S. et al. Cumulative use of strong anticholinergics and incident dementia: a prospective cohort study. JAMA Intern Med 2015; 175: 401-407
- 4 Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale Versorgungs-Leitlinie COPD. 2. Auflage, Version 1. Juni 2021. Accessed September 21, 2025 at: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-003
