Die Wirbelsäule 2026; 10(01): 11
DOI: 10.1055/a-2728-7650
Referiert und kommentiert

Kommentar zu: Hämodynamisches Management bei akuten Rückenmarksverletzungen

Authors

  • Julia Bolte

10.1055/a-2728-7618

Bei der Behandlung von Patientinnen mit akuten Rückenmarksverletzungen ist das Halten des mittleren arteriellen Druckes (MAP) in den ersten 2–3 Tagen (bis zu maximal 7 Tagen) zwischen 70 und 90mmHg Teil der Empfehlung der S3-Leitlinie Akute Querschnittslähmung – Diagnostik und Therapie.

In der Pathophysiologie der traumatischen Querschnittslähmungen (insbesondere oberhalb von Th6) entsteht häufig eine neurogene Schocksituation, in der der Sympathikus ausfällt. Die Vasodilatation führt zu einem starken Blutdruckabfall, die ungebremste parasympatische (vagale) Aktivität löst eine Bradykardie aus, sodass trotz normalen Blutvolumens eine relative hypovoläme Schocksituation eintritt [1]. Die Leitlinie beruht auf der Annahme, dass durch den erhöhten mittleren arteriellen Druck der spinale Perfusionsdruck steigt und dadurch das neurologische Outcome verbessert [2].

Bei der Behandlung akuter Rückenmarksverletzung wird ein multidisziplinärer, evidenzbasierter Ansatz benötigt, der neben dem hämodynmischen Management Faktoren wie eine frühzeitige Operation, Beatmung, Gabe Antikoagulation und Methylprednisolon, Volumenmanagement, und frühzeitige Rehabilitation berücksichtigt [3].

Um den angestrebten arteriellen Mitteldruck zwischen 70 und 90mmHg zu erreichen, empfiehlt die Leitlinie die Verwendung des Vasopressins Noradrenalin. Bei verminderter kardialer Ejektionsfraktion sollte zusätzlich Dobutamin zur Verbesserung der kardialen Leistungsfähigkeit und Verminderung von Rhythmusstörungen eingesetzt werden, unter der Berücksichtigung pulmonaler und kardialer Risikofaktoren [2].

Noradrenalin bietet durch seine starke α-1-Wirkung eine kräftige periphere Vasokonstriktion zur Erhöhung des systemischen Gefäßwiederstandes und dadurch eine Stabilisierung des Blutdruckes. Die moderate β-1-Wirkung kann durch den fehlenden Sympatikotonus die Herzkonstriktion (Inotropie) unterstützt werden, ohne starke Tachykardien hervorzurufen. Ausgeprägte Bradykardien sollten vermieden werden, um das Herz nicht zu überlasten. Insbesondere Dopamin kann Tachykardien, Arrhythmien oder vermehrtem Sauerstoffverbrauch verursachen, was bei einem neurogenen Schock unerwünscht ist. Andere reine α-Agonisten wie Phenylephrin erhöhen zwar den Gefäßwiderstand, verbessern aber nicht die Herzleistung. Durch den Vasotonus und die leichte kardiale Unterstützung ist Noradrenalin somit physiologisch sinnvoller. Bei dem Einsatz von Vasopressoren müssen jedoch auch die möglichen Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, Myokardinfarkt, hypertensive Blutungen, Schlaganfall und Hautnekrosen beachtet werden [1].

Die Entscheidung zum Einsatz von Vasopressoren zur Erreichung des mittleren arteriellen Druckes hängt somit von vielen Faktoren ab.

Aktuell liegen keine prospektiven, randomisierten Studien vor, die verschiedene MAP-Zielbereiche bei akuten Rückenmarksverletzungen direkt vergleichen [3]. Die Empfehlung der S3-Leitlinie zum Blutdruckmanagement nach akuten Rückenmarksverletzungen ist eine konsensbasierte Empfehlung mit schwacher Evidenz basierend auf Expertenmeinungen, sodass zu diesem Thema dringend neue Daten benötigt werden. Für den Erkenntnisgewinn erscheinen insbesondere innovative Ansätze der Grundlagenforschung sowie randomisierte klinische Studien von besonderer Bedeutung, während zusätzliche Handlungsempfehlungen – wie sie beispielsweise in der Veröffentlichung A Clinical Practice Guideline for the Management of Patients With Acute Spinal Cord Injury: Recommendations on Hemodynamic Management dargestellt werden – hierzu nur in begrenztem Umfang beitragen können. Da die klinische Entscheidungsfindung zudem von zahlreichen weiteren Faktoren abhängt, darunter die operative Versorgung, Begleitverletzungen, die kardiale Funktion sowie bestehende Nebenerkrankungen, kann eine klinische Praxisleitlinie wie diese dennoch wertvolle neue Perspektiven und Denkanstöße zur Berücksichtigung dieser komplexen Problematik liefern.



Publication History

Article published online:
02 March 2026

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