Z Sex Forsch 2025; 38(04): 236-237
DOI: 10.1055/a-2725-2569
Buchbesprechungen

Fucking fucking schön

Authors

  • Nicola Döring

    Ilmenau
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Eva Rottmann. Fucking fucking schön. Berlin: Jacoby & Stuart 2024. 176 Seiten, EUR 16,00

Wenn Jugendliche in Deutschland zum ersten Mal Sex haben, dann sind sie laut Umfragedaten typischerweise 17 Jahre alt. Die große Mehrzahl erlebt den ersten Geschlechtsverkehr im Rahmen einer festen Beziehung oder Freundschaft. Die meisten fühlen sich ausreichend darauf vorbereitet, verhüten aktiv und betrachten das Erlebnis im Rückblick als etwas Schönes (siehe BZgA-Faktenblatt 2022 „Im Fokus: Einstieg in das Sexualleben“; https://doi.org/10.17623/BZgA_SRH:fb_JUS9_Se​xual​leben).

Die Sexualforschung untersucht weltweit vor allem die Risikofaktoren, die zu einem als zu früh erlebten, unvorbereiteten oder nicht wirklich gewollten ersten Mal führen. Dabei können beispielsweise mangelnde Sexuelle Bildung, Gruppendruck oder Alkoholeinfluss eine Rolle spielen. Dementsprechend empfehlen Aufklärungsmaterialien, wie sie beispielsweise von pro familia oder dem Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG; zuvor: BZgA) angeboten werden, diesen Risiken entgegenzuwirken. Sie ermutigen Jugendliche, den richtigen Zeitpunkt für das erste Mal selbst zu bestimmen, vorab darüber zu sprechen und Verhütungsmethoden zu benutzen, aber auch nicht zu viel zu erwarten. Denn nicht immer verläuft das erste Mal ideal: Unrealistische Erwartungen von „Super-Romantik“ und „Super-Sex“ können unnötigen Druck aufbauen, erklärt pro familia auf ihrer Webseite (https://www.profamilia.de/fuer-ju​gendliche/sex/das-erste-mal).

Trotz der vergleichsweise guten Sexualaufklärung, die Elternhäuser und Schulen in Deutschland bieten, bleibt das erste Mal für Jugendliche oft ein Mysterium. Das liegt nicht nur daran, dass jede Generation neu aufgeklärt werden muss, sondern auch daran, dass sexuelle Bildungsbotschaften rund um erste sexuelle Erfahrungen letztlich oft recht allgemein gehalten sind. Die brennenden Fragen vieler Jugendlicher, was genau denn nun beim ersten Mal passiert, wie man es bei verschiedenen Praktiken „richtig“ macht, und wie sich das alles anfühlt, bleiben in den üblichen Aufklärungsmaterialien weitgehend unbeantwortet.

Anders ist das in Eva Rottmanns 2024 erschienener Geschichtensammlung „Fucking fucking schön“. Hier wird aus der Perspektive von Jugendlichen unterschiedlicher Geschlechter, sexueller Identitäten und kultureller Hintergründe sehr hautnah und authentisch über die Irrungen und Wirrungen von ersten Malen berichtet: Das erste Mal jemanden küssen. Das erste Mal nackt sein mit jemandem. Das erste Mal jemanden zwischen den Beinen berühren. Das erste Mal zwischen den Beinen berührt werden. Das erste Mal ein schönes Gefühl dabei haben. Das erste Mal kein schönes Gefühl dabei haben. Der erste Oralverkehr. Der erste Porno. Der erste Vibrator. Der erste Orgasmus. Der erste Sex. Die erste Liebe. Der erste Liebeskummer.

Die Autorin schreibt Theaterstücke und Prosa. Sie arbeitet an der Zürcher Hochschule der Künste und als Literaturvermittlerin an Schulen. Diesen Hintergrund merkt man dem Buch an: Dass Rottmann so spürbar nah an den jugendlichen Lebenswelten dran ist, liegt am Austausch mit den jungen Menschen in ihrer schulischen Arbeit. So hebt sie in der Danksagung unter anderem die Klasse B3 der Freien Katholischen Schule Zürich hervor, die ihr bei der Definition des „Players“ wesentlich geholfen habe. Rottmanns literarischer Hintergrund ist ebenfalls im Buch sehr präsent. Denn ihr Schreibstil ist jugendsprachlich und verständlich, gleichzeitig aber so kunstvoll verdichtet, dass man förmlich in die Geschichten hineingezogen wird. Oft geht es unter die Bettdecke, aber ohne Voyeurismus und ohne Klischee. Die Begeisterung im Feuilleton ist dementsprechend groß. Das Buch hat bereits mehrere Preise gewonnen und ist unter anderem für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2025 nominiert.

In der ersten Geschichte treffen wir David. Als er neun Jahre alt ist, parkt in seiner Straße ein Auto aus Stuttgart. Kennzeichen S-EX. Die Kinder aus der Nachbarschaft finden das witzig und versammeln sich um den Wagen. Zipper, ein älterer Junge, macht sich über sie lustig, sie seien doch alle Babys, die gar nichts wissen über Sex. Dann will er ihnen zeigen, was Sex ist. Die meisten Kinder hauen ab, aber David und ein paar seiner Freunde bleiben und schauen auf Zippers Handy. „Zuerst verstand ich überhaupt nicht, was es war. Es war viel Haut und etwas, das sich schnell vor und zurück bewegte. Ich dachte an Tiere, die etwas verbuddelten. Aber dann zoomte die Kamera raus, und ich sah, dass es kein Tierfilm war, den Zipper uns zeigte“ (S. 17).

In einer anderen Geschichte begleiten wir Alex, die seit einem halben Jahr in den allseits beliebten Fabian verliebt ist, den Schulsprecher. Sie sieht ihn jeden Tag in der Schule, aber mit ihm geredet hat sie noch nie. Bis er sie eines Abends im Club plötzlich beachtet und küsst. Beide gehen zu ihm nach Hause. Sie will sich nicht anmerken lassen, wie unerfahren sie ist. „Als Fabian seine Hand in meinen Slip geschoben hat, habe ich angefangen, schneller zu atmen. Die Hand war kalt und streichelte mit schnellen Bewegungen auf und ab. Das Seltsamste daran war, dass ich nicht wusste, ob es mir gefiel oder nicht. Es war unmöglich, ich konnte es nicht herausfinden. Deshalb atmete ich noch ein bisschen schneller“ (S. 28).

In wieder einer anderen Geschichte begegnen wir Tini, die sich einen Vibrator kauft, um endlich ihren ersten Orgasmus zu erleben. Ob es damit am Ende klappen wird? „Ich weiß nicht, warum immer alle immer sagen, es ist eine Explosion, es ist gar keine Explosion, es ist eine Welle, eine weiche, warme, große Welle, die sich ausbreitete, in mir, über mir, mit mir, ist doch auch scheißegal, ist einfach schön, so schön, so schön, so fucking fucking schön“ (S. 67).

Das Buch beeindruckt in allen zehn Geschichten durch seine feinfühlige Darstellung erster sexueller Erfahrungen. Es erzählt von Unsicherheit, Neugier, Missverständnissen und kleinen Momenten der Nähe auch jenseits von „Super-Romantik“ oder „Super-Sex“ – so echt, dass sich viele Jugendliche vermutlich wiederfinden können. In pädagogischen Settings lässt sich die Geschichtensammlung mit Altersempfehlung ab 14 Jahre gut nutzen – etwa als Anstoß für Diskussionen oder als Anregung, selbst aufzuschreiben, wie einzelne Geschichten weitergehen.

Ein paar Kritikpunkte gibt es dennoch. Warum das „Galaxy“, Lieblingsclub einiger Personen im Buch, in Gesprächen unter heutigen Teenagern beständig nostalgisch als „Disko“ bezeichnet wird, bleibt unklar. Der Vorschlag der Autorin, das Schimpfwort „Hurensohn“ zum „Freiersohn“ umzuwidmen, da schließlich die Huren nur ihren Job machen, die Freier dagegen die wahren Creeps sind (S. 99), klingt unnötig klischeehaft und moralisierend. Eine Geschichte zum ersten Besuch bei der Sexarbeiterin wäre spannender gewesen. Obwohl Handys vorkommen und manchmal Text- oder Audionachrichten verschickt werden, bleiben digitale sexuelle Erfahrungen jenseits des Handy-Pornos in Davids Geschichte insgesamt erstaunlich unterbeleuchtet. Kein einziges Selfie oder Nude taucht im Buch auf. Und was die Erfahrung betrifft, zum ersten Mal im Leben praktisch pausenlos nur noch an Sex zu denken, so wird diese zwar benannt, genauer beschrieben werden Fantasieinhalte jedoch nicht. Aber wer weiß: Die Gestaltung des Buches als Kurzgeschichtensammlung würde einen zweiten Band erlauben, der noch fehlende erste Male aufgreift.



Publication History

Article published online:
10 December 2025

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