Z Sex Forsch 2025; 38(04): 234-235
DOI: 10.1055/a-2722-8095
Buchbesprechungen

Transidentität. Transgender. Transitionsprozesse begleiten und gestalten

Authors

  • Livia Prüll

    Mainz
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Udo Rauchfleisch. Transidentität. Transgender. Transitionsprozesse begleiten und gestalten. 6., vollständig überarbeitete Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2024. 240 Seiten, EUR 35,00

Die Publikation von Udo Rauchfleisch befasst sich mit transidenten Menschen, das heißt mit Personen, bei denen eine Inkongruenz des „gefühlten“ Geschlechtes mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht besteht – so unterschiedlich ihre Biografien sonst auch sind. Das Buch richtet sich an Menschen, die transidente Personen begleiten, meist Psychotherapeut*innen, dann aber auch an transidente Menschen selbst, deren Angehörige sowie allgemein an dem Thema Interessierte.

Streng genommen ist dieses Buch Teil eines Projektes. Vor dem Hintergrund einer über 50-jährigen Erfahrung in der Begleitung transidenter Menschen hat der Autor es 2006 erstmals veröffentlicht, als sich in Europa und auch in den deutschsprachigen Ländern die gesellschaftliche Teilhabe von Trans*Menschen abzeichnete und ein großer Informationsbedarf betreffend Transidentität spürbar wurde. Seither hat er es mehrfach überarbeitet und es liegt jetzt in sechster Auflage vor. Dass die Auflagen gleichzeitig auch den veränderten gesellschaftlichen Zugang zum Thema und eine zunehmende Liberalisierung betreffend Transidentität spiegeln, zeigt sich dabei vor allem in eben dieser Auflage: Es handelt sich um eine starke Überarbeitung der fünften Auflage von 2016, die all jene Veränderungen integriert, die sich vor allem in den letzten 10 Jahren um Umgang mit transidenten Menschen ergeben haben und viele zu dem Befund veranlassen, Trans* sei „in der Gesellschaft angekommen.“ Das beginnt bereits beim Titel der Neuauflage: Der veraltete Terminus „Transsexualität“ wurde gestrichen, ferner dann derjenige der „Begutachtung“, der für eine Top-down Medizin steht. Gestärkt wurde das „begleiten und gestalten“.

Inhaltlich orientiert sich das Buch sehr stark am praktischen Umgang mit transidenten Menschen und an der Kommunikation mit diesen. Bevor dieser Ansatz detailliert in mehreren Abschnitten umgesetzt wird, nimmt Rauchfleisch in einem ersten Kapitel (I[ 1 ]) zunächst eine Begriffsklärung vor und ordnet das Phänomen historisch ein. Einer der wichtigsten Gedanken ist hier das Insistieren auf Transidentität als „Identitätsvariante“ (S. 27) und die Abkehr von jedweder Pathologisierung des Grundphänomens. Ein weiterer zentraler Gedanke ist die Selbstermächtigung des trans*Menschen im Hinblick auf die Definition seiner Identität. Diese beiden Befunde sind gleichsam Leitgedanken, die das ganze Werk durchziehen. Im ersten Kapitel werden ferner Eckdaten von Transidentität geliefert (z. B. die nach wie vor ungeklärte Ursache und die Entdeckung in unterschiedlichen Lebensabschnitten). Vor allem aber findet sich ein zusätzliches Kapitel zum Thema „Non-binarität“. Es gehört und gehörte – so der Autor – immer zum Thema „Transidentität“ und es ist – wie Letzteres – kein Modethema.

Die drei anschließenden Kapitel, die man als Kernabschnitte des Buches bezeichnen könnte, drehen sich um die stark gewichteten Themen Diagnostik und Begleitung (II) sowie auch die eigenen Erfahrungen aus Begutachtung und Behandlung (IV) von transidenten Menschen. Bezeichnenderweise wurde ein kleines Kapitel zur Technik und formalem Ablauf der Begutachtung (III) gekürzt und die Ausführungen zu den eigenen Erfahrungen im Umgang mit transidenten Menschen stark erweitert. Darin spiegeln sich die Zielsetzungen der Neuauflage, ferner auch der Wissensgewinn zum Thema: Hervorgehoben werden von Rauchfleisch die Notwendigkeit des individuellen Vorgehens, das sich zwar auf die jetzt neu in Überarbeitung befindliche S3-Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) stützen kann, sich aber immer auf Augenhöhe mit der Klient*in an deren phänomenologischer Interpretation und Bedarfen orientieren sollte. Rauchfleisch sieht seine Arbeit in diesem trans*affirmativen Setting nicht als „Therapie“, sondern als „Coaching“ (S. 61) und „Lebensbegleitung“: Dem trans*Menschen wird Hilfestellung geboten, um in einer Gesellschaft, die sich am binären Geschlechtermodell Frau – Mann orientiert, zurechtzukommen. Die Behandlung gesundheitlicher „Störungen“ betrifft vorwiegend reaktive pathologische Zustände, die sich meist durch eine umfeldbedingte Nichtakzeptanz der Transidentität ergeben.

Vor dem Hintergrund dieses lebensbegleitenden Konzeptes schildert Rauchfleisch die Hilfestellung für den trans*Menschen in der psychologischen Bewältigung der Transition und im Umgang mit dem sozialen Umfeld (z. B. Coming-out und öffentliches Auftreten). Ferner besprochen wird die Begleitung der körperlichen medizinischen Maßnahmen (z. B. Hormongabe, geschlechtsangleichende operative Maßnahmen). Die dazu nach wie vor notwendigen, weil geforderten psychotherapeutischen Gutachten relativiert Rauchfleisch, da sie kaum Erkenntnisgewinn bringen. Auch stehen sie an erster Stelle für die unentwegte Fremdbestimmung, die von Rauchfleisch mehrfach kritisiert wird und unter der die trans*Menschen leiden. Die Selbstermächtigung Letzterer wird vor allem durch eine vereinfachte Personenstandsänderung in jüngster Zeit in den deutschsprachigen Ländern gestärkt. Das gilt vor allem für die Schweiz und für Deutschland. In beiden Ländern kann seit 2022 bzw. 2024 das Geschlecht amtlich frei gewählt werden.

Rauchfleisch beschreibt die zahlreichen Beratungs- und Begleitungsthemen vor dem Hintergrund seines reichen Erfahrungsschatzes und seines beruflichen Werdegangs. Inkludiert sind dabei auch die Themen trans*Flüchtlinge und damit Intersektionalität sowie trans*Kinder- und -Jugendliche.

Die nächsten drei Kapitel beschreiben die Schwerpunkte und Zielsetzung der trans*Begleitung (V), dann die speziellen Herausforderungen, denen sich trans*Menschen stellen müssen (VI) und schließlich die entsprechend speziellen Hilfestellungen, die professionelle Begleiter bei der Bewältigung bieten können (VII). Das Kapitel zu den Zielsetzungen ist neu eingefügt und fokussiert vor allem die Förderung von Resilienz und Empowerment, um den Klient*innen den Umgang mit Enttäuschungen und Diskriminierung zu erleichtern und um sie zu stabilisieren. Die Hervorhebung dieser beiden Bereiche ist wichtig, da es sich hier in der Tat um Kernpunkte in der Bewältigung der Transition handelt. Deren Umsetzung öffnet die Tür zur Bewältigung zahlreicher anderer zentraler Alltagsprobleme wie Kleidungswechsel, den Umgang mit der Irritation der Gesellschaft, mit Familie, Freund*innen und Selbsthilfegruppen. Geeignete Hilfestellung – auch stärker ausgeführt in der vorliegenden Neuauflage – bietet sich abgesehen von der psychologischen Begleitung in der Koordination aller Fachkräfte, deren Unterstützung der transidente Mensch braucht, um seine Transition umzusetzen. Hier scheint mir wichtig, dass Rauchfleisch betont, dass die Psychotherapeut*in als Coach auch Grundwissen/-informationen über Themenfelder haben sollte, die nicht unbedingt klassische Betätigungsgebiete der Psychotherapie sind: Körperliche medizinische Maßnahmen, Kosmetik, Fachkräfte zur Durchführung von Epilationen oder Telefonkontakte und Adressen von diversen trans*Verbänden. Nicht zuletzt gemeint ist damit auch die Zusammenarbeit mit der Peer-Beratung, was den Transitionsprozess zuweilen sehr unterstützen kann.

Im vorletzten Kapitel (VIII) gibt Rauchfleisch Hinweise für trans*Menschen zur Förderung einer gelingenden Transition. Dies sind einerseits Maßnahmen zur eigenen Unterstützung, wie der Besuch von Selbsthilfegruppen, dann aber auch der Aufbau von Selbsthilfegemeinschaften/-gesellschaften zur Stützung der „Gleichgesinnten“. Ferner hilfreich ist politisches Engagement und die öffentliche Verbreitung von Wissen – gleichsam aus erster Hand.

Den Abschluss des Buches (IX) bilden gendertheoretische Aspekte, die dem Umgang mit dem Thema Transidentität zugrunde liegen und die auch mehr oder weniger im beraterischen/begleitenden Setting immer wieder auftauchen. Im Zentrum stehen dabei die Diskussionen um die strikte binäre Geschlechterordnung, die nach wie vor in der Gesellschaft der Orientierungsmaßstab ist. Rauchfleisch plädiert hier für eine Aufweichung dieser Ordnung zugunsten einer Akzeptanz von Vielfalt, die der Gesellschaft Freiheit und Kreativität bringen würde. Transidente Menschen und insbesondere non-binäre Menschen könnten so auch hilfreich und der Gesellschaft dienlich sein.

Wie wichtig es dem Autor ist, trans*Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen, zeigt sich in der Integration zweier Beiträge von Annette Güldenring und Jaqueline Born. Annette Güldenring schildert ihre eigenen Erfahrungen, eingebettet in die Geschichte der Transidentität nach 1970. Ihre Ausführungen aus den vorherigen Auflagen hat sie ebenfalls überarbeitet und thematisiert nicht zuletzt die Probleme von Psychiatrie, Psychotherapie und Sexualmedizin, wenn diese Fächer „Diagnosen individuellen geschlechtlichen Erlebens von außen stellen“ – eine Anmaßung, die Güldenring als „Peinlichkeit für diese Fächer“ beschreibt. Jaqueline Born hingegen gibt in ihrem unveränderten Statement ein Beispiel dafür, wie man sich als trans*Mensch in der Beschäftigung mit sich selbst und dem gesellschaftlichen Umfeld Selbstzufriedenheit mit dem Erreichten erarbeiten kann.

Insgesamt ist das Buch eine sehr gelungene Darstellung des rezenten, modernen Zugangs zu transidenten Menschen, der auf dem neusten Stand der Wissenschaft beruht. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer Diskussionen und neuerdings zunehmender rechtspopulistischer und radikalfeministischer Falschdarstellungen und Verzerrungen hervorzuheben. Ein anderer wichtiger Punkt ist die gute Lesbarkeit des Werkes, die die Autorin dieser Rezension im Beratungskontext auch bezüglich der älteren Ausgaben immer wieder hervorgehoben hat. Kritische Punkte fallen demgegenüber kaum ins Gewicht. Erwähnenswert sind hier im formalen Bereich Wiederholungen, die etwas reduziert werden könnten. Des Weiteren fehlt ein Personen- und Sachregister, das die Nutzbarkeit des Buches sicher noch weiter verbessern würde. Im inhaltlichen Bereich betrifft Kritik weitestgehend kleinere Unschärfen. Dies sei an einem Beispiel erläutert: Bei der Diskussion der Situation von Kindern von trans*Eltern (S. 88–91) wird vor allem aus dem Blickwinkel der Eltern/des trans*Elternteils argumentiert. Hilfreich gewesen wäre eine Integration des Blickwinkels von Seiten der Kinder, nämlich deren Dreifachbelastung: 1. Transidentität verstehen, 2. Angst vor eigenem gemobbt werden, 3. Angst vor Mobbing des trans*Elternteils.

Derartige inhaltliche Diskussionen zeigen allerdings auch, wie anregend die Lektüre des Buches über ein Themenfeld ist, das erst in neuerer Zeit erschlossen wird. Die hohe Qualität der Darstellung und der Wert des Buches, das ja mittlerweile ein Standardwerk in der Beschreibung und Analyse von Transidentität ist, werden durch derartige Diskussionen eher gesteigert denn beeinträchtigt. Gemäß seiner Ausrichtung kann das Buch allen Interessierten am Thema „Transidentität“ wärmstens empfohlen werden.



Publication History

Article published online:
10 December 2025

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