Aktuelle Urol 2026; 57(01): 1-2
DOI: 10.1055/a-2703-9449
Editorial

Uropathologie

Authors

  • Markus Eckstein

    1   Institute of Pathology, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen, Germany (Ringgold ID: RIN9171)

Die Beiträge dieses Schwerpunkthefts decken zentrale Themen der Uropathologie ab und verdeutlichen, dass eine moderne onkologische Versorgung urologischer Tumoren in zunehmendem Maß auf eine enge, strukturierte Zusammenarbeit von Pathologie und Urologie angewiesen ist. Insgesamt zeichnet sich eine Entwicklung ab, in der die klassische, primär morphologische Diagnostik zunehmend durch integrierte Konzepte ergänzt wird, die histologische, immunhistochemische, molekulare und klinische Informationen systematisch zusammenführen.

In seltenen Tumorentitäten wie dem Peniskarzinom hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein substanzieller Evidenzkörper herausgebildet, der eine differenziertere klinische und wissenschaftliche Betrachtung ermöglicht. Fiegl et al. zeigen, wie sich die WHO-Klassifikation von einem rein morphologischen hin zu einem stärker biologiebasierten Konzept mit Unterscheidung in HPV-assoziierte und HPV-unabhängige Tumoren entwickelt hat – mit direkten Konsequenzen für Prognoseeinschätzung, p16-/HPV-Testung, p53-Analytik und die Auswahl potenzieller Zielstrukturen für Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (u.a. Nectin-4, Trop-2, Her2). Diese Entwicklungen bilden eine wichtige Grundlage für künftige, biologisch begründete Therapieansätze in dieser seltenen Entität.

Für die Keimzelltumoren des Hodens zeigen Fichtner et al., wie moderne uropathologische Diagnostik urologische Therapieentscheidungen unmittelbar beeinflusst. Klassifikation, intraoperativer Schnellschnittdiagnostik und das Erkennen biologischer Sonderformen – etwa somatischer Malignitäten, des Growing-Teratoma-Syndroms oder des Nachweises von i(12p) bzw. 12p-Gain – wirken sich direkt auf das operative Vorgehen von der testiserhaltenden Enukleation bis hin zur Indikationsstellung für systemische Therapien aus. Die Pathologie fungiert hier als enger klinischer Partner im OP und in der Planung der weiteren onkologischen Betreuung.

Im Kontext des Urothelkarzinoms wird die zunehmende Verzahnung von Pathologie und klinischer Uroonkologie besonders deutlich. Niegisch et al. skizzieren die Veränderungen in der Therapie des metastasierten Urothelkarzinoms durch Immuncheckpoint-Inhibitoren, Antikörper-Wirkstoff-Konjugate und FGFR3-Inhibitoren und zeigen zugleich, dass biomarkergestützte Therapieentscheidungen bislang nur eingeschränkt genutzt werden. Die Heterogenität der Targetexpression (NECTIN-4, Her2, EGFR, Trop-2) sowie die gezielte Identifikation von FGFR3-Alterationen unterstreichen die Bedeutung qualitätsgesicherter pathologischer Diagnostik, klar definierter Testpfade und prospektiver biomarkergestützter Studien, um die Möglichkeiten einer Präzisionsonkologie im klinischen Alltag systematisch zu prüfen.

Lange et al. übertragen diese Überlegungen auf frühe Krankheitsstadien und beleuchten die Rolle einer differenzierten pathologischen Risikostratifizierung bei nicht-muskelinvasiven (NMIBC) und muskelinvasiven Harnblasenkarzinomen (MIBC). Die genaue morphologische und perspektivisch molekulare Charakterisierung trägt zur Abwägung zwischen Frühzystektomie, BCG-basierten Instillationen, neuen systemischen Therapiestrategien und potenziell blasenerhaltenden Ansätzen bei. Mit zunehmender Verfügbarkeit wirksamer perioperativer Therapien wird die Frage, welche Patient*innen für organerhaltende Konzepte geeignet sind und wer von einer frühzeitigen radikalen Therapie profitiert, stärker zu einer interdisziplinären Aufgabe von Urologie und Pathologie.

Das Urothelkarzinom des oberen Harntrakts steht im Mittelpunkt der Übersicht von Bahlinger et al. Die Autor*innen arbeiten das Zusammenspiel von Histologie, Urinzytologie, endoskopischer Biopsie und ausgewählten molekularen Markern (z.B. FGFR3-, TP53-Mutationen, MSI bei Lynch-Syndrom) als Grundlage einer differenzierten Risikostratifizierung heraus. Diese ist entscheidend für die Entscheidung zwischen radikaler Nephroureterektomie und organerhaltenden Verfahren. In einer überwiegend älteren, häufig nephrologisch vorbelasteten Patient*innenpopulation wird die präzise pathologische Bewertung damit zu einem wesentlichen Element, um chirurgische Eingriffe und künftige biomarkergestützte System- oder Lokaltherapien sinnvoll aufeinander abzustimmen.

Toma et al. nehmen die Nierenzellkarzinome in den Blick. Die aktuelle WHO-Klassifikation mit einer Vielzahl histologischer Untertypen, einschließlich molekular definierter Entitäten und hereditärer Tumorsyndrome, macht deutlich, dass eine rein histologische Beurteilung zunehmend an Grenzen stößt. Für Prognoseabschätzung, Dignitätsbeurteilung – insbesondere kleiner Nierentumoren – und die Indikationsstellung zu aktiver Überwachung versus Intervention werden molekulare Informationen wichtiger. Die Identifikation genetisch determinierter Tumorformen und spezifischer Signalwege ist nicht nur für die therapeutische Planung relevant, sondern auch für die humangenetische Beratung von Familien. Hier wird die enge Kooperation von Pathologie, Urologie/Nephrologie und Humangenetik zunehmend erforderlich.

Die beiden Beiträge zum Prostatakarzinom illustrieren, wie differenziert das gemeinsame Verständnis dieser häufigsten uroonkologischen Entität inzwischen ist. Von Amsberg et al. widmen sich dem therapieinduzierten neuroendokrinen Prostatakarzinom (tNEPC) als aggressiver Verlaufsform mit charakteristischen genetischen Veränderungen, spezifischem Bildgebungsprofil und der Notwendigkeit erneuter histologischer Sicherung bei PSA-diskordanten Verläufen. Die Rolle der Pathologie erweitert sich hier von der Erstdiagnose hin zur wiederholten Re-Charakterisierung resistenter Tumorklone, die Anpassungen etablierter Therapiestrategien erforderlich machen können.

Kristiansen et al. greifen mit der ISUP-1-Kontroverse die niedrigste Risikokategorie des Prostatakarzinoms auf und diskutieren, ob Gleason-Score-6-Tumoren begrifflich als „Karzinom“ bezeichnet werden sollten. Die Analyse dieser Debatte zeigt die Grenzen einer allein histologisch basierten Indolenzdefinition und unterstreicht die Relevanz einer multidimensionalen, interdisziplinären Risikostratifizierung, in der klinische, radiologische, molekulare und pathologische Parameter kombiniert werden. Ziel ist eine möglichst präzise Abgrenzung zwischen Fällen, in denen aktive Überwachung vertretbar ist, und Situationen, die eine frühere Intervention nahelegen.

Der Beitrag von Gaisa et al. beschreibt schließlich Struktur und Arbeitsweise molekularer Tumorboards und ordnet sie in den Kontext personalisierter Onkologie ein. Deutlich wird, dass die Umsetzung molekular gestützter Therapieentscheidungen neben technischen Möglichkeiten vor allem verlässliche Strukturen erfordert – von Einschlusskriterien und Finanzierung über standardisierte molekularpathologische Workflows bis hin zu klinisch sinnvollen Erfolgsmaßen. Dass urologische Tumoren bislang nur einen kleineren Anteil der diskutierten Fälle ausmachen, kann als Hinweis auf ein noch nicht ausgeschöpftes Potenzial verstanden werden, sofern Urologie und Pathologie gemeinsam Indikationen und Erwartungen definieren.

In der Gesamtschau wird erkennbar, dass die Uropathologie nicht mehr lediglich „im Hintergrund“ agiert, sondern Diagnostik, Risikostratifizierung und Therapieplanung über das Spektrum urologischer Neoplasien hinweg wesentlich mitprägt – von seltenen Entitäten wie Penis- und Keimzelltumoren bis hin zu den häufigen Tumoren von Prostata, Blase und Niere. Für die Urologie ergibt sich damit ein breiter werdendes Instrumentarium, um Behandlungsstrategien stärker zu individualisieren und organschonende Optionen differenziert zu prüfen.

Dieses Schwerpunktheft versteht sich als Einladung, die Pathologie konsequent als klinische Partnerdisziplin einzubeziehen – im OP, auf Station, im Tumorboard und in gemeinsamen Studien. Eine engere strukturelle und inhaltliche Vernetzung beider Fächer kann dazu beitragen, die Konzepte der Präzisionsonkologie in der Uroonkologie schrittweise in die Routineversorgung zu überführen.



Publication History

Article published online:
16 February 2026

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