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DOI: 10.1055/a-2701-8088
Wie kann sich die Versorgung von Patienten am Lebensende auf zukünftige europäische Konflikte vorbereiten?
Zur Notwendigkeit einer resilienten Palliativmedizin in der medizinischen und gesellschaftlichen MaximalkatastropheEuropa befindet sich in einer sicherheitspolitischen Situation, die seit Jahrzehnten beispiellos ist. Während die unmittelbare Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts von der Hoffnung geprägt war, dass bewaffnete Konflikte in Europa dauerhaft unwahrscheinlich geworden seien, haben sich die geopolitischen Koordinaten seit den frühen 2000er-Jahren stetig verschoben, sodass eine Reihe europäischer Staaten, sicherheitspolitische Institutionen und medizinische Fachgesellschaften sich gezwungen sehen, Szenarien eines großflächigen militärischen Konflikts offen zu analysieren und entsprechende Vorbereitungsmaßnahmen zu treffen.
Ursache ist eine komplexe Verschränkung aus historischen Spannungsfeldern, geopolitischen Interessen, technologischer Entwicklung moderner Waffensysteme und wiederkehrenden Verletzungen internationaler Normen. Besonders deutlich wurde diese Veränderung durch den Angriff Russlands auf die Ukraine. Dieser Krieg markierte nicht nur eine politische Zeitenwende, sondern brachte auch die medizinischen, humanitären und infrastrukturellen Verwundbarkeiten europäischer Staaten mit großer Klarheit ans Licht. In der Ukraine zeigte sich, mit welcher Geschwindigkeit ein Gesundheitssystem destabilisiert werden kann. Dieser Krieg wird durch Russland auch gegen das Humanitäre Kriegsvölkerrecht geführt. Moderne Waffensysteme, Drohnen, Cyberangriffe und Präzisionswaffen ermöglichen Angriffe auf Energieversorgung, Verkehrswege, Krankenhäuser, Kommunikationssysteme oder Wasseraufbereitung – vielfach weit im Hinterland und die Zivilbevölkerung betreffend. Wenn Krankenhäuser zerstört, Stromnetze beeinträchtigt, Medikamentenlager vernichtet und medizinisches Personal verletzt oder vertrieben werden, entsteht eine gesundheitliche Katastrophe, die weit über die unmittelbaren Opferzahlen hinausgeht. Sie betrifft auch diejenigen, die sich ohnehin bereits in einer vulnerablen Lebenssituation befinden oder am Lebensende stehen.
Die Frage nach der Palliativmedizin im Krieg ist deshalb kein Nischenthema, keine ethische Randüberlegung und kein Kapitel eines sicherheitspolitischen Weißbuchs. Sie ist ein zentraler Bestandteil der Gesundheitsresilienz und damit auch der gesellschaftlichen Widerstandsfähigkeit. Ein Staat, der sich auf Krisen vorbereitet, muss sich nicht nur fragen, wie er Leben retten, sondern ebenso, wie er Sterben gestalten will. Moderne Sicherheitspolitik umfasst damit zwingend die Überlegung, wie Menschen am Lebensende auch unter extremen Bedingungen würdevoll begleitet werden können.
Palliativmedizin in Friedenszeiten ist eingebettet in ein funktionierendes Versorgungssystem, das sowohl spezialisierte Strukturen als auch breit verfügbare Basisangebote umfasst. Wesentliche Elemente der Palliativmedizin im Frieden sind die frühzeitige Integration in den Krankheitsverlauf, die zielgerichtete Symptomkontrolle, die koordinierte psychosoziale und spirituelle Begleitung sowie die klare Kommunikation zwischen Patienten, Angehörigen und medizinischem Personal. Der Sterbeprozess ist in vielen Fällen vorhersehbar, planbar und kann sorgfältig begleitet werden. Angehörige können anwesend sein, Abschiede können gestaltet werden und spirituelle Begleitung ist zugänglich. Doch all diese Voraussetzungen sind fragil. Die Palliativmedizin im Frieden ist daher ein Idealzustand, der im Krieg nicht selbstverständlich ist und dessen Fehlen zu massivem Leid führt.
Die sichtbarste Veränderung von Rahmenbedingungen im Krieg betrifft die physische Infrastruktur. Krankenhäuser, Hospize, Pflegeeinrichtungen und ambulante Dienste werden beschädigt oder zerstört. Energieversorgung, Wasserversorgung, Logistik und Kommunikation brechen ein. Sterbende Menschen sind plötzlich auf Versorgung in Kellern, Schutzräumen oder improvisierten Med-Punkten angewiesen. Fachkräfte sind überlastet, verletzt, traumatisiert, evakuiert oder eingezogen. Palliativteams können ihren Auftrag nur eingeschränkt wahrnehmen. Anstelle langfristiger Krankheitsverläufe dominieren akute, irreparable Traumata. Das Sterben wird abrupt, unvorhersehbar, oft gewaltsam. Palliativmedizin muss schneller reagieren und kann sich kaum vorbereiten. Menschen sterben allein, getrennt von Angehörigen, ohne Rituale. Ressourcenknappheit erzwingt ethisch schwierige Entscheidungen über Symptomkontrolle, Sedierung, Therapiebegrenzung und Priorisierung.
Handlungsbereiche: Ein erster Handlungsbereich betrifft den Aufbau krisenfester Strukturen. Mobile Versorgungsteams, dezentrale Versorgungszentren, sichere Räume für Sterbende und baulich geschützte Palliativstationen müssen vorbereitet sein. Hospize benötigen autarke Energie- und Wasserversorgung. Ein weiterer Bereich betrifft die Sicherung der Verfügbarkeit von Opioiden, Sedativa und Basisbedarfen. Strategische, dezentrale Lager sind daher ein zentraler Baustein systemischer Resilienz.
Jede medizinische Berufsgruppe – vom Rettungsdienst bis zu chirurgischen Teams – muss palliative Basisinterventionen beherrschen. In der Kriegsrealität ist Palliativmedizin kein exklusives Fach, sondern eine grundlegende humanitäre Fähigkeit. Auch im Krieg dürfen psychosoziale Begleitung und Trost nicht wegbrechen. Digitale Kommunikationswege, Notfallrituale, Freiwilligendienste und psychosoziale Teams müssen Teil der Krisenplanung sein – für Patienten wie auch für Mitarbeitende. Palliativmedizin muss Bestandteil nationaler Krisenpläne und ziviler Verteidigungsstrategien sein. Ein Gesundheitssystem, das Palliativmedizin ignoriert, verliert in der Krise seine humanitäre Substanz. Die Palliativmedizin ist im Frieden ein Ausdruck menschlicher Reife – im Krieg aber wird sie zu einem Prüfstein gesellschaftlicher Resilienz. Wenn es gelingt, palliative Kompetenz breit zu verankern, Ressourcen zu schützen, ethische Leitlinien vorzubereiten und psychosoziale Stabilität zu sichern, kann selbst unter extremen Bedingungen ein humanitärer Raum entstehen, in dem Sterben nicht zum Opfer der Umstände wird. Die Qualität der Palliativversorgung ist damit nicht nur ein medizinischer Indikator, sondern ein entscheidendes Maß für die Menschlichkeit einer Gesellschaft – gerade dann, wenn sie am stärksten gefordert ist.
Prof. Dr. med. Benedikt Friemert
Leitender Ärztlicher Direktor und Kommandeur, Bundeswehrkrankenhaus Ulm
Publication History
Article published online:
12 January 2026
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