Rofo 2025; 197(09): 1103-1105
DOI: 10.1055/a-2644-6455
DRG-Mitteilungen

Wenn der Puls im Ohr rauscht – Pulssynchroner Tinnitus: Ernst nehmen, gezielt behandeln

 

Für viele Menschen ist Tinnitus ein störendes, aber häufig harmloses Ohrgeräusch. Doch nicht immer ist das „Pfeifen im Ohr“ bloß ein akustisches Phantom. Eine besondere Form, der pulssynchrone Tinnitus, kann auf ernsthafte Gefäßveränderungen hinweisen – und ist in vielen Fällen kausal behandelbar – mit guten Erfolgsaussichten. Die Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR) klärt auf über Symptome, Risiken und moderne Therapiemöglichkeiten.


Ein Rauschen im Takt des Pulses

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Während der klassische Tinnitus meist beidseitig und konstant auftritt, ist der pulssynchrone Tinnitus typischerweise einseitig – und folgt dem eigenen Herzschlag. „Das Ohr wird zum Resonanzraum des Blutflusses“, erklärt PD Dr. Fabian Flottmann, Neuroradiologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Ursache sind oft Veränderungen der Blutgefäße in Kopf oder Hals, zum Beispiel Fisteln, Gefäßengstellen oder Missbildungen. Einige dieser Veränderungen können gefährlich werden, etwa wenn sie den Blutabfluss aus dem Gehirn behindern.


Noch junges Feld – mit wachsender Relevanz

Der pulssynchrone Tinnitus ist als Symptom seit Langem bekannt, wurde jedoch in der Vergangenheit eher Fachbereichen wie der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde oder der Neurologie zugeordnet. Durch die Fortschritte in der Bildgebung und minimalinvasiven Therapieverfahren rückt die Neuroradiologie zunehmend in eine Schlüsselrolle. „Uns eröffnen sich hier ganz neue Aufgaben – sowohl diagnostisch als auch therapeutisch“, so Flottmann.


Warnzeichen: Wann das Rauschen gefährlich wird

„Patientinnen und Patienten sollten besonders wachsam sein, wenn das Ohrgeräusch sich verändert, Kopfschmerzen auftreten oder sogar neurologische Ausfälle wie Sehstörungen oder Schwindel dazukommen“, warnt Flottmann. Denn: Anders als beim klassischen Tinnitus lassen sich die Ursachen des pulssynchronen Tinnitus oft bildgebend nachweisen – und sogar gezielt behandeln.


High-Tech-Diagnostik in der Neuroradiologie

Bei der neuroradiologischen Diagnostik kommen moderne Bildgebungsverfahren wie Kontrastmittel-MRT, zeitaufgelöste MR-Angiografie und gegebenenfalls CT oder Katheterangiografie zum Einsatz. So lassen sich Gefäßveränderungen präzise lokalisieren. „Die Zeitauflösung ist häufig entscheidend: Nur so erkennen wir, wie sich das Blut durch die Gefäße bewegt und ob es zu Kurzschlüssen kommt“, so Flottmann.


Minimalinvasive Therapie: Kleben, verschließen, entlasten

Die Therapie erfolgt meist minimalinvasiv über die Pulsader oder die Leistenarterie. Fisteln lassen sich beispielsweise mit sogenannten Embolisationen behandeln, bei denen mit Platinspiralen oder Gewebekleber der „Kurzschluss“ zwischen Arterie und Vene verschlossen wird. Engstellen in venösen Abflusswegen können durch Stents erweitert werden. „Wenn wir die Ursache identifizieren, bestehen sehr gute Heilungschancen“, betont Flottmann.


Erkrankungen nehmen zu

Schätzungsweise etwa fünf Prozent der Patientinnen und Patienten mit starkem Tinnitus leiden unter einem pulssynchronen Tinnitus – eine relevante Zahl Betroffener. „In der Neuroradiologie sehen wir ein wachsendes Aufgabenfeld. Diagnose und Therapie vaskulärer Ursachen für Tinnitus werden künftig eine größere Rolle spielen“, prognostiziert Flottmann.


Interdisziplinäre Zusammenarbeit entscheidend

Pulssynchroner Tinnitus ist ein Paradebeispiel für interdisziplinäre Medizin: Die Zusammenarbeit zwischen HNO-Heilkunde, Neurologie und Neuroradiologie ist entscheidend für eine erfolgreiche Diagnose und Therapie. Am UKE, so Flottmann, finden bereits regelmäßige Fachvorträge für HNO-Ärztinnen und -Ärzte statt, auch der Austausch mit niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen wird aktiv gesucht.


Neuroradiologische Kliniken und Institute bieten bundesweit spezialisierte Hilfe

Prof. Dr. Peter Schramm, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR) und Neuroradiologe am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, erklärt: „Minimalinvasive Verfahren – sowohl gefäßöffnende als auch gefäßverschließende Eingriffe – sind ein wesentlicher Bestandteil der modernen Neuroradiologie. Die Behandlung von Fisteln und Engstellen in den Hirngefäßen ist Bestandteil eines Zertifizierungsprogramms, das unsere Fachgesellschaft gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Interventionelle Radiologie und minimalinvasiver Therapie (DeGIR) entwickelt hat. Das Programm stellt sicher, dass solche interventionellen Eingriffe auf hohem Qualitätsniveau flächendeckend verfügbar gemacht werden.“


Wo finde ich eine neuroradiologische Klinik?

Zahlreiche Zentren in Deutschland bieten bereits gezielte Therapien bei gefäßbedingtem Tinnitus an. Die DGNR fördert die interdisziplinäre Aufklärung und betont: Pulssynchroner Tinnitus darf nicht unterschätzt werden, sondern eröffnet die Möglichkeit einer kausalen Behandlung. Eine aktuelle Übersicht neuroradiologischer Kliniken finden Betroffene auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie e. V.: https://www.dgnr.org/de-DE/49/neuroradiologische-kliniken.

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Abb. 1 MRT vor Intervention – Ein pathologisches Flusssignal mit verfrühter Füllung der Venen deutet auf eine Fistel hin (Pfeil). © UKE Hamburg-Eppendorf/PD Dr. Fabian Flottmann.
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Abb. 2 MRT nach der Embolisation: Es ist kein pathologisches Flusssignal mehr nachweisbar und das Ohrgeräusch ist verstummt. © UKE Hamburg/PD Dr. Fabian Flottmann.
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Abb. 3 Die digitale Subtraktionsangiografie über einen Katheter bestätigt den Fistelverdacht (linkes Bild); über den Katheter kann mithilfe von kleinsten Platinspiralen die Fistel minimalinvasiv verschlossen werden (Coiling, rechtes Bild). © UKE Hamburg-Eppendorf/PD Dr. Fabian Flottmann.
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Abb. 4 In diesem Fall wurde der pulsatile Tinnitus durch eine Engstelle im rechten Sinus transversus, einem großen venösen Gefäß im Schädelinneren, bedingt. © Universitätsmedizin Magdeburg/Dr. Roland Schwab.
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Abb. 5 Zur Behandlung einer solchen venösen Engstelle wurde ein Stent implantiert. Nach der Intervention normalisierte sich der Blutfluss. Der erhöhte Druckgradient sowie das Ohrgeräusch konnten vollständig beseitigt werden. © Universitätsmedizin Magdeburg/Dr. Roland Schwab.
Über die Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR):

Die Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie e. V. (DGNR) ist die zentrale Fachgesellschaft für Neuroradiologinnen und Neuroradiologen im deutschsprachigen Raum. Gegründet wurde die DGNR 1967 und ist mit circa 2.000 Mitgliedern die größte neuroradiologische Organisation Europas. Angesichts eines dynamisch wachsenden Fachs mit ständig neuen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten setzt sich die DGNR für eine starke berufspolitische Vertretung sowie die kontinuierliche Fort- und Weiterbildung ihrer Mitglieder ein.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung evidenzbasierter Leitlinien sowie dem interdisziplinären Austausch mit anderen medizinischen Disziplinen. Auf dem jährlich stattfindenden Kongress neuroRAD bringt die DGNR nationale und internationale Expertinnen und Experten zusammen, um aktuelle Entwicklungen in der Neuroradiologie zu diskutieren und neue Impulse für Klinik, Forschung und Praxis zu geben.

Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Interventionelle Radiologie und minimal-invasive Therapie (DeGIR) stellt die DGNR mit ihren Mitgliedern die minimalinvasive Versorgung bei Schlaganfallpatient:innen und -Patienten in Deutschland sicher.




Publication History

Article published online:
19 August 2025

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Georg Thieme Verlag KG
Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany


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Abb. 1 MRT vor Intervention – Ein pathologisches Flusssignal mit verfrühter Füllung der Venen deutet auf eine Fistel hin (Pfeil). © UKE Hamburg-Eppendorf/PD Dr. Fabian Flottmann.
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Abb. 2 MRT nach der Embolisation: Es ist kein pathologisches Flusssignal mehr nachweisbar und das Ohrgeräusch ist verstummt. © UKE Hamburg/PD Dr. Fabian Flottmann.
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Abb. 3 Die digitale Subtraktionsangiografie über einen Katheter bestätigt den Fistelverdacht (linkes Bild); über den Katheter kann mithilfe von kleinsten Platinspiralen die Fistel minimalinvasiv verschlossen werden (Coiling, rechtes Bild). © UKE Hamburg-Eppendorf/PD Dr. Fabian Flottmann.
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Abb. 4 In diesem Fall wurde der pulsatile Tinnitus durch eine Engstelle im rechten Sinus transversus, einem großen venösen Gefäß im Schädelinneren, bedingt. © Universitätsmedizin Magdeburg/Dr. Roland Schwab.
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Abb. 5 Zur Behandlung einer solchen venösen Engstelle wurde ein Stent implantiert. Nach der Intervention normalisierte sich der Blutfluss. Der erhöhte Druckgradient sowie das Ohrgeräusch konnten vollständig beseitigt werden. © Universitätsmedizin Magdeburg/Dr. Roland Schwab.