NOTARZT 2025; 41(04): 189-190
DOI: 10.1055/a-2599-9043
Editorial

Wer ist der Gatekeeper des Rettungsdienstes?

Andreas Bohn
 

Alle Kennzahlen der vergangenen Jahrzehnte stehen auf Wachstum: mehr Einsätze [1], mehr Personal [2]. Mit Abstand am stärksten sind hierbei die Zuwächse bei Rettungswagen (RTW) [3], und ohne Zweifel tragen RTW die Hauptlast des Einsatzaufkommens.

Aber was steigt da eigentlich an? Der Anteil von Einsätzen ohne anschließenden Transport ins Krankenhaus liegt inzwischen bei einem Drittel aller RTW-Alarmierungen [4], zudem wächst vor allem der Bereich des Rettungsdiensts, den die Berichterstattung des zuständigen Bundesamtes als „dringlicher Krankentransport“ klassifiziert [1]. Was genau sich dahinter verbirgt, bleibt unklar; wer im Rettungsdienst arbeitet, der ahnt: Es werden Einsätze mit niedriger Priorität sein.

Und wer ist schuld? Die Bevölkerung! Die Menschen machen alles falsch und rufen den Rettungsdienst zu oft und unnötig, meinen viele Verantwortliche. Entsprechend sind die (lokalen) Medien, Postings in Social Media und sogar ministerielle Pressemeldungen [5] gefüllt mit den immer gleichen Appellen an eben diese Bevölkerung: „Nur im echten Notfall den Rettungsdienst rufen“, „Den Rettungsdienst nicht bei Bagatellen rufen“ etc.

Der eingeschlagene Lösungsweg lautet also: Die Bevölkerung selbst soll zum „Gatekeeper“ der 112 werden, sich dazu selbst beschränken bei der Nutzung und selbst kritisch bewerten, ob ein Notruf nötig ist.

Ein paar Gedanken dazu:

  • Der Notruf 110 – unser Partner, die Polizei – geht offensichtlich mit steigender Zahl an Anrufen [6] anders um: Kampagnen zur „Entlastung“ des Notrufes 110 sind jedenfalls nicht wahrzunehmen. Vielmehr sieht die Polizei Anrufe als Teil ihrer Risikobewertungs-, Präventiv- und Ermittlungsarbeit an. Dass nicht jeder Notruf zur Entsendung von Polizisten führt, ist „bei 110“ selbstverständlich: Die Polizei regelt vieles am Telefon und entscheidet kompetent über die Notwendigkeit eines Tätigwerdens vor Ort.

  • Noch vor 2 Jahrzehnten trugen viele Rettungsdienst-Fahrzeuge Aufkleber mit der Botschaft „Schlaganfall – ein Notfall: 112 rufen“. Ähnliches gab es auch für Brustschmerzen. Unterschätzung des Risikos von Schlaganfall und Herzinfarkt führte zum Unterlassen des Notrufes, daher wurde „Werbung“ dafür gemacht. Sind wir sicher, dass die genannten Appelle die gewünschte Wirkung zeigen werden?

  • Völlig unterschätzt bleiben bei den Betrachtungen zum Bevölkerungsverhalten die sogenannten institutionalisiert ausgelösten Notrufe: Notrufe aus stationären Pflegeeinrichtungen, durch Polizei oder Sicherheitskräfte ausgelöste Notrufe, Notrufe von betrieblichen Ersthelfenden oder aus Bildungseinrichtungen. Hier hat der Betroffene selbst meist keinen Einfluss auf das Vorgehen. Auch nennen viele Anrufer als Grund für die Wahl der „112“, dass niedergelassene Ärzte oder deren Mitarbeitende sie zuvor auf den Rettungsdienst verwiesen hätten.

Wer die oft beklagte fehlende „Gesundheitskompetenz der Bevölkerung“ als Grund für zunehmende Notrufe ausmacht, dem sei eine Untersuchung aus Berlin empfohlen [7]: „Warum wird der Notruf 112 gewählt?“, wurde in der Metropole durch Befragungen untersucht. Die Studie zeigte weniger fehlende Kenntnisse der Anrufenden als vielmehr fehlende Alternativen zur 112 als Grund für Notrufe auf. Hieran wäre zu arbeiten.

Wer 112 wählt, hat (passende oder unpassende) Gründe dafür. Es ist Aufgabe des Rettungsdienstes selbst, dafür zu sorgen, dass nicht aus jedem Notruf ein Einsatz wird. Hierzu sind die Leistungsfähigkeit der 112 zu verbessern und die dortige Entscheidungskompetenz auszubauen [8]. Hierbei auftretende Entscheidungsrisiken müssen reduziert, Restrisiken getragen werden.

Von der Bevölkerung eine Selbstbeschränkung zu erwarten, ist keine erfolgversprechende, bisweilen eine gefährliche Strategie.

Gatekeeper des Rettungsdiensts muss der Rettungsdienst selbst sein. Kein anderer wird diese Aufgabe für uns erledigen!


Prof. Dr. med. Andreas Bohn


Institut für Tele-Intensiv- und Präklinische Tele-Notfallmedizin an der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, Universitätsklinikum Münster. Ärztlicher Leiter Rettungsdienst, Stadt Münster – Amt 37 Feuerwehr, Münster.

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Ärztlicher Leiter Rettungsdienst, Stadt Münster – Amt 37 Feuerwehr, Münster
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Article published online:
14 August 2025

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