Open Access
CC BY-NC-ND 4.0 · PSYCH up2date 2025; 19(03): 193-199
DOI: 10.1055/a-2448-2773
Schritt für Schritt

Einsatz und Wirksamkeit von Digitalen Gesundheitsanwendungen in der Patientenversorgung

Authors

  • Marc Ballerstein

  • Gitta Jacob

 

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) können seit Ende 2020 auch von Psychotherapeuten bei GKV-Patientinnen und -Patienten verordnet werden. Während die Verschreibung digitaler Therapien für einige Kollegen bereits zu ihrem Arbeitsalltag gehört, hatten andere damit noch wenig Berührungspunkte. Dabei erweitern sie das psychotherapeutische Methoden-Repertoire und werten psychologische Psychotherapeuten als Verordnende auf. Dieser Beitrag gibt eine Orientierung, wie man DiGAs als hilfreiche Tools im therapeutischen Alltag nutzen kann.


Einführung

Online-Tools sind mittlerweile in vielen Settings ein wichtiges Element in der Psychotherapie. Seit Ende 2020 wurden (Stand Januar 2025) insgesamt 68 DiGAs, davon 38 dauerhaft, in das DiGA-Verzeichnis des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgenommen und können somit von Psychotherapeuten und Ärztinnen verordnet werden (https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis). Damit hat sich die Zahl der DiGAs Angebote in den letzten drei Jahren etwa verdreifacht und der Anteil der endgültig aufgenommenen Produkte ist stark gestiegen. Zudem haben sich die Indikationsbereiche erweitert - waren vor einigen Jahren vorwiegend Anwendungen gegen Ängste und Depressionen verfügbar, finden sich mittlerweile DiGAs in vielen Indikationen, etwa auch bei Schmerzstörungen, Binge-Eating-Störung oder Borderline-Persönlichkeitsstörung. Die Akzeptanz und Verschreibung ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen [1], auch wenn noch längst nicht alle Ärzte und Psychotherapeutinnen mit diesen Möglichkeiten zur digitalen Therapie gut vertraut sind.

Wir geben zunächst einen kurzen Überblick über DiGAs und gehen danach Schritt für Schritt auf die Vorbereitung, den Einsatz und typische Probleme beim Einsatz digitaler Psychotherapien im therapeutischen Prozess ein.


Gesetzliche Grundlagen

Das Ende 2019 in Kraft getretene Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), ermöglicht – weltweit noch einmalig, aber einige Nachbarländer arbeiten an ähnlichen Konzepten – die Verordnung von DiGAs per Rezept für GKV-Versicherte. Die entsprechende DiGA-Verordnung und ein Leitfaden des BfArM regeln das Verfahren zur Prüfung der Erstattungsfähigkeit von DiGAs, die Anforderungen und Vorgaben zum Nachweis der Versorgungseffekte und die Führung des DiGA-Verzeichnisses.


Zulassung

Im Fokus der Prüfung stehen neben allgemeinen Eigenschaften wie Sicherheit oder Benutzerfreundlichkeit in erster Linie wissenschaftliche Nachweise der Wirksamkeit. Wenn alle diese Kriterien erfüllt sind, wird eine DiGA dauerhaft in die Erstattung aufgenommen. Wenn die Wirksamkeit noch nicht ausreichend nachgewiesen ist, kann eine vorläufige Erstattung genehmigt werden. Dann hat der Hersteller 2 Jahre Zeit, Daten zur Effektivität nachzureichen, um die dauerhafte Erstattung zu erreichen. Auch wenn in der DiGA-Verordnung verschiedene Formen des Wirksamkeitsnachweises beschrieben sind, werden in der Praxis vom BfArM für die Aufnahme in die Erstattung nur noch randomisiert-kontrollierte Studien akzeptiert, an die ähnliche Standards angelegt werden wie an Studien zur Zulassung von Arzneimitteln.

Was ist eine DiGA?

Wir bezeichnen als DiGAs digitale Anwendungen, die vom BfArM zur Verordnung zugelassen wurden, um die Erkennung oder Behandlung von Erkrankungen zu unterstützen. Es gibt sie in Form von Apps oder Browser-basierten Anwendungen, die der Patient alleine oder mit Unterstützung nutzen kann. Die Anwendungen funktionieren größtenteils autonom auf herkömmlichen webfähigen Endgeräten oder in Verbindung mit anderen technischen Apparaturen wie Virtual Reality (VR)-Brillen.


Anleitung Schritt für Schritt

Schritt 0 – Zeitpunkt wählen

Wann geht es überhaupt los? Digitale Therapien können schnelle Erfolge erzielen (für deprexis s. [3]), daher ist ein möglichst früher Einsatz in der Behandlung generell sinnvoll. DiGAs können auch bereits in der Sprechstunde oder der Probatorik verordnet werden. Patienten und Patientinnen können durch die digitale Psychotherapie bspw. über ihre Symptomatik und aufrechterhaltende Faktoren aufgeklärt werden. Sie können erste Schritte, etwa Aktivierung, erschließen und werden dabei begleitet. Die so entstehenden Erkenntnisse und Erfolge geben dann Rückenwind für die persönliche Therapie. Allerdings kann eine DiGA auch helfen, den therapeutischen Effekt von ambulanten oder stationären Behandlungen zu verbessern [4] [5], ihr Einsatz ist also nicht auf den Beginn einer Behandlung beschränkt.

Wenn Sie eine DiGA bereits in der Wartezeit auf eine Therapie einsetzen, sollten Sie negative Erwartungseffekte vermeiden. Framen Sie die DiGA nicht i.S. von „ich gebe Ihnen da mal was zur Überbrückung“, sondern induzieren Sie positive Erwartungen, etwa:„Hier können Sie schon einmal loslegen, dann geht es Ihnen hoffentlich schon besser, bis wir uns wiedersehen.“

DiGAs können auch parallel zu einer persönlichen Therapie oder zur Rückfallprophylaxe eingesetzt werden. Das werden Sie etwa dann in Betracht ziehen, wenn ein Patientin oft terminlich verhindert ist oder an der Therapie hängt und Sie ihr gerne „noch etwas mitgeben“ würden.

Auswahl der Form psychotherapeutischer Hilfen

Wenn psychotherapeutische Hilfe angezeigt ist, bleibt - spätestens seit der Existenz von DiGAs - zu überlegen, in welcher Form sie angewendet werden soll. Die Auswahl von Behandlungen sollte, ähnlich wie bei anderen medizinischen Interventionen, von mehreren Faktoren beeinflusst werden. Dabei spielen häufig Aspekte wie Wirksamkeit, Verfügbarkeit und Kosteneffizienz eine wesentliche Rolle.

Klassische Psychotherapie und digitale Psychotherapie durch DiGAs haben beide ihre Wirksamkeit erwiesen. Bei der Verfügbarkeit sind DiGAs der klassischen Psychotherapien klar überlegen, was vor allem im Hinblick auf die hohe Chronifizierungsgefahr relevant ist. DiGAs sind zumeist auch kosteneffizienter. Zur schnellen wirksamen Versorgung bieten sich demnach digitale Psychotherapien an.

Aber es muss stets auch ein weiteres Kriterium beachtet werden: Compliance. Wenn Patienten, auch nach eindrücklicher Motivation, absolut nicht bereit sind, therapeutische Inhalte über digitale Gesundheitsanwendungen aufzunehmen, bleibt nur noch die klassische Psychotherapie.


Schritt 1 – die richtige DiGA auswählen

Das DiGA Verzeichnis gibt einen raschen und äußerst hilfreichen Überblick über verfügbare DiGAs nach Diagnosen (eine Übersicht über die dauerhaft zugelassenen DiGAs finden Sie in [Tab. 1]). Auch die Kontraindikationen sind im Verzeichnis zu finden. Bei passender Indikation haftet übrigens der Hersteller einer DiGA, falls Schäden auftreten sollten.

Tab. 1 Übersicht über die derzeit dauerhaft zugelassenen DiGAs (Stand Januar 2025).

DiGA

Hersteller

Indikation lt. Hersteller

Indikation gemäß ICD 10

Quelle: diga.bfarm.de [2]

Cara Care für Reizdarm

HiDoc Technologies GmbH

Reizdarm, Reizdarmsyndroms

K58, K58.1, K58.2

companion patella powered by medi – proved by Dt. Kniegesellschaft

PrehApp GmbH

Vorderer Knieschmerz, Patellofemorales Schmerzsyndrom, Patellaspitzensyndrom und Patellaerstluxation

M22.2, M22.4, M76.5

deprexis

GAIA AG

Depressionen

F32.0, F32.1, F32.2, F33.0, F33.1, F33.2

edupression.com

SOFY GmbH, Österreich

Unipolare Depression

F32.0, F32.1, F33.0, F33.1

elevida

GAIA AG

Fatigue bei Multipler Sklerose

G35

elona therapy Depression

Elona Health GmbH

Psychische Erkrankungen

F32.0, F32.1, F32.2

Endo-App

Endo Health GmbH

Endometriose

N80

HelloBetter Chronische Schmerzen

GET.ON Institut für Online Gesundheitstrainings GmbH

Beeinträchtigung durch Schmerzen

F45.40, F45.41, M79.7

HelloBetter Diabetes

GET.ON Institut für Online Gesundheitstrainings GmbH

Diabetes Mellitus Typ 1 oder Typ 2

E10, E11

HelloBetter Panik

GET.ON Institut für Online Gesundheitstrainings GmbH

Panikstörung und Agoraphobie mit Panikstörung

F40.01, F41.0

HelloBetter Schlafen

GET.ON Institut für Online Gesundheitstrainings GmbH

Insomnische Beschwerden

F51.0, G47.0

HelloBetter Stress und Burnout

GET.ON Institut für Online Gesundheitstrainings GmbH

Stress und Burnout

Z73

HelloBetter Vaginismus Plus

GET.ON Institut für Online Gesundheitstrainings GmbH

Vaginismus

F52.5, F52.6

Invirto – Die Therapie gegen Angst

Sympatient GmbH

Angststörungen

F40.00, F40.01., F40.1, F41.0

Kaia Rückenschmerzen – Rückentraining für Zuhause

kaia health software GmbH

Unspezifische Rückenschmerzen, die mehr als 4 Wochen anhalten

M54

Kalmeda

Pohl-Boskamp Digital Health GmbH

Chronischer Tinnitus

H93.1

Kranus Edera

Kranus Health GmbH

Erektile Dysfunktion unterschiedlicher Ätiologie

N48.4

Kranus Lutera

Kranus Health GmbH

Symptomatiken der unteren Harnwege

N32.8, N40

Mawendo

Mawendo GmbH

Krankheiten der Patella

M22

Meine Tinnitus App – Das digitale Tinnitus Counseling

BAYOOCARE GmbH

Tinnitus

H93.1

Mindable: Panik & Agoraphobie

Mindable Health GmbH

Panikstörung und Agoraphobie

F40.0, F41.0

neolexon Aphasie

Limedix GmbH

Aphasie und/oder Sprechapraxie

R47.0, R48.2

NichtraucherHelden-App

Sanero Medical GmbH

Tabakabhängigkeit

F17.2

Novego: Depressionen bewältigen

IVPNetworks GmbH

Depression, Angstzustände, Burnout, Stress

F32.0, F32.1, F32.2

Oviva Direkt für Adipositas

Oviva AG (Zweigniederlassung Deutschland)

Zur Unterstützung von Patienten bei der Umstellung ihrer Ernährung und ihrer Lebensgewohnheiten

E66.00, E66.01

PINK! Coach

PINK gegen Brustkrebs

Brustkrebserkrankung

C50

priovi – digitale Unterstützung der Borderline-Behandlung

GAIA AG

Borderline-Persönlichkeitsstörung

F60.31

Selfapys Online-Kurs bei Binge-Eating-Störung

Selfapy GmbH

Binge-Eating-Störung

F50.4, F50.8, F50.9

Selfapys Online-Kurs bei Bulimia Nervosa

Selfapy GmbH

Bulimia Nervosa

F50.2, F50.3

Selfapys Online-Kurs bei Depression

Selfapy GmbH

Depressive Episoden

F32.0, F32.1, F33.0, F33.1

Selfapys Online-Kurs bei Generalisierter Angststörung

Selfapy GmbH

Generalisierte Angststörung

F41.1

somnio

mementor DE GmbH, Deutschland

Ein- und Durchschlafstörung

F51.0, G47.0

somnovia

GAIA AG

Ein- und Durchschlafstörungen

F51.0

velibra

GAIA AG

Ängste oder übermäßige Sorgen

F40.01, F40.1, F41.0, F41.1

Vitadio

Vitadio s.r.o., Tschechische Republik

Diabetes

E11

Vivira

Vivira Health Lab GmbH

Rückenschmerzen, mit nicht-spezifischen Rückenschmerzen und Arthrose der Wirbelsäule

M42.0, M42.1, M42.9

vorvida

GAIA AG

Schädlicher Alkoholgebrauch

F10.1, F10.2

zanadio

Sidekick Health Germany GmbH

Starkes Übergewicht (Adipositas)

E66.00, E66.01

Wir schlagen folgende Auswahlkriterien vor:

  • Indikationen

  • Grad der wissenschaftlichen Evidenz

    • Zulassungsstatus: Ist eine DiGA dauerhaft oder vorläufig zugelassen?

    • Welche und wie viele Studien liegen als Evidenznachweise vor?

    • Für welche Indikationen wurden positive Versorgungseffekte nachgewiesen?

  • Konkrete Nutzungsweise

    • Auf welchem Medium soll eine DiGA genutzt werden?

    • Wie lang und wie häufig sollte die DiGA einsetzbar sein?

Verschaffen Sie sich einen Überblick über die verfügbaren digitalen Therapien, die zur vorliegenden Diagnose passen und wählen eine für ihren Patienten aus.

DiGAs unterscheiden sich in ihrer Nutzungsweise und im Nutzungssetting. Möglicherweise halten Sie für einen gegebenen Patienten ein Setting für hilfreicher als ein anderes. Die DiGA velibra gegen Angststörungen etwa besteht ausschließlich aus einer Webanwendung und ist auf jedem web-fähigen Endgerät nutzbar. Dagegen beinhaltet das Programm Invirto, ebenfalls bei Angststörungen indiziert, die Nutzung einer VR-Brille.

Sie müssen nicht mit jeder DiGA detailliert inhaltlich vertraut sein. Zugelassene DiGAs sind vergleichbar mit Medikamenten und können anhand der Indikationen und Kontraindikationen eingesetzt werden. Die meisten Kontraindikationen von DiGAs sind übrigens Zustände, in denen Sie vermutlich von sich aus nicht auf die Idee kämen, eine DiGA zu verschreiben, zum Beispiel floride Psychosen.

Merke

Die Auswahl aufgrund von Indikation und Grad der wissenschaftlichen Evidenz ist schnell und einfach mithilfe des DiGA-Verzeichnisses möglich. Sie finden dort auch zu jeder DiGA eine Gebrauchsanweisung.

Komorbiditäten

DiGAs können prinzipiell nacheinander oder parallel verschrieben werden – etwa die NichtraucherHelden-App zur Raucherentwöhnung zeitgleich zur Depressionsbehandlung mit deprexis.

Allerdings besteht die Gefahr, Patienten zu überfordern oder zu verwirren. So würden wir nicht empfehlen, gleichzeitig ein Programm zur Behandlung von Ängsten und ein weiteres zur Behandlung von Depression zu verordnen.


Schritt 2 – dem Patienten die DiGA vorstellen

Zu Beginn einer Psychotherapie verständigen sich Therapeutin und Patientin auf den Rahmen ihrer Zusammenarbeit. Hier kann auch die Verordnung einer digitalen Psychotherapie gut eingebettet werden, mit der die Patientin sofort in die Behandlung starten kann. Wählen Sie dazu eine passende DiGA aus und erläutern Sie dem Patienten kurz die Nutzungsweise sowie die Vorteile dieser Selbsthilfe. Dazu reichen die Informationen der Hersteller im DiGA-Verzeichnis und auf den Produkt-Webseiten aus.

Merke

Eine DiGA vorher selbst auszuprobieren, kann interessant sein, ist für die Verordnung jedoch nicht erforderlich.

Die Verordnung einer DiGA wird bei vielen Patientinnen und Patienten Fragen aufwerfen. Im Kasten FAQ finden Sie häufige Fragen und mögliche Antworten darauf.

FAQ
  1. Wozu brauche ich überhaupt noch einen richtigen Therapeuten?

  2. Psychische Störungen werden mit Oberbegriffen, wie Depression, beschrieben, doch sie entstehen aufgrund individueller Faktoren. Man könnte sagen, dass sich die DiGA allgemein um Ihre Symptome kümmert. In unseren Gesprächen können wir uns dann darauf konzentrieren, was die Hintergründe dafür sind und wie Sie Veränderungen in Ihrem individuellen Leben umsetzen können.

  3. Wenn eine DiGA Ihnen alleine schon ausreichend hilft, wäre das übrigens klasse, weil Sie dann nicht jede Woche hierher kommen müssen. Allerdings sind psychische Störungen oft individuell, komplex, und ich sehe es als äußerst sinnvoll an, Sie persönlich zu begleiten.

  4. Ich glaube nicht an Technik!

  5. Es ist völlig legitim, sich von Technik zu distanzieren. Nur bin ich auch verpflichtet, Ihnen den effektivsten Weg zu einer schnellen Genesung aufzuzeigen. Digitale Anwendungen, die sich individuell auf Sie einstellen können, sind für viele Patienten sehr nützlich. Sie könnten dem eine Chance geben, wenn Sie wollen.

  6. Was passiert mit meinen Daten?

  7. DiGAs sind sicherheitstechnisch strengen gesetzlichen Auflagen unterworfen. Alle wurden ausnahmslos gemäß geltender Datenschutzrichtlinien geprüft. Es sind nicht einfach irgendwelche Programme, sondern sie müssen den Gesetzen für verschreibungspflichtige Medizinprodukte entsprechen.

  8. Ich bin aktuell viel zu müde, das schaffe ich nicht.

  9. Genau deshalb können solche Programme geeignet sein. Sie können die DiGA problemlos in Ihrem eigenen Tempo nutzen. Zudem wollen wir doch ohnehin Ihre Konzentrationsfähigkeit trainieren– da trifft es sich doch gut, dies mit einem Programm zu tun, das auch auf die anderen Symptome Ihrer Erkrankung eingeht.

  10. Ich möchte mich lieber persönlich mit einem Therapeuten unterhalten.

  11. Wenn ein Patient eine klare Präferenz gegen eine digitale Therapie hat, sollten Sie nicht versuchen, ihn dennoch krampfhaft von einer DiGA zu überzeugen. Ohne eine positive Erwartung seitens des Patienten wird die Wirkung jeder Behandlung geringer ausfallen.


Schritt 3 – das Rezept ausstellen und abrechnen

Sie notieren nach der Aufklärung den Namen der DiGA auf der rosa Rezeptvorlage Muster 16. Jede DiGA besitzt eine zugehörige Pharmazentralnummer (PZN), die dort eingetragen werden muss. Diese finden Sie ebenfalls im DiGA-Verzeichnis. Die Verschreibung einer DiGA wird mit der Ziffer GOÄ/GOP 01470: Erstverordnung einer digitalen Gesundheitsanwendung aus dem

DiGA-Verzeichnis abgerechnet. Die Verordnung einer DiGA hat keinerlei Einfluss auf die beantragten Stunden im VT3a-Antrag.

Wenn das Rezept ausgestellt ist, reicht die Patientin es bei ihrer GKV ein [Abb. 1]). Diese sendet einen Freischaltcode an die Patientin, mit dem diese die DiGA aktivieren kann. Die Aktivierung findet auf der jeweiligen Plattform statt, etwa auf einer Website oder in einer heruntergeladenen App. Damit sind die Nutzungskosten abgedeckt. Prinzipiell sind kostenpflichtige Zusatzinhalte möglich, dies ist allerdings bei keiner aktuell zugelassenen DiGA der Fall. Eine Abo-Falle ist aufgrund der gesetzlichen Vorgaben zur Nutzerfreundlichkeit nicht zu erwarten.

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Abb. 1 Der Verschreibungsprozess einer DiGA.

Schritt 4 – die Begleitung der DiGA

Zu einem neuen Medikament erhält man einen Beipackzettel; Ärztinnen werden darüber hinaus in der Regel zusätzliche Informationen bereitgestellt. Bei digitalen Psychotherapien ist dies nicht anders. Im DiGA-Verzeichnis findet sich für jedes Programm eine Gebrauchsanweisung, die unter anderem zur Indikation und Funktionsweise informiert.

Diverse Praxisinformationssysteme besitzen weiteres Informationsmaterial. Die DiGAs sind alle selbsterklärend und ohne Anleitung durch Sie einsetzbar. Die Patienten werden zu Beginn der Nutzung eines Programms abgeholt und in einem angemessenen Tempo herangeführt. Wenn eine DiGA das Tempo nicht vorgibt, liegt es nahe, Patienten zu empfehlen, eine DiGA im eigenen Tempo, jedoch auch zügig durchzuarbeiten. Allerdings sollte sich der Patient auch nicht überfordern und die Inhalte müssen Zeit haben,„sacken“ zu können. Die Hinweise zur Nutzungshäufigkeit in der Gebrauchsanweisung geben ebenfalls eine Orientierung.

Praxistipp

Da DiGAs oft zum Beginn der Therapie genutzt werden, sind Unterbrechungen der Nutzung hier genauso wenig zu empfehlen wie längere Therapiepausen in der ersten Therapiephase.

Ihr Patient wird die DiGA intensiver nutzen, wenn Sie ihn dafür verstärken. Erkundigen Sie sich deshalb nach der Nutzung, loben Sie seine Initiative und erkunden Sie die Lernerfahrungen. So verbessern Sie die Motivation zur weiteren Nutzung und letztlich die Wirkung der DiGA.

Wenn Patienten eine DiGA absolut nicht nutzen, sollten Sie die Gründe explorieren. Konzentrationsschwächen oder Motivationsprobleme betreffen womöglich auch Ihre persönlichen Sitzungen. Die Nichtnutzung einer DiGA liefert zudem Informationen über die Präferenzen und Reaktionsweisen des Patienten. Sie lernen beispielsweise, dass ein Patient auf Überforderungserleben mit Abbruch und Vermeidung reagiert. Diese Informationen können Sie in der persönlichen Therapie nutzen.

Wenn Sie feststellen, dass eine digitale Psychotherapie nicht passt, kann einfach eine andere DiGA verschrieben werden. Das ist beispielsweise der Fall, wenn im Verlauf erkannt wird, dass die anfänglich diagnostizierte Depression doch eher durch eine Fatigue erklärbar ist. Dann kann beispielsweise von deprexis zu elevida gewechselt werden. Wenn ein erneutes Rezept geschrieben wird, sind keine Besonderheiten zu beachten. Dies ist völlig analog zum Vorgehen bei einer Pharmakotherapie. Hier werden bei Nichtansprechen ebenfalls neue Substanzen aufgeschrieben.

Jede DiGA hat eine feste Laufzeit. Diese kann nur mit einem weiteren Rezept verlängert werden. Allerdings sind DiGAs so konstruiert, dass ihre Inhalte prinzipiell innerhalb der Nutzungszeit durchgearbeitet werden können. Wenn zunächst kein Austausch über die DiGA stattgefunden hat, sollte dies spätestens kurz vor Ende der Nutzungsdauer erfolgen. Gegebenenfalls ist eine Anschlussverschreibung sinnvoll, wenn die Patientin von der DiGA profitiert hat und sie weiter nutzen möchte, oder wenn die DiGA etwa ein für den Patienten hilfreiches Tracking anbietet.


Schritt 5 – der Abschluss einer digitalen Psychotherapie

Am Ende einer Psychotherapie soll in der Regel das Gelernte und Erfahrene dauerhaft im Leben der Patienten verankert werden. Therapeut und Patient besprechen die zentralen Fortschritte und wie sie beibehalten werden können. Dieser sonst individuell gestaltete Prozess geschieht bei DiGAs etwas plötzlicher. Die festen Laufzeiten sollten Therapeut und Patient im Hinterkopf behalten, um von einem abrupten Ende nicht überrascht oder gar enttäuscht zu werden.




Dipl.-Psych. Marc Ballerstein


Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie). 2006–2011 Studium der Psychologie an der Universität Wien. 2012–2015 Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten, Approbation 2015. 2013–2018 Klinische und wissenschaftliche Tätigkeit am Spielerprojekt Falkenried von Prof. Dr. Iver Hand, Hamburg. 2016–2018 klinische Tätigkeit bei Verhaltenstherapie Falkenried GmbH, Hamburg. Seit 2018 bei der GAIA AG, seit 2020 Besondere Versorgung.

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PD Dr. Dipl.-Psych. Gitta Jacob


PD Dr., Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie). 1994–1999 Studium der Psychologie in Würzburg und Freiburg. 1999–2003 Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin, Approbation 2003. 2002–2010 klinische und wissenschaftliche Tätigkeit an der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, Uniklinik Freiburg, 2010–2013 an der Klinischen Psychologie und Psychotherapie, Universität Freiburg. Seit 2013 bei der GAIA AG, seit 2017 Leitung Forschung und Entwicklung.

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Interessenkonflikt

Beide Autorinnen/Autoren sind angestellt beim DiGA-Hersteller und -betreiber GAIA AG.

  • Literatur

  • 1 Goeldner M, Gehder S. Digital Health Applications (DiGAs) on a Fast Track: Insights From a Data-Driven Analysis of Prescribable Digital Therapeutics in Germany From 2020 to Mid-2024. J Med Internet Res 2024; 26: e59013
  • 2 https://diga.bfarm.de/de
  • 3 Twomey C, O’Reilly G, Bültmann O. et al. Effectiveness of a tailored, integrative Internet intervention (deprexis) for depression: updated meta-analysis. PloS one 2020; 15
  • 4 Berger T, Krieger T, Sude K. et al. Evaluating an e-mental health program (“deprexis”) as adjunctive treatment tool in psychotherapy for depression: Results of a pragmatic randomized controlled trial. J Affect Disord 2018; 227: 455-462
  • 5 Zwerenz R, Becker J, Knickenberg RJ. et al. Online self-help as an add-on to inpatient psychotherapy: efficacy of a new blended treatment approach. Psychother Psychosom 2017; 86: 341-350

Korrespondenzadresse

Dipl.-Psych. Marc Ballerstein
Hans-Henny-Jahnn-Weg 53
22085 Hamburg
Deutschland   

Publication History

Article published online:
08 May 2025

© 2025. The Author(s). This is an open access article published by Thieme under the terms of the Creative Commons Attribution-NonDerivative-NonCommercial-License, permitting copying and reproduction so long as the original work is given appropriate credit. Contents may not be used for commercial purposes, or adapted, remixed, transformed or built upon. (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/).

Georg Thieme Verlag KG
Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany

  • Literatur

  • 1 Goeldner M, Gehder S. Digital Health Applications (DiGAs) on a Fast Track: Insights From a Data-Driven Analysis of Prescribable Digital Therapeutics in Germany From 2020 to Mid-2024. J Med Internet Res 2024; 26: e59013
  • 2 https://diga.bfarm.de/de
  • 3 Twomey C, O’Reilly G, Bültmann O. et al. Effectiveness of a tailored, integrative Internet intervention (deprexis) for depression: updated meta-analysis. PloS one 2020; 15
  • 4 Berger T, Krieger T, Sude K. et al. Evaluating an e-mental health program (“deprexis”) as adjunctive treatment tool in psychotherapy for depression: Results of a pragmatic randomized controlled trial. J Affect Disord 2018; 227: 455-462
  • 5 Zwerenz R, Becker J, Knickenberg RJ. et al. Online self-help as an add-on to inpatient psychotherapy: efficacy of a new blended treatment approach. Psychother Psychosom 2017; 86: 341-350

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Abb. 1 Der Verschreibungsprozess einer DiGA.