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DOI: 10.1055/a-2391-2845
Gynäkologie und Geburtshilfe: unterschiedliche globale Bedingungen
Praxisnahes und aktuelles Wissen, interessant auch für weitere Fachdisziplinen
Wacker J, Rothe C, En-Nosse M (Hrsg.). Globale Frauengesundheit. Springer; 2023; ISBN 978-3-662-66080-5


Die voranschreitende Globalisierung unserer Welt ist gekennzeichnet durch sich erweiternde Kapital- und Warenströme, beschleunigten Fluss von Informationen, verstärkte Migration, intensivere Kooperation, aber auch neue Konfliktherde und u. a. durch größere Mobilität bedingte Pandemierisiken. Der menschengemachte Klimawandel wird zunehmend als Bedrohung für unser Wohlergehen und unsere Gesundheit wahrgenommen.
Ob wir als Mann oder Frau geboren werden, hat dabei einen entscheidenden Einfluss auf unsere Gesundheit. Besonderes Augenmerk muss dabei auf die Gesundheit von Mädchen und Frauen gelegt werden, die aufgrund soziokultureller Faktoren in vielen Gesellschaften diesbezüglich benachteiligt werden. Und so kommt in den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030 der UN der Frauengesundheit, Gendergerechtigkeit und Ermächtigung (Empowerment) von Frauen eine zentrale Rolle zu. Dies drückt sich beispielsweise in den Plänen aus, bis 2030 universellen Zugang zu sexual- und reproduktionsmedizinischer Versorgung inkl. Familienplanung zu ermöglichen und die weltweite Müttersterblichkeit auf 70/100 000 Geburten zu reduzieren.
In diesem Spannungsfeld haben Jürgen Wacker, Camilla Rothe und Maryam En-Nosse als Herausgeber*innen das Buch „Globale Frauengesundheit“ veröffentlicht. Der Untertitel behauptet, von „Gynäkologie und Geburtshilfe unter unterschiedlichen globalen Bedingungen“ zu handeln, jedoch geht der Inhalt weit darüber hinaus. Die Herausgeber*innen – selbst anerkannte Fachleute in Gynäkologie, Geburtshilfe, Infektions- und Tropenmedizin mit jahrelanger Arbeitserfahrung in Ländern des globalen Südens – haben 38 Spezialist*innen verschiedener Länder Europas, Amerikas und Afrikas als Autor*innen um sich geschart und ein Übersichtswerk zusammengestellt, das den aktuellen Stand des Wissens, der Diskussionen und der Kritik dieses breiten Themenkomplexes darstellt.
Dadurch erfahren wir in den Kapiteln von den Herausforderungen der Bevölkerungsentwicklung, Familienplanung, Klimawandel, anthropologischen und ethnomedizinischen Aspekten, Tropenkrankheiten sowie den Auswirkungen der letzten Pandemien. Das gerade in jüngster Zeit wieder in die Diskussion geratene Thema der weiblichen Genitalverstümmelung findet Platz, ebenso wie Vorschläge zur Qualitätsverbesserung und Versorgungsforschung. Großer Raum wird der gynäkologischen Onkologie und Geburtsmedizin unter Bedingungen der LMIC (low and middle income countries) eingeräumt. Dabei geht die bemerkenswerte Praxisnähe dieses Buches sogar so weit, dass beispielsweise strukturelle Voraussetzungen für einen OP-Saal zur sicheren Durchführung von Sectiones dargestellt und erläutert werden.
Es gelingt den Herausgeber*innen hervorragend, dieses Potpourri in eine übersichtliche, logisch strukturierte und gut lesbare Form zu bringen. Eine schöne Idee ist es, die Leser*innen mit Eingangsfragen, deren Auflösung am Ende eines jeden Kapitels wartet, für die Inhalte zu interessieren und auf diese Weise vielleicht mit den eigenen Vorurteilen zu konfrontieren.
Das mit viel Sensibilität und Aufmerksamkeit für die unterschiedlichen soziokulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen geschriebene Buch ist dabei topaktuell. Selbst in der derzeitigen, rückblickenden Diskussion der Coronamaßnahmen, ihrem Ausmaß und ihren Auswirkungen in verschiedenen Teilen der Welt wird sich durch qualifizierte Autorinnen durchaus kritisch geäußert.
Es ist erstaunlich, wieviel Wissen, Erfahrung, Handlungsanweisungen und Denkanstöße auf wenig mehr als 300 Seiten passen. Dieses Buch gehört nicht nur in die Hände von Gynäkolog*innen, Geburtshelfer*innen, Hebammen und Pflegenden, die in der humanitären Hilfe tätig sind. Es wird auch für Kolleg*innen anderer Fachdisziplinen wertvolle Hilfe sein und die Vorbereitung auf Einsätze in Ländern des globalen Südens erleichtern. Es ist der großen Erfahrung und beeindruckend breiten Perspektive der Herausgeber*innen geschuldet, dass auch alle, die sich aus soziologischen, historischen oder politischen Motiven für globale Frauengesundheit und Gerechtigkeitsfragen interessieren, in diesem Buch einen wertvollen Überblick und Ausgangspunkt für tieferschürfende Studien finden werden.
Dr. Sebastian Hentsch, Düsseldorf
Publikationsverlauf
Artikel online veröffentlicht:
07. Oktober 2024
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