Prof. Dr. Gerald Antoch. Copyright: DRG/Rafalzyk
Im zurückliegenden Jahr haben wir eine ungeahnte gesundheitspolitische Dynamik erlebt.
Krankenhausreform, Ambulantisierung, Digitalisierung – nur drei Schlagworte, die für
eine Vielzahl von Reformprojekten, Gesetzesinitiativen und Vorhaben der Bundesregierung
stehen. Viele davon greifen tief in die gegenwärtigen Strukturen und Prozesse unseres
Gesundheitswesens ein und fordern die Handlungsfähigkeit aller Akteure heraus. Das
Konfliktpotenzial ist enorm, denn das Feld ist nicht frei von Verteilungskämpfen und
fachlichen Interessenunterschieden. Und die Radiologie steht dabei nicht außen vor,
unsere Disziplin steht mitten im Geschehen – und bisweilen auch im Feuer.
Wir erleben einen starken Handlungsdruck
Wir erleben einen starken Handlungsdruck
So sehen wir uns schon seit einiger Zeit bei der fachfremden Leistungserbringung in
der privaten Krankenversicherung mit einer die Grenzen der Fachgebiete in Frage stellenden
Rechtsprechung konfrontiert.
Diese berührt nicht nur unmittelbar die Integrität unseres Faches, sondern den Wert
fachärztlicher Qualifikation insgesamt. Wenn die von der Weiterbildungsordnung vorgegebenen
Fachgebietsgrenzen zunehmend aufgeweicht werden, muss das eigentlich die ärztliche
Selbstverwaltung und den Gesetzgeber alarmieren. Weil das aber ganz offenkundig nicht
der Fall ist, müssen wir den Druck erhöhen und uns Gehör verschaffen. Aufgeben wäre
indessen eine schlechte Wette auf die Zukunft, eine nicht kalkulierbare Option.
Die Reform der Krankenhauslandschaft und -vergütung ist die gesundheitspolitische
Großbaustelle, die uns auch im Jahr 2024 und darüber hinaus begleiten wird. Wir haben
uns frühzeitig in den politischen Verhandlungsprozess eingebracht und die Positionen
der Radiologie verdeutlicht. Dabei arbeiten wir intensiv mit der AWMF und anderen
Fachverbänden zusammen und nutzen unsere eigenen Zugänge im politischen Raum. Unser
Ziel ist es, darauf hinzuwirken, dass die Radiologie sowohl als diagnostisches Querschnittsfach
wie auch in ihrer interventionellen Ausrichtung den Stellenwert erhält, der ihrer
Rolle in der Versorgungswirklichkeit gerecht wird. Das betrifft sowohl die strukturelle
Einordnung in der neuen Leistungsgruppensystematik wie auch die daran orientierte
Vorhaltevergütung.
Mit einer Reihe neuer Gesetzesregelungen soll die Ambulantisierung bislang stationär
erbrachter Leistungen vorangebracht werden. Noch gibt es viel Unsicherheit, und die
Krankenhausreform überlagert mögliche Überlegungen zur Neustrukturierung. Im Dickicht
der neuen Rechtsbereiche wird es darauf ankommen, dass wir in der stationären und
in der ambulanten Radiologie unsere Chancen identifizieren und bestmöglich wahrnehmen.
Genau das versucht eine eigens eingerichtete Vorstandskommission, in der wir die Radiologie
übergreifenden Potenziale und Restriktionen ausloten.
Kurzum: Jetzt erweist sich, ob wir bereit und in der Lage sind, die anstehenden Veränderungen
aktiv mitzugestalten, Chancen zu erkennen und Fehlentwicklungen ausdauernd entgegenzutreten.
Die Herausforderung ist eine strategische, weil es um die zukünftige Position und
Rolle der Radiologie in der Gesundheitsversorgung geht. Und sie ist eine inhaltlich-operative,
weil es darum geht, mit überzeugenden Argumenten und großem Engagement hörbar, sichtbar
und schlagkräftig zu sein.
Wir müssen unsere Handlungsfähigkeit erhalten und stärken
Wir müssen unsere Handlungsfähigkeit erhalten und stärken
Es ist gut, dass sich die DRG seit 2022 gesundheitsstrategisch neu aufgestellt hat
und im engen Schulterschluss mit dem BDR sowie den anderen radiologischen Fachgesellschaften
und Organisationen deutlich wirksamer agieren kann.
Ich bin überzeugt, dass wir den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen nur dann
angemessen begegnen können, wenn wir
-
als Radiologie koordiniert und geschlossen auftreten und vorgehen,
-
mit anderen Disziplinen und Fachgesellschaften die Kooperation und Vernetzung suchen,
-
die Repräsentation und Mitsprache unseres Faches in den Gremien der Selbstverwaltung
stärken.
Koordination und Geschlossenheit
Bei aller Unterschiedlichkeit im Detail – als vergleichsweise kleines Fachgebiet müssen
wir die Einheit der Radiologie wahren. Wir können uns im politischen Raum nur Gehör
verschaffen, wenn wir bei den wichtigen, unser Fach betreffenden Themen mit einer
Stimme sprechen und unsere politischen und fachlichen Interessen gemeinsam vertreten.
Ich habe den festen Eindruck, alle radiologischen Fachgesellschaften und Verbände
haben das verstanden. Wir sind auf einem guten Weg. Ob im Kontext der Krankenhausreform
oder beim Thema fachgebietsfremder Leistungserbringung – die wesentlichen Stellungnahmen
und Positionspapiere haben wir gemeinsam verabschiedet und nach außen präsentiert.
Die Gespräche auf politischer Ebene und mit den Gremien der Selbstverwaltung führen
wir gemeinsam. Das nützt uns allen.
Kooperation und Vernetzung
Um unsere fachlichen und politischen Interessen bestmöglich zu wahren, kann es sinnvoll
oder notwendig sein, den Austausch, die Zusammenarbeit und ggf. auch gemeinsame Lösungen
mit anderen Disziplinen und Fachgesellschaften zu suchen. Jüngstes Beispiel ist der
mit Gefäßchirurgen und Angiologen gefundene Konsens zur möglichen Ausgestaltung eines
gemeinsamen Leistungsbereiches „Gefäßmedizin“ im Rahmen der Krankenhausreform. Auch
wenn dessen Umsetzungschancen vorerst unklar bleiben – ohne diesen gemeinsam entwickelten
Vorschlag wären die Leistungen der interventionellen Radiologie in der neuen Krankenhaus-Leistungsgruppensystematik
vollends unberücksichtigt geblieben. Die Suche nach guten Kompromissen kann daher
sehr im radiologischen Interesse sein.
Repräsentation und Mitsprache
Die meisten uns unmittelbar betreffenden Entscheidungen werden nicht in der Gesundheitspolitik
von Bund und Ländern getroffen, sondern in der Selbstverwaltung von Landesärztekammern
(LÄK) und Kassenärztlichen Vereinigungen (KV). Dort wird zum Beispiel über die Weiterbildungsordnung
(LÄK) oder zentrale Fragen der vertragsärztlichen Versorgung (KV) entschieden. Mitentscheiden
kann aber nur, wer in den Delegierten- und Vertreterversammlungen Sitz und Stimme
hat. Wenn wir unsere fachlichen und politischen Interessen als Radiologie wahren wollen,
brauchen wir mehr Einfluss, also mehr Mandatsträgerinnen und -träger in diesen Gremien.
Anlässlich bevorstehender Wahlen veröffentlichen DRG und BDR gemeinsame Wahlaufrufe,
und erfreulicherweise bewarben sich zuletzt zahlreiche junge Radiologinnen und Radiologen
erfolgreich um ein Mandat. Das ist ermutigend. Wir müssen aus meiner Sicht aber noch
mehr dafür werben, dass sich eine Mitarbeit in der Selbstverwaltung lohnt – eine Aufgabe,
der sich auch die AG Gesundheitspolitsiche Verantwortung in der DRG verpflichtet fühlt.
Fazit
Das gesundheitspolitische Jahr 2023 hat uns außerordentlich gefordert und es ist nicht
zu erkennen, dass der Handlungsdruck im neuen Jahr nachlassen wird. Dank des großen
inhaltlichen und zeitlichen Einsatzes vieler, die sich in ehrenamtlicher Funktion
für unser Fach engagieren, war es möglich, uns in die fachlichen Debatten und die
– vielfach volatilen – politischen Entscheidungsprozesse mit konkreten Vorschlägen
einzubringen.
Wir dürfen und wollen den Anschluss jetzt nicht verlieren. Deshalb mein Appell: Es
ist eine gesundheitspolitisch spannende Zeit. Es bleibt viel zu tun. Es ist eine gute
Zeit zum Mitmachen! Engagieren Sie sich in den Gruppierungen, Arbeitsgemeinschaften
und Foren der radiologischen Organisationen oder/und in der ärztlichen Selbstverwaltung.
„Forum Gesundheitsstrategie“
„Forum Gesundheitsstrategie“
Ich freue mich über die Gelegenheit, dass wir Ihnen ab dem Monat März zweimonatlich
das neue „Forum Gesundheitsstrategie“ in der RöFo präsentieren können. Hier werden
aktuelle Themen der Gesundheitspolitik und ihre Auswirkungen auf unser Fach beleuchtet,
Herausforderungen und Aufgaben klar herausgearbeitet. Alle Autor:innen sind Expert:innen
für die jeweiligen Themen und bearbeiten diese in vorderster Reihe für unser Fach.
Sie werden so zu gesundheitsstrategischen Themen aktuell informiert. Ich wünsche Ihnen
schon jetzt eine inspirierende Lektüre.