Anna-Katharina Kätker, Marcel Michels, Uwe Busch, Deutsches Röntgen-Museum
Es war eine der Sternstunden der Menschheit, als Wilhelm Conrad Röntgen am 8. November
1895 am physikalischen Institut der Universität Würzburg eine neue Art von Strahlen
entdeckte, die später unter dem Namen „Röntgenstrahlen“ in aller Welt bekannt wurden.
Am 10. Februar 2023 jährte sich zum 100. Mal der Todestag des ersten Physiknobelpreisträgers.
Aus diesem Anlass möchten wir gerne noch einmal mit einem speziellen Fokus auf die
Person Röntgens und seine Heimatstadt Lennep, in der sein Geburtshaus nun als Treffpunkt
und Begegnungsstätte für Röntgenforscherinnen und -forscher aus der ganzen Welt dient,
zurückblicken.
Teil III: Wilhelm Conrad Röntgen – Rezeption in der alten Heimat
Ein Sohn der Stadt Lennep?
Das Lenneper Kreisblatt erwähnt die „Röntgenschen Entdeckungen“ zum ersten Mal am
27. Januar 1896 und danach erscheinen fast täglich Neuigkeiten dazu; dass Röntgen
ein Sohn der Stadt war, scheint aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht allgemein bekannt
gewesen zu sein, es wird zumindest nicht in den Artikeln erwähnt. Allerdings machte
Röntgen selbst sich Gedanken über seine Herkunft: angeregt durch viele Briefe von
(mehr oder weniger) verwandten Mitgliedern der Familie, die nach seiner Entdeckung
großes Interesse an ihm zeigten, schrieb er im Februar 1896 an seinen in Lennep wohnenden
entfernten Vetter Emil Rudolf Röntgen um mehr über die verschiedenen Zweige der Familie
zu erfahren. Leider ist der Brief nicht erhalten, wohl aber die Antwort des Vetters,
der ihm am 29. Februar 1896 als kleine Freude ein Bild des Geburtshauses und eine
Gesamtansicht von Lennep zuschickte.
Abb. 1 Röntgen-Geburtshaus in Lennep (vor 1896). Das in der Bildmitte befindliche Haus Gänsemarkt
1 wurde nach dem großen Stadtfeuer 1746, wohl um 1783/85 erbaut. Um 1811 kauften die
Großeltern Johann Heinrich Röntgen und Anna Louise Frowein das Haus und vererbten
es später an Friedrich Conrad Röntgen (Vater von W.C. Röntgen) und dessen Brüder Richard
und Ferdinand. Am 27.03.1845 wurde Wilhelm Conrad Röntgen hier geboren. Die Familie
zog bereits drei Jahre später in die Niederlande und das Haus wurde an einen Metzgermeister
verkauft und später in ein Ladengeschäft umgebaut. Die Metzgerei bestand bis 1963,
ein Jahr später erwarb die Stadt Remscheid das Haus. Seit 2011 ist das Haus im Besitz
der Deutschen Röntgengesellschaft e. V. und wird nach einer umfangreichen Sanierung
heute unter dem Namen „International Roentgen Training and Testing Center (iRTTC)“
als Akademie für Fort- und Weiterbildung in der Radiologie genutzt. Zudem wurde hier
auch 2022 die Wilhelm Conrad Röntgen Juniorakademie gegründet, die insbesondere Forder-
und Förderprojekte für begabte Kinder durchführt. Das Foto wurde Wilhelm Conrad Röntgen
von seinem Vetter Emil R. Röntgen im Februar 1896 geschenkt. Auf dem Bild sieht man
vor den Häusern an der Südostseite des Gänsemarktes eine größere Gruppe von spielenden
Kindern in zeitgenössischer Kleidung. (Archiv Deutsches Röntgen-Museum)
Auch das Lenneper Bürgermeisteramt war auf eine mögliche Verbindung zwischen Lennep
und dem Physiker aufmerksam geworden. Am 23. Februar ging dort ein Antrag von 37 Lenneper
Bürgern ein, Professor Röntgen zum Ehrenbürger seiner Geburtsstadt zu machen. Ganz
sicher schien man sich aber nicht zu sein, und so fragte man am 27. Februar 1896 bei
Röntgen selber nach, ob die „gedachte Eintragung [ins Geburtsregister] Ihren Geburtsfall
betrifft“ und ob er „eine Bezeichnung Ihres Geburtshauses“ vornehmen könne. Er schrieb
darauf am 2. April 1896 aus Sorrent an den Bürgermeister: „Was nun die Sache anbetrifft
so bin ich in der That der am 27. März 1845 zu Lennep geborene Wilh. Conr. R., Sohn
von Fr. C. R. und C. C. Frowein. Mein Geburtshaus muss noch in Lennep existieren,
da mir Herr E. R. Röntgen aus Lennep vor einiger Zeit eine Photographie davon schickte,
die in Übereinstimmung ist mit einem Modell, das mein seliger Vater vor vielen Jahren
angefertigt hat.“ Diese Nachricht löste große Freude in Lennep aus und bereits am
16. April 1896 beschloss die Stadtverordneten-Versammlung, W.C. Röntgen das Ehrenbürgerrecht
anzutragen. „In Lennep scheinen die Menschen nicht wenig stolz auf meinen Mann zu
sein, denn sie sollen daran denken an seinem Geburtshaus eine Gedenktafel anzubringen;
auch wollten sie ihn zum Ehrenbürger ernennen“ berichtete Bertha Röntgen am 04.03.1896
stolz der Cousine ihres Mannes Louise Grauel nach Indianapolis, USA.
Lenneper Stolz und Röntgens Freude
Während die meisten der Zuschriften, die Röntgen nach der Entdeckung erhielt, unerwünscht
waren und er auch Besucher im Würzburger Institut fast immer abwimmeln ließ, so erfreute
ihn offensichtlich die Anerkennung, die er in Lennep erfuhr. Er teilte Bürgermeister
Sauerbronn am 20. April 1896 mit, dass „ich das mir angetragene Ehrenbürgerrecht der
Stadt Lennep mit dem wärmsten Dank für die mir zum Theil gewordene hohe Auszeichnung
und mit der größten Freude annehmen werde.“
Abb. 2 Ehrenbürgerurkunde der Stadt Lennep für Wilhelm Conrad Röntgen (1896). (Archiv Deutsches
Röntgen-Museum).
Am 21. Juni 1896 reisten Bürgermeister Ferdinand Sauerbronn und der erste Beigeordnete
Albert Hammacher zu Röntgen nach Würzburg, um ihm persönlich die Ehrenbürgerurkunde
zu überreichen. Dieser hieß sie „hochwillkommen“ und bat sie „meiner Frau und mir
die Ehre zu erweisen, an dem genannten Tag unsere Tischgäste sein zu wollen.“ Ein
geplanter Gegenbesuch im November 1897 konnte leider nicht zustandekommen und auch
in den folgenden Jahren gab es keine Gelegenheit zu einem Besuch Röntgens in Lennep. Nur
ein einziges Mal, und zwar auf der Durchreise zu den Stätten seiner Jugend in den
Niederlanden im Herbst 1911, besuchte er Lennep. Brieflich blieben er und die Stadt
aber immer verbunden, ob zum 10-jährigen Jubiläum der Entdeckung 1905, zum 70. Geburtstag
1915, zum 75. Geburtstag 1920, als die Stadt ihm zu Ehren eine Gedenktafel am Geburtshaus
anbringen ließ, immer gedachte die Stadt ihrem Ehrenbürger und dieser dankte es ihr.
„Die Stadtgemeinde meiner Vaterstadt lässt keine Gelegenheit vorübergehen, wo sie
mir eine rechte Freude machen kann; und so durfte ich auch zu meinem 75ten Geburtstag
von ihr herzlich gemeinte Wünsche und außerdem noch die Nachricht erhalten, dass sie
beabsichtigt an meinem Geburtshaus eine Inschrifttafel anbringen zu lassen. Für diese
wiederholten Beweise freundlichster Theilname und höchster Ehrerweisung, die mich
ganz besonders erfreut und berührt haben, bitte ich den Ausdruck meines innigsten
Dankes entgegen nehmen zu wollen.“ (W. C. Röntgen an Bürgermeister Rudolf Stosberg,
09.05.1920). Eine weitere Ehre erfuhr Röntgen durch den Druck von Notgeldscheinen
der Kreisstadt Lennep im Jahr 1921. Auf der Vorderseite der Geldscheine sind sein
Geburtshaus in Lennep und sein Porträt abgebildet. Auf der Rückseite befindet sich
die Abbildung der Inschrifttafel.
Abb. 3
Abb. 4 Vorder- und Rückseite eines Notgeldscheins der Kreisstadt Lennep (1921). (Archiv
Deutsches Röntgen-Museum).
An der Einweihungsfeier des Realgymnasiums (heute Röntgen-Gymnasium) 1916 konnte Röntgen
leider aus Altersgründen nicht teilnehmen, äußerte aber schriftlich seinen „herzlichen
Wunsch, dass die Anstalt reiche Früchte tragen möge.“ Auch am Tod von Röntgens Ehefrau
Bertha am 31. Oktober 1919 nahm Lennep Anteil. Im Februar 1921 folgte die Benennung
der Straße vor dem Realgymnasium nach Röntgen, anlässlich der 25. Wiederkehr seiner
Entdeckung. Die Verbundenheit zwischen Lennep und Röntgen ging auch über seinen Tod
hinaus. Der Stadtrat ehrte ihn in seiner Sitzung am 7. März 1923: „Mit Prof. Röntgen
ist ein Mann dahingegangen, der nicht nur der deutschen, sondern der gesamten Wissenschaft
den allergrößten Dienst erwiesen hat.“ Röntgen hatte schon 1920 seinen Geburtsort
in sein Testament aufgenommen und der Stadtverwaltung 30.000 Mark für gemeinnützige
Zwecke hinterlassen. Im Juli 1923 überraschten die Testamentsvollstrecker die Stadt
mit der erfreulichen Nachricht. „Dank“ Hyperinflation belief sich der Wert der hinterlassenen
Aktien und Anleihen auf 3 Billiarden, 399 Billionen und 520 Milliarden Papiermark,
was aber nach der Inflation nur einem Wert von 3654,10 Goldmark entsprach. Mit dieser
Summe richtete die Stadt Lennep die gemeinnützige „Prof. Dr. Röntgen-Stiftung“ ein,
deren Stiftungszweck es war, „Erziehungsbeihilfen an begabte, würdige und bedürftige
Schüler und Schülerinnen höherer Lehranstalten, sowie Fach- und Baugewerbsschulen
pp. zu gewähren, zwecks Besuch einer Hochschule.“ 1930 folgte, initiiert durch die
Rheinisch-westfälische Röntgengesellschaft, die Aufstellung des Röntgen-Denkmals „Genius
des Lichts“ von Arno Breker in Lennep und am 18. Juni schließlich die Eröffnung des
Deutschen Röntgen-Museums. Aus Anlass des 50. Jahrestages der Verleihung des ersten
Nobelpreises an Wilhelm Conrad Röntgen im Jahr 1951 stiftete die Stadt Remscheid die
Röntgenplakette, die seitdem an Persönlichkeiten vergeben wird, die sich um den Fortschritt
der Röntgenstrahlen in Wissenschaft und Praxis besonders verdient gemacht haben.
Abb. 5 Röntgen-Denkmal „Genius des Lichts“.Die Einweihung des Röntgen-Denkmals „Genius des
Lichts“ von Arno Breker fand am 30.11.1930 unter großer nationaler und internationaler
Beteiligung in Lennep statt. (Archiv Deutsches Röntgen-Museum).
Teil III der Beitragsserie über Wilhelm Conrad Röntgen lesen Sie in der nächsten Ausgabe
der RöFo.
Weitere Informationen zur Geschichte Wilhelm Conrad Röntgens und der Radiologie finden
Sie unter www.roentgen-geburtshaus.de und www.roentgenmuseum.de.
Zudem engagieren sich die Mitglieder der Historischen Kommission in der Deutschen
Röntgengesellschaft mit der Geschichte unseres Faches, um so Impulse für die Gestaltung
der Radiologie von Morgen zu geben: historische-kommission.drg.de