MSK – Muskuloskelettale Physiotherapie 2023; 27(03): 124-127
DOI: 10.1055/a-2097-3230
Forschung kompakt

Pragmatische Anwendung einer Manipulationstechnik gegenüber einer Mobilisation der oberen Halswirbelsäulensegmente plus Übungen zur Behandlung von zervikogenen Kopfschmerzen: eine randomisierte klinische Studie

Pragmatic Application of Manipulation versus Mobilization to the Upper Segments of the Cervical Spine plus Exercise for Treatment of Cervicogenic Headache: A Randomized Clinical Trial

Zusammenfassung

Fragestellung

Das Ziel dieser Studie war es, die Auswirkungen von Mobilisationstechniken im Vergleich zu Manipulationstechniken bei Patient*innen mit zervikogenen Kopfschmerzen unter Anwendung eines pragmatischen Designs zu untersuchen.


Physiotherapeutischer Hintergrund

Zervikogener Kopfschmerz ist mit Nackenschmerzen und Funktionsstörungen verbunden und mit 0,4–20% in der Allgemeinbevölkerung mit chronischen Kopfschmerzen weit verbreitet [1]. Typischerweise hat der zervikogene Kopfschmerz muskuloskelettale Ursachen in der Halswirbelsäule [2], wie z. B. in dem atlanto-okzipitalen Gelenk und den oberen 3 Segmenten, was zu ausstrahlenden Symptomen in den Kopf- oder Gesichtsbereich führen kann [3]. Die klinische Präsentation besteht aus unilateralen Kopfschmerzen, Bewegungseinschränkungen des Nackens und einer Symptomreproduktion bei externem Druck auf den ipsilateralen Nacken [2]. Aktuelle Richtlinien für die klinische Praxis empfehlen den Einsatz von Manueller Therapie und Übungen als erste Behandlungsoption bei zervikogenen Kopfschmerzen, spezifische Empfehlungen hinsichtlich der Art der Behandlungstechniken existieren jedoch nicht [4].

In einer Studie von Dunning et al. mit Patient*innen mit zervikogenem Kopfschmerz verbesserten sich Schmerzen und Alltagsbeeinträchtigungen nach 3 Monaten statistisch und klinisch deutlicher, wenn sie mit Manipulationstechniken an der oberen Halswirbelsäule und Brustwirbelsäule statt mit Mobilisationstechniken und Übungen behandelt wurden [5].


Studiendesign

Randomisierte pragmatische klinische Studie über einen Zeitraum von einem Monat in 3 unterschiedlichen Physiotherapie-Ambulanzen in den USA. Daten wurden zu Beginn, nach 2 Tagen und nach einem Monat erhoben.


Einschlusskriterien

  • Alter 18–65 Jahre

  • unilaterale Kopfschmerzen bei Nackenhaltungen oder -bewegungen als Hauptproblem

  • mindestens 2x monatlich Kopfschmerzen

  • Neck Disability Index (NDI)≥20%

  • Numerische Schmerzskala (NPRS)≥2/10

  • Gelenkempfindlichkeit bei manueller Palpation von mindestens einem der oberen 3 Segmente der Halswirbelsäule (C0–C3)


Ausschlusskriterien

  • medizinische Red Flags, die auf eine nicht muskuloskelettale Ätiologie hindeuten

  • Schleudertrauma innerhalb der letzten 6 Wochen

  • Diagnose einer zervikalen Stenose

  • Anzeichen einer Beteiligung des Zentralnervensystems oder Zeichen, die mit einer Nervenwurzelkompression übereinstimmen (Verlust von Kraft, Sensibilität oder Reflexen)

  • Warnzeichen bei zervikalen Instabilitätstests

  • Anzeichen der „5 Ds“ (Schwindel, Sturzattacken, Dysarthrie, Dysphagie, Diplopie)

  • Anzeichen der „3 Ns“ (Nystagmus, Übelkeit, neurologische Symptome)


Interventionen

Vier Physiotherapeut*innen (45 J.±14) untersuchten und behandelten die Patient*innen. Die Therapeut*innen waren in einer Weiterbildung für Orthopädische Manuelle Physiotherapie oder hatten diese abgeschlossen. Sie durchliefen vor Beginn der Studie ein standardisiertes Trainingsprogramm durch den leitenden Untersucher, bei dem die Untersuchungs- und Behandlungstechniken demonstriert, standardisiert und überprüft wurden.

  1. (1). Mobilisationsgruppe

    Versuch der Reproduktion von Symptomen mittels zentraler posterior-anteriorer Mobilisationen (PAs) auf C2 und C3 und unilateraler PAs auf C1, C2 und C3 in Bauchlage. Hierdurch sollten die Seite und das am meisten symptomatische Segment identifiziert werden, an dem die Mobilisationstechnik durchgeführt werden soll. Anschließend wurde dieses Segment mittels rhythmischer Oszillationen nach Maitland 3×30 Sekunden mobilisiert.

  2. (2). Manipulationsgruppe

Das zu manipulierende Segment wurde auf die gleiche Art und Weise identifiziert wie in der Mobilisationsgruppe. Anschließend wurde es einmalig mittels einer lokalisierten zervikalen Rotationsmanipulation an der oberen HWS oder einer longitudinalen kranialen Manipulation von C1–C2 behandelt, die auf das zuvor identifizierte Segment abzielte. Die Auswahl der Technik erfolgte nach Vorliebe der Therapeut*innen mit hoher Geschwindigkeit und kleiner Amplitude.

Beide Gruppen erhielten ergänzend ein Heimübungsprogramm, das aus „Chin Tucks“ in Rückenlage (10×10 Wdh., 3x täglich) und im Sitzen (3–5×3–5 Sek. halten, alle 1–2 Stunden) bestand. Ergänzend sollten Skapuladepression und -retraktion (je 3–5×3–5 Sek. halten, alle 1–2 Stunden) geübt werden. Die letzten beiden Übungen sollten je nach therapeutischer Einschätzung länger gehalten oder mit Widerstandsbändern gesteigert werden. Die Adhärenz und Häufigkeit der Durchführung wurden von den Teilnehmenden dokumentiert. Außerdem wurden sie dazu aufgefordert, ihre gewöhnlichen Aktivitäten im Rahmen ihrer Schmerztoleranz fortzuführen und symptomverstärkende Aktivitäten zu meiden. Der Medikamentengebrauch sollte während der Studienzeit nicht verändert werden.


Outcomes

Alle Outcomes wurden zu Beginn der Untersuchung und Behandlung, nach 2 Tagen und die Fragebögen ergänzend nach einem Monat erhoben.

Primäres Outcome

  • NDI (Neck Disability Index): Beeinträchtigung durch Nackenschmerz im Alltag


Sekundäre Outcomes

  • NPRS: Schmerzintensität

  • HIT-6: Headache Impact Test (Lebensqualität, soziale Integration, kognitive

  • Funktion und psychischer Stress)

  • ACROM: aktive zervikale Beweglichkeit (Flexion, Extension, Lateralflexion,

  • Rotation) mittels Inklinometer und CROM-Gerät

  • GRC: globale Beurteilung der Veränderung nach 2 Tagen und einem Monat

  • PASS: akzeptierter Symptomzustand des Patienten/der Patientin

  • Nebenwirkungen durch die Behandlung





Publication History

Article published online:
19 July 2023

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