TumorDiagnostik & Therapie 2023; 44(08): 535-539
DOI: 10.1055/a-2082-3905
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Neoadjuvante medikamentöse Therapie beim kolorektalen Karzinom

Authors

Neoadjuvante Therapiekonzepte sind bei einigen Tumorerkrankungen des Gastrointestinaltraktes seit Langem Standard. Kürzlich publizierte klinische Studien zeigen, dass die neoadjuvante Therapie auch beim Kolonkarzinom für einige Patienten sinnvoll sein kann. Im Folgenden werden die aktuell präsentierten und laufenden Studien zur medikamentösen neoadjuvanten Therapie beim Kolorektalkarzinom vorgestellt.

Kernaussagen
  • Während neoadjuvante Therapiekonzepte bei einigen gastrointestinalen Tumoren wie dem Magen- und Ösophaguskarzinom sowie dem Rektumkarzinom seit Jahren fest etabliert sind, zeigen nun auch erste größere Studien einen Nutzen bei Patienten mit Kolonkarzinomen.

  • Insbesondere bei Patienten mit weit fortgeschrittenen Tumoren mit der Gefahr einer R1-Resektion sollte die Durchführung einer neoadjuvanten Chemotherapie vor Resektion als Therapieoption diskutiert werden. Die Länge der neoadjuvanten Chemotherapie sowie die Standardisierung der prätherapeutischen radiologischen Diagnostik sind noch Gegenstand klinischer Studien (z.B. PROTECTOR).

  • Patienten mit MSIhigh/dMMR-Kolorektalkarzinomen hingegen scheinen nicht von einer neoadjuvanten Chemotherapie zu profitieren, zeigen jedoch dramatische Ansprechraten unter einer alleinigen Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren.

  • Insbesondere bei Patienten mit MSIhigh/dMMR-Rektumkarzinomen sollte der Einsatz der Immuntherapie in Erwägung gezogen werden, da bei diesen Patienten möglichweise auf eine Bestrahlung und/oder Resektion verzichtet werden kann, wenn eine komplette klinische Remission erreicht wird und die Patienten einem strukturierten Nachsorgeprogramm zugeführt werden.

  • Ob bei Patienten mit MSIhigh/dMMR-Kolonkarzinomen, die eine komplette klinische Remission unter einer neoadjuvanten Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren erreichen, perspektivisch auch auf die Resektion verzichtet werden kann, muss in weiteren klinischen Studien evaluiert werden.

  • Die Entwicklung hochspezifischer Inhibitoren von Onkogenen wie BRAF oder KRAS bietet die Möglichkeit, neue innovative, molekular stratifizierte Studienkonzepte zur neoadjuvanten Therapien zu entwickeln (z.B. NEOBRAF). Herausfordernd werden hier die frühe molekulare Testung des Tumors und die Identifikation der Patienten bereits bei Diagnosestellung.

  • Während beim lokal weit fortgeschrittenen Rektumkarzinom mit hohem Lokalrezidivrisiko in den letzten Jahren zunehmend eine Eskalation der neoadjuvanten Therapie im Sinne von TNT-Konzepten (totale neoadjuvante Therapie) implementiert wurde, konnte aktuell gezeigt werden, dass bei Patienten mit niedrigem Lokalrezidivrisiko die neoadjuvante Radiochemotherapie ggf. eine Übertherapie darstellt und eine neoadjuvante Chemotherapie als Alternative mit geringer Langzeittoxizität in Erwägung gezogen werden kann.



Publication History

Article published online:
26 September 2023

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