Diabetes aktuell 2023; 21(03): 99
DOI: 10.1055/a-2049-9095
Editorial

40 Jahre HIV-Leben mit Risiken

Authors

  • Antje Bergmann

    1   Dresden
  • Peter E.H. Schwarz

    2   Dresden

Vor fast genau 40 Jahren erkrankten meist junge homosexuelle Männer in den Großstädten der Welt an einer schnell verlaufenden, fast immer tödlich endenden Infektion mit opportunistischen Erregern, Pilzinfektionen, seltenen Tumoren der Haut. Am 20. Mai 1983 wurde das humane Immundefizienzvirus Typ 1 (HIV-1) durch die Arbeitsgruppen von Luc Montagnier und Robert Gallo erstmals beschrieben.

In den frühen 1980er Jahren bedeutete die Infektion fast immer sicherer Tod, Leiden, Sterben, Hoffnungslosigkeit, Ausgrenzung in den Familien, Stigmatisierung.

Eine erste Behandlung wurde 1987 in den USA zugelassen, ab 1995/96 standen erstmals Kombinationstherapien zur Verfügung. Ein langer Weg der Wissenschaft und Forschung war bis dahin zurückgelegt. Ab 2001 wurden Generika zur Verfügung gestellt, die auch für ärmere Länder, bspw. Afrika, in denen es überproportional viele Infizierte gab und gibt, nun erschwinglich wurden.

40 Jahre nach Entdeckung des Virus ist es für Infizierte und frühzeitig Behandelte nicht mehr das Todesurteil. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt im Mittel nach dem ersten Behandlungsjahr bei 73 Jahren für Männer sowie 76 Jahren für Frauen. Im Vergleich dazu: Ohne HIV-Infektion beträgt in Deutschland die durchschnittliche Lebenserwartung 78,5 Jahre (Männer) und 83,4 Jahre (Frauen).

Mit hoher Lebenserwartung „schlagen“ alle Zivilisationskrankheiten „zu“. Chronisch metabolisch-vaskuläre Krankheiten kommen ebenso vor wie Arthrose oder neurodegenerative Erkrankungen. Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied: HIV-Infizierte entwickeln fast 2 Jahre früher als Nicht-Infizierte vaskuläre Erkrankungen wie bspw. die periphere arterielle Verschlusskrankheit, Schlaganfall, Herzinfarkt, koronare Herzkrankheit (KHK) oder Herzinsuffizienz. Hypertonie trat bei den HIV-Infizierten früher auf, durchschnittlich mit 49,7 statt mit 51,4 Jahren, verglichen mit Nichtinfizierten. Bei Typ-2-Diabetes und chronischer Nierenerkrankung wurden keine Unterschiede gefunden.

Fahnden wir also risikoadaptiert bei HIV-Patienten auch nach metabolisch-vaskulären Erkrankungen, damit diese die Lebenserwartung und Lebensqualität nicht zusätzlich einschränken. Und: bleiben wir sensibel und offen im Umgang mit HIV-Infizierten, dass weder Angst noch Scham eine adäquate und jetzt mögliche Behandlung 40 Jahre nach Erstentdeckung des Virus verzögern oder gar verhindern.



Publication History

Article published online:
10 May 2023

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